
Dieses Jahr jährt sich die Uraufführung des Rockmusicals „Jesus Christ Superstar“ zum 55. Mal. Es stammt aus der Feder des britischen Komponisten Sir Andrew Lloyd Webber, der es 21-jährig komponierte (der Textdichter Tim Rice war damals 25 Jahre alt). Es erzählt, frei interpretiert, die Passionsgeschichte Jesu. Dies in einer für die damalige Zeit kontrovers aufgefassten Art und Weise, mit einer entmythologisierten Figur des Jesus Christus und mit dem Jünger Judas als zweifelndem Kommentator.
Bei den Burgfestspielen Bad Vilbel war das Rockmusical, das auch als Rockoper bezeichnet wird, zuletzt 2007 in einer Inszenierung von Egon Baumgarten zu sehen (Besprechung). Jetzt stellte Regisseurin und Musicaldarstellerin Annette Lubosch eine Neuinterpretation vor. Die Premiere eröffnete offiziell das Abendprogramm der diesjährigen Burgfestspiele in Bad Vilbel. Zu diesem Anlass waren nicht nur viele Mitglieder des Hessischen Landtags anwesend, sondern auch die Präsidentin des Hessischen Landtags (Astrid Wallmann), der Hessische Minister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur (Timon Gremmels) und natürlich der Bad Vilbeler Bürgermeister Sebastian Wysocki. Zu Beginn der neuen Saison können sich die Burgfestspiele Bad Vilbel über einen neuen Rekord freuen: Noch nie wurden so viele Eintrittskarten im Voraus verkauft.
Politischer Aspekt des Stücks
Das durchkomponierte Musical mit Rock, Hard Rock, Soul und Gospel hat eine überaus dynamische und energiegeladene Stimmung. Diese ist in Annette Luboschs Neuinszenierung, insbesondere in der ersten Hälfte, nur bedingt zu spüren (auch wenn sich Jesus und Judas voller Leidenschaft die Seele aus dem Leib schreien und viel getanzt wird; Choreografie: Stefanie Schwendy). Lubosch betont zunächst mehr den politischen Aspekt des Stücks. Schließlich sprach sich „Rebell Jesus“ gegen Machtmissbrauch aus und setzte sich für die Not leidende Bevölkerung ein. Gleichwohl ging dies für seinen Jünger Judas nicht weit genug und so kam es, dass er ihn verriet.

Burgfestspiele Bad Vilbel
Jesus von Nazareth (Antonio Calanna)
© Eugen Sommer
Jesus schart seine Jünger bei „Polit-Meetings“ um sich. Die Anhänger Jesu verteilen im Volk (Publikum) Flugblätter mit der Aufschrift „Bist du bereit?“ und beschmieren Bilder der Besetzer. Priester und Pharisäer beobachten währenddessen das Geschehen kritisch. Jesus’ Jünger und sein Gefolge tragen ärmellose Überwürfe mit plakativ platzierten Schlagwörtern und Parolen (wie „Jesus loves you“), die aber kaum zu entziffern sind. Jesus sticht mit einem weißen Umhang mit roten Lettern hervor. Erhaben wirken die Priester und Pharisäer in ihren schwarzen Gewändern, schlicht in schwarzen Arbeitsoveralls sind die Schergen gekleidet.
In Zeiten zunehmender Säkularisierung ist fraglich, inwieweit Szenen wie die hier dargebotene Tempelszene (Jesus’ Vorwurf der Geschäftemacherei im Tempel) und die Ablehnung der lahmen und kranken Bettler seitens Jesus von einem kirchlich entfremdeten Publikum erkannt werden.
Im zweiten Teil geschieht Unerwartetes
Zeit und Ort werden in der Inszenierung nur lose angedeutet und mit Bezügen zur Gegenwart mitunter auch gebrochen. Schlicht mit Stoffen überzogene Kulissenteile deuten eine Berg-/Wüstenlandschaft an (wirkt besonders nach Einbruch der Dunkelheit). Zwei längliche fahr- und kippbare Podeste bilden zu Beginn und am Ende ein Kreuz, ansonsten gibt es lediglich wenig Requisiten (wie Wasserkanister, Wasser als exklusives Gut in der Wüste).

Burgfestspiele Bad Vilbel
Jesus von Nazareth (Antonio Calanna), Judas Ischariot (Dani Spampinato)
© Eugen Sommer
Wirkt der erste Teil wie eine lose Aneinanderreihung der Songs, geschieht im zweiten Teil dann doch noch einiges. Nicht nur, dass Maria Magdalena und Petrus sich nun frei von ihren Umhängen in Gegenwartskleidung zeigen können. Die Szene mit einem dekadenten Herodes als Showmaster im goldenen Saunakilt (temperamentvoll: Emanuel Jessel) und umgeben von illustren Spaßgenoss:innen („Herodes´ Lied“) bricht förmlich die Stimmung auf, so etwas hätte schon im ersten Teil passieren können. Und auch das Finale sticht als groß inszenierte „Jesus Christ Superstar“-Show mit viel Glitzer heraus (Bühne: Valerie Lutz; Kostüme: Cosima Winter).
Maria als Gegenpol zu Jesus und Judas
Gesungen wird komplett auf Deutsch, dabei ist nicht immer alles verständlich zu hören. Die Band spielt mit viel Energie unter der Leitung von Nicolas Mischke. Mit Antonio Calanna als Jesus von Nazareth und Dani Spampinato als Judas Ischariot konnten die Burgfestspiele Bad Vilbel zwei herausragende Sänger gewinnen. Sie geben alles und begeistern mit ihren starken Stimmen und ihrer intensiven Bühnenpräsenz.

Burgfestspiele Bad Vilbel
Maria Magdalena (Lena Poppe), Ensemble
© Eugen Sommer
Ein äußerst angenehmer Gegenpol zu Jesus und Judas ist die Maria Magdalena der Lena Poppe. Maria ist hier auf Augenhöhe mit Jesus und so etwas wie seine Partnerin. Die besänftigend wirkende Ballade „Wie kann ich ihn nur lieben“ gibt sie mit hoher Emotionalität. Den römischen Statthalter von Judäa, Pontius Pilatus, gibt markant Boris Böhringer. Bass Markus Düllmann nimmt mit seiner tiefen Stimme als Hohepriester Kajaphas für sich ein. Das Ensemble wird ergänzt von Stefan Kiefer (Hannas), Lukas Schwedeck (Simon Zelotes) und Sascha Stead (Petrus).
Mit viel Energie ist nicht zuletzt der BelVoce Chor präsent (Chorleitung: Benedikt Bach). Jesus’ Mutter ist als stumme Rolle am Anfang und am Ende beobachtend integriert. Passend zur Spannung der finalen Kreuzigungsszene kam bei der Premierenvorstellung ein Unwetter auf, wodurch die Szenerie eine zusätzliche Dramatik erfuhr.
„Jesus Christ Superstar“ ist bei den diesjährigen Burgfestspielen an ausgewählten Terminen noch bis zum 30. August zu erleben.
Markus Gründig, Mai 26
Jesus Christ Superstar
Rockmusical
Musik: Andrew Lloyd Webber
Gesangstexte: Tim Rice
Deutsch von: Timothy Roller
Uraufführung: 12. Oktober 1971 (New York, Mark Hellinger Theatre)
Deutsche Erstaufführung: 18. Februar 1972 (Münster i.W., Halle Münsterland)
Premiere bei den Buurgfestspielen Bad Vilbel: 29. Mai 26
Regie: Annette Lubosch
Musikalische Leitung: Nicolas Mischke
Choreografie: Stefanie Schwendy
Bühne: Valerie Lutz
Kostüme: Cosima Winter
Dramaturgie: Ruth Schröfel
Chorleitung: Benedikt Bach
Regieassistenz: Christoph Brodnjak
Dance Captain: Luisa Meloni
Besetzung:
Jesus von Nazareth: Antonio Calanna
Judas Ischariot: Dani Spampinato
Maria Magdalena: Lena Poppe
Pontius Pilatus: Boris Böhringer
Hannas: Stefan Kiefer
Herodes: Emanuel Jessel
Kajaphas: Markus Düllmann
Simon Zelotes: Lukas Schwedeck/Felix Freund
Petrus: Sascha Stead/Felix Freund
Ensemble: Anne Hoth, Iman Khaleghi, Luisa Meloni, Brandon Miller, Annika Müller, Stephan Schöne, Lorenzo Pedrocchi, Caroline Zins
BelVoce Chor
Liveband
