Schauspiel Frankfurt: Die neue Spielzeit 2026/27

Spielplanpräsentation 2026/27 am Schauspiel Frankfurt ~ Martina Droste, Katrin Spira, Lukas Schmelmer, Katja Herlemann, Alexander Leiffeidt ~ Foto: Robert Schittko

»Klug ist und Herr über manche Gefahr, wer bedenkt, was er sieht, der Mensch«, heißt es in »Biedermann und die Brandstifter«, einem der Stücke der Spielzeit 2026/27. Doch was nehmen wir eigentlich wahr? Oft gleitet der Blick über Dinge hinweg, erst die Irritation unterbricht diese Gewohnheit. Das Gesehene bleibt dabei selten vollständig – das Ungesehene gehört ebenso zur Welt wie das Offensichtliche. Das Schauspiel Frankfurt befragt in der kommenden Spielzeit, was wir sehen – und ebenso das, was uns entgeht, was wir übersehen oder nicht wahrhaben wollen.

Der Spielplan

SCHAUSPIELHAUS

Mit dieser Perspektive eröffnet das Schauspiel Frankfurt die Spielzeit mit der Geschichte eines »einfachen Menschen«, der sich durch ein Jahrhundert der Kriege bewegt: In der Inszenierung von Jan-Christoph Gockel werden »Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk« erzählt – vom Ersten Weltkrieg über seine Fortsetzung im Zweiten bis hin in unsere Gegenwart. Neben Jaroslav Hašeks Roman bildet Brechts Bühnenbearbeitung des Textes den zweiten Teil einer von Gockel entwickelten Schwejk-Trilogie.

Der dritte Teil führt die Figur nach Bachmut. Textliche Grundlage bildet hierfür die Recherche des in Russland geborenen und in Deutschland lebenden Autors Sergei Okunev, der Interviews mit ehemaligen Kämpfern geführt hat, die an der Schlacht um Bachmut beteiligt waren. Jan-Christoph Gockel verbindet wie kaum ein anderer Regisseur Politik mit Poesie: In seinen Arbeiten treffen Puppen, Schauspieler:innen, Film, Musik und dokumentarisches Material aufeinander. Am Schauspiel Frankfurt ist derzeit seine Inszenierung »Faust 1 & 2« zu sehen.

Krieg, Gewalt und die Folgen von Entmenschlichung stehen auch im Zentrum von Ödön von Horváths »Ein Kind unserer Zeit«. Der letzte Roman des österreichisch-ungarischen Schriftstellers spielt während der Diktatur zwischen zwei Kriegen und formuliert eine eindringliche Kritik an der empathielosen, faschistischen Gesellschaft und dem Horror des Krieges. Die Inszenierung übernimmt Barbara Bürk, die regelmäßig am Schauspiel Frankfurt arbeitet und aus literarischen Vorlagen intime musikalische Inszenierungen entwickelt.

Ágota Kristófs weltberühmter Roman »Das große Heft« schildert das Leben zweier Kinder im Krieg. In scheinbar nüchterner Sprache erzählt der Roman die Erfahrungen von Gewalt, Verlust und Überleben. Ein verstörendes, schonungsloses Plädoyer gegen den Krieg von erschütternder Aktualität. Die österreichische Theatermacherin und zweifache Nestroy-Preisträgerin Sara Ostertag arbeitet an der Schnittstelle von Schauspiel, Choreografie und Performance und ist bekannt für ihre tänzerisch geprägten, bilderreichen Inszenierungen.

Oftmals werden diejenigen übersehen, die durch äußere Umstände aus dem Gleichgewicht geraten. Vier Stücke des neuen Spielplans greifen Lebensrealitäten zwischen Hoffnung, psychischer Belastung und sozialer Ungerechtigkeit auf.

Knapp 100 Jahre nach dem Erscheinen von Hans Falladas Roman »Kleiner Mann – was nun?« richtet die Regisseurin Luise Voigt bei ihrer Adaption des Stoffs den Blick gezielt auf Parallelen zur Gegenwart: Die soziale Ungleichheit wächst, wirtschaftliche und politische Spannungen nehmen zu, radikale und populistische Positionen gewinnen an Einfluss. Voigt ist für ihre starken inhaltlichen und ästhetischen Zugriffe bekannt. Nachdem sie in den Kammerspielen zuletzt Björn SC Deigners »So langsam, so leise« zur Uraufführung gebracht hat, inszeniert sie mit Falladas Klassiker nun auf der großen Bühne des Schauspiel Frankfurt.

»Eines langen Tages Reise in die Nacht« zeigt die Abgründe einer Künstlerfamilie zwischen Rausch, Krankheit und Illusion. Eugene O’Neill verarbeitet in seinem posthum uraufgeführten Drama die eigene Familiengeschichte und seine lebenslange Auseinandersetzung mit Schuld, Abhängigkeit, Krankheit und Verstrickung. Dabei schrieb er nicht nur autobiografisch, sondern rekonstruierte Erinnerung als Konfliktraum – als subjektiv erlebte, immer wieder durchgespielte Vergangenheit. Max Lindemann (»Phädra, in Flammen«, »Süßer Vogel Jugend«) widmet sich in seinen Regiearbeiten bevorzugt den psychologischen Tiefenschichten seiner Figuren.

Spielplanpräsentation 2026/27 am Schauspiel Frankfurt
(Foto: Robert Schittko)

In Arthur Millers »Tod eines Handlungsreisenden« entsteht das Porträt eines modernen Jedermann im Spannungsfeld von Selbstanspruch und gesellschaftlichem Druck. In präzisen Zeitsprüngen entfaltet sich das Bild eines Lebens, das an den eigenen Erwartungen zerbricht. Mit dieser Arbeit stellt sich der Filmemacher und Theaterregisseur Adrian Figueroa, dessen Inszenierungen und Kurzfilme vielfach international ausgezeichnet und zu Festivals eingeladen worden sind, erstmals in Frankfurt vor.

»Andere Leute« von Dorota Masłowska erzählt in rhythmischer, vielstimmiger Sprache von mehreren Figuren in Warschau, deren Lebensrealitäten von sozialer Unsicherheit geprägt sind. Im Mittelpunkt stehen gescheiterte Beziehungen, Alltagsfrustrationen und der Einfluss von Konsum, Geld und medialer Sprache auf ihre Wahrnehmung der Welt. Alle Figuren kämpfen mit Identitätsverlust, Einsamkeit und der Suche nach einem Platz in einer zerrütteten Welt. Die Inszenierung von Dennis Duszczak interessiert sich für ein Theater, das sich radikal der Gegenwart stellt – präzise, poetisch und unbequem.

Die neue Spielzeit widmet sich thematisch auch den Kräften, die Systeme formen und zusammenhalten – den offensichtlichen ebenso wie den unsichtbaren. Regeln können Orientierung bieten, aber auch einengen. Was passiert, wenn wir sie infrage stellen und die Ordnung von Natur und Gesellschaft radikal neu entwerfen?

Von dem Aufeinanderprallen von öffentlichem Amt und persönlichen Begehren erzählt »Edward II«. In einer von Macht und Intrige geprägten Welt wird seine Liebe zum politischen Risiko – und zum Auslöser seines Sturzes. Ein packendes Porträt über den einsamen Kampf eines Individuums gegen ein System, das keine Abweichung duldet und wahres Begehren mit dem Untergang bestraft. Regisseur Ran Chai Bar-zvi begegnet in seinen bildstarken Inszenierungen auch existenziellen Stoffen stets mit großer Leichtigkeit, ohne dabei deren ernsten Kern zu verharmlosen. Nach seiner Erfolgsinszenierung »Das Bildnis des Dorian Gray« kehrt er mit Marlowes Klassiker ans Schauspiel Frankfurt zurück.

In »Frankenstein« geraten die inneren Abgründe des Menschen außer Kontrolle. Regisseurin Lilja Rupprecht entwickelt gemeinsam mit dem Autor Thomas Melle eine Bühnenfassung nach Mary Shelley und bringt das Stück auf der großen Bühne zur Uraufführung. Rupprecht ist dem Frankfurter Publikum bereits durch fünf Inszenierungen in den letzten Jahren bekannt, zuletzt waren in ihrer Regie Jelineks »Sonne/Luft«, Fassbinders »Die Ehe der Maria Braun« sowie E.T.A. Hoffmanns »Der Sandmann« zu sehen.

Weder Kontrolle noch Einblick hat Josef K. in Kafkas »Der Prozeß«. Er gerät in ein Verfahren, dessen Regeln und Autoritäten ihm vollständig verborgen bleiben. Von seiner Brisanz hat Kafkas Text heute nichts verloren. In einer Zeit, in der die Vereinfachung von Diskursen und Zuspitzungen ohne Beweise uns täglich beschäftigen, klingen Kafkas Worte aktueller denn je. Johanna Wehner wird nach ihren Inszenierungen von »Dracula«, »Hiob« und »Buddenbrooks« den Text in einer eigenen, sprachmusikalischen Fassung auf die Bühne bringen.

Die Regisseurin Sapir Heller hat schon mit ihren bisherigen Inszenierungen in Frankfurt – »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« und »Dingens« – ihr großes Interesse für politische Stoffe und groteske Komödien bewiesen. »Biedermann und die Brandstifter« von Max Frisch zeigt einen Bürger, der die offensichtliche Gefahr verdrängt. Aus Angst vor Konflikten nimmt er Brandstifter bei sich auf – mit fatalen Folgen. Max Frischs 1958 uraufgeführtes Stück zeigt, wie Mitläufertum und Selbsttäuschung Katastrophen erst möglich machen. Es ist ein Aufruf, aktiv zu handeln und die Zeichen der Zeit zu erkennen, bevor es zu spät ist.


KAMMERSPIELE

In den Kammerspielen versammelt das Schauspiel Frankfurt neue Dramatik – direkt, widersprüchlich und überraschend leicht im Ton verhandeln die Stücke die Zumutungen unserer Gegenwart.

Der Gewinnertext des Retzhofer Dramapreises 2025, »Lecken 3000«, ist ein ebenso witziges wie brisantes Stück zum Thema Machtmissbrauch bzw. Gewalt in queeren Beziehungen. Lynn t musiol überrascht mit einem Figurenarsenal von unverwechselbarer Direktheit und Unverfrorenheit. Das Stück ist der Versuch, das Unbequeme und Widersprüchliche mit Wucht und Tempo sag- und fühlbar zu machen.

Susanne Frieling kehrt nach dem Erfolg von »Wir haben es nicht gut gemacht« und »Bilder deiner großen Liebe« mit einer weiteren sensiblen und eindringlichen Regiearbeit in die Kammerspiele zurück.

»Der Abend vor dem Danach« beginnt als scheinbar elegantes Abendessen unter vier Menschen, bei dem ein geschäftlicher Deal und sozialer Aufstieg im Raum stehen. Doch unter der Oberfläche von Geld, Erfolg und guter Gesellschaft brechen alte Konflikte, Verletzungen und Machtverhältnisse auf. Im Verlauf des Abends verschieben sich die Rollen, und aus dem privaten Treffen wird eine Konfrontation über Schuld, Rache und Verantwortung. Mit dieser Auftragsarbeit stellt sich die österreichische Dramatikerin Lisa Wentz erstmals in Deutschland vor.

Spielplanpräsentation 2026/27 am Schauspiel Frankfurt
(Foto: Robert Schittko)

Autor und Regisseur Bonn Park, dessen erste Arbeit am Schauspiel Frankfurt »They Them Okocha« für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert war, nimmt sich für sein neues Stück des Horror-Genres an. Das Setting ist ein öffentlicher Ort: ein trister Bahnhof oder eine verwaiste Innenstadt, in der sich ehemalige gesellschaftliche Gewissheiten in ein „hochkarätiges Koma der Hilflosigkeit“ verwandelt haben. Bonn Park schreibt seine Theatertexte, während er in den Proben im engen Austausch mit den Schauspieler:innen steht und gemeinsam mit ihnen recherchiert und entwickelt.

Eine namenlose Schriftstellerin ist plötzlich Teil einer Theatergruppe, die dem ungeklärten Verschwinden zweier Holländerinnen im Dschungel Panamas auf die Spur geht. Während ein Theatermacher den Fall zum Stoff seines nächsten Projekts machen will, zeigt sich bald, dass es sich um viel mehr als eine kriminologische Aufarbeitung handelt. Tatsächlich fordert die Arbeit dazu auf, die Grenzen des Erzählens auszuloten.

In ihrem mit dem Deutschen Buchpreis 2025 ausgezeichneten Roman »Die Holländerinnen« verstrickt Autorin Dorothee Elmiger mehrere Erzählebenen auf höchst virtuose Weise miteinander. Sebastian Schug ist bekannt für seine sinnlich-klugen Bearbeitungen außergewöhnlicher Stoffe. Nach seinen Inszenierungen »Liberté oh no no no« und »Szenen einer Ehe« kehrt er zurück ans Schauspiel Frankfurt und widmet sich Elmigers sprachgewaltigen Werk.


JUNGES SCHAUSPIEL

Das Junge Schauspiel unter der Leitung von Martina Droste wird auch in der kommenden Spielzeit wieder eigene Stückentwicklungen präsentieren.

In den Kammerspielen entsteht das Stück »Heimlich, still und leise?«. Mit dem Begriff Widerstand verbinden sich oft Geschichten von Menschen, die sich unter Gefahr gegen diktatorische Systeme stellten und heute als moralische Vorbilder gelten. Der Blick richtet sich nun auf die Gegenwart und auf junge Menschen, die ihren eigenen Umgang mit Ungerechtigkeit und gesellschaftlichen Spannungen finden. Widerstand erscheint dabei als Haltung im Alltag einer Demokratie – zwischen stiller Verweigerung und öffentlichem Protest – und als Ausdruck des Wunsches nach Veränderung und einem gerechteren Zusammenleben.

Ein weiteres Projekt wird im Frankfurter Stadtraum stattfinden: Neue Perspektiven eröffnen sich oft erst beim genaueren Hinsehen. Von dort aus begeben sich junge Performer:innen auf eine künstlerische Spurensuche zu historischen Orten in Frankfurt, die Geschichten über das erzählen, was Bedeutung hat. Das Junge Schauspiel entwickelt dafür in jeder Spielzeit eine ortsspezifische Performance außerhalb des Theaters. In Zusammenarbeit mit Frankfurter Museen und Institutionen entstehen so Arbeiten, die aktuelle Themen aus der Perspektive der Jugendlichen aufgreifen und in bewegende, inklusive Formate übersetzen.

In der Vorweihnachtszeit zeigt das Schauspiel Frankfurt das Familienstück »Die kleine Hexe«. Otfried Preußler erzählt mit feinem Humor und lebendiger Fantasie von Abenteuer, Verantwortung und dem Wert guter Taten – eine zeitlose Geschichte, die Kinder und Erwachsene gleichermaßen verzaubert.

Die intensive künstlerische Zusammenarbeit mit Schulen wird ebenso fortgeführt wie die theaterpädagogische Begleitung von Inszenierungen sowie zahlreiche inklusive, kreative Prozesse in Workshops.


EXTRAS

Die Box am Schauspiel Frankfurt ist und bleibt ein Ort für Experimente, ungewöhnliche Begegnungen und neue Erfahrungen. Auch in der neuen Spielzeit werden hier Regiedebüts gefeiert, neue Formate erprobt und andere Wege eingeschlagen.

Ensemble, Band und Special Guests setzen ein erfolgreiches Musikformat in den Kammerspielen fort: Im »Liedschatten« mischen sich weiterhin Pop mit Chanson, Experimentelles mit Punk, Trash mit Romantischem.

»Positionen und Perspektiven« – eine neue Gesprächsreihe

Ein Gast, zwei Moderator:innen und ein offener Raum für unterschiedliche Blickwinkel: Die neue Gesprächsreihe stellt das gemeinsame Nachdenken in den Mittelpunkt. Im Dialog entstehen vertiefte Einblicke in zentrale Fragen unserer Zeit – getragen von Neugier, genauem Zuhören und dem Austausch persönlicher Perspektiven.
mit Saba-Nur Cheema, Meron Mendel und Gästen

Die Spannung zwischen Sichtbarem und Verborgenem setzt sich in den visuellen Arbeiten der Spielzeit fort. Auch die diesjährigen Ensemblefotos folgen zunächst der Logik von Geschlossenheit und Vollständigkeit – doch der Eindruck trügt. Erst bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass etwas irritiert, dass nicht alles stimmig ist. Das Bild fordert dazu auf, weitergedacht und weitergelesen zu werden.

Für das digitale Magazin sind in diesem Jahr wieder literarische Beiträge der Autor:innen entstanden, die vom Ensemble digital eingelesen werden.

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