»Tristan und Isolde« anregend am Staatstheater Wiesbaden

Tristan und Isolde ~ Staatstheater Wiesbaden ~ Isolde (Carla Filipcic Holm), Tristan (Ric Furman) (beide vorne), Sofia Dias und Vítor Roriz (hinten) ~ Foto: Max Borchardt
kulturfreak Bewertung: 4 von 5

Die Internationalen Maifestspiele Wiesbaden feiern dieses Jahr ihr 130-jähriges Bestehen. Beteiligt sind daran 270 Künstler:innen aus 28 Ländern. Das vom 1. bis 31. Mai laufende Festival steht unter dem Motto des „Archivs“ – als Ort des Bewahrens, Erinnerns und Weiterdenkens. Dafür gibt es nicht nur die Gesprächsreihe „Die Kunst des Archivs“, auch viele Produktionen behandeln das Motto direkt oder indirekt.

Als Eröffnungspremiere wurde keine eigene Produktion angesetzt, sondern eine von der französischen Opéra national de Nancy-Lorraine (in Koproduktion mit Opéra de Lille und dem Théâtre de Caen): „Tristan und Isolde“ von Richard Wagner. 2023 inszenierte sie dort der portugiesische Regisseur Tiago Rodrigues (* 1977). Der auch als Autor, Dramaturg und Schauspieler arbeitende ist seit September 2022 zudem Leiter des Festival d’Avignon.

Auf der dem Staatstheater Wiesbaden angrenzenden Parkanlage Warmer Damm war die Eröffnungspremiere unter dem Motto „Maifestspiele für alle“ kostenlos als Open-Air-Live-Übertragung zu erleben.

Textlastige Umsetzung

Tiago Rodrigues‘ Umsetzung, die jetzt in Wiesbaden die Internationalen Maifestspiele 2026 eröffnete und noch an zwei weiteren Tagen zu erleben sein wird (10. und 24. Mai), ist nicht mit gewöhnlichen Inszenierungen zu vergleichen. Er erzählt die Geschichte von der durch einen Zaubertrank verursachten Liebe zwischen der irischen Königstochter Isolde und dem Vasallen Tristan textlastig mit eigenen Worten und entgegen traditioneller Publikumserwartungen.

Tristan und Isolde
Staatstheater Wiesbaden
v.l.n.r. Vítor Roriz, Brangäne (Irene Roberts), Sofia Dias, Tristan (Ric Furman), Hirte (Katleho Mokhoabane), isolde (Carla Filipcic Holm)
Foto: Max Borchardt

Nach Schiff, Schlafgemach und der Burg Kareol sucht man im Bühnenbild von Fernando Ribeiro vergeblich. Es zeigt lediglich ein großes „Tristan“-Archiv auf drei Ebenen, das zwar nicht digital, jedoch in Richtung Gegenwart angesiedelt ist. Darauf spielen auch die in Blautönen gehaltenen Kostüme von José António Tenente an. Im zweiten Akt (Aufzug) ist das Archiv mit reichlich Grünpflanzen geschmückt (eine dezente Anspielung auf den Garten im königlichen Schloss in Cornwall). Leergeräumt ist das Archiv dann im finalen dritten Akt (Aufzug), die Tafeln lagern aufeinandergetürmt und bilden eine Art Grabhügel.

Zuvor werden in den Regalen lagernde Texttafeln den ganzen Abend über nacheinander herausgezogen und dem Publikum präsentiert. Hierfür sorgen die Tänzer:in und Choreograf:in Sofia Dias und Vitor Roriz schon viele Minuten bevor der erste Ton erklingt. Das dauerte bei der Premiere einem Zuschauer viel zu lange. Lautstark bekundete er „Es reicht“ und bekommt dafür Zuspruch aus den Reihen.

Texte mit Witz und einer ironischen Distanz

Die von Tiago Rodrigues verfassten Texte sind eine Art Subtext. Sie umschreiben die Figuren (Isolde = „Die traurige Frau“, Tristan = „Der traurige Mann“ und König Melot = „Der starke Mann“) und das Geschehen. Dies mitunter gar mit Witz und einer ironischen Distanz. Sie sollen so die Oper auch für ein Publikum ohne umfangreiches Vorwissen zugänglich machen. Sie können die Vorstellungskraft wecken, das zu erspüren, was Musik und Gesang ausdrücken, ohne dass akribisch dem Text des Librettos gefolgt wird.

Magisch leuchtet der Hintergrund

Von den meisten Plätzen sind die Texte gut zu lesen. Zusätzlich werden sie anstelle der eigentlichen Gesangstexte als Übertitel gezeigt. Für ihre abwechslungsreiche Präsentation ist Sofia Dias und Vitor Roriz Respekt zu zollen. Sind es doch über 900 Schrifttafeln, die sie die Aufführung über aus den Regalen ziehen und dem Publikum abwechslungsreich präsentieren und dabei mitunter als Spiegelbild der Titelfiguren fungieren.

Die eigentliche Geschichte ist dadurch lediglich bedingt zu erkennen (insbesondere die Bedeutung der Nebenrollen). Zumal die Sänger:innen nur mit minimalen Bewegungen agieren. Kleine Änderungen in der Mimik und kleine Gesten müssen reichen. Einzig Tristan kann im dritten Akt (Aufzug) als Sterbender Gefühle zeigen. Der Chor und manche Nebenstimme singen aus dem Off (oder im zweiten Akt/Aufzug aus den Proszeniumslogen im dritten Rang).

Eine große Bedeutung hat die Ausleuchtung, die sich den jeweiligen Stimmungen immer anpasst. Bei den großen Liebesmomenten (Liebestrank und Nacht der Liebe) schimmert der Hintergrund magisch (Licht: Rui Monteiro).

Viel Applaus und stehende Ovationen für Sänger:innen, Chor und Orchester

Tiago Rodrigues’ anregender Inszenierungsansatz zündete nicht überall im Publikum. Nach den Pausen blieben einzelne Sitzplätze leer. Am Ende der Premiere ertönte für das Regieteam zunächst ein Buh-Ruf-Konzert, dem dann schnell auch mit viel Zuspruch gekontert wurde.
Viel Applaus und stehende Ovationen gab es dagegen für die Sänger:innen, den Chor und dem wagnererprobten Hessischen Staatsorchester Wiesbaden. GMD Leo McFall sorgte den ganzen Abend über für einen dichten und intensiven Höreindruck von Wagners rauschhafter Musik. Dies mit viel Leidenschaft und meist sehr Sänger:innenfreundlich.

Die argentinische Sopranistin Carla Filipcic Holm gestaltete die anspruchsvolle Partie der Isolde subtil und mit großer stimmlicher Autorität. Tenor Ric Furman kämpfte an diesem Abend gegen seine Pollenallergie an. Bei der schwierigen und langen Partie im dritten Akt/Aufzug bewies er Ausdauer und tenorale Strahlkraft. Auch ohne Liebestrank ist es möglich, sich in diese beiden warmtönenden Stimmen zu verlieben. Einnehmend auch die Brangäne der US-amerikanischen Mezzosopranistin Irene Roberts.

Ein wenig wie Gastsänger wirkten inszenierungsbedingt die weiteren Figuren. Sie zeigten sich mit markanten Stimmen: Young Doo Park als König Marke, Tommi Hakala als Kurwenal und Richard Trey Smagur als Melot (zudem Katleho Mokhoabane als Stimme eines jungen Seemanns/Ein Hirte und Yoontaek Rhim als Steuermann).

Markus Gründig, Mai 26


Tristan und Isolde

Handlung in drei Aufzügen
Von: Richard Wagner (1813 – 1883)
Libretto: vom Komponisten, nach dem Versroman »Tristan« (um 1210) von Gottfried von Straßburg
Uraufführung: 10. Juni 1865 (München, Nationaltheater)

Premiere am Staatstheater Wiesbaden im Rahmen der Internationalen Maifestspiele Wiesbaden: 1. Mai 26 (Großes Haus)
Eine Produktion der Opéra national de Nancy-Lorraine, in Koproduktion mit Opéra de Lille und Théâtre de Caen

Musikalische Leitung: Leo McFall
Inszenierung: Tiago Rodrigues
Szenische Einstudierung: Sophie Bricaire
Bühne: Fernando Ribeiro
Kostüme: José António Tenente
Licht: Rui Monteiro
Chor: Aymeric Catalano
Dramaturgie: Simon Hatab/Hanna Kneißler

Besetzung:

Tristan: Ric Furman
Isolde: Carla Filipcic Holm
König Marke: Young Doo Park
Brangäne: Irene Roberts
Kurwenal: Tommi Hakala
Melot: Richard Trey Smagur
Stimme eines jungen Seemanns | Ein Hirte: Katleho Mokhoabane
Ein Steuermann:
Yoontaek Rhim Tanz
Choreografie | Übersetzung: Sofia Dias Tanz
Choreografie | Übersetzung: Vítor Roriz

Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden
Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

staatstheater-wiesbaden.de