BONEY M.: DISCO. MACHT. LEGENDE. ~ Im ERSTEN und in der ARD Mediathek

Boney M. - Disco, Macht, Legende (© NDR/Didi Zill)

Vom Soundtrack der goldenen Disco-Ära zu 22 Mrd. TikTok-Views: Die wahre Geschichte hinter dem Welterfolg.

Sie waren weit mehr als ein gecastetes Disco-Projekt: Die Musik von Boney M. wurde zum Soundtrack einer Ära. Mit Welthits wie „Rivers of Babylon“, „Ma Baker“ oder „Rasputin“ eroberte die vierköpfige Gruppe Tanzflächen, Charts und Fernsehbildschirme rund um den Globus – und prägte das Bild der Disco-Zeit bis heute. 2008 griff Lady Gaga für ihren internationalen Durchbruch „Poker Face“ den Refrain von „Ma Baker“ auf. 2021 schließlich ging „Rasputin“ erneut viral und erzielte auf TikTok über 22 Milliarden Views.

Dabei schrieb die Band bereits 1978 Musikgeschichte: Als erste westliche Popformation traten sie im Dezember in Moskau auf – noch vor Elton John oder Deep Purple. Bis heute verkauften Boney M. rund 150 Millionen Tonträger und gehören gemeinsam mit ABBA und den Bee Gees zu den erfolgreichsten Disco-Gruppen aller Zeiten. Und doch ist ihr Name heute weniger präsent als der ihrer Zeitgenossen. Gerade hierzulande galten sie lange als „Retortenprojekt“ und „Plastikmusik“. International hingegen wurden sie gefeiert. In Großbritannien landeten sie mehrere Nummer-eins-Hits; „Mary’s Boy Child“ war dort zwei Jahrzehnte die meistverkaufte Single aller Zeiten.

Doch hinter dem Glamour, den ikonischen Kostümen und der scheinbar mühelosen Leichtigkeit verbirgt sich eine Geschichte, die komplexer ist als ihr schillerndes Bühnenbild. Der Dokumentarfilm BONEY M.: DISCO. MACHT. LEGENDE. zeichnet erstmals den Aufstieg, die Konflikte und die kulturelle Wirkung einer Gruppe nach, die Millionen begeisterte und Millionen einspielte – und zugleich immer wieder im Spannungsfeld zwischen Kunst, Kommerz und Identität stand. Wie konnte aus einem in der tiefen Provinz produzierten Studio-Projekt in kürzester Zeit ein internationales Pop-Phänomen werden? Welche Rollen spielten Image, Vermarktung und die Mechanik der Musikindustrie?

Und was bedeutete der Erfolg für die Menschen auf der Bühne, deren Gesichter Boney M. weltweit repräsentierten? Im Mittelpunkt stehen die beiden Stimmen von Boney M., die Jamaikanerinnen Liz Mitchell und Marcia Barrett. Sie erzählen von ersten Schritten, von Erfahrungen des Alltagsrassismus im Deutschland der 1970er Jahre, von kreativen Auseinandersetzungen, ökonomischen Zwängen und dem Preis der Berühmtheit.

Der Film zeichnet aber auch ein Psychogramm von Frank Farian, der mit über 800 Millionen verkauften Tonträgern als erfolgreichster deutscher Musikproduzent aller Zeiten gilt. Farian war ein genialischer Maniac mit Gespür für Hits – aber auch ein Kontrollfreak, der seinen Künstlern wenig Spielraum ließ. Der Film greift hier exklusiv auf das letzte große TV-Interview zurück, das Farian vor seinem Tod in Miami gab, und zeigt dieses in weiten Teilen erstmals.

Neben Wegbegleitern wie Thomas Anders oder Sebastian Krumbiegel ordnet Prof. Natasha A. Kelly die Band aus heutiger Perspektive ein und beleuchtet, inwiefern Exotisierung und die Aneignung „fremder“ Traditionen bewusst eingesetzte Instrumente einer Vermarktungsstrategie waren. Mit unveröffentlichtem Archivmaterial des Fotografen Didi Zill sowie exklusiven Super-8-Aufnahmen zeigt der Film Boney M. als globales Pop-Phänomen und Spiegel ihrer Zeit: von Migrationserfahrungen und der Macht der Produzenten bis hin zu einem Business, das Stars formt – und verschleißen kann.

Regisseur Oliver Schwehm zum Film:

„Lange Zeit wurde die eigentliche Geschichte von Boney M. kaum reflektiert und einzig als Erfolgsgeschichte hingenommen. Frank Farian galt als der selbsternannte „Hitman“, der die Kassen mit über 800 Millionen verkaufter Tonträger wie kein zweiter klingeln ließ – von den Männern der mächtigen Musikindustrie gleichermaßen geachtet und gefürchtet. Da Farian sich häufig bei karibischem Liedgut bediente, ist im Zusammenhang mit Boney M. auch immer wieder von „kultureller Aneignung“ die Rede. Und davon, dass Farian seine Künstlerinnen und Künstler mit unvorteilhaften Verträgen ausbeutete und sie exotisierte und erotisierte. Was in den 1970er Jahren zunächst für Begeisterung sorgte, hat heute Empörungspotenzial. Höchste Zeit also für eine genauere Betrachtung dieses Phänomens. Neben nie gezeigten Archiven taucht der Film auch tief ein in die Binnenkonflikte zwischen dem Kontrollfreak Farian und seinen Künstlerinnen und Künstlern.

Somit wirft der Film erstmals einen Blick hinter die glitzernde Oberfläche. Wichtig war mir ein differenzierender Blick, der nicht voreingenommen ist und abschließend urteilt, sondern der es den Zusehenden erlaubt, sich eine eigene Meinung zu bilden.“


BONEY M.: DISCO. MACHT. LEGENDE.

Ein Film von: Oliver Schwehm

Regie: I Oliver Schwehm | Produzent: Markus Hilß | Kamera: Hermann Sowieja | Musik: Heiko Maile und Torsten Kamps | Schnitt: Helmar Jungmann | Ton: Oliver Guse | Sound Design: Bettina Bertók-Thumm und Michael Thumm | Grafik: Felix Paul, Dirk Frömmer, Florian Tiphine, Henning Weskamp | Archiv Producerin: Thembi Linn Hahn | Redaktion: Timo Großpietsch (NDR), Petra Felber (BR), Jutta Krug (WDR), Simon Broll (HR)

Eine Produktion der Lunabeach TV & Media GmbH Im Auftrag von NDR, BR, WDR & HR

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