Schauspiel Frankfurt: Jan-Christoph Gockel erweckt stilsicher Konstantin Küsperts »sklaven leben«

sklaven leben ~ Schauspiel Frankfurt ~ Katharina Kurschat, Luana Velis, Komi Togbonou, Sebastian Reiß, Torsten Flassig (Foto: Felix Grünschloß)

Das interdisziplinäre Festival Frankfurter Positionen führt seit 2001 regelmäßig mit Konzerten, Theater, Ausstellungen und Performances einen Diskurs zu gesellschaftlichen Themen, zum gesellschaftlichen Wandel und zu den Veränderungen in der Lebenswelt. Ausgehend von der zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft legen die Frankfurter Positionen 2019 mit dem Thema »Grenzen der Verständigung« einen Fokus auf die Sprache. Das Festival ist eine Initiative der BHF BANK Stiftung, 17 Institutionen sind dieses Mal beteiligt. Eine davon ist das Schauspiel Frankfurt, an dem jetzt Konstantin Küsperts sklaven leben, ein Werkauftrag für die Frankfurter Positionen 2019, erfolgreich uraufgeführt wurde.

Zunächst mutet das angekündigte Kaleidoskop der unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema „Sklaverei“, ob nun historisch oder in einer globalen Weltwirtschaft, etwas mürbe an. Doch ein Blick auf die Liste der Beteiligten lässt schon im Vorfeld die Erwartungen hoffnungsvoll steigen. Denn mit Jan-Christoph Gockel wurde ein Regisseur verpflichtet, der sich nicht nur schon seit vielen Jahren mit dem Thema Afrika intensiv auseinandersetzt (und Burkina Faso und den Kongo bereist hat), sondern der auch mit herausragenden Inszenierungen wie Schinderhannes (2014) oder Meister und Margarita (2017) am Staatstheater Mainz, wo er seit der Spielzeit 2014/15 als Hausregisseur arbeitet, gezeigt hat, wie komplexe Stücke brillant, publikumsfreundlich, viele Überraschungen bietend und dennoch anspruchsvoll dargeboten werden können.

Konstantin Küspert, der seit 2017 auch als Dramaturg am Schauspiel Frankfurt arbeitet (und derzeit in Elternzeit ist), schuf einen sarkastischen Text, der collagenartig verschiedene Aspekte moderner Sklaverei betrachtet. Die finale Fassung entstand im Kollektiv mit dem Regisseur und dem Ensemble während der Probephase.
Wie gegenwärtig moderne Sklaverei ist, weiß eigentlich jeder. Es sind nicht nur die ausgebeuteten Näherinnen in Bangladesch, Vietnam oder Indien, die unter katastrophalen Arbeitsbedingungen und für einen Hungerlohn Kleidung für uns herstellen. Zu modernen Sklaven können genauso 1-Eurojobber, Bauarbeiter, Haushaltshilfen, Prostituierte und viele mehr zählen. Sklaven leben lässt, ohne erhobenen Zeigefinger, dafür mit einem wachsamen Auge und mit einem glühend aufdrehenden Schauspielensemble, das, was wir wissen, aber stets verdrängen, für 90 Minuten plakativ und mit prallen Farben aufleben.


sklaven leben
Schauspiel Frankfurt
Luana Velis, Komi Togbonou, Torsten Flassig, Christoph Pütthoff, Sebastian Reiß
(Foto: Felix Grünschloß)

Während das Publikum Platz nimmt, ist es unter Beobachtung. Auf der Bühne ist auf einer runden Projektionsfläche ein einzelnes Auge zu sehen, das wachsam und etwas unheimlich wirkend, den Raum abscannt (beim genaueren Hinsehen wird deutlich, dass es sogar unterschiedliche Augen sind). Schon die Eröffnungsszene ist effektvoll, nicht zuletzt wegen der ausgefallenen Kostüme von Amit Epstein. Der in Remscheid geborene Komi Togbonou betritt, lediglich mit einer kunstvollen Garnitur bekleidet, die Bühne (auch von Amit Epstein) um dann zu verkünden, dass er Kleidung braucht. Hier beginnt die Bifurkation, die Teilung der Welt in diejenigen, die priviligiert sind und diejenigen, die für die Priviligierten arbeiten. Um bestehende Strukturen und Mechanismen deutlicher hervorzuheben, spiegelt Küspert die Verhältnisse und geht der Frage nach, was wäre, wenn die Historie anders verlaufen wäre. So sind nun die Bewohner Afrikas priviligiert und die Europäer, zerrieben von internen Konflikten, müssen ihren Kontinent verlassen, um in Afrika überleben zu können.
Nachdem die Projektionsfläche nach oben gefahren ist und sich zu einer coolen großen Deckenleuchte gewandelt hat, zeigt die Bühne einen schicken Concept Store mit edel anmutendem Fußboden, mit großflächigen Rautenmustern und drei rückseitigen Umkleidekabinen. Hochwertige Kleidung hängt, schön farblich sortiert, an den Seiten aufgereiht in je zwei Reihen. Während die weiteren Darsteller in außergewöhnlichen Designkombinationen erscheinen und ihre Position als Objekt einnehmen, tritt Togbonou kurz ab, um dann in einem eleganten wie außergewöhnlichen Anzug als Sklavenkäufer zurückzukehren. Jetzt ist es der schwarze Mann, der es satt hat lediglich „Slave Sharing“ zu nutzen, er will endlich seinen eigenen haben, schließlich gibt es derer ja viele. Und sie preisen sich mit all ihren Talenten als Handwerker und für sonstige Dienstleistungen an. Über Preise soll später geredet werden, doch schnell fallen erste Zahlen: 50.000, 40.000, 30.000, 1 Euro, 1 Cent… Kein Preis ist gering genug, erst bei Null wird zugeschlagen und „Black Friday“ gerufen. Ein bedrückendes Bild für den ganz normalen Wahnsinn im Alltag des „Homo Konsumus“, wo der Wert der hergestellten Güter und Lebensmittel (man denke beispielsweise auch an die Milchbauern hierzulande) im Wunsch, alles fast umsonst zu bekommen, total in den Hintergrund rückt.


sklaven leben
Schauspiel Frankfurt
Komi Togbonou, Ensemble
(Foto: Felix Grünschloß)

Das Faszinierende an diesem Abend ist, neben der hervorragenden schauspielerischen Leistungen (mit vielen Kostümwechseln), das viele unterschiedliche gesellschaftspolitische Themen angesprochen werden, der Abend aber sehr homogen und nie belehrend wirkt, dafür kurzweilig und äußerst unterhaltsam (auch wenn die eigene „Schuld“ einem stets im Nacken sitzt). Jan-Christoph Gockel hat es auch hier wieder geschafft, ein Stück lebensnah zu vermitteln.

Dabei hat auch jeder der beteiligten Ensemblemitglieder die Gelegenheit für einen solistischen Part. Torsten Flassig (auf High Heels und nur mit Goldsakko und Jock String bekleidet) als schamlos ausgenutzte sexy Haushaltshilfe bei einer Anwaltsfamilie zu Beyoncés „Crazy In Love“, Christoph Pütthoff als „Wie entsteht unsere Kleidung“ erzählender Starentertainer, Sebastian Reiß als sich händeringend anpreisender Sklave und als Europäer ohne Privilegien, Komi Togbonou als kraftstrotzender Sklavenkäufer und später als sich solidarisch zeigender Neptun, sowie Luana Velis als sich echauffierende virtuelle Aktivistin (allerdings etwas zu leise flüsternd), die auch nach einem Rebout nicht recht funktionieren will und von zwei Technikern zum Einschmelzen abgefahren wird. Mit dabei ist auch Katharina Kurschat vom Studiojahr Schauspiel, die sich bemerkenswert souverän einfügt.

Am Ende sinkt die Projektionsfläche wieder herab auf der als letztes steht „Die gute Nachricht ist…“. Darauf die Antwort zu finden, obliegt jedem Zuschauer.

Intensiver und lang anhaltender Applaus.

Markus Gründig, Januar 19


sklaven leben
Von: Konstantin Küspert
Ein Werkauftrag für die Frankfurter Positionen 2019 (eine Initiative der BHF Bank Stiftung)

Premiere/Uraufführung am Schauspiel Frankfurt: 26. Januar 19

Regie: Jan-Christoph Gockel
Bühne und Kostüme: Amit Epstein
Musik: Komi Togbonou
Dramaturgie: Judith Kurz

Mit: Torsten Flassig, Katharina Kurschat, Christoph Pütthoff, Sebastian Reiß, Komi Togbonou, Luana Velis


www.schauspielfrankfurt.de / www.frankfurterpositionen.de