Neuigkeiten von den Bregenzer Festspielen (9. Juli)

Enrique Mazzolas (© Bregenzer Festspiele / Heinz-Stephan Tesarek)

Enrique Mazzolas langfristige Perspektive bei den Bregenzer Festspielen ~ Gekommen, um zu bleiben

Er ist ein vielbeschäftigter Mann. Seit der Spielzeit 2021/22 ist Enrique Mazzola musikalischer Direktor der Lyric Opera of Chicago. An die Deutsche Oper Berlin kommt er immer wieder als Erster ständiger Gastdirigent, weitere Dienstreisen führten ihn in den vergangenen Wochen nach London und Amsterdam. Im Mai haben ihn die Bregenzer Festspiele zum Conductor in Residence ernannt – ein Schritt, der die gegenseitige Verbundenheit zum Ausdruck bringen soll. Im Jahr 2016 gab er bei einem Orchesterkonzert sein Debüt in Bregenz, drei Jahre später leitete er Rigoletto auf der Seebühne musikalisch. Heuer dirigiert er dort Madame Butterfly. Engagements für 2023 (Ernani im Festspielhaus) und 2024 (Der Freischütz auf der Seebühne) sind fixiert.

Gemeinsame Mission

Was bedeutet dem Italiener die neu geschaffene Position des Conductor in Residence? „Mir liegen nachhaltige künstlerische Partnerschaften besonders am Herzen. Ich freue mich darauf, diese Partnerschaft mit den Bregenzer Festspielen vertiefen und die faszinierende Welt der Oper für ein größeres Publikum öffnen zu können“, erklärt er zwischen zwei Proben. Seine Arbeitstage sind derzeit lang, seiner spürbaren Begeisterung tut das keinen Abbruch.

Präzise Abstimmung

Nach getrennten Proben mit den Sängerinnen und Sänger auf der Seebühne, den Symphonikern in Wien und wiederum den Sängerinnen und Sänger zurück in Bregenz steht die Bühnenorchesterprobe, im Branchenjargon kurz „BO“, am 11. Juli kurz bevor. Erstmals kommen Orchester, Sängerinnen und Sänger und – der in Bregenz besondere Faktor – Bühne zusammen. „Für mich ging es im Vorfeld darum, beiden Gruppen dieselben Ideen, dieselben Tempi zu vermitteln. Wenn die BO reibungslos abläuft, ist mir das gut gelungen“, sagt Mazzola mit einem verschmitzten Lächeln. Bereits am 20. Juli feiert Madame Butterfly Premiere.

Wie bei jedem Stück auf der Seebühne ist in dieser finalen Phase eines besonders wichtig: „In einem normalen Opernhaus blicke ich den Sängern direkt in die Augen. Hier läuft es anders, nämlich über Kameras. An den fehlenden Augenkontakt muss man sich zunächst gewöhnen und der Technik ganz vertrauen.“

Signalfarbe Rot

Enrique Mazzola fällt auf, was nicht nur, aber auch an seiner roten Brille liegt. Dabei war sie ursprünglich kein bewusst gesetztes modisches Signal, sondern eine Notlösung. Seine dunkle Brille war kurz vor einem Konzert kaputtgegangen, als Ersatz stand nur ein rotes Modell zur Verfügung. Doch ein Journalist der Financial Times bezeichnete sie in einem Artikel als Mazzolas Markenzeichen. Das gefiel ihm, mittlerweile ergänzt er bei Auftritten Details wie Manschettenknöpfe, Schnürsenkel oder Einstecktuch in dieser Farbe. Auf dem Social-Media-Kanal Twitter, wo Mazzola über 2.000 Menschen folgen, hat er ein passendes Hashtag kreiert: #rossomazzola.

Starke Identifikation

Bregenz mit seinen Festspielen als wiederkehrende Heimat auf Zeit – an dieser Konstellation hat der sympathische Künstler viel Freude. Besonders schätzt er das große Engagement der Einheimischen für das Festival, das es seit der Gründung gibt. Als die Festspiele kurz nach dem Zweiten Weltkrieg noch in den Kinderschuhen steckten, war Privatinitiative eine wesentliche Hilfe. Mazzola spricht von einem wundervollen „Entrepreneur-Spirit“, den er spüre. Dieser besondere Geist – noch so ein Punkt, der ihm das Gefühl gibt, in Bregenz genau am richtigen Ort gelandet zu sein.


Aller Guten Dinge sind Drei: Die wechselnden Besetzungen für das Spiel auf dem See sind fixiert

Pressetag Spiel auf dem See und Oper im Festspielhaus

Bei der Premiere von Madame Butterfly am 20. Juli wird Barno Ismatullaeva die Titelrolle singen, als Suzuki stehen Annalisa Stroppa, als B.F. Pinkerton Edgaras Montvidas und als Sharpless Brian Mulligan auf der Seebühne. Insgesamt 26 Mal steht Giacomo Puccinis Oper in drei Akten bei den Bregenzer Festspiele in diesem Jahr auf dem Programm. Das ist nur mit Mehrfachbesetzungen zu bewerkstelligen. Wer aber singt wann und wer entscheidet nach welchen Kriterien?

Außergewöhnlich wie das Spiel auf dem See selbst, sind auch bestimmte Notwendigkeiten für das Aushängeschild der Bregenzer Festspiele. Weil in kurzer Zeit sehr viele Aufführungen über die Bühne gehen, sind es bei Madame Butterfly gleich vier große Rollen, die dreifach besetzt werden: Sharpless, Suzuki, B. F. Pinkerton und die der Geisha Cio-Cio-San, genannt Butterfly. „Das sind Partien, die man nicht sechsmal die Woche singen kann und sollte“, erklärt der künstlerische Betriebsdirektor der Bregenzer Festspiele, Michael Csar. „Hinzu kommen die äußeren Bedingungen. Wir spielen ja im Freien, das Wetter kann jeden Abend anders sein; die große, zum Teil steile Bühne mit ihren langen Wegen …das ist alles sehr belastend.“

Auch wenn jeder topfit ist, gegen Krankheit ist niemand gefeit. Es reicht eine Verkühlung, um pausieren zu müssen. Bei einer Dreifachbesetzung der großen und doppelter Besetzung der anderen Partien sitzt das Leading Team ruhiger, wenn es weiß, es ist immer jemand da, der Ausfälle abdeckt. Die Mehrfachbesetzungen sind – bei rund 7000 Besuchern bei einer einzelnen Vorstellung – auch betriebswirtschaftlich sinnvoll, um mögliche Risiken zu reduzieren.

Wenn die einzelne Künstlerin und der einzelne Künstler normalerweise nur alle drei Nächte an der Reihe ist, ergibt sich draus auch ein gewisser Luxus, den sich Bregenz leisten kann: Nach Probenbeginn bleiben rund drei Wochen Zeit herauszufinden, wer mit wem optimal harmoniert. Sowohl musikalisch als auch szenisch. „Es werden alle Konstellationen durchgespielt“, sagt Michael Csar, „wobei es da kein schlechter oder besser gibt. Aber, um ein Beispiel zu nennen, bei einem Liebespaar sollte auch die Chemie zwischen Sängerin und Sänger stimmen.“

Pressetag der Bregenzer Festspiele am 7. Juli 22 zum Spiel auf dem See und zur Oper im Festspielhaus
Pressesprecher Axel Renner, Kinddarsteller, Regisseur Andreas Homoki, Intendantin Elisabeth Sobotka, Dirigent Enrique Mazzola, Sopranistin Barno Ismatullaeva

(© Bregenzer Festspiele / Anja Köhler ~ andereart.de)

Die Entscheidung fällt in sehr enger Abstimmung zwischen Intendantin Elisabeth Sobotka, Michael Csar, dem Dirigenten und dem Regieteam etwa zwei Wochen vor der Premiere. Zu den Kriterien gehört auch die Einschätzung, ob sich jemand auf der riesigen Seebühne bis an den Rand gefordert fühlt oder tiefenentspannt mit der Gesamtsituation zurechtkommt. Das kann das Regieteam aus der Nähe am besten beurteilen. Die Proben zu Madame Butterfly waren sehr herausfordernd: „Die ersten zwei Wochen waren sehr heiß. Nicht nur durch die direkte Sonne hatten alle mit der Hitze zu kämpfen – sie wurde auf diesem übergroßen weißen Blatt Papier als Bühne zusätzlich reflektiert. Mit Gletscherbrillen, Sonnenhüten und diversen anderen schattenstiftenden Utensilien haben wir alle unterstützt so gut es ging,“ schildert Michael Csar die Bedingungen tagsüber. Bei den Proben ab 19 Uhr ging und geht es dann buchstäblich cooler zu. Dann verwandelt sich das noch zuvor blanke Papier auch in die japanischen Welten der Cio-Cio-San, auf die alle schon gespannt sind.

In ihnen bleiben die drei in sich stimmigen Viererteams Sharpless, Suzuki, Pinkerton und Butterfly während der gesamten Festspielsaison zusammen. Wo es möglich ist, versuchen die Bregenzer Festspiele die Protagonisten im Intervall 1, 2, 3 singen zu lassen, also dass jeder jeden dritten Tag an der Reihe ist. Später wird das Muster gedreht, damit jeder auch mal an einem Samstag und Sonntag singt.


Bregenzer Festspiele blicken nach Osten ~ Zwei Frauenschicksale in Japan und Sibirien

Zwei Mal täglich ruft Regisseur Andreas Homoki die Künstlerinnen und Künstler zur Seebühne. Noch wird ohne Kostüm geprobt, noch stammen die Musikklänge vom Klavier. Noch sind keine Projektionen auf dem überdimensionalen Blatt Papier zu sehen. Doch bereits am Samstag wird die „japanische Tragödie“ erstmals unter Originalbedingungen gespielt anlässlich der Klavierhauptprobe. Ab Montag komplettieren dann die Wiener Symphoniker das Spiel auf dem See. Stück um Stück fügt sich die Inszenierung zusammen wie ein kunstvolles Mosaik.

Madame Butterfly ist große Oper, und bei Puccini ist eben auch ein Kammerspiel stets groß. Ich möchte die Personenbeziehungen glaubhaft zeigen, auch – oder gerade – über die räumlichen Distanzen der Seebühne hinweg“,

sagt Andreas Homoki.

Ruhig treibt das Blatt Papier im Bodensee. Seine gewellte, zerknitterte Form zeugt von einer langen Verweildauer in der Natur. Es droht zu zerreißen, wirkt zart und verletzlich. Wie die Seele der japanischen Geisha Cio-Cio-San, genannt Butterfly. Nach fünf Jahren Vorbereitungszeit ist es in zwei Wochen so weit: Madame Butterfly feiert Premiere als Spiel auf dem See. Die Oper von Giacomo Puccini wird erstmals bei den Bregenzer Festspielen gezeigt. Das Bühnenbild stammt von Michael Levine, die Kostüme entwirft Antony McDonald, Enrique Mazzola und Yi-Chen Lin dirigieren. Es spielen die Wiener Symphoniker.

189.000 Sitzplätze an 26 Abenden

Derzeit sind für Madame Butterfly rund 90 Prozent der nahezu 189.000 an 26 Abenden aufgelegten Eintrittskarten verkauft (inkl. Generalprobe und crossculture night). Das Spiel auf dem See eröffnet am 20. Juli die 76. Bregenzer Festspiele, die letzte See-Vorstellung geht am 21. August über die Bühne und beendet die diesjährige Festivalsaison am Bodensee. Insgesamt sind fast 220.000 Eintrittskarten für die diesjährigen Bregenzer Festspiele aufgelegt.

Tragisch endende Liebe auch im Festspielhaus

Eine ergreifende Oper mit starken Emotionen, russischem Lokalkolorit und großen Chorszenen erwartet die Besucherinnen und Besucher im Festspielhaus: Anstatt der im Jahr 1903 verschobenen Uraufführung von Madame Butterfly zeigte die Mailänder Scala Umberto Giordanos Sibirien. Am 21. Juli feiert die Oper Premiere im Festspielhaus, es folgen zwei weitere Vorstellungen. Regie führt Vasily Barkhatov, die musikalische Leitung hat Valentin Uryupin, den das Festspielpublikum von der Opernstudio-Aufführung Eugen Onegin kennt. Es spielen die Wiener Symphoniker.

Auch hier steht mit der Kurtisane Stephana eine Frau im Mittelpunkt, deren Liebe zu einem Mann tragisch endet. Der aus Russland stammende Regisseur versetzt den Stoff in zwei Welten, in zwei Handlungsebenen: In Rückblenden aus den 1990er Jahren erinnert sich eine alte Frau an die Geschehnisse aus einer früheren Zeit. „Ich habe mit der alten Frau eine Figur erfunden und in die Handlung eingefügt, um die Distanz zwischen Giordanos Musik einerseits und den äußeren Bedingungen der Geschichte andererseits zu überbrücken.“

Zwei Frauenschicksale auf der Seebühne und im Festspielhaus, zwei Mal experimentelles Musiktheater auf der Werkstattbühne, zwei Schauspiel-Klassiker und erstmals zwei Opernstudio-Inszenierungen in derselben Saison, darüber hinaus große und kleine Konzerte vom Feinsten: Die Festivalsaison 2022 bietet fünf Sommerwochen lang ein breites, vielfältiges Programm für mehr als 200.000 Besucher.


Festival-Potpourri

Two Conductors: Die zwei Madame Butterfly-Dirigenten strahlen vor der Seebühne gemeinsam der bevorstehenden Festspielsaison entgegen: instagram.com

Proben, Proben, Proben: Enrique Mazzola gewährt auf Instagram Einblicke in die Proben zu Madame Butterfly in der Werkstattbühne. „butterfly and always butterfly this summer“ schreibt der Conductor in Residence voller Vorfreude dazu: instagram.com

First day of school! Kieran Carrel ist im Festspielhaus eingetroffen. Jetzt können die Proben für die Oper Armida, in der er Rinaldo verkörpert, beginnen: instagram.com


Die Bregenzer Festspiele 2022 finden von 20. Juli bis 21. August statt. Tickets und Infos unter www.bregenzerfestspiele.com Telefon 0043 5574 407 6.