Im Schatten der Frankfurter Skyline kehrt Faust an seinen Ursprungsort zurück und erscheint als Gegenwartsstück von irritierender Schärfe. In wenigen Wochen ist es soweit, Mitte April öffnet sich der Vorhang für eine Neuinszenierung im Kulturhaus Frankfurt. Christoph Gérard Stein übernimmt die Titelrolle und verabschiedet sich bewusst vom Bild des entrückten Gelehrten. Sein Faust ist ein moderner Großstädter, erfolgreich, getrieben, erschöpft von der eigenen Rastlosigkeit. Einer, der alles weiß und doch nicht weiß, wofür.
Stein zeichnet einen Charakter mit Rissen, kultiviert in der Oberfläche und brüchig im Innersten. Es ist ein Faust, der weniger nach Erkenntnis strebt als nach Intensität, weniger zweifelt als driftet. Die existenzielle Unruhe, die Goethe seiner Figur eingeschrieben hat, erscheint hier als Signatur einer Gesellschaft, die von Beschleunigung lebt und vom Innehalten nichts wissen will.
Auch die Inszenierung von Carola Moritz, der Theater-Prinzipalin, verweigert die klassische Distanz. Gretchen tritt nicht als naives Gegenbild auf, sondern als selbstbewusste Figur mit eigenem Blick auf die Welt. Mephisto ist kein allmächtiger Strippenzieher, sondern ein Gegenspieler auf Augenhöhe, ein Duellant im offenen Spiel. So entsteht kein Lehrstück, sondern ein Spannungsraum zwischen Macht und Moral, Begehren und Verantwortung.
Auf deutschen Bühnen haben sich große Schauspieler an Faust bewährt und Maßstäbe gesetzt. Gustaf Gründgens gab den rastlos Getriebenen von kalter Brillanz. Bruno Ganz formte daraus eine Figur leiser Verzweiflung. Ulrich Matthes zeigt Faust als hochpräzises Psychogramm, zerrissen, sprachmächtig, von existenzieller Unruhe. Stein dagegen wird die Figur weniger als Monument lesen denn als offenen Prozess, als tastende Annäherung an eine Existenz, die sich jeder Eindeutigkeit entzieht.
Faust – Der Tragödie erster Teil
Von: Johann Wolfgang von Goethe
Premiere im Kulturhaus Frankfurt: 14. April 26
Regie: Carola Moritz
Mit: Christoph Gérard Stein u. a.
