Musical »Next to Normal« empathisch im Würzburger Theater am Neunerplatz

Theater am Neunerplatz in Würzburg (Foto: Markus Gründig)
kulturfreak Bewertung: 4 von 5

Die Goodmans sind eine ganz normale Familie. Mutter Diana schmeißt den Haushalt, Vater Dan schafft die Kohle heran und Tochter Natalie musiziert und freut sich auf den Schulball. Doch der Schein trügt. Sie sind nur „nah dran“ am „Normal“-Sein. In Wirklichkeit ist ihre Familiensituation äußerst fragil: Diana ist seit 16 Jahren wegen einer bipolaren Erkrankung in ärztlicher Behandlung und austherapiert. Selbst eine Elektrokonvulsionstherapie (EKT) hilft ihr nicht, macht nur alles noch schlimmer. Ihr Mann hält treu und fast schon stur zu ihr. Die Angst vor dem Alleinsein ist bei ihm immens. Und die Tochter flüchtet sich in Drogen.

Diese Familie ist wahrlich nicht prädestiniert, Thema eines Musicals zu sein. Drama ja, aber bitte nicht so real und so intensiv!? Dennoch ist „Next to Normal“ seit seiner Broadway-Premiere 2009 ein erfolgreiches Musical (Musik: Tom Kitt; Buch und Gesangstexte: Brian Yorkey). Und schon Sarah Kane bewies mit ihrem letzten Drama „Psychose 4.48“, dass das Thema „schwere Depression“ bühnenfähig ist (Philip Venable vertonte das Drama zudem zu einer Kammeroper).

Im unterfränkischen Würzburg hat „Next to Normal“ jetzt das Theater am Neunerplatz mit viel Aufwand und Leidenschaft inszeniert. Es läuft dort noch bis zum 9. Mai 26.

Trotz der heftigen Dramatik, die niemanden kalt lässt, inklusive eines Suizidversuchs, und einer gewissen Länge (3 Stunden inklusive einer Pause) wirkt es zwar nicht fröhlich, aber durch die rasante und rockige Musik wird der Ernst aufgebrochen und die Zeit verfliegt wie im Nu (Regie: Jonas Ehser).

Größter Trumpf ist Lisa-Marie Ströbel

Größter Trumpf der Inszenierung ist Lisa-Marie Ströbel als Mutter Diana. Mit einer unter die Haut gehenden Authentizität und szenischer Präsenz nimmt man sofort an ihrem Schicksal und ihren Problemen Anteil. Dazu singt sie auf professionellem Niveau überaus einfühlsam. Jonas Ehser ist als sich um sie kümmernder und ebenso traumatisierter Ehemann und Vater Dan mit Verve dabei (den Namen seines Sohnes kann er auch nach Jahren nicht aussprechen). Die 16-jährige Tochter Natalie, einnehmend von Denise Heinz gegeben, steht nicht nur als das ungeliebte Kind da, sondern auch für die junge Generation von heute, die Themen wie Umwelt und Klimawandel belasten. Zum Glück hat sie Henry als Freund, auch wenn sie die Probleme der Eltern übernommen hat. Kav Khambatta gibt ihn mit viel Empathie.

Mit viel Elan und körperlicher Agilität ist Niklas Kremer als 17-jähriger Sohn Gabe dabei. Eigentlich starb er ja als Baby bereits mit acht Monaten an einem zu spät entdeckten Darmverschluss (was als Auslöser für die Traumata der Eltern gilt). Als nicht aus den Köpfen zu kriegender ist er jedoch nahezu omnipräsent. Als überdrehter blondhaariger Dr. Fine und gewissenhafter Dr. Madden zeigt Philipp Raab eine große Präsenz.

Die Liveband spielt mit viel Elan unter der Leitung von Teresa Ó Dúill verdeckt im Hintergrund. Auf der Bühne ist die Wohnküche der Familie Goodman mitsamt persönlichen Erinnerungsstücken, Fotos und einer kleinen Drehbühne zu sehen.

Am Ende intensiver Beifall und stehende Ovationen für die nahbaren Figuren, die ergreifende Geschichte und den finalen sanften Hoffnungsschimmer (Ensemblesong „Licht“).

Markus Gründig, April 26


Next to normal

Musik: Tom Kitt
Buch und Gesangstexte: Brian Yorkey
Deutsche Fassung: Titus Hoffmann

Broadway-Premiere: 15. April 2009 (New York, Booth Theatre)
Deutschsprachige Erstaufführung: 13. Oktober 2013 (Fürth, Stadttheater Fürth)

Premiere am Würzburger Theater am Neunerplatz: 3. April 26

Regie: Jonas Ehser
Musikalische Leitung Gesang: Denise Heinz / Moritz Thelenberg
Musikalische Leitung Band: Teresa Ó Dúill
Deutsche Fassung: Titus Hoffmann

Besetzung:

Diana Goodman: Lisa Ströbel
Dan Goodman: Jonas Ehser
Natalie Goodman: Denise Heinz
Gabriel Goodman: Niklas Kremer
Henry: Kay Khambatta
Dr. Fine/Dr. Madden: Philipp Raab

Band:
Teresa Ó Dúill – Klavier
Henri Scheppach – Gitarre
Johannes Krusche -E-Bass / Kontrabass
Moritz Hoffmeyer – Schlagwerk
Coraline Bacq – Violine / Synth
Serena Agbokhan – Cello

neunerplatz.de / deutsche-depressionshilfe.de / dgbs.de