Populisten-Oper »Die Vögel« groß in Szene gesetzt am Staatstheater Wiesbaden

Die Vögel ~ Staatstheater Wiesbaden ~ Ratefreund (Hovhannes Karapetyan) und Hoffegut (Richard Trey Smagur) ~ Foto: Thomas Aurin
kulturfreak Bewertung: 4 von 5

Eine Rarität des Musiktheaters ist derzeit am Staatstheater Wiesbaden zu sehen: Walter Braunfels’ Oper „Die Vögel“. Der in Frankfurt/M geborene Komponist begann im Jahr 1913 mit der Komposition, uraufgeführt wurde sie 1920 in München. In den sieben Jahren dazwischen liegen der Erste Weltkrieg, Braunfels‘ Einberufung als Soldat nebst Verwundung und seine Konversion zum Katholizismus. Diese Geschehnisse hatten nicht unerhebliche Auswirkungen auf das Werk, dass Aristophanes gleichnamige Komödie zum Vorbild hat. Diese wurde 414 v. Chr. in Athen erstmals inszeniert. Ihr zu verdanken ist die Bezeichnung „Wolkenkuckucksheim“. Das Wort war damals allerdings noch nicht so negativ konnotiert, wie es heute der Fall ist.

„Wir müssen reden“

Die in einer märchenhaften Zeit spielende Oper erzählt vom motzenden Karrieristen Ratefreund und dem Visionär und Träumer Hoffegut im Reich der Vögel. Dort gelingt es ihnen, sie mit populistischen Reden davon zu überzeugen, eine Stadt im Himmel zu errichten. Den Menschen ist dann wegen hoher Zölle der Himmel verwehrt. Damit passt das Stück gut zum diesjährigen Spielzeitmotto „Wir müssen reden“. Wobei es bei den beiden Hauptakteuren weniger um Dialoge als um hohe Überredungskunst geht. Nachdem der Göttervater Zeus einen Wirbelsturm geschickt hat, bricht das „Wolkenkuckucksheim“ schnell zusammen und alles ist so, wie es immer war.

Populistenoper

Das „lyrisch-phantastische Spiel in 2 Aufzügen“, so die offizielle Untertitelung, wurde für das Staatstheater Wiesbaden von Ersan Mondtag inszeniert. Mit seiner Umsetzung von Sam Maxs „Double Serpent“ im Kleinen Haus, schaffte er eine Sensation. Erstmals nach über 60 Jahren wurde eine Inszenierung des Hauses zum Berliner Theatertreffen eingeladen (zudem wurde sie für den österreichischen NESTROY in der Kategorie „Beste Aufführung im deutschsprachigen Raum“ nominiert).

Die Vögel
Staatstheater Wiesbaden
Nachtigall (Josefine Mindus)
Foto: Thomas Aurin

Sehr ambitioniert und mit großem szenischen Aufwand setzte Mondtag die Oper im Großen Haus um. Seine Untertitelung „Eine Populistenoper“ gibt dabei die Marschrichtung vor. Als moderne Volksverführer agieren hier Hoffegut und Ratefreund, die auf den US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump und den Unternehmer Elon Musk verweisen (Aristophanes spielte bei seiner Komödie auf Athener Politiker an).

Am Flughafen-Kreuz eines kleinen Fürstentums

Für einen Bezug zur Gegenwart verortete Mondtag bei seiner Neuinterpretation das Reich der Vögel auf einen Flughafen-Kreuz eines kleinen Fürstentums. Das passt insoweit, als der menschliche Traum vom Fliegen an solchen Orten Realität geworden ist (allerdings sind Vögel ob der Gefahren für die Triebwerke der Flugzeuge keine gern gesehenen Gäste auf Flughäfen).

Auf der Suche nach einer VIP-Lounge irren Hoffegut und Ratefreund die Flughafengänge entlang und machen zunächst an einem Imbissstand für Chicken-Wings halt (dessen Name sich an dem einer bekannten US-amerikanischen Marke anlehnt). Die VIP-Lounge ist ein riesiger, in ein dunkles Grün gehüllter Raum. Grüntöne scheinen eine Lieblingsfarbe von Mondtag zu sein, prägen sie doch auch die beiden Inszenierungen, die der Rezensent zuvor von ihm gesehen hat (Double Serpent / 2. Sinfonie – Rausch).

Die Vögel
Staatstheater Wiesbaden
oben: Nachtigall (Josefine Mindus), unten: Hoffegut (Richard Trey Smagur) und Zaunschlüpfer (Galina Benevich), Chor
Foto: Thomas Aurin

Große Bilder von Vogelmenschen hängen neben einem großen Fenster, das einen Blick auf den Imbissstand ermöglicht. Im zweiten Teil werden auf eine Leinwand Bilder der errichteten futuristischen Himmelstadt nebst Start- und Landebahn, Vogelschwärme und allerlei Flugobjekten projiziert. Schaurig wird es im zweiten Teil, wenn Hoffegut den Reizen der Nachtigall erliegt. Hier fällt er nicht nur einfach in Ohnmacht. Mit einer rektal verabreichten Spritze fällt er vielmehr in einen alptraumhaften Abgrund (begleitet von einem Video über das Durchdringen des Darms bis zur Auflösung). Von oben senken sich Vogelmünder herab, die fast nur aus gierigen und weit aufgerissenen Mäulern zu bestehen scheinen, ein sehr plastisches Bild für die Menschheit. Aus dem Bühnenuntergrund fährt die nicht minder grotesk anmutende Menschenwelt als Pandabär-Verschnitt empor: reglos aneinandergereiht, stumm und passiv alles beobachtend.

Bühne und Kostüme, für beides zeichnet ebenfalls Ersan Mondtag verantwortlich, sind von Bildern der Neuen Sachlichkeit beeinflusst, die zur Zeit der Uraufführung entstanden.

Virtuose Klangkunst à la Wagner und Strauß

Obwohl „erst“ 1919 uraufgeführt, zeichnet Braunfels’ „Die Vögel“ ein eher spätromantisch anmutendes Klangbild aus. Von Zwölftontechnik und Serialität ist seine von Wagner und Strauss beeinflusste Musik weit entfernt. Oftmals erinnert sie eher an gefühlvolle und aufbrausende Filmmusik aus einem Hollywood-Film. Paul Taubitz und das Hessische Staatsorchester Wiesbaden bringen Braunfels’ weitgespannte Melodik und die tonmalerischen Imitationen von Vogelstimmen imposant heraus.

Das Libretto für die Oper schrieb Braunfels selber. Die Texte sind nicht unbedingt einer Alltagssprache nachempfunden, sie erinnern in ihrer konstruierten Art an die von Richard Wagner. Die Sängerinnen und Sänger zeigen eine intensive szenische Präsenz. Tenor Richard Trey Smagur ist ein grossmundiger Hoffegut (in einer Art Fledermausumhang). Vital und aufgeweckt gibt Bass Hovhannes Karapetyan den Ratefreund. Den mahnenden Prometheus verkörpert Bass Jonathan Macker bei seiner langen Arie eindringlich.

Mit seiner profunden Bass-Stimme glänzt Sam Park als Vogelkönig Wiedhopf. Sopranistin Josefine Mindus gibt der Nachtigall, die beide Akte eröffnet und die Oper beschließt stimmlich großes Format. Und auch von der Regie wurde ihre Partie aufgewertet. Klangstark bringt sich der Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden ein, er wurde vom neuen Chorleiter Aymeric Catalano einstudiert. Bei einer Zwischenmusik gibt es ergänzend ein kleines Tanzensemble (Choreografie: Myriam Lifka).

Am Ende der Verweise auf die Gefahren von Demagogen viel freundlicher Applaus bei der besuchten zweiten Vorstellung.

Markus Gründig, März 26


Die Vögel

Ein lyrisch-phantastisches Spiel in 2 Aufzügen
Von: Walter Braunfels (1892 – 1954)
Literarsche Vorlage: Die Vögel von Aristophanes
Uraufführung: 30. November 1920 (München, Nationaltheater)

Premiere / Wiesbadener Erstaufführung: 21. März 26 (Großes Haus)
Besuchte Vorstellung: 27. März 26

Musikalische Leitung: Paul Taubitz
Regie, Bühne, Kostüme: Ersan Mondtag
Mitarbeit Regie: Max Nattkämper
Co-Kostümbild: Josa Marx
Mitarbeit Bühne und Kostüme: Lorenz Stöger
Choreografie: Myriam Lifka
Videodesigner: Alexander Robin Pannier
Lichtdesign: Henning Streck
Licht: Marcel Hahn
Videodesign: Alexander Robin Pannier
Chor: Aymeric Catalano
Dramaturgie: Till Briegleb/Katja Leclerc

Besetzung:

Hoffegut: Richard Trey Smagur
Ratefreund: Hovhannes Karapetyan
Stimme des Zeus & Adler: Young Doo Park
Prometheus: Jonathan Macker
Wiedhopf: Sam Park
Nachtigall: Josefine Mindus
Zaunschlüpfer: Galina Benevich
1. Drossel: Luisa Sagliano
2. Drossel: Eunshil Jung
Rabe: Christian Balzer
Flamingo: Nathan Bryon
1. Schwalbe: Michaela Wielgus
2. Schwalbe: Anne-Kathrin Germann
3. Schwalbe: Elisabeth Berth
Zwei Meisen: Eka Kuridze, Izumi Geiger
Stimme der Winde: Kathrin Poniatowski, Konstanze Schlaud, Luisa Sagliano

Tanzstatisterie: Marei Bär / Pauline Bischoff / Zoe Krawinkel / Carla Peters
Chor: Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Orchester: Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

staatstheater-wiesbaden.de