
Nach bewegten Zeiten hat das English Theatre Frankfurt inzwischen wieder seine Türen am Stammsitz im Galileo-Hochhaus offen. Nach der Wiederaufnahme des Musicals „Something Rotten!“ im Februar, gab es jetzt die erste Premiere in der verkürzten Spielzeit 2025/26. Sie stellte gleichzeitig die offizielle Wiedereröffnung dar.
„Egomania ~ Size Matters“ lautet bekanntlich das aktuelle Spielzeitmotto, womit Parallelen zu gegenwärtigen politischen Größen naheliegen.
Streitbare Polit-Größen
Bei Howard Brentons „Churchill in Moscow“ treffen zwei Politgrößen aus der Zeit des 2. Weltkriegs aufeinander. Der britische Premierminister Winston Churchill und der sowjetische Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Josef Stalin. Beide eint der Wunsch, das Vordringen der Deutschen im 2. Weltkrieg zu unterbinden und Leid und Schaden für Millionen von Menschen abzuwenden.

English Theatre Frankfurt
Sir Archibald Clark Kerr (Theo Fraser Steele), Vyacheslav Molotov (Anthony Hunt)
© Martin Kaufhold
Gleichwohl sind beide nicht unumstritten. Churchill motivierte die Briten im Kampf gegen Nazi-Deutschland („We shall never surrender“). Für seine historisches und biografisches Werk erhielt er im Jahr 1953 den Literaturnobelpreis. Umstritten sind seine imperialistischen Ansichten und seine Haltung gegenüber den damaligen britischen Kolonien. Josef Stalin war für die Sowjetunion ein starker Führer, der das Land schnell industrialisierte und es zu einer Weltmacht formte. Gleichzeitig steht sein diktatorischer Führungsstil aber auch für Hungersnöte, Repression, Terror und Zwangsarbeit.
Starkes Duo Churchill und Stalin
Im Stück spielen die Schattenseiten der Politiker keine große Rolle. Bei ihrem geheimen Treffen im Moskauer Kreml im August 1942 geht es um ein bedächtiges sich annähern und um taktische Kriegsfragen. Die deutsche Armee steht kurz vor der Einnahme der Stadt Stalingrad, während die Briten und die mit ihnen verbündeten USA eine große Atlantik-Offensive erst für das kommende Jahr planen. Trotz kultureller und sprachlicher Barrieren finden die gegensätzlichen Charaktere aber einen Weg zueinander. Wie? Das ist der Clou der Inszenierung und vom Regieduo Tom Littler und Rosie Tricks mit viel Humor umgesetzt. Clive Brill als Winston Churchill und Kieron Jecchinis als Joseph Stalin geben zusammen ein ausgebufftes Duo.
Am Geschehen haben die Menschen in der zweiten Reihe einen nicht unerheblichen Anteil. Die beiden Simultanübersetzerinnen geraten bei den starken Persönlichkeiten schnell an ihre Grenzen, zeigen sich aber flexibel und finden auch eine gemeinsame persönliche Ebene zueinander (Augustina Seymou als Sally Powell und Mila Carter als Olga Dovzhenko).

English Theatre Frankfurt
Svetlana Stalin (Anna-Jane Macpherson), Joseph Stalin (Kieron Jecchinis)
© Martin Kaufhold
Alle Mühen dafür zu sorgen, dass das Treffen nicht vorzeitig abgebrochen wird, haben zwei Diplomaten. Sie meistern das mit viel Fingerspitzengefühl (Theo Fraser Steele als Sir Archibald Clark Kerr und Anthony Hunt als Vyacheslav Molotov). Ergänzend gibt es die Figur von Stalins lesefreudiger Tochter Svetlana (Anna-Jane Macpherson), der es besonders die Geschichte des Waisenjungen David Copperfield von Charles Dickens angetan hat und die die in die Zukunft weisenden Schlussworte sprechen darf.
Fortschritt, Erneuerung und der Triumph des Sozialismus
Handlungsorte sind verschiedene Räume im Kreml, die lediglich durch unterschiedliches Mobiliar angedeutet werden. Das bis auf den Boden verlängerte strahlenförmige Sonnen-Tapetenmuster im Hintergrund könnte auch von einem Parteitag des Zentralkomitees stammen. Die Sonne hat für die UdSSR zwar nicht die Symbolkraft wie Hammer und Sichel, steht aber für Fortschritt, Erneuerung und den Triumph des Sozialismus. Auf die damalige Zeit und die politische Dimension verweisen zudem die Kostüme (Bühnenbild und Kostüme: Cat Fuller).
Es handelt sich um eine Übernahme der Uraufführungsproduktion vom Londoner Orange Tree Theatre. Das Regieduo Tom Littler und Rosie Tricks zeigt „Churchillin Moscow“ kurzweilig und mit einer gelungenen Mischung zwischen ernsten und vielen durchaus lustigen Momenten. Und es sind natürlich gerade die aufgezeigten menschlichen Schwächen, die die Figuren nahbar erscheinen lassen.
Dazu fasziniert, wie nah das Stück an gegenwärtige weltpolitische Situationen anspielt und wie es möglich sein kann, dass wenige Menschen Einfluss auf Millionen andere haben.
Bei der besuchten dritten Aufführung gab es ab Ende intensiven Beifall.
Markus Gründig, April 26
Churchill in Moscow
Von: Howard Brenton (* 1942)
Uraufführung: 2025 (London, Orange Tree Theatre)
Premiere am English Theatre Frankfurt / Deutsche Erstaufführung: 24. April 26
Besuchte Vorstellung: 26. April 26
Spielzeit bis: 31. Mai 26
Regie: Tom Littler / Rosie Tricks
Bühnenbild und Kostüme: Cat Fuller
Licht: Johanna Town
Ton: Max Pappenheim
Besetzung:
Winston Churchill: Clive Brill
Olga Dovzhenko: Mila Carter
Sir Archibald Clark Kerr: Theo Fraser Steele
Vyacheslav Molotov: Anthony Hunt
Joseph Stalin: Kieron Jecchinis
Svetlana Stalin: Anna-Jane Macpherson
Sally Powell: Augustina Seymour
english-theatre.de
