
Die Premiere von „Das Bildnis des Dorian Gray“ am Schauspiel Frankfurt war bereits vor 10 Wochen. Dennoch sind ständig alle Vorstellungen ausverkauft. Dabei steht das Stück ob seiner Popularität relativ oft im Spielplan und die Romanvorlage ist ja auch schon über 130 Jahre alt.
Zweifelsohne geht von der Figur des Dorian Gray auch heute noch eine besondere Faszination aus. Schließlich werden wir tagtäglich mit den Themen Jugend, Schönheit und Altern konfrontiert. Für Oscar Wilds Romanfigur Dorian Gray werden diese Themen zur Obsession. Er kann sich sein jugendliches Aussehen und seine Attraktivität bewahren, dafür altert ein Porträt an seiner Stelle. Dennoch verändert er sich. Aus einem unbekümmerten Schönling wird ein brutaler Mörder, der am Ende stirbt.
Ran Chai Bar-zvis erste Arbeit für das Schauspiel Frankfurt
Für das Schauspiel Frankfurt hat der Regisseur und Bühnenbildner Ran Chai Bar-zvi das Stück inszeniert. Die Bühnenfassung erarbeitete er gemeinsam mit dem Dramaturgen Lukas Schmelmer.
Es ist Bar-zvis erste Arbeit am Haus. Bundesweit hat er schon vielfach auf sich aufmerksam gemacht. Wie mit Einladungen seiner Inszenierungen zum Münchner Radikal Jung Festival und mit dem Erhalt des Kurt-Hübner-Regiepreises der Deutschen Akademie der darstellenden Künste 2024 (für seine Inszenierung von „Blutbuch“ nach dem Roman von Kim de l’Horizon am Staatstheater Hannover).
Beschränkung auf die drei Hauptfiguren
Die neue Frankfurter Bühnenfassung beschränkt sich auf die drei Hauptfiguren: den Dandy Dorian Gray, den Maler Basil Hallward und dessen Freund Lord Henry Wotton. Diese werden ästhetisch verführerisch und pointiert in einem abstrakten Raum mit einer großen, mittig platzierten, drehbaren Wand in Szene gesetzt (Bühne: auch Ran Chai Bar-zvi). Ihre hohe Lackstiefel vermitteln eine Spur von aus dem Rahmen fallenden sexuellen Vorlieben. Ihre Oberteile „greifen die im Roman stark prägende Blumenmetaphorik auf und verbinden sie mit einer provokativen Extravaganz“ (Lukas Schmelmer; Kostüme: Belle Santos).

Schauspiel Frankfurt
Stefan Graf, Miguel Klein Medina, Mitja Over
Foto: Robert Schittko
Gegenseitigen Abhängigkeiten
Es gibt homoerotische Anspielungen, die jedoch relativ dezent vermittelt werden. Sei es ein Petplay zwischen Dorian und Basil oder sanfte Berührungen.
Brillant werden die gegenseitigen Abhängigkeiten ausgespielt. Dabei ist Stefan Graf mit seiner vielfältigen Gesichtsmimik ein ganz großer Manipulator Lord Henry, der mit krassen Sprüchen den jungen Dorian geschickt um seine Finger wickeln kann. Dorian wiederum weiß Basils Schwächen nur zu gut für sich zu nutzen. Miguel Klein Medina gibt den devoten Basil apart und würdevoll.

Schauspiel Frankfurt
Miguel Klein Medina, Stefan Graf, Mitja Over
Foto: Robert Schittko
Als Dorian Gray ist Mitja Over zu erleben. 2024 stellte er sich dem Frankfurter Publikum in den Kammerspielen bei „Phädra in Flammen“ vor, inzwischen ist er Ensemblemitglied. Der Wandel vom unschuldigen Boy zum gnadenlosen Mörder gelingt ihm sehr gut. Er durchbricht gar die vierte Wand und steigt über das Publikum der ersten Reihen, um den Hype um Dorian zu untermauern.
Eine musikalische Untermalung betont die jeweilige Situation. Sie reicht von gelöster Atmosphäre und Partymusik (wie Eurythmics „Sweet Dreams [Are Made of This]“) und düster dröhnenden Klangmotiven (Musik: Evelyn Saylor).
„Dorian Gray (Extended Version)“
Eine Besonderheit dieser Inszenierung ist der zusätzliche Text „Dorian Gray (Extended Version)“, der zum Schluss ins Spiel kommt. Er wurde von Marcus Peter Tesch eigens für diese Inszenierung geschrieben. Tesch greift Oscar Wilds virtuosen Sprachstil gekonnt auf und vermittelt das Ende in einem überzogeneren und derberen Stil: Dorian Grays Bildnis entsteigt seinem Bilderrahmen und in einer leidenschaftlichen und stürmischen Penetration verbinden sich die beiden. Dass das nicht gut enden kann, ist natürlich klar. Schließlich bleibt Dorian an einem von drei Spiegeln hängen. Die beiden übrigen Spiegel warten gewissermaßen auf Basil und Lord Henry (bzw. den Zuschauer als Subjekt der heutigen ständigen Selbstoptimierung).
Bei der besuchten 11. Vorstellung gab es für das leidenschaftliche Spiel und die kraftvollen Bilder lang anhaltenden und intensiven Beifall vom Publikum (aller Altersklassen).
Markus Gründig, März 26
Das Bildnis des Dorian Gray
Roman
Von: Oscar Wilde (1854 – 1900)
Premiere am Schauspiel Frankfurt: Freitag, 12. Dezember 25 (Kammerspiele)
Fassung von: Ran Chai Bar-zvi und Lukas Schmelmer
Mit einem Kommentar von: Marcus Peter Tesch
Premiere: 19. Dezember 25 (Kammerspiele)
Besuchte Vorstellung: 2. März 26
Regie und Bühne: Ran Chai Bar-zvi
Kostüme: Belle Santos
Musik: Evelyn Saylor
Dramaturgie: Lukas Schmelmer
Mit: Stefan Graf, Miguel Klein Medina, Mitja Over
