„Man lebt nicht ungestraft in einer Stadt.“ Ein Satz von Marie Luise Kaschnitz, der hängen bleibt. Und einer, der sich beim Hören dieser Texte plötzlich wieder auflädt.
Am 24. April wird der Kunstverein Familie Montez zum Resonanzraum für genau diese Erfahrung. „Gott und die Welt“ wirkt zunächst wie ein Blick zurück. Doch schon nach wenigen Passagen wird klar, dass es auch um etwas anderes geht. Um das Jetzt. Um eine Stadt, die sich verändert und dabei ihre Bewohner verändert.
Im Rahmen von „Frankfurt liest ein Buch“ entsteht daraus kein klassischer Leseabend. Schauspieler Christoph Gérard Stein hat die Texte als dichten Spannungsraum inszeniert und bringt sie gemeinsam mit der Schauspielerin und Sängerin Alexandra Bentz sowie Gitarrist Samuel Klemke auf die Bühne. Sprache, Stimme und Musik greifen ineinander und entwickeln eine Sogwirkung, die sich langsam entfaltet.
Es gibt immer wieder Phasen, in denen vieles in Aufruhr ist. Und das haben wir heute wieder“, sagt Stein. Für ihn liegt die Aktualität der Texte in ihrer Genauigkeit. Sie erzählen von Verunsicherung, von Verlust, von der Erfahrung, dass sich die Welt schneller verschiebt, als man ihr folgen kann.
Kaschnitz beschreibt ein Frankfurt im Umbruch. Doch das Entscheidende ist nicht die Zeit, sondern die Präzision der Beobachtung. Stadtentwicklung, Verdrängung, gesellschaftliche Spannungen. Was hier formuliert wird, liest sich wie eine Diagnose der Gegenwart.
Die Inszenierung verzichtet bewusst auf jede Form von Überhöhung. Keine Effekte lenken ab. Der Text steht im Zentrum. Und genau daraus entsteht Intensität. Der Klang, der Rhythmus der präzisen Sprache von Kaschnitz trägt und verführt. Die Musik setzt Impulse, öffnet Räume und lässt das Gesagte nachhallen.
Der Kunstverein Familie Montez verstärkt diese Unmittelbarkeit. Hier gibt es keine Distanz. Literatur geschieht. Direkt im Raum. Zwischen den Stimmen. Im Publikum.
Warum hingehen: Weil dieser Abend zeigt, wie nah Literatur rücken kann. Weil er einen Text hörbar macht, der mehr über unsere Gegenwart erzählt als viele aktuelle Debatten. Und weil er daran erinnert, dass das Leben in einer Stadt immer auch eine Zumutung ist.
Die Frankfurter Buchhandlung „Eselsohr“ wird einen Büchertisch mit dem Band „Gott und die Welt“ (Euro 22) vor Ort anbieten.
Termin: 24. April 2026, 18 Uhr
Ort: Kunstverein Familie Montez, Frankfurt
Tickets: 19 Euro unter christophstein.com/ffmliest26
