Neuigkeiten von den Bregenzer Festspielen (8. Juli)

Bregenzer Festspiele Pressetag 2026 „La traviata” ~ © Bregenzer Festspiele / Anja Koehler
  • Pressetag 2026: Fragile Tragödie am See, absurde Satire im Festspielhaus
  • Drei Violettas und drei Alfredos
  • Spaziergang durch 80 Jahre

Pressetag 2026 ~ Fragile Tragödie am See, absurde Satire im Festspielhaus

Zwei Opern, zwei Welten: Mit Giuseppe Verdis La traviata auf der Seebühne und Leoš Janáčeks Die Ausflüge des Herrn Brouček im Festspielhaus präsentieren die Bregenzer Festspiele in ihrem 80. Jubiläumssommer zwei völlig unterschiedliche Werke. Während Verdis bewegendes Meisterwerk erstmals in der Geschichte der Festspiele auf der Seebühne zu erleben ist, bringt der US-amerikanische Regisseur Yuval Sharon Janáčeks selten gespielte satirische Oper als bildstarke Neuinszenierung auf die Bühne des Festspielhauses. Seit Mitte Juni wird auf der Seebühne und im Festspielhaus zweimal täglich geprobt. Am Wochenende treffen auch die Wiener Symphoniker in Bregenz ein, und die Bühnenorchesterproben können beginnen.

Vom 22. Juli bis 23. August umfasst das Programm des Jubiläumssommers neben den beiden Opernproduktionen auf der Seebühne und im Festspielhaus unter anderem die Uraufführungen von The Passion of the Common Man und YUM! auf der Werkstattbühne, das Opernstudio mit Donizettis L’elisir d’amore, Orchesterkonzerte der Wiener Symphoniker, Kammermusik sowie zahlreiche Veranstaltungen der Jungen Festspiele.

Anlässlich des 80-jährigen Bestehens der Bregenzer Festspiele prägen zudem mehrere Ausstellungen und Projekte den Festivalsommer. Höhepunkt des Jubiläumsprogramms ist der Singalong am See am 1. August auf der Seetribüne: Gemeinsam mit Chören, Solist:innen und einem Instrumentalensemble des Symphonieorchesters Vorarlberg singen 6.500 Menschen aus der gesamten Bodenseeregion bekannte Opernmelodien aus acht Jahrzehnten Spiel auf dem See.

Insgesamt stehen für die nahezu 80 Veranstaltungen der diesjährigen Festspielsaison 228.000 Karten (inkl. Generalprobe La traviata) zur Verfügung. Bereits seit Ostern ist die neue Seebühnenproduktion La traviata, die im Sommer 2026 an 28 Abenden zu erleben ist, restlos ausverkauft – so früh wie nie zuvor in der Geschichte der Bregenzer Festspiele. Für alle weiteren Veranstaltungen sind Tickets in allen Kategorien erhältlich.

Bregenzer Festspiele Pressetag 2026
v.l.n.r.: Babette Karner (Pressesprecherin), Lilli Paasikivi (Intendantin), Kirill Karabits (Musikalische Leitung „La traviata”), Damiano Michieletto (Inszenierung „La traviata”), Paolo Fantin (Bühne „La traviata”), Marjukka Tepponen (Violetta „La traviata”)

© Bregenzer Festspiele / Anja Koehler

Ein Spiel mit Nähe und Zerbrechlichkeit: La traviata erstmals auf der Seebühne

Kaum eine Oper erzählt so eindringlich von Liebe, gesellschaftlichem Druck und der Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben wie Giuseppe Verdis La traviata. Obwohl das Werk zu den meistgespielten Opern der Welt gehört, war es in den vergangenen acht Jahrzehnten noch nie auf der Bregenzer Seebühne zu erleben. Am 22. Juli feiert das Werk Premiere am Bodensee.

Regisseur Damiano Michieletto und Bühnenbildner Paolo Fantin verlegen die Handlung von La traviata in die schillernden 1920er-Jahre – eine Epoche zwischen wirtschaftlicher Blüte, ausschweifenden Festen und gesellschaftlichem Wandel. Für Michieletto spiegeln diese Jahre eine Gesellschaft wider, die sich dem Vergnügen hingibt und dabei den Blick für das Wesentliche verliert. „Die 1920er-Jahre wurden zum Symbol für Exzess, Feiern und Hedonismus. Sie passen perfekt zur Atmosphäre der Oper – und zur Opulenz der Seebühne.“

Prägendes Element der Inszenierung ist ein monumentaler, 28 Meter hoher Spiegel, der sich aus dem Bodensee erhebt und zum Sinnbild von Violettas Schicksal wird. Wie in Zeitlupe zeigt das Bühnenbild den fragilen Augenblick, in dem der Spiegel zu Boden stürzt – unmittelbar bevor er in unzählige Splitter zerbricht.

Emotionen nicht vergrößern, sondern sichtbar machen

Die Größe der Seebühne sieht Damiano Michieletto nicht im Widerspruch zur Intimität der Oper: Die Herausforderung bestehe darin, Emotionen nicht zu vergrößern, sondern sichtbar zu machen – mit Bildern, die den Gefühlen der Figuren folgen. „Wir wollen die Nähe von La traviata bewahren und sie gleichzeitig für die große Seebühne erfahrbar machen.“ Eine filmische Erzählweise, symbolische Räume und Videoprojektionen sollen das Publikum unmittelbar in Violettas Erinnerungswelt hineinziehen. Seit Mitte Juni wird dafür zweimal täglich auf der Seebühne geprobt. 25 Solist:innen, rund 20 Tänzer:innen, 20 Statist:innen und der Chor arbeiten gemeinsam mit dem Regieteam an einer Produktion, die den großen Bildern ebenso viel Gewicht verleiht wie den leisen Momenten zwischen den Figuren.

Damiano Michieletto zählt zu den international profiliertesten Opernregisseuren seiner Generation. Seine Produktionen entstehen unter anderem für die Salzburger Festspiele, das Teatro La Fenice, die Mailänder Scala, das Theater an der Wien und das Royal Opera House Covent Garden in London. Mit Bühnenbildner Paolo Fantin verbindet ihn eine langjährige künstlerische Zusammenarbeit. Die musikalische Leitung übernehmen Kirill Karabits und Pietro Rizzo, die beide erstmals bei den Bregenzer Festspielen dirigieren. Das Bühnenbild stammt von Paolo Fantin, die Kostüme von Carla Teti, das Videodesign von Roland Horvath und das Lichtdesign von Alessandro Carletti.

Bregenzer Festspiele Pressetag 2026: „Die Ausflüge des Herrn Brouček”
© Bregenzer Festspiele / Anja Koehler

Mond, Mittelalter und ein Held wider Willen: Die Ausflüge des Herrn Brouček

Einen Tag nach der Premiere von La traviata folgt am 23. Juli im Festspielhaus Leoš Janáčeks Die Ausflüge des Herrn Brouček. Die 1920 uraufgeführte Oper gehört zu den originellsten und zugleich selten gespielten Werken des tschechischen Komponisten. Mit feinem Humor, skurrilen Figuren und scharfer Ironie hält Janáček einer Gesellschaft den Spiegel vor, deren Bequemlichkeit, Selbstzufriedenheit und mangelnde Offenheit für Neues heute frappierend aktuell erscheint.

Im Mittelpunkt steht der selbstzufriedene Prager Hauseigentümer Matěj Brouček, der eigentlich nichts weiter möchte, als in Ruhe sein Bier zu trinken. Stattdessen wird er erst auf den Mond und anschließend ins Prag des 15. Jahrhunderts katapultiert. Seine fantastischen Reisen führen ihn in Gesellschaften, die ihn mit Kunst, Idealismus, Mut und Verantwortung konfrontieren – alles Dinge, denen Brouček lieber aus dem Weg geht.

Groteske mit scharfem Blick auf die Gegenwart

Für Regisseur Yuval Sharon erzählt Janáčeks Oper von einem Menschen, der sich in seiner eigenen Komfortzone eingerichtet hat und nicht bereit ist, aus seinen Erfahrungen zu lernen. „In einer Zeit, in der sich Gesellschaften zunehmend voneinander abschotten, wirkt Die Ausflüge des Herrn Brouček aktueller denn je“, so Sharon. Hinter der grotesken Komödie verberge sich eine ebenso präzise wie scharfsinnige Beobachtung menschlichen Verhaltens und gesellschaftlicher Mechanismen.

Gemeinsam mit Bühnen- und Kostümbildner Jon Bausor hat Sharon eine Bildwelt entwickelt, die sich am Dadaismus und am absurden Theater orientiert. Traum und Wirklichkeit, Geschichte und Fantasie gehen dabei fließend ineinander über und schaffen einen Raum, in dem Janáčeks satirischer Blick auf die Gesellschaft seine volle Wirkung entfalten kann.

Mit seinen ungewöhnlichen und vielfach ausgezeichneten Inszenierungen hat sich Yuval Sharon international einen Namen gemacht. Er war der erste US-amerikanische Regisseur bei den Bayreuther Festspielen und bis Ende der Saison 2025/26 Künstlerischer Leiter der Detroit Opera. Mit seinen Arbeiten sucht er immer wieder nach neuen Erzählformen für das Musiktheater und stellt selten gespielte Werke in einen zeitgenössischen Kontext. Die musikalische Leitung übernimmt der tschechische Dirigent Robert Jindra, der als ausgewiesener Janáček-Interpret gilt.


Drei Violettas und drei Alfredos: Die Besetzungen des Spiels auf dem See sind fixiert.

Traditionell verpflichten die Bregenzer Festspiele beim Spiel auf dem See mehrere Sänger:innen für einzelne Rollen. Bis zu drei Mitwirkende wechseln sich in einem Rotationssystem ab. Das schützt die Stimme vor Überbelastung und gewährt damit höchste Gesangsqualität.

Insgesamt 28 Aufführungen von La traviata stehen bei den Bregenzer Festspielen in diesem Jahr auf dem Programm. Ein solches Pensum in so kurzer Zeit ist nur mit Mehrfachbesetzungen zu bewerkstelligen. Wer aber singt wann nach welchen Kriterien wird dies entschieden?

Außergewöhnlich wie das Spiel auf dem See selbst sind auch bestimmte Notwendigkeiten für das Aushängeschild der Bregenzer Festspiele. Weil in kurzer Zeit sehr viele Aufführungen über die Bühne gehen, sind bei La traviata die großen Rollen Violetta, Alfredo und Giorgio Germont gleich dreifach besetzt. „Die Partien sind nicht nur stimmlich extrem anspruchsvoll, auch körperlich verlangen wir unseren Sänger:innen einiges ab“, erklärt der künstlerische Betriebsdirektor der Bregenzer Festspiele, Jaakko Kortekangas. „Wind und Wetter, die enormen Dimensionen der Seebühne und ein Regiekonzept, bei dem die Darsteller:innen am, im und manchmal sogar unter Wasser spielen – all das ist mit einer normalen Opernbühne kaum vergleichbar.“

Auch wenn jeder topfit ist, gegen Krankheit ist niemand gefeit. Es reicht eine Verkühlung, um pausieren zu müssen. Eine Dreifachbesetzung der großen und doppelte Besetzung der anderen Partien gibt dem Leading Team Sicherheit – so kann Regisseur Damiano Michieletto bei Ausfällen stets auf andere Mitglieder des Casts zurückgreifen. Die Mehrfachbesetzungen sind – bei rund 7000 Besucher:innen bei einer einzelnen Vorstellung – auch betriebswirtschaftlich sinnvoll, um mögliche Risiken zu reduzieren.

Wenn die einzelne Künstlerin und der einzelne Künstler normalerweise nur alle drei Nächte an der Reihe sind, ergibt sich daraus auch ein gewisser Luxus, den sich Bregenz leisten kann: Nach Probenbeginn bleiben rund drei Wochen Zeit herauszufinden, wer mit wem optimal harmoniert. Sowohl musikalisch als auch szenisch. „Es werden alle Konstellationen durchgespielt“, sagt Jaakko Kortekangas, „und am Ende gibt es keine bessere oder schlechtere Besetzung, sondern drei sehr gut aufeinander abgestimmte, wo Klang und Chemie stimmt“

Die Entscheidung fällt in sehr enger Abstimmung zwischen Intendantin Lilli Paasikivi, Jaakko Kortekangas, dem Dirigenten und dem Regieteam etwa zwei Wochen vor der Premiere. Zu den Kriterien gehört auch die Einschätzung, ob sich jemand auf der riesigen Seebühne bis an den Rand gefordert fühlt oder tiefenentspannt mit der Gesamtsituation zurechtkommt. Das kann das Regieteam aus der Nähe am besten beurteilen. 

Premierenbesetzung 22. Juli 2026:

Violetta Valéry: Marjukka Tepponen
Alfredo Germont: Julien Behr
Giorgio Germont: Vladimir Stoyanov
Flora Bervoix: Angela Simkin
Gastone: Francisco Brito
Barone Douphol: Michael C. Havlicek
Dottore Grenvil: Stanislav Vorobyov
Marchese d’Obigny: Janne Sihvo
Annina: Melissa Zgouridi
Guiseppe: Aaron Godfrey-Mayes

Alle Besetzungen: bregenzerfestspiele.com


Spaziergang durch 80 Jahre

  • Carmens rot lackierter Fingernagel im Gartengrün
  • Vier Ausstellungen beleuchten die Geschichte der Bregenzer Festspiele und setzen die grandiose Bühnenbau-Kunst gekonnt in Szene.

Vier kleine, aber feine und vielfältige Ausstellungen beleuchten die Geschichte der Bregenzer Festspiele und setzen vor allem die grandiose Bühnenbau-Kunst gekonnt in Szene. Am besten zu erleben sind sie auf einem Rundgang vom Martinsturm in der Bregenzer Oberstadt über das vorarlberg museum und die Seepromenade bis ins Festspielhaus.

Angefangen hat es mit zwei Kieskähnen im See, und mit einer darüber gelegten Spielfläche. Und mit dem Auftrag an die junge Wiener Schauspielerin und Bühnenbildnerin Wanda Milliore, sie solle sich ein einfaches Bühnenbild und die Kostüme einfallen lassen zu Mozarts Singspiel Bastien und Bastienne. So treten die Bregenzer Festspiele zwischen dem 4. und 11. August 1946 in einer vom Krieg gezeichneten Zeit ins Leben, und ihr Aufwachsen wird noch von vielen Krisen begleitet sein. Die hochbetagte Wanda Milliore erinnert sich an die unsicheren Anfänge in einem Film, der jetzt im Martinsturm zu sehen ist – einem von vier Orten, an denen die Bregenzer Festspiele zu ihrem 80. Geburtstag Bilanz ziehen und über sich nachdenken.

Im Martinsturm in der Bregenzer Oberstadt hat man dafür mit der Ausstellung „Nach dem Applaus. Kulissenteile und ihr neues Leben“ einen besonderen Zugang gefunden. Während der Film einen weiten Sprung macht und die Bühnenbildnerin Es Devlin im Detail schildert, wie die von ihr entworfene Seebühne zu Georges Bizets 2017 aufgeführter Oper Carmen in einem mehrjährigen Prozess entstanden ist, erfahren wir auf Schautafeln, wie Teile der Seebühnen-Kulissen andernorts ein zweites Leben anfangen. Da schaut dann der Finger mit rot lackiertem Nagel von Es Devlins riesiger Hand neckisch aus dem Gartengrün, da verteilt sich die Terrakotta-Armee aus Giacomo Puccinis Turandot quer übers Land, und der Elefant aus Giuseppe Verdis Aida macht sich per Schiff auf eine große, durchaus hindernisreiche Reise ans andere Ende des Bodensees.

Singen, auch wenn der Regen kommt

Ja, die Bregenzer Festspiele sind etwas Besonderes. Auch für jene, die auf der Bühne stehen oder drinnen im Festspielhaus im Orchester spielen. Das erfährt, wer eine Station weiterzieht, ins vorarlberg museum, zu den oben im Panoramaraum hörbaren „Festspielstimmen“. Sie liebe „diese Mischung aus Glamour und Camping“, schildert die Sängerin Hanna Herfurtner die Faszination des Anlasses. Sie habe „jeden Sommer das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein“, erklärt Christel Dürr, die hinter der Bühne für alle Beteiligten die Teeküche führt. Die Sängerin Katharina Ruckgaber ist fasziniert vom See, der einmal aufgewühlt sein kann, dann wieder spiegelglatt. Und auch Regen macht ihr nichts aus, im Gegenteil. „Wenn es leicht regnet, macht das für mich als Darstellerin den Abend sogar intensiver.“ Hanna Herfurtner denkt dann: „Ach, das arme, arme Publikum.“ Und Rolando Villazón erinnert sich, wie es einmal in Puccinis La Bohème immer stärker geregnet habe, sie aber unverdrossen weitergesungen hätten. „Das war fantastisch, und das einzige Mal, dass ich unter einer großen Dusche gesungen habe“, sagt er mit dem ihm eigenen Humor.

Bühnenbilder voller Magie

Der Höhepunkt aber findet sich in den Seeanlagen: Großformatige Fotografien der Bregenzer Seebühnen zeigen Bühnenbilder, die vor dem Hintergrund von See und Sonnenuntergang eine besondere Magie entfalten. Welche kraftvollen Zeichen hier seit 1985 im Zwei-Jahres-Rhythmus gesetzt werden, wird an der Seepromenade in einer Open-Air-Ausstellung deutlich. Die chinesische Mauer, ein zerfallender Highway, ein riesiges Auge, ein beweglicher Clownskopf – kaum etwas, das die Bregenzer Technik noch nicht möglich gemacht hat.

In der Fotoausstellung Re-Light! 80 Jahre Bregenzer Festspielbühnen, die in Kooperation mit Leica im Showroom des Festspielhauses zu sehen ist, findet man schließlich die Modelle der Bregenzer Seebühnen in verfremdeter Form vor. Der Fotograf Jan von Holleben verwandelt das Bühnenbildarchiv der Festspiele in ein zeitgenössisches visuelles Erlebnis, und stellt auch die Frage: Woran erinnern wir uns, wenn wir zurückblicken auf Erlebtes? An etwas Reales, oder an Träume und Phantasien?


    Die Bregenzer Festspiele 2026 finden von 22. Juli bis 23. August statt.
    Tickets und Infos unter bregenzerfestspiele.com und Telefon 0043 5574 4076.