»Turandot« fesselnd an der Oper Frankfurt

Turandot ~ Oper Frankfurt ~ Turandot (Elza van den Heever; mit dem Rücken zum Betrachter) und Timur (Inho Jeong; rechts, mit verbundenen Augen) sowie Ensemble ~ Foto: Oper Frankfurt / © Bernd Uhlig

Nach 1945 wurde Giacomo Puccinis letzte Oper „Turandot“ nur selten in Frankfurt/M gespielt. Neue Inszenierungen gab es 1959 (Inszenierung: Hans Hartleb) und 1972 (Inszenierung: Václav Kǎslik). Unter der musikalischen Leitung von Paolo Carignani gab es zudem 2004 eine konzertante Aufführung in der Alten Oper. Zum 100-jährigen Jubiläum von „Turandot“, die Uraufführung fand 1926 in Mailand statt, gab es im April dieses Jahres nun eine weitere Neuinszenierung.

Hierfür konnte die Oper Frankfurt Andrea Breth für die Regie gewinnen. Sie ist eine der bedeutendsten Regisseurinnen ihrer Generation. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch Reduktion und nicht Spektakel aus, sie haben eine außergewöhnliche emotionale und psychologische Tiefe, oftmals auch eine gewisse Melancholie.

Für das Schauspiel Frankfurt inszenierte sie im April 2013 Henrik Ibsens Drama „John Gabriel Borkman“. Bereits 2006 war dort ihre Burgtheater-Inszenierung von Albert Ostermaiers „Nach den Klippen“ als Gastspiel zu erleben.

Prolog „Io tacerò“ anstelle eines Happy-Ends

Puccini starb, bevor er die Oper vollendete. Es gibt zwar Schlusskompositionen von Franco Alfano (1875 – 1954) und Luciano Berio (1925 – 2003) mit einem Happy End, doch es verwundert nicht, dass bei der Frankfurter Neuinszenierung darauf verzichtet wurde. Die Oper endet hier mit dem Tod der Liù, die lieber stirbt, als Kalifs Namen preiszugeben. Dass Kalif und Turandot dann noch ein glückliches Paar werden, ist in der Tat schwer vorstellbar.

Turandot
Oper Frankfurt
Calaf (Alfred Kim; auf dem Stuhl sitzend) und Ensemble
Foto: Oper Frankfurt / © Bernd Uhlig

Als emotionale Einführung in die Oper “Turandot“ gibt es in Frankfurt den circa achtminütigen Prolog „Io tacerò“ („Ich werde schweigen“) von Lucia Ronchetti zu hören. Die „Drammaturgia für Kinderchor, Gemischten Chor und Streichorchester“ entstand als Auftragsarbeit der Oper Frankfurt. Sie nimmt Bezug zur in „Turandot“ umschriebenen Gewalt (bei der scheiternde Brautanwärter zur Volksbelustigung gnadenlos geköpft werden) und zu der Figur der empathischen Liù. Es ist ein Hauchen, Fauchen, Stöhnen und Deklamieren, das bei noch herabgelassenem Vorhang aus dem Zuschauerraum fast furchteinflößend erklingt.

In einem diktatorischen Terrorstaat

Regisseurin Andrea Breth hebt in ihrer Umsetzung den Gewaltcharakter hervor, dies aber sehr subtil und nicht so plakativ wie Lydia Steier in „Aida“. Als Handlungsort wird in einem großen weißen Bühnenkasten mit zwei Zellen ein Gefängnis angedeutet (Bühnenbild: Johannes Leiacker). Turandots Reich ist hier ein diktatorischer Terrorstaat in strenger Schwarz-Weiß-Optik. Das Volk und die Minister tragen schwarze Kleidung, die Gefangenen Kittel in Erdtönen.

In einem schlichten, aber dennoch elegant wirkenden weißen Kleid erscheint die Prinzessin wie ein Fremdkörper, zumal sie die ganze Zeit über eine weiße Maske trägt (Kostüme: Ursula Renzenbrink). Von ihr sind keinerlei Emotionen zu erwarten. Auch mit ihren reduzierten Armbewegungen gleicht sie eher einer Maschine als einem Menschen. Am Ende akzeptiert sie ihr verlorenes Spiel und begibt sich gewissermaßen selber in eine Welt, die ihr wie ein Gefängnis erscheint (sie stellt sich neben eine dunkle männliche Gestalt inmitten eines Zellentrackts). Als einziger Bezug zum fernöstlichen Sujet dienen drei Leibwächter in schwarzen Umhängen.

Viele Elemente der Moderne in der Musik

Puccinis Musik ist noch stark vom Belcanto geprägt, gleichzeitig finden sich darin aber auch viele Elemente der Moderne. GMD Thomas Guggeis verweist in seiner musikalischen Einführung „Deep dive“ (abrufbar über die Webseite der Oper Frankfurt und auf YouTube) zu „Turandot“ leidenschaftlich auf die beiden Pole der Oper: den liebliche Melodien auszeichnenden Verismus und brutale modernistische Ansätze mit Bezügen zur Musik von Igor Stravinsky und Arnold Schönberg. Letzte lässt er vom Frankfurter Opern- und Museumsorchester mit Karacho spielen, die Gewalt wird förmlich hörbar. Umso versöhnlicher ertönen im Wechselspiel dann die sanften und liebreizenden Motive.

Turandot
Oper Frankfurt
v. l. n. r. Turandort (Elza van den Heever) und Liù (Guanqun Yu ) sowie Ensemble
Foto: Oper Frankfurt / © Bernd Uhlig

Für die Titelpartie ist die Sopranistin Elza van den Heever an ihr ehemaliges Stammhaus zurückgekehrt. Unter der Maske ist sie nicht erkennbar, betört aber mit ihrer eindringlichen Stimme. Alternierend wird diese Partie von Olesya Golovneva gegeben.

Auch Tenor Alfred Kim ist für diese Produktion zurückgekommen und begeistert mit seiner strahlkräftigen Stimme nicht nur mit dem Hit „Nessun dorma“ das Publikum. Überaus berührend und innig gibt Sopranistin Guanqun Yu die Sklavin Liù.

Herrlich kafkaeske Züge haben hier die drei Minister Ping (Liviu Holender), Pang (Magnus Dietrich) und Pong (Michael Porter), die zu Gehilfen des Henkers werden und vergeblich versuchen, sich reinzuwaschen.

Geschäftsmännisch erscheint der Mandarin des Erik van Heyningen, während Michael McCown dem Kaiser Altoum Größe und Ausdruck verleiht. Inho Jeong gibt den entthronten Tatarenkönig Timur.

Am Ende der besuchten sechsten Vorstellung langanhaltender Jubelapplaus und stehende Ovationen. Die verbleibenden fünf Vorstellungen in dieser Spielzeit sind bereits alle ausverkauft. Bereits am 22. August 26 gibt es dann die erste Wiederaufnahme (Vorverkaufsstart: 24. Juni 26).

In der kommenden Spielzeit wird Andrea Breth Verdis „Un ballo in maschera“ (Ein Maskenball) für die Oper Frankfurt inszenieren (Premiere: 6. Dezember 26). Darauf kann man sich schon heute freuen.

Markus Gründig, Mai 26


Turandot

Dramma lirico in drei Akten
Von: Giacomo Puccini
Libretto: Giuseppe Adami, Renato Simoni (nach dem gleichnamigen Theaterstück von Carlo Gozzi)
Uraufführung: 25. April 1926 (Mailand, Teatro alla Scala)

Premiere an der Oper Frankfurt: 12. April 26 (Opernhaus)
Besuchte Vorstellung: 3. Mai 26

Musikalische Leitung: Thomas Guggeis
Inszenierung: Andrea Breth
Bühnenbild: Johannes Leiacker
Kostüme: Ursula Renzenbrink
Licht: Alexander Koppelmann
Chor: Manuel Pujol
Kinderchor: Álvaro Corral Matute
Dramaturgie: Maximilian Enderle

Besetzung:

Turandot: Elza van den Heever / Olesya Golovneva ( 1., 23., 29.5., 4.6.)
Calaf: Alfred Kim
Liù: Guanqun Yu
Ping: Liviu Holender
Pang: Magnus Dietrich
Pong: Michael Porter
Timur: Inho Jeong / Thomas Faulkner (17., 23., 29.5, 4.6.)
Kaiser Altoum: Michael McCown
Ein Mandarin: Erik van Heyningen
Leibwächter der Turandot: Jun Azuma, Tomoya Kawamura, Atsushi Takakashi
Dienerinnern der Turandot: Chloe Robbins, Emma Stannard
Zwei Ministerialbeamte: Daniel Zambori, Riza Bedretin
Ein Knabe: Jakob Landmann

oper-frankfurt.de