
Die Welt liegt im Argen, keine Frage. Ob in der Weltpolitik oder bezüglich der globalen Umwelt: Die Probleme nehmen ständig zu. Alle wissen es, manche tun etwas dagegen, doch die Mehrheit ist wie gelähmt. Die Menschheit hat sich gewissermaßen selbst aufgegeben, ihr Ende ist nur eine Frage der Zeit. Dieser ernüchternde Blick prägt auch George Benjamins erste abendfüllende Oper „Written on Skin“. Sie wurde 2012 im Grand Théâtre de Provence in Aix-en-Provence uraufgeführt. Seitdem hat es weltweit über 100 Aufführungen von ihr gegeben. Für eine neuzeitliche Oper ist das außerordentlich viel. Neben Jake Heggies „Dead Man Walking“ (2000) oder Thomas Adès’ „The Tempest“ (2004) gilt sie als größter Opernerfolg der letzten Jahre.
Legende vom gegessenen Herzen
George Benjamin (* 1960) ist in Frankfurt kein Unbekannter. Bereits im November 2007 wurde in der Spielstätte Bockenheimer Depot seine Kammeroper „Into the Little Hill“ gespielt. Und auch „Written On Skin“ hat allein ob der wenigen Figuren eher Kammerspiel-Format (musikalisch keinesfalls). Die Oper handelt vordergründig von einem wohlhabenden Großgrundbesitzer und seiner kindlichen Frau, die er als Teil seines Besitzes ansieht. Als ein junger Maler zu diesem Paar stößt, kommt es zu einem Drama mit abartigem Ende. Das Scheitern der Liebe steht dabei aber auch für das Scheitern der Menschheit an sich.

Oper Frankfurt
The Boy (Iurii Iushkevich), Agnès (Elizabeth Reiter)
© Barbara Aumüller (szenenfoto.de)
Das Libretto von Martin Crimp entstand nach einer anonymen okzitanischen Erzählung vom Ritter und Troubadour (= Dichter und Musiker) Guillem de Cabestanh („Legende vom gegessenen Herzen“).
Szenerie wie ein großes Versuchslabor
Für die Frankfurter Erstaufführung von „Written On Skin“ wurde die Regisseurin Tatjana Gürbaca verpflichtet. Sie überzeugte in der Vergangenheit bereits mit ihren Inszenierungen von Luigi Dallapiccolas „Ulisse“ und Fromental Halévys „La Juive“. Die Dreiecksgeschichte ist für sie auch ein Bild für unsere Welt, die mehr und mehr auf ihr Scheitern zusteuert.
Die szenische Umsetzung gestaltete der Bühnenbildner Klaus Grünberg. Er schuf eine schlichte, abstrakte Landschaft aus schwarzen Dreiecken. Sie wirkt wie eine nicht fertig gerenderte Computeranimation und nimmt weder auf einen konkreten Ort, noch auf eine bestimmte Zeit Bezug. Eine unterschiedliche Ausleuchtung versetzt sie in eine kalte oder warmherzige Atmosphäre (Licht: auch Klaus Grünberg).

Oper Frankfurt
Third Angel (Michael McCown), The Protector (Bo Skovhus) und Second Angel (Cecelia Hall)
© Barbara Aumüller (szenenfoto.de)
Die Szenerie wirkt eher wie ein großes Versuchslabor, wozu nicht zuletzt zwei große Scheinwerfer (wie aus vergangenen Tagen) beitragen, die an den Bühnenseiten aufgestellt sind. Zur zentralen „Herz-Szene“ fährt zudem ein weiterer Scheinwerfer vom Schnürboden herab. Im linken Bühnenhintergrund steht eine kleine Hochhaus-Skyline: Die Protagonisten sind Teil der Gegenwart. Ein im rechten Bühnenhintergrund in Zeitlupentempo herabstürzendes Passagierflugzeug kündigt an, dass es bald zu einer Katastrophe kommen wird (eine Inspiration aus Pieter Bruegels Gemälde „Landschaft mit dem Sturz des Ikarus“). Das Gefühlschaos und die inneren Zwänge der Figuren werden durch herabgelassene Baumstämme (Wald) ausgedrückt.
Lose Bezüge zum Mittelalter (dem Ursprung der Legende vom gegessenen Herzen) gibt es teilweise bei Silke Willretts Kostümen, größtenteils sind sie aber sehr heutig. Das Blau bei den Engeln wenn sie bei den Menschen sind („Engel im Alltag“), nimmt lose Bezug zum Himmelsblau.
Klangfarbenvielfalt mit schillernden Klangschichten
Die Musik von George Benjamin besticht durch ihre Vielfalt an Klangfarben und emotionaler Tiefe. Dies weniger mit prägnanten Rhythmen, als mit schillernden Klangschichten, die eine schwebende Atmosphäre vermitteln. Das Frankfurter Oper- und Museumsorchester spielt bei dieser Produktion unter Erik Nielson, der mit viel Feingefühl eine mythische Atmosphäre heraufbeschwört.
Das sonderbare Paar Agnés und The Protector geben die Sopranistin Elizabeth Reiter und der Bariton Bo Skovhus (Debüt an der Oper Frankfurt). Reiter bewältigt die großen Herausforderungen der Partitur mit scheinbarer Leichtigkeit und zeigt dabei eine berührende Präsenz. Skovhus gibt den Protector nicht nur als empathiebefreiten Machtmenschen. Mit seiner warmtönenden Stimme gibt er ihm eine gebührende Größe.

Oper Frankfurt
Protector (Bo Skovhus), Agnès (Elizabeth Reiter), Third Angel (Michael McCown)
© Barbara Aumüller (szenenfoto.de)
Dass Agnés und der Protector je ein glückliches Paar waren, kann man sich ob ihrer Unterschiedlichkeit nicht vorstellen. Wenn dann ein auftauchender junger Mann zur zentralen Figur wird, wundert das nicht. Beide sind auf ihn, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, fixiert. Der russische Countertenor Iurii Iushkevich gibt den Boy ausdrucksstark und sehr apart. Er ist zugleich einer der drei Engel (mit gestutzten Flügeln). Zu diesen zählen Mezzosopranistin Cecelia Hall (auch Marie) und Tenor Michael McCown (auch John).
Eine Besonderheit von „Written on Skin“ ist, dass die Figuren immer wieder in der dritten Person von sich sprechen. Für Regisseurin Tatjana Gürbaca war dies, wie sie im Nachgespräch zur Produktion erläuterte, ob der Möglichkeiten eine tolle Sache. Sie nutzt eine Mischform, bei der direkt zum Publikum und innerhalb der jeweiligen Szene gesungen wird.
Agnès Stärke zeigt sich insbesondere am Schluss, wenn sie mit des Boys Herz eins geworden ist und nach einem Suizid mit einem Messer ins helle Licht aufsteigt. Als ein gewisser Hoffnungsschimmer steigen dann drei neue Erden im Hintergrund auf. Das Menschheitsdrama beginnt von Neuem und vielleicht schafft es ja einmal eine Menschheit, sich nicht zu vernichten.
Intensiver Beifall bei der besuchten dritten Vorstellung.
Markus Gründig, März 26
Written on Skin
Oper in drei Teilen
Musik: George Benjamin (* 1960)
Text: Martin Crimp (* 1956; nach der anonymen okzitanischen Erzählung Guillem de Cabestanh – Le cœur mangé aus dem 13. Jahrhundert)
Uraufführung: 7. Juli 2012 (Aix-en-Provence, Grand Théâtre de Provence)
Premiere an der Oper Frankfurt / Frankfurter Erstaufführung: 1. März 26 (Opernhaus)
Besuchte Vorstellung: 7. März 26
Musikalische Leitung: Erik Nielsen
Inszenierung: Tatjana Gürbaca
Bühnenbild, Licht: Klaus Grünberg
Kostüme: Silke Willrett
Dramaturgie: Maximilian Enderle
Besetzung:
Protector: Bo Skovhus
Agnès: Elizabeth Reiter
First Angel / Boy: Iurii Iushkevich
Second Angel / Marie: Cecelia Hall
Third Angel / John: Michael McCown
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
