Emotionaler italienischer Liederabend mit Luca Salsi an der Oper Frankfurt

Liederabend Luca Salsi (Bariton) | Beatrice Benzi (Klavier) am 18. Dezember 2018 in der Oper Frankfurt (© Barbara Aumüller ~ www.szenenfoto.de)
kulturfreak Bewertung: 4 von 5

Ob das Festspielhaus Baden Baden, die New Yorker Met (an der er im April 2015 nachmittags kurzfristig für Placido Domingo eingesprungen Verdis Ernani und abends in Donizettis Lucia di Lammermoor den Lord Enrico Ashton gab), die Opéra National de Paris, die Salzburger Festspiele oder die Wiener Staatsoper, der italienische Bariton Luca Salsi (* 1975) ist an den bedeutendsten Opernhäusern weltweit gefragt. Nachdem er bereits 2017 bei der ehrwürdigen und publikumswirksamen Saisoneröffnung der Mailänder Scala mitwirkte, wird er dies auch im kommenden Jahr tun (an der Seite von Anna Netrebko in Puccinis Tosca). Bei seinem vollen Terminkalender war es jetzt für das Frankfurter Publikum ein Glücksfall, ihn bei einem Liederabend kennenlernen zu können.

Für diesen wählte der, sich frei von Starallüren gebende, Bariton ein ausgesprochen vielseitiges und umfangreiches Programm von überwiegend italienischen Komponisten. Dabei ist es gut zu wissen, dass sich das italienische Kunstlied des 18. und 19. Jahrhunderts deutlich vom deutschen romantischen Liedgut unterscheidet. Zwar haben große Komponisten wie Bellini, Rossini und Verdi Lieder komponiert, doch stand bei ihnen allein das vokale Klangerlebnis im Mittelpunkt, nicht der Ausdruck von Gefühlen und Seelenleiden. So ähneln italienische Lieder dieser Zeit eher kleinen Arien. Populär waren damals auch die Romanzen als Mischung von populären und romantischen Liedstilen. Von alledem war an diesem Abend viel zu hören (dasselbe Programm wird Salsi auch am 4. März 2019 im Mailänder Teatro alle Scala geben).

Gleich zu Beginn präsentierte Luca Salsi eine besondere Rarität: Drei Vertonungen von Giuseppe Carpanis Gedichts „In questa tomba oscura“ („An diesem dunklen Grab“). Ist Carpanis eigene Vertonung recht schlicht gehalten (insbesondere die Klavierbegleitung), vertonte Antonio Salieri das Gedicht deutlich bewegter. Ludwig van Beethovens Fassung wirkt wie ein Mix aus den vorherigen beiden. Fünf Lieder des Sängers Giovanni Battista Belletti aus dessen Sept morceaux de chant spiegelten das typische ariose Lied der Zeit, von Salsi wurden sie mit starker Emphase gegeben.
Mit dem u. a. in Deutschland und Russland ausgebildeten Komponisten Ottorini Respighi änderte sich das italienische Lied, dass sich den Veränderungen in der Musikwelt nicht entziehen konnte. Er entwickelte es weiter, verstärkte die Klangfarben und verschloss sich auch nicht impressionistischen Stilmitteln, ohne an Melos und Ausdruck zu verzichten. Von ihm stellte Salsi den Zyklus „Cinque canti all´antica vor. Zwei Versionen eines Textes (das Sonett Tantro gentile über die Liebe zu Beatrice) von Dante, in Vertonungen von Fabio Campana und Ciro Pinsutis, wiesen vor der Pause bereits auf den noch stärker arienhaft geprägten zweiten Teil des Liederabends hin.

Diesen begann Salsi mit den ausgedehnten und anspruchsvollen Liebessonetten Tre sonetti del Petrarca von Franz Liszt, die während dessen erstem längeren Aufenthalt in Rom entstanden sind. Insbesondere hier konnte die auf das italienische Repertoire spezialisierte Pianistin Beatrice Benzi ihr Können ausspielen. Es folgten Lieder aus der Zeit des Verismo, von Ruggero Leonccavallo (Der Bajazzo/ Pagliacci), Aldo Franchetti und das dahinschmelzende “Ave Maria” von Pietro Mascagni (Cavalleria rusticana). Zum Abschluss durfte „der“ italienische Komponist schlechthin nicht fehlen: Giuseppe Verdi (zudem Salsis Repertoire stark von Verdi geprägt ist). „Non t´accostare all‘ urna“ schloss den Bogen zur Todesthematik des Anfangs und das heitere Trinklied „Brindisi – Mascetemi il vino!“ (nicht ganz so schwungvoll wie „Libiamo, libiamo ne’ lieti calici“ aus La Traviata), beschloss diesen emotional starken Ausflug ins italienische Repertoire. Stets sehr konzentriert und voller Hingabe singend (trotz zunehmender Hustenattacken).

Ganz besonders bei der Zugabe zeigte Luca Salsi, weshalb sich die Häuser um ihn reißen. Mit der Arie „Nemico della patria?” des Carlo Gérard aus dem dritten Akt der Oper Andrea Chénier (1896) von Umberto Giordano (1867-1948) führte er seine große und kraftvolle Stimme vor (das Ablegen der bisher getragenen Fliege wirkte dann auch wie eine innerliche Befreiung).
Sehr viel Applaus und „Bravo“-Rufe für diesen großartigen Künstler.

Markus Gründig, Dezember 18