Vom Verlust der Zeit: »Süßer Vogel Jugend« am Schauspiel Frankfurt

Süßer Vogel Jugend ~ Schauspiel Frankfurt ~ Prinzessin Kosmonopolis (Katharina Linder), Chance Wayne (Arash Nayebbandi) ~ Foto: Thomas Aurin

In seinen 30er-Jahren hatte der US-amerikanische Dramatiker Tennessee Williams (1911 – 1983) große Erfolge. Sie bescherten ihm Anerkennung und ein finanzielles Polster. Noch heute werden die aus dieser Zeit stammenden Stücke „Die Glasmenagerie“ und „Endstation Sehnsucht“ regelmäßig gespielt, wie auch „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, das er im Alter von 44 Jahren schrieb.

Doch danach wurde es langsam ruhiger um ihn. Vor drei Jahren zeigte das English Theatre Frankfurt eines seiner späteren Werke: „Plötzlich letzten Sommer“ aus dem Jahr 1958. Das ein Jahr darauf erschienene „Süßer Vogel Jugend“ ist jetzt am Schauspiel Frankfurt zu sehen.

In seinen oftmals autobiografisch geprägten Stücken beschäftigt sich Williams mit menschlichen Konflikten und gesellschaftlichen Spannungen. Dabei tun sich oftmals emotionale Abgründe auf. So auch in „Süßer Vogel Jugend“. Es zählt zur von ihm mitgeprägten literarischen Gattung der „Southern Gothic“ (Südstaaten-Gotik) und entstand wenige Jahre vor der Bürgerrechtsbewegung in den USA.

Im Mittelpunkt stehen der attraktive, aber nur durchschnittliche Jungdarsteller und Gigolo Chance Wayne und die alternde Filmdiva Prinzessin Kosmonopolis. Gemeinsam kehren sie in seine Heimatstadt zurück. Dort wird er mit einer dunklen Geschichte aus seiner Vergangenheit konfrontiert…

Die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins

Zentrales Thema ist die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins: das Leiden an der Vergangenheit, der ernüchternden Gegenwart und ein pessimistischer Blick in die Zukunft. Denn die Zeit läuft unaufhörlich weiter, während die Menschen die bleiben, die sie sind.

Süßer Vogel Jugend
Schauspiel Frankfurt
Chance Wayne (Arash Nayebbandi), Prinzessin Kosmonopolis (Katharina Linder)
Foto: Thomas Aurin

Inszeniert wurde es von Max Lindemann (* 1989), der sich vor zwei Jahren am Schauspiel Frankfurt mit Nino Haratischwilis »Phädra, in Flammen“ dem Frankfurter Publikum in den Kammerspielen vorstellte. Stilsicher legt er einen schonungslosen Blick auf die Figuren und bringt dabei auch die kleineren Partien groß heraus. Er braucht keine großen Effekte, um die Konflikte plastisch darzustellen. Dabei begleiten starke Sounds und das Ticken einer Uhr die harten Wechsel zwischen einzelnen Szenen.

Szenerie wird angedeutet

Wie von Tennessee Williams vorgesehen, spielt die erste Szene in einem Hotelzimmer. Dass es sich um das Städtchen St. Cloud im US-Bundesstaat Mississippi der 1950er-Jahre handelt, ist hierbei nicht erkennbar. Das Hotelzimmer wird auch eher angedeutet als dass es real nachempfunden wurde. Die Bühne gleicht einem riesigen weißen Kasten, in dem mittig ein Doppelbett steht, daneben ein Servierwagen und etwas Gepäck. Fenster hat dieser Kunstraum nicht, dafür sieben Zimmer- und eine große Flügeltür. Später gibt es eine Art mondän wirkenden Lounge-Raum für die Welt der wohlhabenden Familie Finley (mit zwei Sitzgruppen und einem Klavier; Bühne: Signe Raunkjær Holm).

Wenn zur Schlussszene in den Hotelraum zurückgekehrt wird, strahlen dessen Wände weniger hell und die Rückwand wird von Chance Wayne zusätzlich mit schwarzer Farbe beschmutzt. Die Zeit hat also nicht nur innerlich Spuren hinterlassen. Eleonore Carrières Kostüme sind zeitlos gehalten und versprühen eine gewisse Eleganz (lediglich Chance verzichtet meist auf ein Jackett und zeigt sich im Trägershirt).

Ein ungleiches Paar steht im Mittelpunkt

Den nach Anerkennung strebenden Chance Wayne mit seinen gescheiterten Träumen gibt Arash Nayebbandi locker und zugleich mit Eindringlichkeit. Linda Eder ist eine anmutige Prinzessin Kosmonopolis, die zwischen Größenwahn und Selbstzweifel changiert.
Das im Mittelpunkt stehende ungleiche Paar braucht Pillen und Alkohol, um durch den Tag zu kommen. Damit sind sie von der heutigen Gesellschaft nicht weit entfernt. Wurde Frankfurt/M doch jüngst attestiert, die Stadt mit dem höchsten Koks-Konsum Deutschlands zu sein. Mit Live-Videobildern von einem Handy kommen sie zudem großformatig heraus. Die Rede des Rechtspopulisten Tom Finley über die Reinheit des Blutes, bei der er von seiner Familie umgeben ist, wird ausschließlich per Videoprojektion und zugespielten Beifallsbekundungen gezeigt (Video: Kaethe Olt).

Süßer Vogel Jugend
Schauspiel Frankfurt
Heavenly Finley (Lotte Schubert), Fly (Mitja Over), Chance Wayne (Arash Nayebbandi), George Scudder, Scotty (Andreas Vögler), Prinzessin Kosmonopolis (Katharina Linder), Boss Tom Finley (Sebastian Kuschmann), Tom Junior (Torsten Flassig), Tante Nonnie (Angelika Bartsch), Miss Lucy (Anabel Möbius)
Foto: Thomas Aurin

Aus den sieben Türen treten die sieben weiteren Figuren heraus. Sebastian Kuschmann zeigt den dominanten Familienpatriarchen Tom Finley mit Pathos. Als sein ihm treu ergebener Sohn Tom Junior präsentiert Torsten Flassig hier seine schräge Seite. Denn dieser Tom ist extrem angespannt und wirkt unheimlich. Sein späterer Gefühlsausbruch zeigt dann deutlich seine gefährliche Natur. Lotte Schubert ist eine naiv wirkende Heavenly Finley. Eine coole Attitüde versprüht die Tante Nonnie der Angelika Bartsch, während Anabel Möbius eine aufgedrehte Miss Lucy ist. Den Chirurgen George Scudder gibt Andreas Vögler mit Überzeugung, Mitja Over ist ein geflissentlicher Fly.

Am Ende steht die Frage nach der Bedeutung all dessen im Raum, die jede(r) nun selbst für sich beantworten kann. Viel Applaus bei der besuchten zweiten Vorstellung.

Markus Gründig, März 26


Süßer Vogel Jugend

(Sweet Bird of Youth)
Schauspiel in drei Akten

Von: Tennessee Williams (1911 – 1983)
Uraufführung: 10. März 1959 (New York, Martin Beck Theatre)
Deutsche Erstaufführung: 6. Oktober 1959 (Berlin, Schiller-Theater)

Premiere am Schauspiel Frankfurt: 20. März 26 (Schauspielhaus)
Besuchte Vorstellung: 25. März 26

Regie: Max Lindemann
Bühne: Signe Raunkjær Holm
Kostüme: Eleonore Carrière
Dramaturgie: Jana Fritzsche
Licht: Jan Walther
Video: Kaethe Olt

Besetzung:

Chance Wayne: Arash Nayebbandi
Prinzessin Kosmonopolis (Alexandra del Lago): Katharina Linder
Boss Tom Finley: Sebastian Kuschmann
Tom Junior: Torsten Flassig
Heavenly Finley: Lotte Schubert
Tante Nonnie: Angelika Bartsch
Miss Lucy: Anabel Möbius
George Scudder, Scotty: Andreas Vögler
Fly, Stuffy: Mitja Over

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