
Mit dem Doppelabend „Here Is There“ zeigt die Dresden Frankfurt Dance Company (DFDC) zur ausklingenden Spielzeit 2025/26 zwei sehr unterschiedliche Neukreationen.
Eröffnet wird der Abend mit dem Stück „Several Rhythms Sort Thoughtfully“ des gebürtigen Australiers Thomas Bradley. Er zählt seit 2023 zum Ensemble der DFDC und wird ab der nächsten Spielzeit mit einer eigenen Tanztruppe von Frankfurt/M aus arbeiten. Das zweite Stück, „This Beautiful Messy Thing“ stammt vom gebürtigen Griechen Ioannis Mandafounis, er leitet die DFDC seit 2023.
Das Kampagnenbild zu diesem Doppelabend zeigt den Tänzer Simon Voitoux Puigrenier angekettet an einer Schachfigur. Mit ausgestrecktem rechten Bein durchbricht er einen Pfeil, der aussieht, als wäre er aus Eis. Jeder ist irgendwie Gefangener seiner selbst und doch hat er den Willen und die Kraft, gegen das Vorherrschende anzukämpfen und gegebenenfalls auszubrechen. Von starken Kontrasten zwischen Geborgenheit in einer glücklichen Gemeinschaft und individuellen Einzelmomenten zwischen Trauer, Wut und Einsamkeit, erzählt Mandafounis in seinem neuesten Werk. Insoweit passt der Titel des Abends, „Here Is There“, als Synonym für die Koexistenz unterschiedlicher Stimmungen.
Kurator ermöglicht Kontexte
Für das den Doppelabend eröffnende Stück „Several Rhythms Sort Thoughtfully“ passt der Titel „Here Is There“ auf einer anderen Ebene. Thomas Bradley lässt fünf Tänzer:innen (Nastia Ivanova, Marina Kladi, Solène Schnüriger, Ichiro Sugae und Samuel Young-Wright) in einem weit geöffneten, schmucklosen Raum aufeinandertreffen, die ständig ihre Positionen verändern.

Dresden Frankfurt Dance Company
Nastia Ivanova, Marina Kladi
© Dominik Mentzos
Trotz scheinbarer Schlichtheit und vermeintlicher „Anti-Kreativität“, herrscht durchaus eine gewisse Strukturiertheit. Allerdings anders als vielleicht von manchem Besucher erwartet. Thomas Bradley beschäftigte sich intensiv mit den Stilen des japanischen Tanztheaters Butoh und Bewegungsübungen aus der von Haruchika Noguchi entwickelten Seitai-Methode. Wie er im Deep-Dive-Interview (auf dem YouTube-Kanal der DFDC) mit dem Dramaturgen Haruchika Noguchi erläutert, sieht er sich in erster Linie als Kurator der Kontexte ermöglicht und nicht als Choreograf, der viele Versionen seiner selbst erschaffen und anderen Körpern seinen Geschmack aufoktroyieren will.
„Come“, „Go“ and „Stay“
Thomas Bradley arbeitet mit drei Sprachbefehlen: „Come“ (komm auf mich zu), „Go“ (entferne dich von mir) und „Stay“ (bleib, wo du bist). Dabei gibt es räumliche und relationale Ziele. Die fünf Tänzer:innen erschaffen ständig neue Formen. Denn durch die Freiheit, die jede(r) hat, entsteht eine ständige Aushandlung verschiedener Ziele (wie zum Beispiel: „Mein Ziel ist es, alle in ein perfektes Quadrat zu bringen.“), was wiederum Konflikte und Spannungen zwischen den Beteiligten erzeugt. Spannend ist dabei ein klassisches Henne-Ei-Problem: Folgt die Handlung der Entscheidung oder verhält es sich umgekehrt? Für die Zuschauenden gilt es, auch in kleinen Bewegungen viel zu entdecken und sich von im Kopf verankerten Bildern und Ansichten zu befreien. Eine kleine Handbewegung muss nicht zwingend „Hallo“ oder „Auf Wiedersehen“ bedeuten.
Auch das Kostümdesign stammt von Thomas Bradley. Er arbeitet meist mit vorhandenen Materialien, die eine eigene Präsenz besitzen. Hier fallen besonders kunstvolle Brustpanzer in Schleifenform auf, die an Rucksäcke erinnern. In dem dunkel gehaltenen Raum setzten die Lichtzustände markante Bilder.
Die musikalische Untermalung ist zurückhaltend. Anfangs gibt es nur Variationen von Knarzgeräuschen (Sound Design: Zachary Mentzos) und etwas Vogelgezwitscher, später eine Solo-Sonate für Trompete von HK Gruber und Stille.
Zwischen Tohuwabohu und Klarheit
Nach der Pause wirkt Ioannis Mandafounis’ „This Beautiful Messy Thing“ konträr zum vorherigen Stück. Bereits während das Publikum wieder in den Saal strömt, wird auf der weit geöffneten und hell ausgeleuchteten Bühne mit Songs wie „Volare“ eine fröhliche Party und das Leben gefeiert. Die Tänzer:innen wählen sich aus einer Playlist ihre Wunschmusik und tanzen dazu losgelöst. Auf der linken Bühnenseite steht ein Schlagzeuger bereit (am Schlagzeug: Philipp Danzeisen).

Dresden Frankfurt Dance Company
Ensemble
© Dominik Mentzos
Mandafounis arbeitet als Choreograf aus der Perspektive eines Tänzers. In „This Beautiful Messy Thing“ verhandelt er die Spannungen zwischen Weite/Tohuwabohu und Reduktion/Klarheit. Die beteiligten Tänzer:innen (Sophie Borney, Lander Casier, Emanuele Co‘, Audrey Desmurs, Yan Leiva, Liam Meier, Antonin Mélon, Emanuele Piras, Simon Voitoux Puigrenier und Jin Young Won) zeigen sich hierbei sehr agil, ausdrucksstark und mit vielen ausgefallenen Posen. Dies in solistischen, in kleinen Ensembles (Duos/Trios) und als Gesamtensemble.

Dresden Frankfurt Dance Company
Emanuele Co‘
© Dominik Mentzos
Die einzelnen Nummern unterscheiden sich dabei so stark, wie es die verschiedenen Persönlichkeiten der Tanzenden sind. Ein Gleitschirm dient am Anfang als unmittelbarer Freiheitsausdruck. Doch schon bald senkt sich ein riesiger quadratischer schwarzer Baldachin vom Bühnenhimmel herab und sorgt für eine verkleinerte Spielfläche, in der insbesondere die solistischen Nummern stark wirken. Yan Leiva sorgt trotz seiner Bekümmernis für viel heitere Anteilnahme im Publikum. Kämpferisch geben sich hingegen Emanuele Co’ und Audrey Desmurs. Mit viel Humor sucht ein Quartett nach „Frankfurts Next Bird“, sich dabei selbst nicht so ernst nehmend.
Am Ende beider Teile jeweils intensive Beifallsbekundungen.
Markus Gründig, Juni 26
Here Is There
- Thomas Bradley: Several Rhythms Sort Thoughtfully
- Ioannis Mandafounis: This Beautiful Messy Thing
Several Rhythms Sort Thoughtfully
Choreografie: Thomas Bradley
Tanzkünstler*innen: Nastia Ivanova / Marina Kladi / Solène Schnüriger / Ichiro Sugae / Samuel Young-Wright
Sound Design: Zachary Mentzos
Kostüme: Thomas Bradley
Outside Eye: Louella May Hogan
Dramaturgie: Philipp Scholtysik
This Beautiful Messy Thing
Choreografie: Ioannis Mandafounis
Tanz: Sophie Borney / Lander Casier / Emanuele Co‘ / Audrey Desmurs / Yan Leiva / Liam Meier / Antonin Mélon / Emanuele Piras / Simon Voitoux Puigrenier / Jin Young Won
Komposition, Schlagzeug: Philipp Danzeisen
Choreografische Assistenz: Pauline Huguet
Kostüme: Dorothee Merg / Lander Casier
Bühne: Ioannis Mandafounis
Vorproben und Recherche: Nastia Ivanova / Dietrich Krüger
Dramaturgie: Philipp Scholtysik
Dauer: ca. 105 Min. inkl. Pause
