kulturfreak.de Besprechungsarchiv Show, Teil 3

© Auri Fotolia

Bäppi La Belle: “I dreamed a dream”

Amphietheater Hanau, 27. Juni 2013

“Und wenn du den Eindruck hast,
dass das Leben Theater ist,
dann such dir eine Rolle aus,
die dir so richtig Spaß macht.”
(William Shakespeare)

An einem Heiligabend erblickte er das Licht der Welt, wuchs im Frankfurter Stadtteil Griesheim auf und Tanzen bestimmte seinen Lebensweg. Aus einer anfangs nur jährlich stattfindenden Unterhaltung auf Weihnachtsfeiern seiner Tanzschule entwickelte er die Kunstfigur Bäppi La Belle: Thomas Bäppler-Wolf. Seit nunmehr 20 Jahren steht er auf der Bühne und zeigt mit seinen vielen kreativen Einfällen, mit herzlichem (manchmal auch derbem) Humor in Frankfurter Mundart eine bunte Welt des Glamours, von der es in der Bankenmetropole am Main viel zu wenig gibt. Dabei ist er längst nicht mehr nur auf sein privat geführtes Theater im Nordend („Bäppis Theatrallalla“) beschränkt, wo er mit Shows wie „Bäppi La Belle“, „Now and Forever“, „Wunderbar Wandelbar“, „This is my live“, „Ich war nie Revuetänzerin“, „Trouble on Broadway“, „Mit 66 Fummeln“ „Angela, Du goldisch Maus“, „Samstags gibts dick‘ Supp“, „Die Bäppi Ford Klinik“ und „Zum Rosa Bock ~ Witzischkeit unn Musik beim Äppelwoi“ seit Jahren jedes Wochenende den Saal zum Kochen bringt. Denn hier ist das Motto „Hereinspaziert….. und abgelacht“.

Bäppi la Belle: “I dreamed a dream”
Amphietheater Hanau, 27. Juni 2013
Bäppi La Belle (Thomas Bäppler-Wolf)
© Markus Gründig

Bäppi schuf mit „Bäppis Couch Gebabbel“ ein neues Format für die Bankenmetropole, 2012 konnte er hier gar die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth begrüßen. Tanzjuror Jochen Llambi war hier ebenso zu Gast wie der hessische Innenminister Boris Rhein und viele mehr. Das Ende des traditionsreichen Volkstheater Frankfurt nahm er zum Anlass, sein Theater verstärkt auch für andere Künstler zu öffnen und nach Probeläufen in den vergangenen Monaten steht jetzt sogar ein Spielplan für die nächste Saison (wobei ihn schon immer Gastkünstler wie beispielsweise Brigitte Mira, Gaines Hall oder die U-Bahn Kontrolleure in tiefgefrorenen Frauenkleidern zu einzelnen Terminen beehrten).

Bäppi la Belle: “I dreamed a dream”
Amphietheater Hanau, 27. Juni 2013
Bäppi La Belle (Thomas Bäppler-Wolf)
© Markus Gründig

Bäppi La Belle alias Thomas Bäppler-Wolf, wuchs immer mehr aus sich heraus und ist für viele Aktionen der Initiator und/oder Mitmacher: Auftritte und Moderationen beim CSD Frankfurt, beim Frankfurter Oktoberfest, beim Grüne Soße Festival, Sitzungspräsidentin bei der Frankfurter Regenbogensitzung, ehrenamtliches Engagement beim Spargelschälen, Unterstützer der Aids-Hilfe Frankfurt (ausgezeichnet: der Film „Poppkultur“ zum 25-jährigen Bestehen der Aids-Hilfe Frankfurt in 2011), als Mundart-Museumsführer bei der Tutanchamun-Ausstellung und der aktuellen GLAM-Ausstellung in der Frankfurter Schirn… und dies ist nur eine kleine Aufzählung. Bei der Gemeinschaftsinszenierung mit Gaines Hall des Musicalklassikers „La Cage aux Folles“ stand er auch selber als Albert/Zaza im Volkstheater Frankfurt auf der Bühne. Zudem ist er Werbepartner für die Kelterei Höhl und die Frankfurter Sparkasse. Mittlerweile wird seine Arbeit auch regelmäßig von den Frankfurter Medien wahrgenommen und gewürdigt (das war nicht von Anfang an der Fall).

Bäppi La Belle: “I dreamed a dream”
Amphietheater Hanau, 27. Juni 2013
Van Holt
© Markus Gründig

Zum 20. Bühnenjubiläum lud der Travestiestar nun zu einem außergewöhnlichen Abend in das schöne Amphitheater der Gebrüder Grimm Stadt Hanau ein. Der Abend stand unter dem Motto „I dreamed a dream“ (dem Titel eines Lieds aus seinem Lieblingsmusical „Les Misérables“).
Dazu hatte er zahlreiche Freunde dabei, die ihn auf der Bühne musikalisch unterstützten. Zwar herrschten nur 14-Grad Celsius und dunkle Wolken brachten zunächst einen kräftigen Regen, auf die Show hatte dies jedoch keinen Einfluss. Im Gegenteil. Nachdem der Regen weitergezogen war, leuchteten zwei Regenbögen im Bühnenhintergrund hervor. Darauf Bäppi „Petrus scheint zu gefallen was mer hier mache.“

Bäppi La Belle: “I dreamed a dream”
Amphietheater Hanau, 27. Juni 2013
Nina Henrich
© Markus Gründi

Nach einer kurzen Ankündigung durch seinen Lebenspartner Carsten Wolf begrüßte Bäppi La Belle das zahlreich erschienene Publikum, darunter viele langjährige Fans, Freunde und Wegbegleiter. Zusammen mit seinem Discoproducer Van Holt sorgte Bäppi mit dem Klassiker „I am what I am“ für den ersten musikalischen Beitrag. Van Holt, der neben seinem ausgefallenen Anzug im Spielkartenoutfit auch die zu Bäppis erstem opulenten Kostüm passende rote Haarfarbe trug, präsentierte zudem seinen erfolgreichen und mitreißenden Hit „On the dancefloor“. Die schwedische Operndiva Karin Pagmar zeigte mit „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn“ ihr außergewöhnliches Talent als herausragende Zarah Leander-Interpretin, dem Margot Werners „Ich hab’ im Leben nichts bereut“ folgte.

Bäppi La Belle: “I dreamed a dream”
Amphietheater Hanau, 27. Juni 2013
Karin Pagmar
© Markus Gründig

Nina Henrich zeigte an diesem Abend viele Facetten ihres Könnens, sei es als gut gelauntes Hippiemädchen mit „There you’ ll be“, im Duett mit Bäppi als Sarah (mit „Totale Finsternis“ aus Tanz der Vampire) oder als der erste weibliche Tod („Wenn ich tanzen will“ Musical Elisabeth).
Klein von der Figur aber mit einer Stimme, die Gianna Nannini auf den Fersen folgt: Franca Morgano mit den gute Laune Songs „Che Sara“ und „Ain’ t no mountain high“.
Elton Johns „Don’ t go breaking my heart” im Duett mit Bäppi beendete den ersten Teil des Jubiläumabends.

Bäppi La Belle: “I dreamed a dream”
Amphietheater Hanau, 27. Juni 2013
Franca Morgano, Bäppi La Belle als Lisbet Windsor (Thomas Bäppler-Wolf)
© Markus Gründig

Musicalstar Gaines Hall, der inzwischen auch als Dozent für Jazz-, Musical- und Stepptanz sowie für Lied- und Musicalinterpretation an der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München lehrt, ist vielen noch durch seine Rolle des Joe Gilles in der Niedernhausener Aufführung des „Sunset Boulevard“ bekannt. Manch einem aber auch durch die feucht fröhliche Soloshow „Step out of hell“ in Bäppis Theater. Hier zeigte er bravourös wie aus einem unspektakulärem Song wie „Mr. Bojangles“ ein Höchstmaß an fesselnder Darbietung gewonnen werden kann.

Bäppi La Belle: “I dreamed a dream”
Amphietheater Hanau, 27. Juni 2013
Gaines Hall, Thomas Bäppler-Wolf
© Markus Gründig

Wolff von Lindenau, Bäppis Ehemann in der „La Cage“-Produktion, zeigte mit Bäppi zusammen den Schnellkurs in Sachen Männlichkeit aus dieser Produktion, bei dem nicht nur Bäppis abgespreizter Finger das Publikum zum Kreischen animierte, sondern vor allem seine herrlich schrägen Grimassen (im zweiten Teil trug Bäppi erst einen kardinalslila farbigen und später einen feuerroten Anzug und keine Perücke).

Bäppi La Belle: “I dreamed a dream”
Amphietheater Hanau, 27. Juni 2013
Thomas Bäppler-Wolf, Wolff von Lindenau
© Markus Gründig

Auch dem Nachwuchs bot Bäppi eine Chance: Lino Schubert und Wencke Stübling von der Adolf-Reichwein-Schule in Neu Anspach boten ein anrührendes „Halt´dich an mir fest“ (Revolverheld).

Bäppi La Belle: “I dreamed a dream”
Amphietheater Hanau, 27. Juni 2013
Lino Schubert, Wencke Stübing, Thomas Bäppler-Wolf
© Markus Gründig

Den Titel des Abends („I dreamed a dream“) gab Bäppi kurz vor Schluss, das Ende bestand aus einem Duett mit Nina Henrich („Der Schleier fällt“ aus dem Musical „Elisabeth“). Die Hommage an den Broadway, „New York, New York“, wurde als Zugabe von allen Künstlern gegeben. Gesungen wurde stets live, die musikalische Unterstützung kam vom Theatrallalla Palastorchester unter der Leitung von Gabriel Groh und teilweise vom Band.

Bäppi La Belle: “I dreamed a dream”
Amphietheater Hanau, 27. Juni 2013
Finale
© Markus Gründig

Begeisterung und Standing Ovations allenthalben, für einen außergewöhnlichen Menschen und einmaligen Künstler, für Thomas Bäppler Wolf. Herzlichen Glückwunsch zum 20. Bühnenjubiläum!

Markus Gründig, Juni 2013

Bäppis Video von „I dreamed a dream“: youtube.com
Bäppis Remix Video von „I dreamed a dream“ (mit 10 Punkte von Lambi): youtube.com


The Rat Pack – Life from Las Vegas

Gastspiel in der Alten Oper Frankfurt
Besuchte Vorstellung:
3. April 13 (Premiere)

Streifzug durch die goldene Ära des Swing

Im Januar diesen Jahres hatte das Projekt „Swing again ~ Eine Zusammenrottung zur Verübung gemeinschaftlichen Unfugs“ von Tina Müller und Martina Droste Premiere in den Kammerspielen des Schauspiel Frankfurt. Junge Laiendarsteller setzten sich hierbei mit der in NS-Deutschland verbotenen „gefährlichen Negermusik“, dem Swing, auseinander. Der Swing diente ihnen als Ausgangsbasis für Fragen nach Identität und Zivilcourage, Opportunismus und dem Preis der Freiheit heute. Formal gehört der aus dem Dixieland entstandene Swing zwar zum Jazz, die gefällige Musik ist aber mehr große Unterhaltungsmusik. Eine Hochblüte erlebte der Swing in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Showgrößen Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. im legendären Copa-Raum, dem Theatersaal des ehemaligen Sands-Hotel in Las Vegas allabendlich als „The Rat Pack“ auftraten. Seit rund zehn Jahren gibt es nun die Revival-Show als „The Rat Pack ~ Live from Las Vegas“, bei der der Sound und die coole Stimmung von damals wieder zu Leben erweckt wird. Sozialkritische Fragen wie im Theater, stehen bei einer solchen Show natürlich nicht im Mittelpunkt. Hier geht es darum, in das damalige Lebensgefühl einzutauchen, sich auf eine musikalische Zeitreise zu begeben. Und das bunt gemischte Publikum in der Alten Oper Frankfurt, zudem von jung bis alt, zeigte, dass der Swing zeitlos ist und auch heute noch außergewöhnlich viele begeistert.

The Rat Pack – Live from Las Vegas
© Flying Music Company Ltd / BB Promotion

Fast eine Woche lang läuft die Show nun zum wiederholten Mal in Frankfurt und verführt in die goldenen Zeiten des Swing. Die Rolle des Frank Sinatra wird von Stephen Triffitt verkörpert, der ein erfahrener Sinatra-Interpret ist. Dabei begann seine Karriere eher zufällig, denn er erlebte den Traum „vom Tellerwäscher zum Millionär“. Sein Talent als Sinatra Imitator wurde beim Karaoke-Singen im Urlaub auf Teneriffa entdeckt. Zunächst zog er auf eigene Faust durch Großbritannien, um im Jahr 2000 bei einer TV Talentshow landesweit aufzufallen. Inzwischen tourt er mit „The Rat Pack – Live from Las Vegas“ nicht nur in London, Kanada, Amsterdam und den USA, auch mit seiner eigenen Show „Stephen Triffitt celebrates Frank Sinatra“ ist er sehr erfolgreich. Aussehen, Stimme, Ausstrahlung und sein Lächeln, alles passt bei ihm vorzüglich, um als Frank Sinatra mit charmanter Nonchalance bei Hits wie „I’ve got you under my skin“, „The Lady is a tramp“ und „Fly me to the moon“ das Publikum in seinen Bann zu ziehen.
An seiner Seite hat er zwei weitere Showlegenden: Dean Martin und Sammy Davis Jr. In dieser Show wird aus Dean Martins Trinkfreudigkeit kein Geheimnis gemacht. Ganz im Gegenteil, sie steht fast im Mittelpunkt. Der vierfache Vater Mark Adams gibt mit großer Hingabe den Dean Martin. Dies inzwischen auch schon seit vielen Jahren, ohne dass sich bei ihm Abnutzungserscheinungen bemerkbar machen. Schmunzeln entlockte das mehr an einen Schlager anmutende „Volare“ (das 1958 für Italien den dritten Platz beim Eurovision Song Contest erzielte).
Dritter im Bunde „The Rat Pack“ ist Georgee Long als tanzfreudiger Sammy Davis Jr., der mit seinem Hüftschwung bei Songs wie „Black Magic“ gehörig Elan und Pep in die Show bringt.
Die drei Vollblutentertainer werden von einem heißen Damentrio unterstützt, dem „Burelli Sisters“. Dies sind in eleganten wie prickelnden Roben und Korsetten Helvetia (Leanne Howell, auch Dance Captain), Martha (Hannah Blake) und Connie (Tarah McDonald), die als Backgroundsängerinnen und als Tänzerinnen verführen.
Die über 10-Köpfige „Rat Pack“-Big Band, bestehend aus Baß, Schlagzeug, Saxofonisten (auch Querflöte) und Posaunisten spielt schwungvoll unter der Leitung von Matthew Freeman.
Große Begeisterung für einen zauberhaften Streifzug durch den Strip von Las Vegas, in die Welt des Showbiz.

Markus Gründig, April 13


Swan Lake Reloaded

Jahrhunderthalle Frankfurt
Besuchte Vorstellung:
5. März 13 (Frankfurt-Premiere)

Tschaikowskys „Schwanensee“ ist das bekannteste und populärste Ballett von allen und wurde fast schon zu einem Gattungsbegriff. Dabei ist es in seiner Originalfassung trotz seiner populären Melodien nicht unbedingt leichte Kost. Dauert es doch gute zweieinhalb Stunden. Für ungeübte Ballettaugen und –ohren hat es dann schon seine Längen.
Der schwedische Choreograph, Tänzer und Produzent Fredrik Benke Rydman (auch Mitbegründer der Bounce Streetdance Company) ging bei seiner Umsetzung dieses Klassikers einen radikal anderen Weg. Tschaikowskys Musik kommt darin zwar auch vor, dominierend sind allerdings neue Kompositionen (u.a. von Moneybrother, Salem Al Fakir und Adiam Dymott), in denen Tschaikowskys Melodien nur taktweise oder verfremdet und gescratcht eingearbeitet sind. Nicht ohne Grund lautet der Untertitel zur Show „Tchaikovsky meets Streetdance“. Dabei wurde nicht nur die Musik, sondern auch die Geschichte des zu verheiratenden Prinzen Siegfried in die Neuzeit transferiert. Der Zauberer Rotbart ist hier ein diabolischer Drogendealer, die Schwäne drogenabhängige Prostituierte.

Swan Lake Reloaded
Foto: Mats Boecker

Klassisches Ballett im TuTu mit Arabesque-, Entrechat- oder Relevé-Schritten gibt es freilich nicht zu sehen. Dafür eine bildgewaltige und temporeiche Tanzshow, mit modernen Pas de deux- und Streetdance-Grooves. Die kühne Vision modernen Tanztheaters hatte im Dezember 2011 ihre Uraufführung in Stockholm und ist jetzt erstmals in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu sehen (mit Folgegastspielen u.a. in Paris und Moskau).

Beeindruckend ist schon die Eröffnungsnummer mit der Musik „Rotbarts solo“, geschrieben und performt von Mario Perez Amigo, bei der Rotbart (Daniel Koivunen) in seinem hautengen schwarzen Lackanzug exaltierte Grooves mit viel Bodennähe vollführt. Er zeigt mit seiner Körpersprache ausdrucksstark seine Macht über andere (die sich roboterartig bewegen), zaubert kleine Rauchwolken aus seinen Händen, die ihn als Herrscher über die Drogen ausweisen. Aus den immer mehr werdenden Rauchwölkchen formt sich wie aus dem Nichts eine riesige Matrix und mit flinken Fingern wählt sich Rotbart seine nächsten Opfer virtuell aus (Projektionen, Grafik: Grafala, Andreas Skärberg, Johan Andersson und Mathias Erixon).
 
Die erste große Ensembleszene bietet mit der Gute-Laune-Musik von Salem Al Fakir („Bachus Dickus“, einer Bearbeitung des “Allegro giusto” aus Tschaikowskys 1. Akt) einen ersten Höhepunkt. Siegfrieds Freunde (getanzt von Alexandro Duchén und Kevin Foo) führen großartige Streetdance-Sprünge vor und der Narr des Fredrik „Kaos“ Wentzel zeigt spielerisch verpackt, schwere artistische und Breakdance-Fertigkeiten (mit Air-Freezes, Headspin und Powermoves). Einen poetischen Moment gibt es bei der liebevollen Annäherung zwischen Odette (Maria Andersson) und Siegfried (Daniel Koivunen), wenn dieser einen roten Liebesluftballon um sie kreisen lässt. Erheiternd wirkt dagegen das liegende Damen-Ballett, mit kreisenden Füßen, Beinen und Armen.

Swan Lake Reloaded
Foto: Mats Boecker

Die Show hat insgesamt lediglich ein10-köpfiges Tanzensemble, bei dem vor allem die Frauen Mehrfachrollen übernehmen. Die drei Schwäne der Lisa Arnold, Anna Näsström und Rim Shawki  sind u.a. auch Bräute, der Narr ist auch Siegfrieds Vater. Die Mutter (mit grünen Haaren: Gabriella Kaiser) wagt sich auch ins Publikum, wird von Rotbart aber wieder zurückgeholt.

Dunkle Straßenfluchten, Rotlichtmilieu, festlich bunter Palast (in dem sich die Damen mit ausgefallenen Lampenschirmhüten und Brustkerzenleuchtern [Kostüme: Lehna Edwall] zeigen), zeitgemäßer Catwalk für die Brautauswahlszene und offene Bühne zum Schluss: Die optische Umsetzung passt zum modernen Gesamtbild dieser rauschhaften Show (Szenografie: Fredrik Benke Rydman und Lehna Edwall).
Auch wenn die Liebe zwischen Odette und Siegfried sich erst im Tod erfüllt, immerhin schaffen es die anderen Schwäne sich von Rotbart zu lösen, es gibt also ein kleines Happy End.
In viel zu schnell vergehenden 80 Minuten bietet Swan Lake Reloaded eine extravagante und rasante Vorführung modernen Tanzes. Die bekannte Geschichte wird so mit neuen Bildern in Erinnerung bleiben. Eine Besonderheit ist, dass es die Musik für Zuhause gratis zum Programmheft per mp3-Download gibt.
Großer Applaus.

Markus Gründig, März 13


Ice Age Live! Ein mammutiges Abenteuer

Festhalle Frankfurt
Besuchte Vorstellung:
10. Januar 13 (Premiere)

Alles andere als voll verschoben!

Gut 10 Jahre ist es her, seit der erste Ice Age Film in die Kinos kam (Deutschlandstart war am 21. März 2002). Die Abenteuer des tollpatschigen und charmanten Faultiers Sid und seiner Freunde war weltweit ein großer Erfolg, sodass drei weitere Filme folgten (zuletzt startete im Juli 2012 Teil 4: „Ice Age ~Voll veschoben“). In einer Gemeinschaftsproduktion Stage Entertainment Touring Productions und Twentieth Century Fox wurden zehn Jahre nach dem ersten Film die Zeichenfiguren für die Bühnenshow „Ice Age Live!“ zum Leben erweckt. Seit November letzten Jahres tourt diese Produktion durch Deutschland. Das deutschsprachige Ausland und viele weitere Stationen in ganz Europa sollen in den nächsten Jahren folgen. Idee, Buch, Musik und Texte stammen von Ella Loise Allaire und von Martin Lord Ferguson.

Ice Age Live! Ein mammutiges Abenteuer
Festhalle Frankfurt
Scrat, vor der ersten Katastrophe
Foto: Markus Gründig

Äußerlich unterscheidet sich die Bühne nicht grundlegend von den Holiday on Ice Produktionen, die sonst im Januar Station in der Festhalle Frankfurt machen. Eine große Eisfläche ist in der Saalmitte erstellt worden, viel Technik befindet sich oberhalb und die Bühnenrückseite schmückt ein imposanter Bühnenaufbau. Für „Ice Age Live!“ wurde eine große Eisformation erstellt, die als überdimensionale Brücke dient. Auf die Fläche dahinter werden täuschend echt wirkende Bilder projiziert. Zunächst ein Himmelbild mit leichtem Schneegeriesel im Vorder- und vorüberziehenden Schäfchenwolken im Hintergrund. Später sind es geheimnisvolle und mystische Bilder von Orten wie eine Eishöhle oder ein Zauberwald, die mit einer aufwendigen Licht- und Videotechnik gezeigt werden (ergänzt von 30 an der Decke hängenden riesigen Eiszapfen).
Noch stärker als Holiday on Ice ist diese Show auf Familien-Unterhaltung ausgelegt. Auch wenn sich die meisten Darsteller auf Schlittschuhen über das Eis bewegen, ist es keine Eisrevue. Die aus den Filmen bekannten Figuren nun endlich einmal live zu sehen, gleicht einem Treffen unter Freunden, so vertraut sind sie einem. Und die authentisch wirkenden Kostüme sind der Hit, fast jedes Wesen würde man gerne einmal knuddeln wollen (Figurendesign und auch Co-Regisseur Michael Curry). Selbst die riesigen Mammute wirken mit ihren Kulleraugen fast wie echt.

Ice Age Live! Ein mammutiges Abenteuer
Festhalle Frankfurt
Finale
Foto: Markus Gründig

Das Säbelzahneichhörnchen Scrat sorgt gleich zu Beginn für ein Chaos und dann wird auch noch das putzige Mammut Baby Peaches von dem Urzeitvogel Shadow und seinen Kumpanen Chaos, Duke und Thorn entführt. Natürlich helfen Sid (wie im Film mit der Stimme von Otto Walkes) und seine Freunde „Glucke“ Manni, Säbelzahntiger Diego und die beiden Opossum-Brüder Crash und Eddie, die Kleine zu befreien und zu Mama Ellie zurückzubringen.
Dabei werden artistische, musikalische und tänzerische Elemente nahtlos in die Show eingebunden. Hier zeigt sich, dass Regisseur Guy Caron vom Cirque du Soleil kommt. So gibt es tanzende Eiskristalle und tanzende Füchse, artistische Einlagen von Eisbären und Shadow fliegt nicht nur über die Szenerie, sondern auch von seinen Federn befreit mit Anmut, Eleganz und viel Kraft (teilweise einhändig) zeigend an Strapaten durch die Lüfte. Das einäugige Wiesel Buck und die überaus gelenkige Säbelzahneichhörnchen-Dame Scratte ist genauso dabei, wie eine Schar von Mini-Faultieren. Eine Kampfszene mit Schlagstöcken sorgt für zusätzliche Spannung. Es gibt also viel zu sehen, für Jung und Alt. Was es nicht zu sehen gibt, sind die Personen in den Kostümen, die Darsteller nehmen selbst beim Schlussapplaus nicht ihre perfekten Masken ab. Das Schlaflied „Close your eyes“ oder das Traumlied vom Wunderland stimmen auf eine emotionale Ebene ein. Und zur Freude vieler bewegen sich die Figuren nicht nur auf dem Eis, sondern laufen auch zum Publikum, sodass sie hautnah zu erleben sind.
Bevor die Mammutfamilie wieder vereint ist, versöhnen sich auch Sid und seine Freunde mit den bösen Vögeln, nur Shadow sucht das Weite. „Ice Age Live!“: alles andere als voll verschoben!

Markus Gründig, Januar 13


Roncalli meets Classic: „Väterchen Frost

Jahrhunderthalle Frankfurt
Besuchte Vorstellung:
3. Januar 13 (Premiere)

Zuletzt war der Circus Roncalli mit dem Programm „Höhner Rockin‘ Roncalli Show“ im Rhein-Main-Gebiet zu Gast. Genauer gesagt auf dem Hessentag in Oberursel, im Sommer 2011. Zum Start des neuen Jahres 2013 präsentiert Bernhard Paul, der Gründer und Direktor des Circus Roncalli, nun für wenige Tage in der Frankfurter Jahrhunderthalle ein Kontrastprogramm, aber nur rein musikalisch betrachtet. Statt „Viva Colonia“ erklingen u.a. Stücke aus Tschaikovskis Ballettmusik „Der Nussknacker“ und von Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“. Statt kreischender E-Gitarre und Schlagzeug sitzt nun ein großes Orchester auf der Bühne. An die 50 Musiker,mit Geigen, Violas, Violoncelli, Kontrabässen, Trompeten und und und. Dazu gibt es einen kleinen Chor (bestehend aus einer Dame und drei Herren).
Das von Thomas Bruchhäuser zusammengestellte Programm steht unter dem Thema „Väterchen Frost“. Es bietet in der Reihe „Roncalli meets Classic“ ein buntes Programm, das eine Hommage an den russischen Winter darstellt. Farben, Licht, Musik und Poesie verschmelzen zu einer Traumlandschaft, voll mit atemberaubender Artistik und klassischer Musik. Wobei der Klassik fern stehende Besucher keine Angst haben müssen. Unter der musikalischen Gesamtleitung von Georg Pommer (seit 1984 Leiter des Roncalli Orchesters) ertönen nicht nur liebliche und verträumte Melodien im orchestralen Klangfarben, sondern auch moderne, wie eine Variation von „Oh what a beautiful world“.

Roncalli Circus meets Classic: Väterchen Frost
Foresight Dancers

© Semmel / Foresight Dance Company

Die Bühne säumen zwei mit Schnee bestäubte Tannenbäume, ein Weihnachtsmann wacht auf der linken Bühnenseite über das Geschehen. Vor dem großen Hintergrund-Prospekt mit einer zauberhaften Winterlandschaft und orthodoxer Kirche sitzt publikumswirksam platziert das für diesen Rahmen ungewöhnlich große Orchester, die Norddeutsche Hansephilharmonie (Leitung: Alexander Mottok).
Um das zweiteilige Programm in einer nahtlosen Reihenfolge zeigen zu können, gibt es keine Moderation. Die Kiewer Foresight Dance Company und der Clown Oleg Ponukalin übernehmen die Aufgabe, die einzelnen Nummern zu verbinden und Umbauzeiten mit Spaß und Tanz zu überbrücken.

Dabei verzichtet Roncalli auf ein bombastisches Kostümaufgebot, wie es kürzlich bei der Michael Jackson Tribute Show „Immortal“ des Cirque du Soleil in der Frankfurter Festhalle zu sehen war (bei der die Tanznummern gigantisch aufwendig präsentiert wurden, die Artistik aber nur eine bescheidene Randnummer war). Die überaus anspruchsvollen Nummern werden elegant und stilvoll präsentiert. Kein Künstler wird in den Vordergrund gestellt. Im ersten Teil erfahren die Jungs der Imfera Truppe mit ihren Trampolinsprüngen an einer Wand den stärksten Beifall, im zweiten Teil der Komiker Csaba Mehes mit seiner tollpatschigen Haargel-Nummer.
Trainierte Tiere gehören seit jeher zum Zirkus. Doch auch hier wartet Roncalli mit etwas Außergewöhnlichem auf. Denn Trainer Vladislav Olondar präsentiert nicht die Kunststücke von Hunden, Pferden oder Elefanten. Es sind sieben weiße Angorakatzen, die ihm um die Schulter und die Brust gehen, über eine Querstange laufen oder sich rücklings an dieser entlang hängeln.

Roncalli Circus meets Classic: Väterchen Frost
Imfera – artistic group
© Semmel / Imfera

Schier unendliche Kraft scheint Oleg Izossimov zu besitzen. Seine einarmige Handstandakrobatik mit in alle Richtungen und Höhen geschwungenem Körper ist nicht nur hammerhart , sondern auch ästhetisch überaus ansprechend. Ebenso die Performance des ukrainischen Artistenduos Imfera, das oberkörperfrei und mit zwei leichten weißen Hosenröcken bekleidet, an zwei Stoffseilen beeindruckende Darbietungen ihrer Körperbeherrschung vorführt. Wie auch die Hand-auf-Hand-Akrobatiknummer „At Moonlight“ des ukrainischen Quartetts (eine Dame, drei Herren). Salti vorwärts, rückwärts und dazu eine Schraube, alles kein Problem.
Mit ihrer Darbietung am russischen Barren besticht die Vasiliev Troupe, ebenso Valeria Markova mit ihren Hula Hoop Reifen, die sie selbst im stehenden Spagat schwungvoll bewegt. Zauberhaft poetisch ist vor allem die Nummer des Imfera Trio Sphera, bei dem drei Damen grazil an einem großen Kugelgerüst die Beweglichkeit ihrer Körper zeigen.

Am Ende halten die rund 30 Darsteller Geschenke als Symbol des Dankes in den Händen, reichen sich die Musiker die Hände, eine schöne Geste. Ist auch bei uns inzwischen Weihnachten vorbei, gilt doch zu bedenken, dass in der orthodoxen Kirche dieses Fest erst am 6./7. Januar gefeiert wird.
„Väterchen Frost“ ist eine Show, die die Sinne anspricht und große wie kleine Besucher mit famoser Artistik und sinnlicher klassischer Musik verführt.

Markus Gründig, Januar 13


One and a Half Men

Bäppis Theatrallalla
Besuchte Vorstellung:
27. November 12

„Mein Weesch nach Griesheim“

Von Vegas nach New York geht e in der Rat-Pack-Tribute Show von Thomas „Bäppi“ Bäppler-Wolf, Benedikt Ivo und Gabriel Groh. Doch eigentlich ist das nicht korrekt. Denn die Ursprünge der „Rat Pack“ liegen nicht im Sands-Hotel von Las Vegas, sondern im Frankfurter Stadtteil Griesheim! Probleme des Urheberschutzes und das Vergütungsrecht der Künstler (siehe auch aktuelle Diskussion um die GEMA-Gebühren für Veranstalter) sollten wirklich strenger beachtet werden… Dies und vieles mehr kann man bei der neuesten Show des einfallsreichen und vielseitigen Frankfurter Originals Thomas „Bäppi“ Bäppler-Wolf lernen. Zusammen mit dem Musicaldarsteller Benedikt Ivo (Bäppis Sohn aus der Volkstheater Frankfurt Produktion von „La Cage aux Folles“) und den Musikern Gabriel Groh und Matthias Ladewik bietet er mit der Show „One and a Half Men“ Hits aus der Goldenen Zeit des Showbiz, in der einst Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. Geschichte schrieben.
Der legendäre Song „My Way“ hat natürlich seinen Ursprung im Lied „Mein Weesch nach Griesheim“. Und aus dem verträumten Frankfurter Stadtteil stammt auch die Band „Das Rattenpack“, die wahren Vorgänger der US-Formation „Rat Pack“.
Neben allerhand Details über die trinkfreudige Gruppe, die bei diesem Programm im flotten, anzüglichen und lustigen Plauderton von „Bäppi“, per „historischen“ Film oder per Quiz mit dem Publikum zum Besten gegeben werden, ist „One and a Half Men“ in erster Linie ein wundervoller Ausflug in die Welt des Gesangs und da spielt es keine Rolle mehr, ob der Ursprung nun in Griesheim, in Las Vegas oder in New York liegt. In Bäppis Theatrallalla, dem kleinen Volkstheater im Frankfurter Nordend, klatscht und swingt das Publikum begeistert zu den Songs (wo der eine Sänger doppelt so alt und doppelt so schwer ist wie der andere).

One and a Half Men
Vorabfoto mit Benedikt Ivo, Thomas Bäppler-Wolf und Gabriel Groh
© Bäppis Theatrallalla

Dabei stand die besuchte Vorstellung nicht unbedingt unter einem guten Stern. Der gebürtige Marburger Benedikt Ivo hatte tagsüber mit einem großen Wasserschaden in seiner Wohnung zu kämpfen, Pianist Gabriel Groh und Schlagzeuger Matthias Ladewik hatten am Tag zuvor einen Auftritt im Berliner Reichstagsgebäude und erst kurz vor dem Auftritt ihre 16-stündige Heimfahrt von Berlin hinter sich. Und dann saßen zudem Benedikt Ivos Eltern und sein „kleiner“ Bruder im Publikum (neben Steffen Wilhelm vom Frankfurter Volkstheater und Moderator Mathias Münch vom hr).
Die kleine Bühne im Theatrallalla wurde für „One and a Half Men“ zur intimen Showbühne verwandelt, bei der Weltstadt und Dorf durch einen New Yorker Wolkenkratzer und einen Kirchturm aus Griesheim in harmonischer Eintracht verbunden sind. Auf der linken Seite ist zudem eine elegante weiße Bartheke platziert, auf der neben drei Whiskyflaschen natürlich auch noch ein Bembel für Bäppi Platz hat. Es wird viel getrunken, schließlich will man seinen „Rat Pack“-Vorbildern in nichts nachstehen….
Im eleganten Smoking, mit schwarzer Fliege auf weißem Hemd, gaben sich die Vier ganz elegant. Bäppi bestach zudem mit exklusiven Schuhen, die einen silbernen Rand haben. Benedikt Ivo dafür mit einem Kummerbund um seine schlanke Taille. Er betörte mit seinen Rehaugen und seinem Liebesblick das Publikum sehr sinnlich, Bäppi wie vom Publikum geliebt, mit allerhand Komik.
Eröffnet wurde das Programm mit „If my friends could see me now“ aus dem Musical „Sweet Charity“, das derzeit in einer großartigen Inszenierung im English Theatre Frankfurt zu sehen ist. Wobei Benedikt Ivo hier das Lied natürlich nicht so sportlich mit einem Radschlag wie Kate Milles präsentierte, dafür mit strahlender Eleganz in Ausdruck und Stimme. Neben seinem Hauptlied „Feeling Good“, wo er seine kräftige Stimme unter Beweis stellte, bestach er am meisten beim schwierigen „I will talk and Hollywood will listen“, das zahlreiche gefährliche Klippen in Form hoher Töne bietet. Doch stellten sie für den tiefen Tenor kein Problem dar. Schön locker kam sein Gepfeife bei „Mr. Bojangles“ an (apropos Pfeife: der charismatische Ivo ist gelernter Orgelbauer). Bäppi überzeugte mit seinen innigen Vortrag von „That´s Amore“, bei der er sich eine Dame aus dem Publikum zum Tanz einlud und besonders gut gelang ihm auch Dean Martins „Cha cha cha dámour“.
Das Lied vor der Pause („Ain’t that a kick in the head”) und die Zugaben „New York, New York” und “My Way” wurden stilvoll im Duett gesungen.
Charme, tolle Songs, Witz und nicht zuletzt die leidenschaftlich begleitenden Gabriel Groh und Matthias Ladewik machten diesen Abend von Thomas „Bäppi“ Bäppler-Wolf, Benedikt Ivo zu einem spritzigen Showhighlight.

Markus Gründig, November 12


Show Me – Glamour is back

Friedrichstadt-Palast Berlin
Besuchte Vorstellung:
17. Oktober 12 (Medienpremiere)

Europas größte Showbühne, der Berliner Friedrichstadt-Palast, hat eine neue Show. Noch größer, noch spektakulärer und mit einem Budget von über 9 Millionen Euro die teuerste in seiner Geschichte. Mit Superlativen wird die Show beworben und allein der glänzend laufende Vorverkauf gibt dem Haus recht. Bereits vor der offiziellen Premiere waren rund 125.000 Eintrittskarten verkauft worden, ein neuer Rekord. Zur Medienpremiere waren allein über 400 Journalisten aus der ganzen Welt angereist. Groß auch der Promiauflauf zur Premiere, mit Stars wie Katja Flint, DJ Chino (Culcha Candela) oder Jorge Gonzalez. Dabei braucht sich der Friedrichstadt-Palast auch nicht zu verstecken, was die letzte Show „Yma“ anbelangt. Gegenüber der Vorgängershow „Qi“ (Premiere 2008) verzeichnet Yma 30 Prozent mehr Besucher und erzielte fast 50 Prozent mehr Umsatz. Auch hat sich in den vergangenen Jahren das Publikum verjüngt. So liegt das Durchschnittsalter bei 46 Jahren, inklusive der Kindershows sogar bei 38 Jahren. Für ein Theater ein hervorragender Wert.
Mit „SHOW ME – Glamour is back” soll nicht nur an den bisherigen Erfolg angeknüpft, er soll getoppt werden. So sind in der Produktion über 100 Mitwirkende auf der Bühne, an jeder Show sind insgesamt 162 Mitwirkende beteiligt. Damit wird den großen Shows in Las Vegas Paroli geboten. Die erfolgreichste Show dort, Cirque du Soleils „Ka“, hat nicht eine so große Zahl an Beteiligten. „SHOW ME – Glamour is back” ist somit die größte en suite-Produktion der Welt.

Show Me – Glamour is back
Friedrichstadt-Palast Berlin
Szene “Shine”
Foto: Markus Gründig

Für die neue Show wurde nicht nur an der Technik gefeilt. Bemerkenswert ist sie freilich schon. So sorgt eine Verbesserung der Soundanlage für einen noch besseren Sound, der insbesondere die zeitgemäßen, mitunter harten Beats, impulsiver zum Publikum überträgt. Die Atmosphäre eines Salonorchesters ist somit weitestgehend passé. Die Show-Band des Friedrichstadt-Palastes unter ihrem musikalischen Direktor Daniel Behrens (er komponierte auch einige Songs der Produktion) sitzt im hinteren Bühnenbereich, einzelne Musiker auch in den Seitenemporen des Saals. Dessen Wände schmücken quadratische und rechteckige Videoleinwände/Bildschirme, die bis in die Bühne geführt werden und bei entsprechenden Projektionen von Farbverläufen den ohnehin riesigen Raumeindruck noch stark vergrößern (Lichtdesign: Marcus Krömer). Acht unterschiedliche große Halbbögen illuminieren dann die Szenerie und schaffen neben einer großen Showtreppe für eine perfekte Showatmosphäre (Bühnenbild: Joe Atkins & John Stillwell). Dabei ist schon das Vorhangbild bemerkenswert. Es zeigt eine See- und Waldlandschaft, wie man sie von einer Bierwerbung her kennt. Bemerkenswert ist, dass diese Projektion lebt, sich die Wolken und Wellen bewegen. Nach den obligatorischen Begrüßungs- und Hinweisworten fährt vom unteren Bildrand ein Mann auf einem Boot herauf, springt ins Wasser und von nun an kann das Publikum den Mann bei seinem Tauchgang in eine neue Welt begleiten, auf seiner Suche nach einem Schatz. Dieser Schatz ist die Entdeckung vergangenen Glanzes und Glamours.

Show Me – Glamour is back
Friedrichstadt-Palast Berlin
Szene “Water of life”
Foto: Markus Gründig

Als roten Faden für die Show wurde die Frage gestellt „Was wäre, wenn drei Ikonen der Showgeschichte, Macher der 1900er-1960er Jahre – Busby Berkeley, Esther Williams und Florenz Ziegfeld – nicht im letzten Jahrhundert gewirkt hätten, sondern hier und heute?“. Wie würde eine Show von diesen wegbereitenden Personen aussehen, wenn sie die technischen Möglichkeiten von heute hätten?
So beginnt „SHOW ME“ zunächst in Schwarzweiß und drei Protagonisten sind auch die Show über ganz auf Schwarzweiß getrimmt. Mauricio Franco hat dabei die pantomimische Rolle des Charlie Chaplin inne. Diesen Figuren werden zum Kontrast umso farbigere, glamourösere und exaltierte Erscheinungen an die Seite gestellt (Produzent der Show ist Intendant Dr. Berndt Schmidt; für das Showkonzept und die Inszenierung zeichnen Roland Welke und Jürgen Nass verantwortlich).
Für die über 500 prachtvollen Kostüme wurde u.a. der legendäre Pariser Haute Couture-Designer Christian Lacroix verpflichtet, der die glanzvollen Gewänder für das Opening und das Finale entwarf (die weiteren Kostüme stammen von Uta Loher und Conny Lüders).

Show Me – Glamour is back
Friedrichstadt-Palast
Berlin Szene “Triplette”
Foto: Markus Gründig

Im Mittelpunkt der Show steht das Ballett des Friedrichstadt-Palastes unter der Direktion von Alexandra Georgieva, das bei den großen Ensemble Nummern wie „Shine“ oder „ShowMe“ glänzt. Bei letzterer Nummer wird Altes mit Neuem verbunden. Zu traditionellen Tänzerinnen in kunterbunten Raffröcken gesellen sich moderne Breakdancer mit farbigen Jacken auf nacktem Oberkörper und Nadia Espiritu mit einem Hip Hop Solo.
Die 40 Tänzerinnen und 20 Tänzer der größten stehenden Showballett-Compagnie der Welt sind einzigartig. Faszinierend ist das Opening nach der Pause („Glamour“), mit den exaltiertesten Roben und Kopfschmuck für vier Damen (die dabei auch noch viel Haut zeigen), eine gelungene Hommage an die Extravaganzen des Florenz Ziegfeld. Aus einem Glittervorhang tritt das Damenballett nach der belustigenden Schwarzlicht-Nummer („The Temptation I“) langsam hervor, um dann über eine Linienformation nach vorne zu laufen und sich auf einer in unterschiedliche Richtungen drehenden mehrstöckigen und überdimensionalen Torte in aufreizenden Posen zu zeigen. Wie überhaupt viel heiße Optik geboten wird. Für Frauen und Männer. Dabei spielt Wasser eine besondere Rolle. Erotisch prickelnd ist auch die „Water of life“-Szene, bei der ein Kampf zwischen den Geschlechtern feucht-fröhlich ausgetragen wird.

Show Me – Glamour is back
Friedrichstadt-Palast Berlin
Szene “The Diamond”
Foto: Markus Gründig

Auch bei den artistischen Nummern spielt Wasser eine besondere Rolle (wie es auch einst bei den Showproduktionen von Busby Berkeley der Fall war). Atemberaubend und den Atem stocken lässt einen die Triplet-Szene, bei der ein insgesamt 21 Meter langer Wasserfall aus dem Bühnenhimmel fällt (mit 6000 Litern Wasser die Minute). Um diesen Wasserfall herum zeigen drei Paare ihre großartigen artistischen Fertigkeiten. Diese Szene gleitet nahtlos weiter, plötzlich ist eine Frau inmitten des Wasserfalls, der nun Dank Laserprojektion wie ein riesiger Kristall wird. Alles glänzt und funkelt stimmungsvoll. Herausragend ist auch Jill Christine MacLean (‚Cleo‘), die bei „Whatta man“ im knappen, grün glitzernden Bikini und auf High Heels unglaubliche Stärke und Eleganz an einer Pole Dance Stange beweist, während sie von acht Tänzern heiß begeht wird (ab dem 27. November 12 wird diesen Part Marion Crampe übernehmen). Das aus Frankreich stammende Duo Aragorn am Fangstuhl zeigt Artistik ohne Sicherung und die chinesische Acrobatic Troupe Shenyang bezaubert mit ihrer sinnlichen Flugtuchdarbietung „Aerial Ornaments“.
Immer wieder gibt es bezaubernde Optiken zu bestaunen, wie bei „Wir geh`n durch die Zeit“, bei der aus Seifenschaum entstandene Kerzenstummel zerschlagen werden und danach fragen, wo die Zeit ist, wenn sie vergangen ist. Oder auch die Ensemblenummer „The Inner Light“ des Herrenballetts mit ihren abwechselnd bunt leuchtenden LED-Bändern um den Körper. Vereinzelt gibt es auch Nummern, die eher wie Lückenfüller wirken, was bei über 30 Szenen aber insgesamt keine Rolle spielt.

Show Me – Glamour is back
Friedrichstadt-Palast Berlin
Szene “There must be an Ange”
Foto: Markus Gründig

Auf musikalischer Seite überwiegen Eigenkompositionen von Daniel Behrens und Anja Krabbe, denen Hits wie En Vogues kraftvolles ‚Whatta Man‘, Christina Aguileras romantisches ‚Beautiful‘ oder Annie Lennox Hymne ‚There Must Be An Angel‘ in Neufassungen an die Seite gestellt wurden. Als Gesangssolisten und Ersatz für einen Moderator wirken der strahlende Oscar Loya (2009 in Moskau für Deutschland mit Burlesque-Superstar Dita Von Teese als Duo „Alex Swings Oscar Sings!“ Deutschland vertretend) und die Soul-Sängerinnen Talita Angwarmasse, Gina Marie Hudson und Amber Schoop mit.
SHOW ME, „verführe mich“, ist eine brillante, verschwenderische Show, mit atemberaubender Akrobatik und berauschenden Tanzszenen, einzigartig und sehenswert (und dabei günstiger als eine Musical-Großproduktion). Für den nächsten Berlin-Besuch unbedingt einplanen.

Markus Gründig, Oktober 12


Bäppi la Belle: Zum Rosa Bock

Bäppis Theatrallalla, Frankfurt
Besuchte Vorstellung: 5. Oktober 12 (Premiere)

Witzischkeit unn Musik beim Äppelwoi

Er ist einer der umtriebigsten Theaterleute Frankfurts: Thomas Bäppler-Wolf. Seit beinahe 20 Jahren tritt er als die von ihm geschaffene Kunstfigur Bäppi la Belle auf und hat sein eigenes feines kleines Theater, das ohne jegliche Subvention auskommt. Dort zeigt er nicht nur seine eigenen Shows, sondern auch verschiedene Reihen (wie Theatersommerwochen, Couch Gebabbel mit Gästen aus Politik und Unterhaltung) und bietet auch Gastkünstlern (wie Gaines Hall, den U-Bahn Kontrolleuren in tiefgefrorenen Frauenkleidern oder Lars Ruth) eine Bühne. Dazu führte Thomas Bäppler-Wolf von Dezember 2011 bis April 2012 als Lia Wöhr 93 Mundartführungen bei der Tutanchamun-Ausstellung durch, war Mitorganisator bei der Frankfurter Regenbogensitzung, ist regelmäßig Programmgestalter beim Grüne Soße Festival, engagiert sich bei verschiedenen Benefiz-Veranstaltungen, Stand noch bis letzte Woche als Albert/Zaza im Volkstheater Frankfurt bei „La Cage aux Folles“ auf der Bühne, etc., etc., etc… Ein außergewöhnlicher Mann, auf den die Frankfurter stolz sein können.
Und dies sind nur seine künstlerischen Aktivitäten (dazu ist er noch im großen Maße als Tanzlehrer engagiert). Sein Markenzeichen ist neben seinem hessischen Gebabbel das auszusprechen, was andere sich kaum zu denken wagen. Und dies macht er mit großem Charme, Witz und manchmal auch mit ein klein wenig Häme.

Bäppi La Belle (Thomas Bäppler-Wolf)
© Sven Klügl

Für seine neueste Show erhob Thomas Bäppler-Wolf seine bodenständige Frankfurt-Affinität zum Programm. Friedrich Stoltze („Un es will merr net in mein Kopp enei: Wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!“) wäre sicher begeistert. Für die neue Show wurde auch der Bühnenboden im Theatrallalla-Theater erhöht, so dass man jetzt von den hinteren Plätzen besser sieht. Zur Premiere konnten u.a. begrüßt werden: Regisseur Benjamin Baumann, Dr. Helga Budde, Szenewirt Dietmar Eisenacher-Bokelmann (Linda), Stadtverordneter Eugen Emmerling, Thomas Feda   (Tourismus+Congress GmbH Frankfurt), Festspielleiter Dieter Gring, Musiker Gabriel Groh, Sänger und Tänzer Fausto Israel (Wilhelmine aus Wixhausen bei „La Cage aux Folles“ im Volkstheater Frankfurt), die Vorsitzende der CDU-Fraktion im Landtag Rheinland-Pfalz Julia Klöckner, Schauspieler Wolff von Lindenau (mit Hündin Elly), Unternehmerin Manuela Mock, Moderator Matthias Münch, Schauspielerin Sybille Nicolai, Schauspielerin Karin Pagmar, SPD Politiker Michael Paris, Schauspieler Gunnar Möller, Manager Bernd Reisig, Zauberer Lars Ruth, Manuel Stock ( Fraktionsvorsitzender der Grünen im Römer), Harald Herzog von Tattingstone, Hartwig Wehry (Frankfurt-Ticket), Moderator Achim Winter und Schriftsteller Peter Zingler..

Zu Beginn der neuen Show steht eine per Video eingespielte Neuvertonung aus Strauss´ „Ich lade mir gern Gäste ein“ (aus der Operette „Die Fledermaus“). Das passt, schließlich sind die Bühne und der Publikumssaal gleichermaßen eine große „Wertschaft“. Erstmals gibt es nicht nur etwas Requisite, sondern gar ein richtiges Bühnenbild. Rainer Schöne schuf für die kleine Bühne im Theatrallalla eine Fachwerkhäuserzeile, wie sie auch als Kulisse für die vom Hessischen Rundfunk in der Zeit von 1957 bis 1987 produzierten Unterhaltungsshow „Zum Blauen Bock“ (zunächst mit Otto Höpfner, später mit Heinz Schenk und Lia Wöhr) diente. Und so ist Bäppis neueste Show „Zum Rosa Bock“ gewissermaßen eine Fortsetzung, mit dem Frankfurter Original Bäppi La Belle als Wirtin. Das Publikum sitzt zwar nicht auf Holzgarnituren, aber, bei neuer Stuhlanordnung im Theater, in Reihen und wird während der Show ebenfalls bewirtet.
Und dann erscheint sie, im neuen eleganten weiß/rosarotem Apfelweindirndl. Und es dauert nicht lange, bis die ersten Sprüche das Publikum zum starken Geklatsche und Gejohle animieren. Natürlich bleibt auch die Politik nicht verschont. Beispiel Thema Feldmäuse, „man sieht sie so selten“ (als Anspielung auf des OBs nicht immer den Erwartungen entsprechender Präsenz bei öffentlichen Terminen). Oder Kurt Becks jüngster „Halt’s Maul“ Spruch, mit dem er sich als garstiger Kellner einer Apfelweinkneipe qualifiziert hat. Zu einer „Wertschaft“ die einen Fichtenkranz im Namen führt, hat er wohl ein ganz besonderes Verhältnis. Denn dazu gab es dann das neu getextete „griech ich ei Wein?“ (zur Melodie von Udo Jürgens „Griechischer Wein“). Über die Halbgötter in blau/türkis, den VGF-Fahrern, ging es dann schnell zu Bäppis Lieblingsthemen Kinder und deren nervigen Müttern, zu Inge Meysel und zum Dauergrinser Till Schweiger.
Ein Promiquiz über die sieben Kräuter der Frankfurter Grie Soß (Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch) und Bäppis sportliche Seite als Fackelträgerin mit Ziel FSV-Stadion gab es als Videoeinspielung. Letzteres führte zum Thema Diät, was Bäppi als monumentales Sahnehäubchen auch optisch visualisierte (und zuvor die Grüne Soße im einem ebensolchen Kleid!).

Bäppi La Belle (Thomas Bäppler-Wolf)
© Sven Klügl

Die Mischung und seine Spontaneität macht es bei ihm nach wie vor. Ob öffentliche Person oder Personen aus dem Publikum, Bäppi la Belle liebt sie alle auf seine ganz besondere Art. Und ganz besonders Kochstar Mirko Reh, der an diesem Abend mehrfach im Mittelpunkt stand. In den ausgefallenen Kleidern von Bärbel Klaesius  und Vladimir Vlahovic macht Bäppi la Belle eine glänzende Figur (auch wenn das Thema Diät für ihn noch nicht beendet ist). Der Untertitel der Show, „Witzischkeit unn Musik beim Äppelwoi“ wird knappe drei Stunden konsequent durchgezogen. Kein Wunder dann: Standing Ovations zum Ende, für einen Abend voller Leichtigkeit, Späßen und Musik.
Als besinnliche Zugabe gab es Heinz Schenks „Es ist alles nur geliehen“. Derart motiviert („Darum lebt doch euer Leben, freut euch auf den nächsten Tag…“) kann die nächste Woche kommen…

Nachdem im Hanauer Amphitheater am 27. Juni 13 Bäppi la Belles 20-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert wird, folgt im Herbst nächsten Jahres eine Produktion von Neil Simons Klassiker „Sonny Boys“, bei dem Thomas Bäppler-Wolf zusammen mit Wolff von Lindenau die Hauptrollen spielen werden. Jetzt heißt es aber erst einmal: willkommen zum Rosa Bock, willkommen zu Witzischkeit unn Musik beim Äppelwoi!

Markus Gründig, Oktober 12