
Im Alter von 26 Jahren beendete Thomas Mann (1875 – 1955) seinen ersten Roman, der 29 Jahre später mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde: „Buddenbrooks“. Die Geschichte vom Zerfall einer Kaufmannsfamilie aus Norddeutschland erstreckt sich über vier Generationen und auf über 800 Seiten.
In Frankfurt/M inszenierte zuletzt im Jahr 2008 Cilli Drexel John von Düffels Bühnenfassung des Romans in der damaligen Spielstätte schmidtstraße für das Schauspiel Frankfurt. Zum 125-jährigen Jubiläum des Romans hat die Regisseurin Johanna Wehner eine eigene Fassung des Jahrhundertromans für das Schauspiel Frankfurt erarbeitet. Mit dem Haus verbindet sie eine langjährige Zusammenarbeit. Zuletzt erarbeitete sie hier erfolgreich Bram Stokers „Dracula“.
Keine feste Rollenzuordnung
Für „Buddenbrooks“ musste Wehner die Vorlage stark verdichten. Schließlich gibt es im Roman nicht nur die vielen Familienmitglieder der Buddenbrooks, sondern auch besonders eine große Anzahl an Nebenpersonen. Wehners Umsetzung beschränkt sich auf die wichtigsten Familienmitglieder innerhalb der vier Generationen. Hierfür reichen ihr acht stark aufspielende Ensemblemitglieder.

Schauspiel Frankfurt
Heidi Ecks, Christoph Pütthoff, Tanja Merlin Graf, Johanna Link, Anna Kubin, Stefan Graf, Christoph Bornmüller, Matthias Redlhammer
Foto: Birgit Hupfeld
Auch wenn Einzelne mitunter für eine bestimmte Person stehen, gibt es keine lineare Figurenzuordnung. Spieler:innen übernehmen hier „Anwaltschaften für die Figuren“ (Ellen Hofmann). Oftmals verkörpern mehrere nur eine Person. Wie generell viel chorisch gesprochen wird.
Schön herausgearbeitet ist die Verbundenheit der Familie, wenn alle zusammen und doch individuell eine Kette bilden. Jede(r) ist Teil der Kette, gleichsam ist jede Figur aber auch „angekettet“. Freiheit gibt es, wenn überhaupt, nur temporär. Wie beispielsweise bei der individuellen Kleidung, die auf die jeweiligen Charaktere abgestimmt ist (Kostüme: Ellen Hofmann).
Johann Bs. Flötenspiel zieht sich leitmotivisch als dezente und wandelbare Melodie zwischen den Szenen durch den Abend (Musik: Vera Mohrs).
Räumen werden nur sehr lose angedeutet
Für den Handlungsspielort, das neu erworbene prachtvolle Wohnhaus der Familie Buddenbrook in der Mengstraße, wird die große Hauptbühnenfläche genutzt. Dabei ist die Hauptspielfläche von einem metallenen Brüstungsgeländer einer Terrassenanlage umgeben (die entfernt auch an eine Schiffsreling erinnert). Vom Schnürboden fahren weiße und Wohlstand repräsentierende Wandfragmente herab, womit eine Vielzahl an Räumen sehr lose angedeutet wird. Vorgegebene Wege der Figuren schweben quasi über ihnen, einen Ausweg gibt es für sie nicht.
Kurz vor der Pause (nach anderthalb Stunden) ist der familiäre Zerfall immer unaufhaltsamer und nun auch optisch zu sehen. Das Podest fährt nach oben und eine Unterkonstruktion kommt zum Vorschein: das Fundament des Hauses. Hier ist es jetzt dunkler, wie ja auch die wirtschaftliche Situation der Kaufmannsfamilie immer düsterer wird. Darin hängt im Hintergrund leicht verborgen eine Nachbildung von Andersens kleiner Meerjungfrau Kopf-über herab (Bühne: Daniel Wollenzin). Ein Bezug zum Meer und zum Handel der Buddenbrooks, stellen zudem die wellenförmigen Querstreben der Unterkonstruktion her.

Schauspiel Frankfurt
Christoph Bornmüller, Tanja Merlin Graf, Heidi Ecks, Johanna Link, Stefan Graf, Anna Kubin, Christoph Pütthoff
Foto: Birgit Hupfeld
Die Premierenvorstellung stand bis kurz vor Beginn auf der Kippe. Wie Intendant Anselm Weber dem Publikum zu Beginn mitteilte, hatte ein technischer Defekt am Mittag dafür gesorgt, dass sich das große Bühnenpodest nicht mehr herabfahren ließ. Nur dank des intensiven Einsatzes eines Technikers (in Zusammenarbeit mit einer Elektronik-Fachfirma aus Dresden) klappte es schließlich auf den allerletzten Drücker.
Wozu ist der Mensch auf der Welt?
Viele Hauptthemen des Romans werden innerhalb der knapp dreistündigen Aufführung (inklusive einer Pause) behandelt. Im Mittelpunkt stehen jedoch Kernfragen des Menschseins, wie „Wozu ist der Mensch auf der Welt?“, „Wie wird Glück definiert?“ und „Welche Rolle spiele ich?“. Hierfür treten die Spieler:innen öfters aus der engeren Spielfläche heraus und kommentieren von der Seite.
Innerhalb der oben erwähnten nichtlinearen Figurenzuweisung ist anzumerken:
Matthias Redlhammer ist als der gewissenhafte und erhabene Johann Buddenbrook (der Ältere) und als Konsul Jean B. zu erleben. Heidi Ecks gibt einen berührenden Monolog als Elisabeth (Bethsy) B., wenn sie darum kämpft, ihrem bereits verstorbenen Jean zu folgen.
Christoph Pütthoff zeigt deutlich, wie dem Familienoberhaupt Thomas B. zunehmend alles über den Kopf wächst. Der Christian B. des viele Facetten aufbietenden Christoph Bornmüller ist hingegen von Anbeginn an zwiegespalten.
Lebensfreudig und mit viel Energie ragt die Tony (Antonie B.) der Tanja Merlin Graf heraus. Passend undurchsichtig ist der sich elegant präsentierende Bendix Grünlich des Stefan Graf. Anna Kubin gibt eine großartige Erzählerin und Gerda B, Johanna Link u. a. schön subtil den fragilen Hanno.
Am Ende des virtuos gespielten „collagenhaften Wimmelbilds“ (Johanna Wehner im Programmheft) über die Familie Buddenbrook: langanhaltender Applaus.
Markus Gründig, April 26
Buddenbrooks
Roman von:Thomas Mann
Bühnenfassung: Johanna Wehner
Premiere am Schauspiel Frankfurt: 25. April 26 (Großes Haus)
Regie: Johanna Wehner
Bühne: Daniel Wollenzin
Kostüme: Ellen Hofmann
Musik: Vera Mohrs
Dramaturgie: Katrin Spira
Licht: Ellen Jaeger
Mit: Christoph Bornmüller / Heidi Ecks / Stefan Graf / Tanja Merlin Graf / Anna Kubin / Johanna Link / Christoph Pütthoff / Matthias Redlhammer
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