»Das Heerlager der Heiligen« irritiert am Schauspiel Frankfurt

Das Heerlager der Heiligen ~ Schauspiel Frankfurt ~ Ensemble ~ Foto: Robert Schittko
kulturfreak Bewertung: 4 von 5

Ein schönes Bühnenbild, groß aufspielende Darsteller, ein brandheißes politisches Thema, aber auch beklemmend, ekelig, gespenstisch, skurril und widerwärtig: Das Heerlager der Heiligen ist alles andere als ein gewöhnliches Theaterstück und schon gar nicht geeignet, sich entspannt in den Sessel zurückzulehnen. Es beruht auf dem 1973 in Frankreich erschienenen Roman gleichen Titels (Le Camp des Saints) von Jean Raspail, der vom Untergang der europäischen Kultur, vom Verlust der nationalen Identität und der männlichen Vorherrschaft handelt. 1985 wurde er erstmals ins Deutsche übersetzt und 2015, dem Jahr der Flüchtlingskrise, neu herausgebracht (im Neurechten Antaios Verlag des Publizisten und Politaktivisten Götz Kubitschek). Der Roman schildert in einer deftigen Sprache („vollgekakter Spast“, „Kotmensch“) und populistischen Sprüchen („Feigheit vor dem Schwachen ist die fürchterlichste Feigheit“; „schießen oder teilen“) die Eroberung eines wehrlosen Europas durch Massen verarmter Inder. Grundtenor ist, dass die Starken das Recht haben, die Schwachen zu vernichten. Während die einen ihn als rechtsextrem verurteilen, feiern ihn andere als visionären Warn- und Weckruf. Es liegt nahe, dass er Michel Houellebecq bei seinem Roman Unterwerfung inspiriert hat.


Das Heerlager der Heiligen
Schauspiel Frankfurt
Xenia Snagowski, Stefan Graf, Michael Schütz
Foto: Robert Schittko

Wie bei kaum eine anderen Romanadaption verwundert es, dass gerade dieses Buch aus dem „Giftschrank der Literatur“ (Tiedtke zu Schmidt-Rahmer) von einem Stadttheater auf die Bühne gebracht wird (hier in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen), zumal in einer, durch ihre jahrhundertalte Messetradition, weltoffenen und multikulturellen Stadt wie Frankfurt/M. Soll die rechte Szene etwa kurz vor der Europawahl gestärkt werden? Nein, es geht vielmehr darum, aus der Angstblase (Angst vor dem Fremden), die die rechte Szene durch geschickte Propaganda ausnutzt, die Luft herauszunehmen. Und die Frage nach der Reichweite von Mitleid zu stellen. Auch wenn es grundsätzlich außer Frage steht, Menschen in Notlagen zu helfen, hat dies, selbst für die vehementesten Gegner der rechten Szene, Grenzen. Nämlich dann, wenn das eigene Leben bedroht ist. Dann gelten plötzlich andere Gesetze. Dass der Wohlstand der reichen Nationen auf Kosten der Armen ruht, wurde schon in anderen Stücken thematisiert (wie in Sklaven.leben), vom moralischen Spagat ist keiner frei. Das Stück hinterfragt, inwieweit rechtsautoritäres Denken noch politisch ist und legt die Vermutung nah, dass es nur dazu dient, Gewalt zu rechtfertigen.


Das Heerlager der Heiligen
Schauspiel Frankfurt
Michael Schütz, Daniel Christensen
Foto: Robert Schittko

Die szenische Umsetzung durch Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer ist keine pure Abbildung der Vorlage. Gemeinsam mit der Chefdramaturgin Marion Tiedtke hat er Teile des Romans (Edition Robert Laffont) neu übersetzt. Der Abend beginnt mit einer großen Tafelrunde unter dem Schriftzug „Once upon a time in Europe“ an einem mit Baguette, Camembert und Rotwein gedeckten Tisch. Man befindet sich in einem traditionellen Raum, mit vertäfelter Decke, aufwendigen Seitenportalen und einem herrschaftlichen Kamin im Hintergrund (Bühne: Thilo Reuther). Zunächst sitzt nur ein Mann (tiefenentspannt: Michael Schütz) an der Tafel, isst in aller Seelenruhe und gibt bei seinem cirka fünfminütigen Monolog trockene Kommentare zur Lage ab. Nach und nach treten die anderen hinzu. In schwarzen heutigen Anzügen (Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch), mit finsterer Miene und auf alt getrimmt (das WIR ist weiß, männlich, wohlhabend und alt) die Männer. Neben Schütz sind das der auf arabischen Look getrimmte Daniel Christensen, der Contenance wahrende, singende und trainierte Stefan Graf, sowie der besonnene Andreas Vögler. Sie sind nicht nur in der Überzahl, sie haben auch die großen Positionen wie Kapitän oder Offizier inne. Die Frauen (den Kamin erklimmend und als Vamp: Katharina Bach, im Marlene Dietrich Look und verführerisch: Xenia Snagowski) bringen sich zwar auch lautstark ein, werden aber eher als überdrehte (Neben-) Figuren gezeigt. Zusätzlich gibt es zwei Frauen der Statisterie, die lediglich den Herrschaften dienen, eine von ihnen trägt gar ein Kopftuch. In einem Fernseher erscheinen Bilder der brennenden Kathedrale Notre Dame, das Bild des an die türkische Küste gespülten Flüchtlingkinds und in Dauerschleife der Text „Der nationale Gedanke“.


Das Heerlager der Heiligen
Schauspiel Frankfurt
Katharina Bach, Xenia Snagowski
Foto: Robert Schittko

Die Geschichte der herannahenden Inder, die Unfähigkeit der Regierung geeignete Abwehrmaßnahmen durchzusetzen und die Kapitulation des Militärs, die Invasoren nicht einfach abzuknallen, wird vielschichtig deklamiert. Videoprojektionen im Hintergrund (Livebilder, aber auch blutrotgefärbtes Meer), verdichten das gesprochene Wort. Zu Raspails Text gibt es verstörende Bilder, wie die eines in seinem Urin und Kot stehenden Mannes, von hemmungslosen Fressen und der schmerzhaften Geburt von massenhaften Miniaturplastikbabys. Am Ende finden sich alle, die Rechten wie die Linken, wieder an der Tafel zusammen und können nicht anders, als sich selbst aufzugeben.

Nach einem Moment der Ruhe und des Nachdenkens, starker Applaus für diesen zwar etwas unbequemen aber wichtigen Abend, schließlich tragen wir alle Mitschuld am Zustand der Welt. Gerne werden niedrige Löhne, miserable Arbeits- und Umweltschutzbedingungen in Kauf genommen, damit wir günstig möglichst viel und möglichst günstig konsumieren können. Wären die Bedingungen in der 3. Welt besser, würde die Notwendigkeit zur Flucht nach Europa minimiert und die Rechtsnationalen hätten weniger Argumente.

Markus Gründig, Mai 19


Das Heerlager der Heiligen
Nach dem französischen Roman von Jean Raspail Le Camp des Saints in der Edition Robert Laffont übersetzt und für die Bühne bearbeitet von Hermann Schmidt-Rahmer und Marion Tiedtke

Premiere am Schauspiel Frankfurt: 16. Mai 19 (Kammerspiele)

Regie: Hermann Schmidt-Rahmer
Bühne: Thilo Reuther
Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch
Video: Rebekka Waitz
Musik/Sound: Hermann Schmidt-Rahmer
Dramaturgie: Marion Tiedtke

Mit:
Katharina Bach, Daniel Christensen, Stefan Graf, Michael Schütz, Xenia Snagowski, Andreas Vögler, und Birgül Babin, Chau Lien Nugyen, Thanh Nguyen (Statisterie)

www.schauspielfrankfurt.de