- Über die aufrüttelnde Kraft von Kunst
- Kurt-Hübner-Regiepreis an Fritzi Wartenberg
Eine besondere Würdigung für eine herausragende schauspielerische Leistung: Thomas Schmauser hat am gestrigen Samstagabend im Bensheimer Parktheater den Gertrud-Eysoldt-Ring verliehen bekommen. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung gilt als einer der bedeutendsten Theaterpreise im deutschsprachigen Raum und wird seit 1986 von der Stadt Bensheim und der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergeben.
Thomas Schmauser überzeugte die Jury, bestehend aus Juliane Köhler, Caroline Peters und Ulrich Matthes (Vorsitz), mit seiner Verkörperung von Hendrik Höfgen in Klaus Manns „Mephisto“ in der Inszenierung von Jette Steckel bei den Münchner Kammerspielen.
Der Schauspieler, zutiefst berührt von der Auszeichnung, bedankte sich bei der Jury, deren Mitglieder „Kolleginnen und Kollegen sind, die ich selbst verehre“. Für ihn ist Theater „ein besonderer Zeit-Raum, in den sich Menschen aus der Wirklichkeit zurückziehen können“. Vor dem Hintergrund seiner eigenen Biografie sei für ihn Theater selbst stets ein „Zufluchtsort und ein Ort der Reinigung“ gewesen. Schmauser kritisierte in seiner Rede zudem, dass „wir in einer Zeit leben, in der Frieden nicht mehr als mehrheitsfähig gilt“. Dabei sei so viel Potenzial für Liebe zwischen uns, an dessen Veränderungskraft er glaube.
Barbara Mundel, Intendantin der Münchner Kammerspiele, hielt die unterhaltsame Laudatio auf den „multiausgezeichneten Preisträger“ – eine Laudatio, die keine „Krönungsrede“ sei, sondern vielmehr der Versuch, die Kunst von Thomas Schmauser zu verstehen. Sie würdigte nicht nur seine schauspielerische Leistung, sondern Thomas Schmauser als Menschen, der „magisch, zärtlich und liebevoll ist“. Diesem Wesen entsprechend spielt er trotz der exponierten Solorolle des Höfgen diese alles andere als auftrumpfend. Den besonderen Zauber seines Spiels und seines Menschseins verdeutlichte auch seine Kollegin, die Schauspielerin Johanna Kappauf: „Wenn ich Dich sehe, bekomme ich gute Laune und noch mehr Lust auf Theater. Deine Arbeiten bleiben im Kopf. Deine Stimme klingt durch den Raum wie Musik! Dabei bist Du trotzdem Du selbst… Auf der Bühne bist Du magisch.“
Kurt-Hübner-Regiepreis an Fritzi Wartenberg
Der mit 5.000 Euro dotierte Kurt-Hübner-Regiepreis, der seit 1991 ebenfalls von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste verliehen wird, ging am Samstag an die junge Regisseurin Fritzi Wartenberg für ihre Inszenierung von Werner Schwabs „Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos“ am Burgtheater Wien.

(Foto: Gregor Ott/GVO Media)
Jurorin Almut Wagner, stellvertretende Intendantin und Chefdramaturgin am Residenztheater in München sowie Mitglied im Vorstand des Internationalen Theaterinstituts, hatte die Preisträgerin ausgewählt und hielt im Parktheater die Laudatio auf Fritzi Wartenberg, die „in ihrer klugen Inszenierung Werner Schwabs Ansinnen nachkommt, die Verrohung der Gesellschaft schonungslos offenzulegen“. Dabei fordere Wartenberg die Schauspielenden auch körperlich. Auf einer artistischen Kletterwand suchen die Schauspielerinnen und Schauspieler Halt, während sie sich an Schwabs komplexer Kunstsprache abarbeiten.
Sichtlich überwältigt von den Worten ihrer Laudatorin betonte die junge Theatermacherin das Privileg, „Dinge machen zu dürfen, bei denen man nicht weiß, was dabei herauskommt“. Sie sei stolz, an einem „Haus mit all den Profis arbeiten zu dürfen, die ihr diese Freiheit ermöglichen“, so Fritzi Wartenberg. Ihr Dank galt allen Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern und besonders ihrer Schwester, „ohne die ich hier nicht stehen würde“.

Ulrich Mathes, Thomas Schmauser, Hans-Jürgen Drescher, Juliane Köhler, Fritzi Wartenberg, Christine Klein
(Foto: Gregor Ott/GVO Media)
Die Bensheimer Bürgermeisterin Christine Klein stellte in ihrer Rede heraus, dass der Gertrud-Eysoldt-Ring und der Kurt-Hübner-Regiepreis weit über eine bloße Auszeichnung künstlerischer Leistungen hinausgehen: „Sie sind ein klares Bekenntnis zur Freiheit der Kunst, die gerade in der heutigen Zeit keine Selbstverständlichkeit darstellt.“ Mit Verweis auf autoritäre Staaten wie Russland, Iran und China verdeutlichte sie, wie fragil diese Freiheit sein kann, wenn Kunst zensiert, instrumentalisiert oder unterdrückt wird. Demgegenüber garantiert Artikel 5 des Grundgesetzes in Deutschland die Freiheit von Kunst und Meinung – „eine Freiheit, die jedoch nicht allein auf dem Papier existiert, sondern aktiv gelebt und verteidigt werden muss“.
Theater beschrieb sie als zentralen Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung, an dem auch unbequeme, herausfordernde und irritierende Perspektiven ihren Platz haben müssen. Kunst dürfe weder nach Nützlichkeit bewertet noch politischem oder gesellschaftlichem Druck unterworfen werden. „Kritik ist kein Zeichen von Illoyalität, sondern Ausdruck einer lebendigen Demokratie.“ In diesem Zusammenhang würdigte sie die Namensgeber der Preise: Gertrud Eysoldt als Symbol für künstlerische Radikalität und Unabhängigkeit sowie Kurt Hübner als Wegbereiter eines mutigen, experimentellen Theaters.
Die diesjährigen Preisträger Thomas Schmauser und Fritzi Wartenberg stehen beispielhaft für diese Haltung. Ihre Arbeiten zeigen, wie Theater gesellschaftliche Fragen verhandeln, Denkräume eröffnen und zur Reflexion anregen kann. Damit wird die im Grundgesetz verankerte Kunstfreiheit konkret erfahrbar.
Abschließend betonte die Bürgermeisterin, dass die Förderung von Kunst und Kultur ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Verantwortung sei. Die Preisverleihung in Bensheim sei daher nicht nur eine Ehrung herausragender Künstlerinnen und Künstler, sondern auch ein öffentliches Zeichen für die aktive Verteidigung der Kunstfreiheit. „Wer die Kunst schützt, stärkt zugleich die Demokratie“, lautete ihr Fazit.
Timon Gremmels, Staatsminister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, schloss sich diesen Worten an und betonte ein starkes politisches Bekenntnis, dass „wir gerade in Zeiten von Krisen eine starke Kultur, starke Kunst und eine starke Theaterszene brauchen“.
Professor Hans-Jürgen Drescher, Präsident der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste, bedankte sich bei seinen politischen Vorrednern für „die klaren Worte, die den Geist der Akademie widerspiegeln“. Er ging auf die ungebrochene Kraft beider Auszeichnungen ein und darauf, dass Theater eine ständige Herausforderung sei, die meist schwierige Botschaften überbringt und von Dystopien spricht. Das Theater mit all seinen Wesensmerkmalen lasse beim Zuschauer den Wunsch aufkommen, dass alles ganz anders sein könne.
Charmant und unterhaltsam führte Katty Salié durch die Preisverleihung. Die Journalistin und Autorin moderiert im ZDF seit mehr als 14 Jahren das Kulturformat „aspekte“. Musikalisch wurde der Abend begleitet von Katharina Bach mit ihrer Band bitchboy. Die renommierte Schauspielerin gehört zum Ensemble der Münchner Kammerspiele.
Mit der Vergabe des Gertrud-Eysoldt-Rings würdigt die Stadt Bensheim und die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste eine schauspielerische Leistung an deutschsprachigen Bühnen. Erste Preisträgerin war Doris Schade, ihr folgten große Schauspielerinnen und Schauspieler wie Klaus Maria Brandauer, Cornelia Froboess, Corinna Harfouch, Nina Hoss, Ulrich Mühe, Ulrich Matthes, Tobias Moretti, Charly Hübner, Lina Beckmann und Sandra Hüller.
Der Preis geht auf ein Vermächtnis des Journalisten und Theaterkritikers Wilhelm Ringelband zurück, der von 1944 bis zu seinem Tod in Bensheim lebte und in seinem Testament einen Schauspielerpreis mit dem Namen von Gertrud Eysoldt verfügte.
Gertrud Eysoldt gilt als eine der ersten Feministinnen des deutschen Theaters. In Zusammenarbeit mit dem Regisseur Max Reinhardt war sie eine der bedeutendsten Theaterschauspielerinnen im Berlin des frühen 20. Jahrhunderts.
Finanziert wird die Verleihung durch die Ringelband-Stiftung sowie durch das Engagement von Sponsoren. Als Wilhelm Ringelband 1981 ohne Nachkommen in Bensheim starb, hinterließ er ein Vermögen – und ein Testament mit Auflagen. Schließlich sollte sein Erbe dem Allgemeinwohl dienen.
Die Stadt Bensheim gründete daher 1983 nach dem letzten Willen des Verstorbenen die „Johanna-, Friedrich Wilhelm- und Will-Ringelband-Stiftung“, aus der seitdem die kulturellen und sozialen Testamentsverpflichtungen finanziert werden.
