Julia Kerrs »Der Chronoplan« effektvoll in Mainz uraufgeführt

Der Chronoplan ~ Staatstheater Mainz ~ Eisenstein (Tim-Lukas Reier) ~ © Andreas Etter
kulturfreak Bewertung: 4 von 5

Die im Jahr 1898 in Wiesbaden geborene Julia Kerr (geborene Weissmann) war eine außergewöhnliche Frau. Sie sprach von der Jugend an viele Sprachen, studierte Mathematik und Physik, entschied sich dann aber für die Musik. Mit 21 Jahren heiratete sie den 30 Jahre älteren renommierten Theaterkritiker Alfred Kerr. Das Paar hatte dann zwei Kinder. Wegen der bevorstehenden Machtergreifung der Nationalsozialisten verließ die Familie jüdischer Abstammung 1933 Deutschland. Die Tochter Judith Kerr (1923–2019) schrieb später über die Flucht den autobiografisch geprägten Roman „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Mit im Gepäck während der Flucht hatte Julia Kerr ihre zweite Oper „Der Chronoplan“, für die ihr Mann das Libretto verfasst hatte. Zu einer szenischen Aufführung der Oper kam es zeitlebens Julia Kerrs nie.

Im Jahr 1952 produzierte der Bayrische Rundfunk eine stark gekürzte Rundfunkfassung der Oper. Ungeschickterweise gingen währenddessen 100 Seiten der Originalpartitur verloren. Diese wurden vom Berliner Musiker und Professor für Gesangsrepertoire an der Berliner UDK, Norbert Biermann, rekonstruiert (wie auch der Schluss und die Instrumentierung des dritten Akts). Dies erfolgte auch durch das Interesse der Operndramaturgin Sonja Westerbeck an dem Werk. Am Staatstheater Mainz ist die zwischen Fantasymärchen und Gesellschaftskritik changierende Oper jetzt erstmals szenisch zu erleben. Eine späte und längst überfällige Würdigung Julia Kerrs.

Zeitreise zu Julius Caesar

Wie der Titel schon ankündigt, handelt „Der Chronoplan“ von der Zeit (Chronos = die Zeit). Hier geht es um die illustre Geschichte einer Zeitreise. In Albert Einsteins Sommerhaus nahe Potsdam finden sich im Jahr 1929 zahlreiche Gäste ein. Darunter auch Prominente wie der Komponist Richard Strauss, der Maler Max Liebermann und die Dramatiker Gerhart Hauptmann und George Bernard Shaw. Sie werden hier als ganz normale Menschen, weniger als Stars, gezeigt.

Der Chronoplan
Staatstheater Mainz
Einstein (Tim-Lukas Reuter), Journalistin (Margarita Vilsone), Bernhard Shaw (Maurice Avitabile), Lord Byron (Daniel Schliewa), Kritiker (Alexander Spemann), Statisterie
© Andreas Etter

Mit der Zeitreisemaschine „Chronoplan“ begeben sich dann vier Menschen auf den Weg zu Julius Caesar. Mangels ausreichenden Treibstoffs landen sie aber nur in der Romantik, im Jahr 1805. Erst begegnen sie einem Liebespaar, dann treffen sie auf den britischen Dichter Lord Byron (der auch für sein exzentrisches Leben und seine zahlreichen Affären bekannt ist). Letzteren nehmen sie mit zurück ins Berlin von 1929. Allerdings nicht ihn direkt, sondern sein „Unter-Ich“.

Art-déco-Optik

Die szenische Uraufführung wurde vom Staatstheater Mainz mit großem Aufwand in Szene gesetzt. Die Feier bei Einsteins findet in einem Festsaal statt. Mit einem schwarzen Lackboden, weißen Vorhängen und grünen Garderoben wirkt er mondän und spielt auf den seinerzeit angesagten Art-déco-Stil an. Ein aus drei Kreisen unterschiedlichen Durchmessers bestehendes Leuchtobjekt hängt mittig und wirkt mitunter wie ein Maschinenteil. Die Zeitreisemaschine selbst besteht etwas unspektakulär aus einem schwarzen Kasten, auf dem zahlreiche Formeln notiert sind. Schlicht ist auch die Szenerie im zweiten Akt. Die Romantik wird hier lediglich mit einem großen bemalten Tuch widergespiegelt (Bühne: Paul Zoller, Co-Bühnenbildnerin: Katharina Wegmann).

Potpourrie an eigenwilligen Bildern

Für die szenische Umsetzung der Oper konnte das Staatstheater Mainz erneut den schweizerischen Regisseur Lorenzo Fioroni gewinnen. Er inszenierte in Mainz bereits 2013 Boitos „Mefistofele“ und 2016 Verdis „Rigoletto“. Bei „Der Chronoplan“ zeigt er auch seine humorvolle Seite. Die Inszenierung hat nicht nur Schwung, besonders im ersten Akt, sondern auch viele heitere Momente. Dabei gibt es viele eigenwillige Bilder, die zusammen ein buntes Potpourri bilden.

Der Chronoplan
Staatstheater Mainz
Nikoline (Maren Schwier), Lord Byron (Daniel Schliewa)
© Andreas Etter

Als Besonderheit gibt es nach dem ersten Akt eine Zwischenmusik. Die Komposition „Rotor Z5“ von Paul-Johannes Kirschner. Zu dieser wird eine Videoprojektion zur Zeitreise auf einen Gazevorhang projiziert. bei der auch sechs Science-Fiction-Fantasiewesen durch die Szenerie wuseln (Kostüme: Annette Braun). Hierbei fehlen auch weltpolitische Anspielungen nicht (Video: auch Paul Zoller).

Große musikalische Bandbreite

Opern von Komponistinnen sind nach wie vor kaum in Spielplänen zu finden. Umso wichtiger ist nun die Präsentation von Julia Kerrs „Der Chronoplan“. Die drei Akte unterscheiden sich in musikalischer Sicht stark, jeder Akt hat seinen ganz eigenen Stil. GMD Gabriel Venzago und das Philharmonische Staatsorchester Mainz arbeiten die Besonderheiten und Feinheiten der Partitur prägnant und mit Verve heraus.

Große Partien sind die Figuren Einstein (jovial: Tim-Lukas Reuter), Nikoline (geheimnisvoll: Maren Schwier) und Lord Byron (von der schönen neuen Welt irritiert und mit seinem Unter-ich als Homunkulus gestaltet: Daniel Schliewa). Daneben gibt es zahlreiche weitere Akteure wie den Komponisten Richard Strauss (lieber Skat spielend als Autogramme gebend: Collin Andre Schöning), einen Kritiker (Alexander Spemann als Anspielung auf Alfred Kerr) und eine Journalistin (beochachtend: Margarita Vilsone).

Am Ende ist die Lage nach einem fehlgeleiteten Bombenangriff und angesichts der bevorstehenden Machtübernahme der Nationalsozialisten ernüchternd. Kein Wunder, dass Lord Byron zurück in seine Zeit möchte (wohin ihn Einstein per Ruderboot hinschippern will). Lang anhaltender und intensiver Beifall für diese besondere Ausgrabung.

Markus Gründig, Januar 26


Der Chronoplan

Oper in drei Akten
Von: Julia Kerr (1898 – 1965)
Libretto: Alfred Kerr
Vervollständigt und in Teilen rekonstruiert durch: Norbert Biermann

Premiere/ szenische Uraufführung am Staatstheater Mainz: 24. Januar 26 (Großes Haus)

Musikalische Leitung: Gabriel Venzago
Inszenierung: Lorenzo Fioroni
Bühne und Video: Paul Zoller
Co-Bühnenbildnerin: Katharina Wegmann
Kostüme: Annette Braun
Choreografie: Fabio Toraldo
Licht: Ulrich Schneider
Chorleitung: Sebastian Hernandez-Laverny
Dramaturgie: Sonja Westerbeck

Besetzung:

Einstein: Tim-Lukas Reuter
Frau Einstein: Luisa Sagliano
Lord Byron: Daniel Schliewa
Nikoline: Maren Schwier
Richard Strauss: Collin Andre Schöning
Bernhard Shaw: Maurice Avitabile
Gerhart Hauptmann: Myungin Lee
Max Liebermann: Christoph Wendel
Ein Kritiker: Alexander Spemann
Eine Journalistin: Margarita Vilsone
Erstes Stubenmädchen: Paula-Maria Müller
Zweites Stubenmädchen: Lena Heun
Ein Diener: Daniel Semsichko
Ein Reitknecht: Gregor Loebel
1. Dame: Jeeho Anja Park / Dohyun Lee
2. Dame: Michelle-Marie Nicklis / Anđela Todorovic Dodis
3. Dame: Katharina Sebastian / Anke Peifer
1. Herr: Scott Ingham / Agustin Sanchez Arellano
2. Herr: Dogus Güney / Jinsei Park
Basil von Strouve: Georg Schießl
Lisa Passavant: Katharina Sebastian
Der Clubpräsident: Dennis Sörös
Ein Clubdiener: Paul Jonathan Irion

Chor des Staatstheater Mainz
Statisterie des Staatstheater Mainz
Philharmonisches Staatsorchester Mainz


staatstheater-mainz.com