Schuberts »Winterreise« mit Peter Mattei an der Oper Frankfurt

Liederabend Peter Mattei (Bariton), David Fray (Klavier) ~ Oper Frankfurt (26.10.2021), David Frey, Peter Mattei ~ © Barbara Aumüller (szenenfoto.de)

Franz Schuberts Liedzyklus Die Winterreise ist bei Sängern und Publikum gleichermaßen beliebt. In der Liederabendreihe der Oper Frankfurt folgte er jetzt Schuberts erstem Zyklus Die schöne Müllerin, den im September der Bariton Martin Mitterrutzner (begleitet von Gerald Huber am Klavier) gegeben hatte. Diese Abfolge war nicht geplant, sie hat sich vielmehr ergeben.
Die Zyklen unterscheiden sich in vielen Punkten: Ist die Müllerin eine tragische Liebesgeschichte, handelt es sich bei der Winterreise um Erinnerungen an eine vergangene Liebe. Erstere ist eine Liederzählung eines Müllerburschen mit starken Stimmungsgegensätzen, zweitere eine Folge schwermütiger, lyrischer Gesänge eines empfindsamen Wandergesellen.

Als Interpret stellte sich der schwedische Bariton Peter Mattei dem Frankfurter Liederabendpublikum vor. Er ist regelmäßig Gast an den renommiertesten Opernhäusern der Welt und mit dem Titel „Königlich Schwedischer Hofsänger“ ausgezeichnet.
Die Oper Frankfurt war zu seinem Liederabend gut besucht. Lag es an Mattei oder an dem Programm? Wer weiß. Auf jeden Fall war zu spüren, dass ihm die Winterreise sehr vertraut ist. Anfang 2020 sang er sie an der New Yorker Carnegie Hall und bei einer Konzerttour durch Nordeuropa. Zudem spielte er beim Label BIS Records eine Aufnahme ein. Mattei präsentierte die 24 Lieder des Zyklus individuell und mit Verve (was für eine Winterreise eher ungewöhnlich ist).

Liederabend Peter Mattei (Bariton), David Fray (Klavier)
Oper Frankfurt (26. Oktober 21
Peter Mattei, David Frey
© Barbara Aumüller (szenenfoto.de)

Es war spannend abzuwarten, wie er wohl jedes einzelne Lied darbieten würde. Denn klassischen Liedinterpretationen entzieht er sich gekonnt. Matteis Wandergesell hatte durchaus besinnliche und innige Momente, stand aber kampfbereit noch fest im Leben. Dabei zeigte er eine erstaunliche Vielfalt hinsichtlich Wahl der Tempi und Intensität (auch in seiner gestischen Darstellung). Vehement und beinahe aggressiv gestaltete er „Die Wetterfahne“ oder das Ende von „Die Krähe“ („Treue bis zum Grabe“ im Fortissimo). Geradezu kämpferisch präsentierte er „Mut!“. Entschleunigt und leicht nach innen gekehrt vermittelte er „Der Lindenbaum“ und „Wasserflut“. Besonders innig sodann „Der greise Kopf“ und „Der Wegweiser“. Fast schon entrückt wirkte er bei „Täuschung“. Sehr zurückgenommen sang er den finalen „Der Leiermann“.

Peter Mattei wurde vom französischen Pianisten David Frey begleitet. Auch er setzte ganz eigene, nachhaltige Akzentuierungen. Zusammen war dies eine außerordentlich faszinierende Interpretation dieses Liedklassikers. Das Publikum sah es auch so. Lang anhaltender, intensiver Applaus, inklusive „Bravo“-Rufen, Getrampel und Standing Ovations (eine Zugabe gab es trotz alledem leider nicht).

Markus Gründig, Oktober 21

oper-frankfurt.de