Intensiv: Fortners »Bluthochzeit« an der Oper Frankfurt

Bluthochzeit ~ Oper Frankfurt ~ Ensemble ~ Foto: Oper Frankfurt, © Xiomara Bender

Mit Wolfgang Fortners Oper »Bluthochzeit« setzt die Oper eindrucksvoll den Reigen in Vergessenheit geratener und unbekannterer Werke fort. Die Oper ist allein schon ob ihres hohen Anteils an gesprochenem Text außergewöhnlich. Hinzu kommt die Musik, die zwischen Zwölftontechnik, Folklore und Klassik changiert. Das zugrundeliegende Libretto beruht auf der gleichlautenden Tragödie, im Original „Bodas de sangre“, des spanischen Lyrikers und Dramatikers Federico García Lorca (der vor allem durch „Bernarda Albas Haus“ bekannt wurde).

Schon das Theaterstück weist folkloristisch-musikalische Strukturen auf, die von Fortner konsequent verdichtet wurden (bei nahezu vollständiger Beibehaltung des Textes). Von Fortner stellte die Oper Frankfurt vor zwei Jahren bereits in der Spielstätte Bockenheimer Depot „In seinem Garten liebt Don Perlimplín Belisa“ (vier Bilder eines erotischen Bilderbogens in der Art eines Kammerspiels) vor.

Nach ihrer Uraufführung im Rahmen der Eröffnung der Oper Köln im Jahr 1957, wurde „Bluthochzeit“ schnell vielfach an anderen Häusern inszeniert. Doch spätestens mit Fortners Tod geriet die Oper in Vergessenheit. An der Oper Frankfurt ist sie jetzt erstmals zu erleben, in einer Inszenierung des Katalanen Àlex Ollé (er ist Teil des Theaterkollektivs La Fura dels Baus). An der Oper Frankfurt erarbeitete er bereits 2017 den Doppelabend „La Damoiselle élue“ (Debussy)/„Jeanne d’Arc au bûcher“ (Honegger) und 2019 Puccinis „Manon Lescaut“.

Ein schreckliches Geschehen

Schon der Titel verspricht kein romantisches Liebesdrama, deutet er doch vielmehr ein schreckliches Geschehen an. Angesiedelt in einem Dorf mit archaischem Ehrenkodex in Andalusien zum Ende der 1920er-Jahre, wird die Geschichte zweier Familien erzählt. Eine jungfräuliche Braut soll aus materiellen Gründen verheiratet werden, dabei liebt sie eigentlich einen anderen, verheirateten Mann, Leonardo. Mit ihm war sie einst verlobt, aufgrund der Armut seiner Familie durfte sie ihn aber nicht heiraten. An ihrem Hochzeitstag entführt Leonardo dann die Braut. Von der nach Blutrache fordernden Dorfgemeinschaft gejagt, töten sich die beiden Männer in einem Wald gegenseitig bei einem Duell (auf der Bühne verdeckt im Hintergrund).

Bluthochzeit
Oper Frankfurt
im Vordergrund v.l.n.r. Braut (Magdalena Hinterdobler; kniend), Nachbarin (Barbara Zechmeister), Mutter (Claudia Mahnke) sowie Ensemble
Foto: Oper Frankfurt, © Xiomara Bender

Frauen stehen im Fokus

Bei alledem stehen nicht die Männer, sondern die Frauen im Fokus. Besonders interessant ist die namenlose Braut, die zwischen Pflichterfüllung und eigenem Verlangen ins Schwanken gerät und sich am Ende gar aufopfern will. Sopranistin Magdalena Hinterdobler hinterlässt hierbei mit ihrer stimmlichen Bandbreite und grellen Spitzentönen einen starken Eindruck. Nicht minder intensiv die traumatisierte Mutter des Bräutigams in ihren Schmerzen über den Verlust ihr nahestehender Menschen: Mezzosopranistin Claudia Mahnke. Egal ob sprechend oder lautstark proklamierend. Voller wohlberechtigter Sorgen ist Leonardos Frau (erhaben: Mezzosopranistin Zanda Švēde).

Bluthochzeit
Oper Frankfurt
Leonardo (Mikołaj Trąbka) und Leonardos Frau (Zanda Švēde)
Foto: Oper Frankfurt, © Xiomara Bender

Bariton Mikołaj Trąbka gibt den impulsiven Leonardo mit viriler Ausstrahlung und schöner, tief timbrierter Stimme. Die Partie des Bräutigams ist für einen Schauspieler ausgelegt (natürlich wirkend: Christian Clau).

Neben diesen wichtigsten Dorfbewohnern gibt es eine große bornierte Dorfgemeinschaft (zahlreiche weitere Sänger:innen und der Chor der Oper Frankfurt, Einstudierung: Álvaro Corral Matute) und zwei allegorische Figuren: den Mond (erhaben: Tenor AJ Gluckert) und den Tod/Bettler (angelegt als Chansonpartie). Beide gibt mit starkem Ausdruck die Schauspielerin und Musicaldarstellerin Daniela Ziegler, die mit dieser Doppelpartie ihr Debüt an der Oper Frankfurt gibt. Es ist keine reine Sprechrolle, sie singt auch im Chanson-Stil.

Zu Beginn und am Ende treten zwei ganz in Silber getauchte Männer beobachtend auf, eine dezente Hommage an Federico García Lorca und Wolfgang Fortner.

Bedrohlich wirkendes Bühnenbild

Schlicht und dennoch bedrohlich und massiv wirkend ist das weitestgehend dunkel gehaltene Bühnenbild von Alfons Flores (abseits von Fortners Farbvorgaben für die einzelnen Wohnräume).
Eine düstere, angsterfüllte dörfliche Atmosphäre wird lediglich mit Vorhängen erzeugt. Es sind ganz Besondere. Mit ihren Wölbungen wirken sie wie riesige Mauern aus Stein. Dazu kommt eine ausgefeilte Ausleuchtung (Licht: Olaf Winter), die geschickt die Transparenz der Stoffe nutzt und vielerlei Effekte erzeugt (wie zum Beispiel den Wald im zweiten Akt).

Fast alle tragen schwarze Kleidung, die an die andalusische Tradition angelehnt ist. Unterschiede in der Wertigkeit gibt es vor allem bezüglich des sozialen Status der jeweiligen Figur. Neben dem Mond trägt einzig noch Leonardo weiße Kleidung, die seine Sonderstellung hervorhebt (Kostüme: Lluc Castells).

Bluthochzeit
Oper Frankfurt
Tod/Bettlerin (Daniela Ziegler)
Foto: Oper Frankfurt, © Xiomara Bender

Die ersten gellenden und derben Töne klingen nach Chaos und Drama, doch dabei bleibt es nicht. Fortners Musikstil ist herb und vielseitig. Eine frei und flexibel gehaltene Zwölftontechnik spielt eine wichtige Rolle. Eingewoben sind punktuell aber auch spanisches Kolorit, das mit Gitarren, Mandolinen und Kastagnetten erzeugt wird. Im Gegensatz zu Dialog-Nummernopern fluktuieren bei „Bluthochzeit“ gesprochener Text und Gesang.
Das mit neuerer Musik gut vertraute Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielt feinsinnig unter dem britischen Dirigenten Duncan Ward, der erstmals an der Oper Frankfurt zu Gast ist.

Toxische Männlichkeit und das Vorherrschen männlicher Perspektiven werden von Àlex Ollé mit markanten Bildern gezeigt, ohne sie weiter zu kommentieren. Sie sprechen für sich alleine.

Markus Gründig, Mai 26


In der Einführungsveranstaltung vor Beginn der Oper gab Dramaturg Zsolt Horpácsy den Tipp, sich diese Oper mehrfach anzuschauen. Schließlich gibt es viel zu entdecken, musikalisch und szenisch. Weitere Gelegenheit dazu gibt es noch bis zum 15. Juni 26. Für die Vorstellungen am 6. und 15. Juni gibt es aktuell eine 2-für1-Kartenaktion.

Interessante Hintergrundinformationen bietet das Programmheft und auch der Blog der Oper Frankfurt mit Auszügen aus dem Monatsmagazin (oper-frankfurt.de ).


Bluthochzeit

Lyrische Tragödie in zwei Akten (sieben Bildern)

Von: Wolfgang Fortner (1907 – 1987)
Text: Federico García Lorca (1898 – 1936) in der deutschen Übersetzung von Enrique Beck
Uraufführung: 8. Juni 1957 (Köln, Städtische Oper)
In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Premiere / Frankfurter Erstaufführung an der Oper Frankfurt: Sonntag, 10. Mai 26 (Opernhaus)
Besuchte Vorstellung: 15. Mai 26

Musikalische Leitung: Duncan Ward
Inszenierung: Àlex Ollé
Bühnenbild: Alfons Flores
Kostüme: Lluc Castells
Licht: Olaf Winter
Chor: Álvaro Corral Matute
Dramaturgie: Zsolt Horpácsy

Besetzung:

Mutter: Claudia Mahnke
Braut: Magdalena Hinterdobler
Bräutigam: Christian Clauß
Tod / Bettlerin: Daniela Ziegler
Leonardo: Mikołaj Trąbka
Leonardos Frau: Zanda Švede
Schwiegermutter: Annette Schönmüller
Magd: Karolina Makuła
Nachbarin: Barbara Zechmeister
Kleines Mädchen: Karolina Bengtsson
Vater der Braut: Dietrich Volle
Mond: AJ Glueckert
Kind: Alina Avagyan°
Drei Mädchen: Julia Bell / Rachel Speirs / Svea Verfürth
Zwei Mädchen: Zuzana Petrasová / Thalia Azrak
Zwei Burschen: Jihun Hong° / Hubert Schmid
Drei Gäste / Drei Holzfäller: Jonas Müller° / Dongsu Lee / Aleksander Myrling

Chor der Oper Frankfurt
Frankfurter Opern- und Museumsorchester

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