Stadt Bayreuth und fünf Bühnen erinnern an verfolgte Ensemblemitglieder

Foto: Pixabay
  • Präsentation der Digitalen Forschungs- und Gedenkplattform ,,Verstummte Stimmen“ am 20. Juli 2026 im Bayreuther Rathaus
  • Gedenkveranstaltung mit Prof. Dr. Dr. Michel Friedman und Dr. Katharina Wagner am 26. Juli 2026 im Festspielpark Bayreuth

Zwischen 2006 und 2012 war die Ausstellung ,,Verstummte Stimmen. Die Vertreibung der Juden aus der Oper 1933 — 1945″ in sechs deutschen Städten zu sehen, wo sie die Prozesse von Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer und politisch missliebiger Künstler*innen und Angehöriger des technischen und Verwaltungspersonals nachzeichnete.

Zwanzig Jahre nach dem Auftakt des Projekts an der Hamburgischen Staatsoper werden ab dem 20. Juli 2026 alle Ergebnisse der Recherchen seit 2006 auf einer zentralen digitalen Plattform erstmals dauerhaft zugänglich gemacht.

Die Stadt Bayreuth übernimmt die Trägerschaft des Projekts, das eine bislang einzigartige erinnerungskulturelle Kooperation einiger der wichtigsten deutschen Bühnen darstellt, namentlich der Hamburgischen Staatsoper, der Staatsoper Unter den Linden, der Staatsoper Stuttgart sowie der Semperoper Dresden und des Staatsschauspiels Dresden. Konzipiert und umgesetzt wurde es von der Hamburger Projektagentur kulturarbeiten GbR, gestaltet vom Hamburger Designstudio Hansen/2.

Entstanden ist eine digitale Plattform, die ebenso als Recherche- und Bildungsportal über die nationalsozialistischen Vertreibungen aus der Hochkultur ebenso fungiert, wie als dauerhaft und global zugänglicher digitaler Erinnerungsort. Sie versammelt fast 300 Biografien von Künstlerinnen und Künstlern sowie Bühnenangehörigen anderer Gewerke, die zwischen 1933 und 1945 aus deutschen Opernhäusern verdrängt, verfolgt und vielfach ermordet wurden.

Besonders eindringlich ist die Form der Vermittlung. Heutige Mitglieder der beteiligten Häuser sprechen die Biografin der verfolgten ein: Angehörige des technischen und des Verwaltungspersonals, Musiker*innen, Sänger*innen und Verteter*innen der Leitungsebenen der Häuser, darunter Nora Schmid (Intendantin Semperoper Dresden), Tobias Kratzer (Intendant Hamburger Staatsoper), Omer Meir Wellber (Generalmusikdirektor Hamburger Staatsoper und Philharmonisches Staatsorchester Hamburg), sowie Christian Thielemann (Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden).


In einer gemeinsamen Erklärung betonen die Intendant*innen der beteiligten Bühnen:

,,Die von Hannes Heer, Peter Schmidt und Jürgen Kesting konzipierte Wanderausstelung ,Verstummte Stimmen’ war ein wichtger Punkt in der Auseinandersetzung unserer Häuser mit unserer Geschichte. Sie machte deutlich, dass die deutschen Opern- und Theaterbühnen in den Jahren vor und nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten keine unpolitischen Räume waren, in denen es ausschließlich der Kunst galt. Auch hier, in unseren Häusern, an unseren Bühnen, wurden Ensemblemitglieder und Mitarbeiter*innen, Kolleginnen und Kollegen auf Grundlage der nationalsozialistischen Ideologie ausgegrenzt, denunziert und der Verfolgung preisgegeben. Sie wurden entlassen, ins Exil oder in die Deportation und den Tod getrieben, Karrieren und Leben wurden zerstört.

Wir als Nachfolger*innen der damals Verantwortlichen bekennen uns dazu, dass die Erinnerung an das damals geschehene Unrecht heute und in der Zukunft wachgehalten wird. Das Gedenken auch an die negatfiven Aspekte der Vergangenheit unserer Häuser verstehen wir als demokratische Institutionen als eine unserer zentralen Aufgaben. Wir sind froh und stolz, dass sich unsere Mitarbeiter*innen über alle Sparten und Gewerke hinweg durch ihre Mitwirkung am Digitalprojekt ,Verstummte Stimmen’ zu diesem Ziel bekennen und unseren ehemaligen Kolleg*innen ihre Stimmen leihen. Ihnen gilt unser Dank.”

Joachim Klement (Staatsschauspiel Dresden)
Tobias Kratzer (Staatsoper Hamburg)
Nora Schmid (Semperoper Dresden)
Tamas Detrich, Marc-0liver Hendriks, Burkhard C. Kosminski und Viktor Schoner (Staatstheater Stuttgart)
Elisabeth Sobotka (Staatsoper Unter den Linden)


Am 20. Juli 2026 um 12 Uhr präsentieren die Kuratoren des Projekts, Dr. Sven Fritz und Jens Geiger-Kiran, das Portal verstummte-stimmen.de erstmals im Rathaus Bayreuth im Rahmen einer Pressekonferenz. Ein öffentlicher Gedenkakt findet am 26.07.2026, 09.30 Uhr im Festspielpark Bayreuth statt.

Am Tag der Eröffnung der 150. Bayreuther Festspiele wird am 26. Juli 2026 um 9.30 Uhr aus Anlass der Präsentation der digitalen Plattform ein öffentlicher Gedenkakt in Zusammenarbeit mit der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayreuth in der Dauerinstallation der Bayreuther Station der ,,Verstummten Stimmen” stattfinden. Der Jurist, Publizist und Philosoph Prof. Dr. Dr. Michel Friedman wird die Ausstellung besuchen und an einem Totengedenken mit Rezitation des Gebets ,,E| male rachamim“ teilnehmen. Ihn begleiten werden die Leiterin der Bayreuther Festspiele, Dr. Katharina Wagner, sowie ein Vertreter der Stadt Bayreuth und die Kuratoren der Ausstellung.

lm Anschluss findet im Bayreuther Festspielhaus ein Gedenkkonzert unter dem Titel ,,Verstummte Stimmen” als Kooperationsveranstaltung zwischen Bayreuther Festspielen und dem Projekt ,,Verstummte Stimmen” statt, zu dem Michel Friedman eine Gedenkrede beitragen wird.

Die digitale Plattform ,,Verstummte Stimmen” ist ein Projekt in Trägerschaft der Stadt Bayreuth in Kooperation mit Hamburger Staatsoper, Staatsoper Unter den Linden, Staatstheater Stuttgart, Semperoper Dresden und Staatsschauspiel Dresden. Realisiert mit freundlicher Unterstützung der Oberfrankenstiftung, Rainer-Markgraf-Stiftung, Friedrich-Baur-Stiftung, Alfred-Toepfer-Stiftung, Gesellschaft der Freunde von Bayreuth, Peter-Dornier-Stiftung, Sparkasse Bayreuth, Bayerische Sparkassenstiftung und e.0n-Bayern-Kulturstiftung Bayreuth.

verstummte-stimmen.de