Cyberdrama »Eine posthumane Geschichte« im Onlinestream des Schauspiel Frankfurt

Eine posthumane Geschichte ~ Schauspiel Frankfurt ~ Ensemble ~ Foto: Robert Schittko
kulturfreak Bewertung: 4 von 5

Das seit 2001 bestehende interdisziplinäre Festival Frankfurter Positionen richtet seinen Fokus auf dem sich vollziehenden gesellschaftlichen Wandel. Das Festival für neue Werke ist eine Initiative der BHF BANK Stiftung. Es initiiert einen kontinuierlichen kreativen Prozess mit dem Ziel, neue Sichtweisen und soziale Fantasien zu entwickeln.
Dieses Jahr können die Frankfurter Positionen nicht wie ursprünglich geplant stattfinden. Nach einem digitalen Auftakt im Februar, sind jetzt im April zwei Auftragswerke als Uraufführung zu erleben: Eine posthumane Geschichte in einer Inszenierung des Schauspiels Frankfurt und Carsten Nicolais Xerrox Vol. 4, das vom Ensemble Modern im Frankfurt LAB vorgestellt werden wird.

Teil einer Triologie

Zu den Frankfurter Positionen gehört auch die Formulierung der Veränderungen in der Lebenswelt, wie sie durch neue technologische Entwicklungen geschehen. Wie beispielsweise durch Gentechnik und künstliche Intelligenz, die Themen von Pat To Yans Stück Eine posthumane Geschichte sind. Das Stück ist der zweite Teil einer geplanten Trilogie. Teil 1 (Eine kurze Geschichte des zukünftigen China) wurde im englischen Original 2016 beim Stückemarkt der Berliner Festspiele vorgestellt und jetzt am Staatstheater Saarbrücken auf Deutsch uraufgeführt.
Am Schauspiel Frankfurt hatten die Arbeiten an Eine posthumane Geschichte als analoge Produktion begonnen. Der sich ständig verlängernde Lockdown führte dann dazu, zunächst eine rein filmische Fassung zu erarbeiten.

Science-Fiction trifft auf Realpolitik

Der Dramatiker, Regisseur und Lehrer Pat To Yan wurde 1975 geboren. Sein Stück beinhaltet chinesische mythische Figuren und nimmt indirekt Bezug zu den politischen Auseinandersetzungen um den Erhalt der Selbstständigkeit der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong, seiner Geburtsstadt. In Hinblick auf den Einsatz von Gesichtserkennung, künstlicher Intelligenz zur Überwachung seiner Bürger ist China weit voraus („Sozialkreditsystem“.). Pat To Yan weist mit Eine posthumane Geschichte auf die Gefahren, Nebenwirkungen und Missbrauchsmöglichkeiten hin, die nicht nur die Chinesen künftig befürchten müssen.

Eine posthumane Geschichte
Schauspiel Frankfurt
Uwe Zerwer, Agnes Kammerer, André Meyer
Foto: Robert Schittko

Großer Kostümaufwand

Regisseurin Jessica Glause (Bildungsprojekt All Our Futures) zeigt kein abgefilmtes Theater, wie es beispielsweise bei der Reihe Starke Stücke auf 3sat zu sehen ist. Die vier Akte, zuzüglich Prolog und Epilog, zeigt sie mit harten Schnitten bei einer Gesamtlänge von kurzweiligen 90 Minuten. Die 36 Szenen sind kurz, manche dauern keine Minute. In gewisser Hinsicht erscheint der Film wie ein plakativ gestaltetes Hörspiel. Dies deshalb, weil Corona-bedingt die Schauspieler immer einzeln aufgezeichnet wurden und fast immer frontal in die Kamera gesprochen haben. Gleichwohl ist das Ergebnis weit mehr als ein Hörspiel. Die Aufnahmen wurden aufwendig zusammengeführt und mit Filmmaterial überlagert. Animationen, Einblendungen und Sticker sorgen für einen bunten und zeitgemäßen Eindruck (Kamera und Schnitt: Benjamin Lüdtke).
Die 17 Rollen wurden mit sechs DarstellerInnen besetzt, viel Aufwand in die Kostüme der vier allegorischen Figuren gesteckt. Für manche Szenen gibt es einen Raum mit einem Lichtband und einem Leuchter (aufgezeichnet wurde in den Kammerspielen). Meist reicht das von viel Schwarz umgebene Porträt der jeweiligen Figur (Bühne und Kostüme: Mai Gogishvili). Ein nicht unwichtiges Element sind zudem hinzugefügte Beats und Sounds, die die jeweilige Situation untermauern und zwei Songs (Musik: Joe Masi).

Die Story

Im Mittelpunkt steht die Figur des Frank (kämpferisch: André Meyer). Nach einer Phase der Depression und Frustration, hat er mit seiner Frau ein Haus besetzt, da sie sich keine Wohnung mehr leisten konnten. Dann fand er einen neuen Job, schließlich ist er auch ein Computerspielfreak: Vom Homeoffice aus per Drohne in weit entfernte Gebiete Gegner jagen und sie zu vernichten. Dann will er aber selbst in das gefährliche Gebiet reisen, gerät in eine Falle und wird gefangen genommen. Währenddessen wird die Bedrohung durch einen despotischen Machthaber immer größer. Am Ende kann dieser aber vernichtet werden und Frank zu seiner Familie zurückkehren. So hat das Stück ein utopisches Happy End.
In Nebensträngen wird von seiner Frau Jane (fokussiert: Agnes Kammerer) und seinem Sohn Anders (unerschrocken: Uwe Zerwer) erzählt. Jane ist eine Spezialistin für (manipulative) Gedankenbeeinflussung, schließlich ist ihr Vater (besonnen: Jonathan Lutz) ein großer Genforscher. Sie trifft auf Priscilla (strebsam: Anna Bardavelidze), die des puren Profits wegen, ihre Methode höchst bietend vermarkten will und einen möglichen Missbrauch wissentlich in Kauf nimmt.
Sohn Anders wird mit einem Cyberpo geboren und altert rasend (Folge eines kantonesischen Fluchs). Er trifft auf ein Mädchen mit einem Baum (einfühlsam: Vanessa Bärtsch) und die beiden verlieben sich.
Einen mystischen Zauber umgibt die Figur der weißen Knochenfrau (erhaben: Christina Geiße). Einen multiplen Januskopf hat der schwarze Mann (= Der Mann, der das Geisterkind füttert; auch Agnes Kammerer).

Dass die technologischen Entwicklungen rasant fortschreiten, ist unausweichlich. Pat To Yan zeigt mit Eine posthumane Geschichte, dass es eine ständige Herausforderung bleibt, wie wir mit dem technischen Fortschritt umgehen.

Markus Gründig, April 21


Eine posthumane Geschichte

Von: Pat To Yan
Uraufführung per Stream aus dem Schauspiel Frankfurt: 8. April 21

Regie: Jessica Glause
Bühne und Kostüme: Mai Gogishvili
Musik: Joe Masi
Kamera und Schnitt: Benjamin Lüdtke
Dramaturgie: Julia Weinreich

Besetzung:

Frank, etwa 30: André Meyer
Jane, etwa 30 / Der Mann, der das Geisterkind füttert: Agnes Kammerer
Anders / Eine Stimme / Bürger: Uwe Zerwer
David / Kate, die Hauswirtschafterin / Die weiße Knochenfrau, alterlos: Christina Geiße
Johnny / Sam / Prof. Ebert, um die 70 / Die Ansammlung gequälter Seelen, alterlos / Vorsitzender / Bürger): Jonathan Lutz
Priscilla, um die 50 / Nicholas / Sammi, der Pflegeroboter / Ansammlung gequälter Seelen / Sze Yin, um die 80 / Bürgerin: Anna Bardavelidze
Ein Mädchen mit einem Baum / Die Ärztin / Bürgerin: Vanessa Bärtsch

Der Film kann ab Niedrigpreisniveau (€ 5,00) auf der Webseite des Schauspiel Frankfurt noch bis Ende Mai gestreamt werden. Ein Audio-Einführung findet sich dort ebenso, wie das kostenfrei downloadbare Programmheft.

schauspielfrankfurt.de