Hörspiel »ETTY« nach den Tagebüchern der niederländischen Jüdin Etty Hillesum

Etty Hillesum (© Collection Jewish Museum)

Gemeinsam mit dem ORF hat der hr das Hörspiel „ETTY“ nach den Tagebüchern von Etty Hillesum produziert. Der Zweiteiler wird am Samstag, 23. Mai, in ARD Sounds veröffentlicht.

„Ich will die Chronistin dieser Zeit werden“. Etty Hillesum wurde mit ihren Tagebüchern zu einer der wichtigsten jüdischen Stimmen der NS-Zeit. Die junge niederländische Jüdin dokumentiert das Grauen ihrer Zeit ebenso wie ihren inneren Widerstand gegen das Unrecht. Etty notiert die Verfolgung im Nationalsozialismus, ihre Ängste und Sehnsüchte. Ihre Haltung, Menschlichkeit zu bewahren, berührt mit ungeahnter Wucht. Das Hörspiel erzählt von innerem Widerstand, Hoffnung und Mitgefühl – selbst gegenüber den Tätern.


Teil 1:

Etty Hillesum war eine niederländische Jüdin, die 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurde. Nachdem sie 1941 Julius Spier kennengelernt hatte, der sowohl psychoanalytisch als auch körpertherapeutisch arbeitete, begann sie auf dessen Empfehlung, Tagebücher zu schreiben. Das Gesamtwerk ihrer Tagebucheinträge, Briefe und Schriften wurde 2023 bei C.H Beck unter dem Titel „Ich will die Chronistin dieser Zeit werden. Sämtliche Tagebücher und Briefe“ veröffentlicht.

„Das ist das Problem unserer Zeit. Der große Hass gegen die Deutschen, der das eigene Gemüt vergiftet … Und wenn auch nur noch ein einziger anständiger Deutscher existierte, dann wäre dieser es wert, in Schutz genommen zu werden“, schreibt Etty Hillesum am 15. März 1941 in ihr Tagebuch.

Die 1914 geborene Tochter eines niederländischen Lehrers und einer russischen Mutter beschreibt in ihren Aufzeichnungen ihre Depressionen und Lebenslust, ihre Suche nach Liebe und Selbstbestimmung, ihre Begegnung mit Gott („Ich führe einen Dialog mit dem, was in mir das Allertiefste ist und was ich der Einfachheit halber als Gott bezeichne“) und ihre Auseinandersetzung mit Hass und Mitgefühl: „Wir müssen diese Barbarei im Herzen ablehnen.“

1942 arbeitet sie kurz beim jüdischen Rat, geht dann freiwillig ins Lager Westerbork, um den Kranken beizustehen – „Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein.“ Am 7. September 1943 wird sie mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert, wo sie am 30. November 1943 stirbt.

Ihre Tagebücher und Briefe übergab sie einer Freundin zur Veröffentlichung. 1983 erschien die Gesamtausgabe, 2023 die deutsche Übersetzung. Die Zeit schrieb über sie: „In Hillesums Werk begegnet eine Frau, die an Anne Frank, Simone Weil und Edith Stein erinnert – und doch einzigartig bleibt: So viel Grenzüberschreitung hat in der Frauengeschichte nicht ihresgleichen.“

Teil 2:

Im zweiten Teil des Hörspielzweiteilers beschreibt die niederländische Jüdin Etty Hillesum die zunehmenden Restriktionen und Verfolgungen gegen jüdische Menschen, und sie schreibt offen über das tägliche Leben, das Unrecht und ihre eigenen Gefühle dazu. Parallel zu ihrer Außensituation beginnt sie eine intensive Reflexion über ihr Innenleben: ihre Ängste, ihr Verlangen, ihre Unruhe, ihr Suchen nach Einfachheit, Klarheit und Achtsamkeit. Sie verweigert den Opferstatus, sie möchte aktiv leben und gestalten – trotz all der äußeren Umstände.

„Die Schlechtigkeit der anderen steckt auch in uns. Und ich sehe keine andere Lösung, als sich auf sein eigenes Zentrum zu besinnen und dort all diese Fäulnis auszurotten. … Wir können in der Außenwelt nichts verbessern, das wir nicht zuerst in uns selbst verbessert haben“, schreibt Etty Hillesum am 19. Februar 1942 in ihr Tagebuch.

Im Sommer desselben Jahres nimmt sie eine Stelle im Durchgangslager Westerbork an, wo sie für den Amsterdamer Judenrat in der sozialen Versorgung der Deportierten arbeitet. Sie erlebt dort die Verzweiflung, den Schmerz und die Hoffnungslosigkeit der Menschen – und versucht, inmitten dieser Hölle eine innere Haltung der Menschlichkeit zu bewahren. Ihre Tagebücher und Briefe dokumentieren beides: das äußere Grauen und den inneren Widerstand. Etty schreibt über das Einüben von Mitgefühl, Verantwortung und innerer Freiheit: „Man kann den Krieg und all seine Auswüchse nur bekämpfen, indem man in sich selbst täglich diese Liebe befreit und ihr eine Chance gibt zu leben.“

Sie weiß, dass dies kein naiver Glaube ist: „Das bedeutet nicht, dass ich niemals traurig bin, dass ich niemals aufbegehre. Muß man der Weltentraurigkeit nicht dann und wann eine kleine Unterkunft verleihen?“

Am 7. September 1943 wird Etty Hillesum gemeinsam mit ihren Eltern und Brüdern nach Auschwitz deportiert. Das Rote Kreuz legt ihr Todesdatum auf den 30. November 1943. Ihre Tagebücher übergab sie zuvor einer Freundin mit der Bitte um Veröffentlichung. Auf ihrer letzten Notiz, die sie am 7. September 1943 aus einem fahrenden Güterwaggon geworfen hatte, stand: „Wir haben dieses Lager singend verlassen, Vater und Mutter sehr tapfer und ruhig, Mischa ebenso. Wir werden drei Tage unterwegs sein. Danke, dass ihr euch so lieb um uns gekümmert habet. Auf Wiedersehen von uns Vieren. Etty.“


Elisabeth Weilenmann, geboren 1982 in Niederösterreich, begann schon im Studium, Hörspiele und Radiofeatures zu schreiben und zu inszenieren. Seit 20 Jahren arbeitet sie für die ARD, den DLF, SRF und den ORF. Sie unterrichtet an mehreren Universitäten (MDW, Max Reinhardtseminar, JKU Linz) und wurde für ihre Arbeiten mehrfach international ausgezeichnet u. a. mit dem Hörspielpreis der Kritik, dem Prix Europa oder der Goldstatue des New York Radio Festivals.


„ETTY“ nach den Tagebüchern der niederländischen Jüdin Etty Hillesum

Autor: Etty Hillesum

ETTY – Hörspiel nach den Tagebüchern von Etty Hillesum (2 Teile)
Vorlage: Ich will die Chronistin dieser Zeit werden
Übersetzung aus dem Niederländischen: Christina Siever und Simone Schroth
Bearbeitung: Elisabeth Weilenmann
Produziert von: ORF/hr

Veröffentlichung: ARD Sounds: 23. Mai 26 (Verfügbarkeit: 12 Monate)
Länge Teil 1: 55‘29“
Länge Teil 2: 55‘16“

Mitwirkende

Etty: Lou Strenger
Spier: Roland Koch
Jan: Nils Arztmann
Han: Karl Markovics
Junger Mann: Julius Béla Dörner
Mischa: Tilman Tuppy
Mädchen 1: Marlena Reinwald
Mädchen 2: Marie Theres Müller
Sprecher: Markus Meyer
Mutter, Frau mit Wäsche: Sabine Muhr
Vater: Johannes Silberschneider

Tongestaltung Elmar Peinelt, Manuel Radinger, Simon Dünser
Komposition & Musik (Violine, Klavier) Matthias Jakisic
Bearbeitung & Regie Elisabeth Weilenmann
Regieassistenz Susanne Hofinger
Produktionsleitung/Besetzung Stefanie Zussner
Redaktion Kurt Reissnegger (ORF), Cordula Huth (hr)

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