
Die Dramatikerin Theresia Walser trägt einen berühmten Namen. Doch schon seit Langem hat sie sich selbst einen Namen gemacht. In den Kammerspielen des Schauspiel Frankfurt feierte jetzt ihr Stück „Ich bin wie ihr, Ich liebe Äpfel“ Premiere. Es wurde 2012 am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt.
Die bitterböse Komödie handelt von den Minuten vor einer Pressekonferenz, bei der sich drei Diven Fragen der Presse stellen wollen. Unter ihnen ist zudem ein Simultandolmetscher, denn die Damen kommen aus verschiedenen Ländern, die Sprache der anderen können sie nicht verstehen. Der Dolmetscher Gottfried (Wolfgang Vogler) versucht, in dem verbalen Gemetzel zwischen den Damen nicht allzu sehr zermalmt zu werden, und zeigt mit seinen teils freien Übersetzungen diplomatisches Geschick.
Keine Spur von Selbstreflexion
Da es sich aber um sehr starke Persönlichkeiten mit einem ganz eigenen Empathieverständnis handelt, ist Ärger vorprogrammiert. Schließlich sind es nicht nur irgendwelche Diven, es sind die Gatten von bekanntem ehemaligen Diktatoren.
Der jungen Regisseurin Ella Haid-Schmallenberg, die mit dieser Produktion ihre erste Arbeit am Schauspiel Frankfurt präsentiert, gelingt die Gratwanderung zwischen Komik und schwarzem Humor scheinbar mühelos. Unter vermeintlich witzigen Sprüchen steckt meist eine bittere Portion Wahrheit.

Schauspiel Frankfurt
Frau Leila (Melanie Straub), Frau Margot (Manja Kuhl)
Foto: Laura Nickel
Am meisten verwundert bei diesem Porträt, dass keine der Damen auch nur die geringste Spur von Selbstreflexion oder Hinterfragung zeigt. Ihre streitbaren Positionen sind unumstößlich fest in Ihnen manifestiert. Dafür beeindrucken sie mit eleganten Frisuren und schicken Kleidern (zu Beginn erscheinen sie pelztragend; Kostüme: Mirjam Kiefer).
Schönheit ist ihr Lebenselixier
Die wahrheitsliebende und Stalin verehrende Frau Margot (als Anspielung auf Margot Honecker [1927 – 2016]: Manja Kuhl) gibt sich stets mit vornehmer Kühle, distanziert und äußerst bedacht, keine Gefühle zu zeigen. In ihrer Reisetasche hält sie zudem eine besondere Überraschung parat.
Für die opern- und schuhaffine Frau Imelda (als Anspielung auf die philippinische Präsidentengattin Imelda Marcos [* 1929]: Christina Geiße) ist Schönheit ein Lebenselixier. Selbst einem Attentat auf sie mit elf Stichen kann sie noch etwas Positives abgewinnen. Nur dass der Attentäter ein solch hässliches Messer verwendete, ist unverzeihlich.

Schauspiel Frankfurt
Frau Imelda (Christina Geiße)
Foto: Laura Nickel
Frau Leila (laut Programmheft als Anspielung auf Damen wie Leïla Ben-Ali ([* 1956], Ehefrau des ehemaligen tunesischen Diktators Zine el-Abidine Ben Ali) oder Asma al-Assad ([* 1975], Ehefrau des ehemaligen syrischen Diktators Baschar al-Assad: Melanie Straub) trinkt nur Wasser aus kanadischen Waldquellen, denn das Wasser aus Leitungen ist von giftigen Mikroben total verseucht.
Verweise auf die Brutalität, die von den Gatten ausging
Ein roter Samtvorhang ist ja inzwischen selten in Theatern zu sehen. Hier verdeckt ein solcher zu Beginn die Bühne. Schließlich findet die Pressekonferenz vor 100 Journalist:innen, oder sind es Hunderte, das weiß niemand so recht, an einem elegante Ort wie in einem Hotel, statt. Dessen Wände sind mit Schmuckornamenten verziert, die im Detail Maschinengewehre und Handgranaten offenbaren und damit auf die despotischen Ehemänner der drei Damen anspielen.
Auf einer dreigliedrigen LED-Wand ist im Hintergrund meist das Bild „Der Kindermord von Bethlehem“ von Peter Paul Rubens zu sehen. Es zeigt eine biblische Szene, in der Soldaten auf Befehl des Königs Herodes alle neugeborenen Jungen in Bethlehem töten (Bühne: Nora Schreiber), und ist ein zusätzlicher Verweis auf die Brutalität, die von den Gatten ausging.
Am Ende des kurzweiligen, sarkastischen Vergnügens gab es bei der Premiere lang anhaltende und intensive Beifallsbekundungen.
Markus Gründig, April 26
Ich bin wie ihr, Ich liebe Äpfel
Von: Theresia Walser (* 1967)
Uraufführung: 6. Januar 2013 (Mannheim, Nationaltheater Mannheim)
Premiere: Freitag, 24. April 26 (Kammerspiele)
Regie: Ella Haid-Schmallenberg
Bühne: Nora Schreiber
Kostüme: Mirjam Kiefer
Musik: Nicolas Haumann
Dramaturgie: Lukas Schmelmer
Besetzung:
Frau Imelda: Christina Geiße
Frau Margot: Manja Kuhl
Frau Leila: Melanie Straub
Gottfried: Wolfgang Vogler
