
Im breit gefächerten Opern-Spielplan des Staatstheaters Mainz wurde jetzt eine Neuinszenierung von „Die Zauberflöte“ vorgestellt. Nach Opern von Korngold (Die tote Stadt) und Kerr (Der Chronoplan) gestaltete dabei Generalmusikdirektor Gabriel Venzago seine erste Mozart-Oper am Staatstheater Mainz. Für den Regisseur Dominik Wilgenbus ist es die erste Arbeit am Haus. Für die märchenhafte Inszenierung gab es bei der Premiere intensive und lang anhaltende Beifallsbekundungen für alle Beteiligten.
Verwoben mit der mythologischen Vorgeschichte
Die Rezeptionsgeschichte der „Zauberflöte“ ist vielseitig. Dominik Wilgenbus verwebt die Handlung mit der mythologischen Vorgeschichte, insbesondere mit der Entstehung des magischen Instruments. Das Holz dafür wurde einer 1000-jährigen Eiche entnommen, wodurch das Gleichgewicht der Natur zerstört wurde. Nun gilt es, die Welt zu heilen und zu retten.
Die eigentliche Handlung betont in seiner Sicht den Märchencharakter der Oper. Gleichzeitig wird behutsam das Theater mit seinen Möglichkeiten für Bühnenzauber selbst immer wieder in den Mittelpunkt gestellt. Es gibt sehr viel zu sehen und zu entdecken.

Staatstheater Mainz
Papageno (Tim-Lukas Reuter), Papagena (Liudmila Maytak)
© Andreas Etter
Ort und Zeit sind nicht näher festgelegt. Ein bogenförmiger, dunkel gehaltener Halbvorhang begrenzt die Bühnenfläche. Mit schwarzen, verlaufenden Mustern sieht er wie ein missratener Batik-Versuch aus. Er spiegelt eine gewisse Hoffnungslosigkeit wider. Durch eine unterschiedliche Ausleuchtung gewinnt er jedoch an Gestaltungskraft (Licht: Ulrich Schneider).
Im Mittelpunkt, quasi als Weltenscheibe, steht ein wippenförmiges Konstrukt. Es ist ein rundes, gebogenes Podest, das horizontal gekippt werden kann (zudem fahren durch eine Öffnung Figuren auf und ab). Die gesamte Bühne ist von einem Bühnenrahmen umgeben, wie auch mehrfach Bühnenfronten vom Schnürboden herabgelassen oder auf den Händen getragen werden. Ein großer Korb mit den auf alt getrimmten drei Knaben (vom Mainzer Domchor) und ein Ballon im Totenschädelformat schweben eindrucksvoll durch die Szenerie. Als Wertschätzung zum Werk werden mehrfach Teile der Partitur auf Vorhänge projiziert (Bühne: Peter Engel).
Bandbreite der Kostüme
Anfangs herrscht eine gewisse Schwarz-Weiß-Optik, die Figuren erinnern ob ihrer Kleidung und zerfahrenen Haarpracht ein wenig an die Mitglieder der „Addams Family“. Die verschiedenartigen Kostüme von Sandra Münchow weisen auf die Entstehungszeit hin, spielen aber auch mit viel Glitzer und Federboas auf die Gegenwart an. Neben einem Löwentrio in goldglänzenden Bodysuits, agiert hier zusätzlich ein mysteriös und androgyn anmutender Mann, mit langen grauen Haaren in einem Tüllkleid und auf Kohorten laufend, als stiller Begleiter (Statisterie).

Staatstheater Mainz
Ensemble
© Andreas Etter
Tamino trägt über einem schwarzen Netzhemd einen schwarzen Anzug. Scheinbar muss er erst noch in der Welt ankommen. Alle anderen Figuren sind abwechslungsreicher gestaltet, bis hin zu Tiermasken und ausgefallenem Haarschmuck. Papageno prägt ein clownesker Stil, Papagena ein puppenhaftes Äußeres. Glitzernd und glamourös sind die Outfits der Königin und ihrer Tochter Pamina. Sarastro und seine Gefolgsleute tragen viel „positives“ Weiß.
Hausinterne Besetzung glänzt
Fast alle Rollen wurden hausintern besetzt. Die Königin der Nacht gibt die Koloratursopranistin Alexandra Samouilidou. Sie zählt seit zehn Jahren zum Ensemble, ist dem Haus aber schon seit ihrem Studium verbunden. Sie kann die Königin nicht nur darstellerisch intensiv geben, sie schafft auch die beliebte und allseits bekannte „Höllenarie“ mit Bravour.
Viele Partien sind ob der vorgesehenen zahlreichen weiteren Vorstellungen, allein in dieser Spielzeit neun weitere, doppelt besetzt (s. u.). Bei der Premiere gab Bass-Bariton Derrick Ballard den Sarastro mit viel Erhabenheit, Mark Watson Williams den Tamino mit jugendlicher Attitüde und tenoraler Wärme. Sopranistin Dorin Rahardja bringt die Pamina groß heraus.
Zum Publikumsliebling avanciert Tim-Lukas Reuter ob seines heiteren Spiels als Papageno. Und auch die weiteren Partien sind bestens besetzt: wie mit Alexander Spemann (1. Geharnischter), Doğuş Güney (2. Geharnischter), David Jakob Schläger (als Monostratos mit starkem Oberkörper), Jinsei Park (als vehement auftretender Sprecher).
Die drei Damen sind hier als drei reife Grazien gestaltet, die sich mit viel Spielfreude einbringen (Erste Dame: Maren Schwier, Zweite Dame: Alexandra Uchlin, Dritte Dame: Verena Tönjes). Der von Sebastian Hernadez-Laverny einstudierte Chor des Staatstheaters Mainz singt teilweise aus dem Off und leicht versteckt aus dem Orchestergraben.
Das Philharmonische Staatsorchester Mainz sitzt erhöht und ist dadurch schön einsehbar. Gabriel Venzago sorgt für einen federleichten Zugriff.
Am Ende sind nicht nur alle bunt und divers zu einem starkem Schlussbild versammelt, auch die im Hintergrund erscheinende Weltkugel strahlt Lebenskraft aus.
Markus Gründig, März 26
Die Zauberflöte
Eine deutsche Oper in zwei Aufzügen
Von: Wolfgang Amadeus Mozart
Text: Emanuel Schikaneder
Uraufführung: 30. September 1791 (Wien, Freihaustheater)
Premiere am Staatstheater Mainz: Samstag, 14. März 26 (Großes Haus)
Musikalische Leitung: Gabriel Venzago / Samuel Hogarth (19.4., 2.5.) / Andri Joël Harison (18.5.)
Inszenierung: Dominik Wilgenbus
Bühne: Peter Engel
Kostüme: Sandra Münchow
Licht: Ulrich Schneider
Chorleitung: Sebastian Hernandez-Laverny
Dramaturgie: Theresa Steinacker
Besetzung:
Sarastro: Derrick Ballard (14.3., 5.4., 19.4., 2.5., 13.5., 24.5.) / Stephan Bootz (18.5., 4.6., 23.6.)
Tamino: Mark Watson Williams (14.3., 5.4., 19.4., 18.5., 4.6.) / Myungin Lee (27.3., 2.5., 13.5., 24.5., 23.6.)
Pamina: Dorin Rahardja (14.3., 5.4., 19.4., 2.5., 18.5., 4.6., 23.6.) / Julietta Aleksanyan (27.3., 13.5., 24.5.)
Königin der Nacht: Alexandra Samouilidou
Erste Dame: Maren Schwier
Zweite Dame: Alexandra Uchlin
Dritte Dame: Verena Tönjes
Erster Knabe: Jason Tosto* / Felix Heitmann*
Zweiter Knabe: Rafael Beier* / Stanislaw Domischljarski*
Dritter Knabe: Jonathan Ketelhut* / Boris Domischljarski*
Papagena: Liudmila Maytak
Papageno: Tim-Lukas Reuter (14.3., 5.4., 18.5., 24.5., 4.6., 23.6.) / Gabriel Rollinson (27.3., 19.4., 2.5., 13.5.)
1. Geharnischter / 2. Priester: Alexander Spemann
2. Geharnischter / 1. Priester: Doğuş Güney
Monostatos: David Jakob Schläger (14.3., 5.4., 2.5., 18.5., 4.6.) / Nikolas Groth (27.3., 19.4., 13.5., 24.5., 23.6.)
Sprecher: Jinsei Park
Erster Sklave: Frederik Bak
Zweiter Sklave: Scott Ingham
Dritter Sklave: Patrick Hörner
Philharmonisches Staatsorchester Mainz
Chor des Staatstheater Mainz
Statisterie des Staatstheater Mainz
* Mitglieder des Mainzer Domchors
staatstheater-mainz.com
