
Am Tag nach der Premiere von Donizettis Oper „Don Pasquale“ folgte am Staatstheater Darmstadt eine weitere: der Doppelabend „Kain und Abel“ (Oper von Felix Weingartner) und „Aus der Tiefe“ (Psalm von Lili Boulanger). Er ist eine Herzensangelegenheit des Darmstädter Generalmusikdirektors (GMD) Daniel Cohen.
Während des ersten Corona-Lockdowns im Jahr 2020 beschäftigte er sich im Stadtarchiv mit der Darmstädter Musikgeschichte. Dabei stieß er auf seinen Vorgänger Felix Weingartner. Den kannte er zwar als Dirigenten, Pianisten und Schriftsteller. Was er bis dato aber nicht wusste: Zu seinem Dienstantritt 1914 als erster GMD am Darmstädter Hoftheater, dem Vorgänger des heutigen Staatstheaters, wählte Weingartner seine bereits 1905 entstandene Oper „Kain und Abel“ und brachte sie dort zur Uraufführung.
Schockverliebt
Nach einem ersten Blick in die Partitur war Daniel Cohen sofort in sie schockverliebt. Zwar war die Uraufführung erfolgreich und zahlreiche weitere Aufführungen, auch international, geplant. Doch der Erste Weltkrieg brachte Weingartners Oper zum Verstummen. Seit 112 Jahren wurde sie nicht mehr gespielt. Mit viel Leidenschaft hat sich Cohen dem Projekt einer Wiederaufführung gewidmet. Nun war es endlich so weit. Die Vorstellungen werden zudem für eine Ersteinspielung aufgenommen.
Über das Werk hat Cohen den detaillierten Aufsatz „Von der Geschichte zum Schweigen gebracht ~ Weingartners »Kain und Abel« Entstehung, Vergessen und Rückkehr auf die Bühne“ verfasst, der in Auszügen im Programmheft wiedergegeben ist.
Inzestuöse Patchworkfamilie
„Kain und Abel“ erzählt von einem Brudermord. Im 1. Buch Mose ist Kain der erstgeborene Sohn von Adam und Eva, der später seinen jüngeren Bruder Abel erschlägt. Weingartners Oper, die auch von Lord Byrons Drama „Cain“ beeinflusst wurde, weicht von dieser Erzählung ab. Bei ihm gibt es eine inzestuöse Patchworkfamilie. Abel hat eine Zwillingsschwester (Ada). Deren Mutter ist nicht Eva, sondern Lilith. Diese kommt in der Oper gar nicht mehr vor, denn Adam hat nach Lilith zu Eva gefunden und mit ihr dann Kain gezeugt. Der ist nunmehr der Zweitgeborene und leidet unter einer familiären Missachtung. Er hat Ada gewaltsam zu seiner Frau gemacht und sie vergewaltigt. Abel floh. Als er zurückkommt um seine Ada zu holen, wird er von Kain erschlagen. Der Brudermord ist in dieser Oper also anders motiviert. Auch spielt Gott hier keine Rolle.
Den 75-minütigen Einakter hat der Regisseur Kerem Hillel im Großen Haus des Staatstheaters Darmstadt inszeniert. Er zeigt ihn aus einer rückblickenden Perspektive, insbesondere aus der von Eva. Dabei handelt es sich eher um eine halbszenische Aufführung.

Staatstheater Darmstadt
Eva (KS Katrin Gerstenberger), Adam (Joel Allison)
© Nils Heck
Das Geschehen spielt im Warteraum einer Polizeistation, in der die Eltern gerade den Mord gemeldet haben. Nun versuchen sie, irgendwie mit der Situation klarzukommen, dass ein eigenes Kind zum Mörder wurde. Es ist ein von drei Neonröhren ausgeleuchteter Raum mit schwarzen Wänden, 15 Stühlen, einem Wasserspender und einer Wanduhr, die konstant fünf vor zwölf anzeigt (Bühne: Sarah Wolters). Je mehr sich der Abend verdichtet, umso dunkler wird es auf der Bühne, womit gleichzeitig ein Übergang zum nachfolgenden Werk geschaffen wird.
Die Figuren tragen lockere Gegenwartskleidung (Kostüm: Juliane Längin). Für eine emotionale Unterstützung werden über herabgelassene LED-Bildschirme Bilder von Kindern und Porträts von Eva und Adam gezeigt (Video: Roman Hagenbrock).
Die mitunter abstrakt wirkenden Texte der auf Deutsch gesungenen Oper werden auf Übertiteln gezeigt, sie sind auch recht gut zu verstehen. Für die Sänger:innen glich diese Neuinszenierung einer Uraufführung, gibt es doch bisher keinerlei Aufnahme der Oper, um sich im Vorfeld damit vertraut machen zu können.
Enorme musikalische Bandbreite
Die musikalische Bandbreite ist enorm. Zarte, lyrische Momente besänftigen, dann tönen mit Wucht Blech und Schlagwerk. Die (musikalischen) Spannungen in dieser Familie sind enorm. Daniel Cohen und das Hessische Staatsorchester Darmstadt bringen „ihren“ Felix Weingartner ganz groß heraus. Wie auch die fünf Sänger:innen alles geben. Allen voran die Sopranistin KS Katrin Gerstenberger als engagierte Eva. Bassbariton Joel Allison als entrüsteter Adam. Tenor Heiko Börner und Sopranistin Megan Marie Hart geben das Zwillingspaar Abel und Ada. Meist mit Cowboyhut lässig auf einem Stuhl abhängend: Bariton David Pichlmaier als Kain.

Staatstheater Darmstadt
Opernchor des Staatstheaters Darmstadt
© Nils Heck
Leider gibt es keine Pause (nur eine kurze Umbaupause), denn etwas Zeit, das Erlebte sacken zu lassen, wäre nicht verkehrt. Es folgt Lili Boulangers knapp halbstündiger Psalm „Aus der Tiefe“. Wie Weingartners Oper stammt er aus dem frühen 20. Jahrhundert. Es ist ein imposantes Chorwerk mit oratorienhaften Zügen. Er passt nicht nur, weil er aus der gleichen Zeit stammt, sondern auch inhaltlich. Denn der Psalm stammt aus dem Alten Testament. Es ist der sechste Bußpsalm „130“. Ein Büßer ruft aus der Tiefe der Sünde zu Gott und bittet um Vergebung. Nicht nur für sich, sondern für das gesamte Volk Israel.
Szenisch wurde das schlicht und gleichzeitig imposant in Szene gesetzt. Aus dem Bühnenhintergrund steigt der groß besetzte Chor des Staatstheaters Darmstadt (Einstudierung: Guillaume Fauchère) nebst Extrachor von weißen Nebel umgeben auf. Am Ende des knapp halbstündigen Werkes spaltet ein Lichtstrahl die Gemeinschaft, die anwesende Eva geht fortan mutig ihren eigenen Weg weiter.
Was bleibt, ist die Hoffnung auf und die Sehnsucht nach Leben, allen Widerständen und Katastrophen zum Trotz.
Intensiver Beifall.
Markus Gründig, März 26
Kain und Abel
Oper in einem Akt
Von: Felix Weingartner (1863 – 1942)
Uraufführung: 1914 (Darmstadt, Hoftheater)
Aus der Tiefe
„Du fond de l’abîme“
Psalm
Von: Lili Boulanger (1893 – 1918)
Premiere am Staatstheater Darmstadt: 28. März 26 (Großes Haus)
Musikalische Leitung: Daniel Cohen
Regie: Kerem Hillel
Bühne: Sarah Wolters
Kostüm: Juliane Längin
Video: Roman Hagenbrock
Dramaturgie: Frederike Prick-Hoffmann
Einstudierung Chor: Guillaume Fauchère
Besetzung:
Eva: KS Katrin Gerstenberger
Ada: Megan Marie Hart
Adam: Joel Allison
Kain: David Pichlmaier
Abel: Heiko Börner
Tenor Solo: Daniel Ewald
Sopran Solo: Juhyeon Jo (28.03. + 12.04.) / Shuang Zhang (02.04. + 19.04.)
Extra-Chor des Staatstheaters Darmstadt
Opernchor des Staatstheaters Darmstadt
Staatsorchester Darmstadt
Statisterie des Staatstheaters Darmstadt
staatstheater-darmstadt.de
