Auftaktveranstaltung zum Wilhelm-Liebknecht-Jahr in Gießen

Auftaktveranstaltung zum Wilhelm-Liebknecht-Jahr in Gießen ~ von links: Frank-Tilo Becher, Dr. Kai-Michael Sprenger (Direktor der Stiftung Erinnerungsorte der deutschen Demokratiegeschichte), Najima El Moussaoui (Journalistin), Bodo Ramelow (Vizepräsident des Deutschen Bundestages), Heike Hofmann (Hessische Ministerin für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales), Robin Mastronardi (Geschäftsführer des DGB Mittelhessen), und Tina Cramer (Peace Research Institute Frankfurt, PRIF.) ~ Foto: Ralf Hofacker

Mit rund 300 Gästen, darunter als Ehrengast Wilhelm Liebknechts Urenkelin Marianne Liebknecht, hat die Stadt Gießen am Sonntag (29. März 2026) den 200. Geburtstag von Wilhelm Liebknecht gefeiert. Die Veranstaltung „Wilhelm Liebknecht zum 200. – Ein Geburtstag, viele Stimmen“ war gleichzeitig der Auftakt zum Wilhelm-Liebknecht-Jahr in Gießen. Die Rede zum Festakt am Nachmittag hielt Martin Schulz, Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Wilhelm Liebknecht, geboren am 29. März 1826 in Gießen, war Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie, eine der prägenden Figuren der Arbeiterbewegung und leidenschaftlicher Parlamentarier. Er setzte sich zeitlebens für Bildung, Frieden, soziale Gerechtigkeit und Demokratie ein. Aufgrund seiner politischen Überzeugungen musste er mehrfach ins Gefängnis und ins Exil gehen.

Während seiner Zeit in London prägten ihn die Ideen von Karl Marx‘ und Friedrich Engels, aber er war ein „Macher“, es ging ihm nicht um die „Reinheit der Lehre, sondern um Handlungsfähigkeit“, wie Martin Schulz sagte. Liebknecht setzte sich für die Bildung der Arbeiterklasse ein und schuf Strukturen, die die Arbeiterbewegung politisch organisierten.

Als entschiedener Kriegsgegner war er gegen den preußischen Militarismus. Daran anknüpfend betonte Schulz, dass „dauerhafte Sicherheit nicht durch militärische Logik, sondern durch Diplomatie“ entstehe. Dabei bezog er sich auch auf Liebknechts berühmtes Zitat: „Vaterland in Eurem Sinne ist uns ein überwundener Standpunkt, ein reaktionärer, kulturfeindlicher Begriff; die Menschheit lässt sich nicht in nationale Grenzen einsperren; unsere Heimat ist die Welt.“

Auftaktveranstaltung zum Wilhelm-Liebknecht-Jahr in Gießen
Martin Schulz

Foto: Ralf Hofacker

Bezugnehmend auf Wilhelm Liebknechts Aussage „Wissen ist Macht. Macht ist Wissen“, unterstrich Schulz die Bedeutung von Bildung, Bildung sei die Voraussetzung für demokratische Mündigkeit und der Schlüssel zur Freiheit. Der Kampf um Demokratie sei heute aktueller denn je. „Wilhelm Liebknecht ist aktueller denn je“, so sein Schlusswort. „Es geht darum, Liebknechts Ideen in die Gegenwart zu holen und sie hier in unserer Stadt zu diskutierten“, sagte Frank-Tilo Becher, Oberbürgermeister und Kulturdezernent der Universitätsstadt Gießen.

Zu Beginn des Vormittagsprogramms hielt Dr. Kai-Michael Sprenger, Direktor der Stiftung Erinnerungsorte der deutschen Demokratiegeschichte, einen Impulsvortrag zu Wilhelm Liebknechts Bedeutung als „Erinnerungsort“.

Bei einer von der Journalistin Najima el Moussaoui moderierten Talkrunde am Vormittag tauschten sich Bodo Ramelow (Vizepräsident des Deutschen Bundestages), Heike Hofmann (Hessische Ministerin für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales), Robin Mastronardi (Geschäftsführer des DGB Mittelhessen) und Tina Cramer (Peace Research Institute Frankfurt, PRIF) über ihre Sichtweise auf Wilhelm Liebknecht und seine zentralen Ideen aus. Alle betonten die Bedeutung Liebknechts für unsere Gegenwart. Ramelow sagte, dass wir heute in einer Zeit der „Dynamisierung von Veränderung“ leben.

Liebknecht sei eine Persönlichkeit gewesen, „die in den Brüchen der Zeit versucht hat, Orientierung zu geben.“ Zentral für Mastronardi: „Er blieb bei seinen Überzeugungen, obwohl er Repressalien ausgesetzt war.“ Für Heike Hofmann gehört Liebknecht zu den Personen der Zeitgeschichte, die „Unglaubliches geleistet haben.“ Seine Themen seien heute aktueller denn je, sagte sie und stellte die Bedeutung von Bildung in den Mittelpunkt. Tina Cramer schloss sich hier an: „Es bedarf informierter Bürgerinnen und Bürger, damit eine Demokratie funktioniert.“ Eine wichtige Fragestellung für sie: „Wie schaffen wir es, das Wissen für alle zugänglich zu machen?“

Am Vormittag kam auch Csongor Dobrotkas Kurzfilm über Karl Liebknecht zur Uraufführung. Für den musikalischen Rahmen sorgte die Folkband „Die Grenzgänger“. Zum ganztägigen Rahmenprogramm im Foyer gehörten Infostände zu weiteren Veranstaltungen im Wilhelm-Liebknecht-Jahr und ein Glücksrad zum Mitmachen und Entdecken.

Zum Mittagessen waren die Gäste zu „Auf ein Wort zu Brot und Suppe“ mit künstlerischen Gesprächsimpulsen eingeladen. Am späten Nachmittag und Abend standen der Workshop „Einfach Singen!“, Stadtführungen zu Wilhelm Liebknecht und eine Aufführung des Theaterstücks „Dumme Jahre“ im Stadttheater Gießen mit anschließendem Publikumsgespräch auf dem Programm.

Die VeranstaltungWILHELM LIEBKNECHT ZUM 200. – EIN GEBURTSTAG, VIELE STIMMEN wurde gefördert von der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte, der Sparkassen Kulturstiftung Hessen-Thüringen und der Gemeinnützigen Stiftung Sparkasse Gießen.


Bis zum Jahresende bietet das Wilhelm-Liebknecht-Jahr noch ein umfangreiches Programm:

Montag, 11. Mai 2026, 10:00 bis 17:00 Uhr: Hessischer Bibliothekstag, Kongresshalle Gießen

Freitag, 29. Mai 2026 bis Sonntag, 31. Januar 2027: Von Barrikaden und Parlamenten. Wilhelm Liebknechts Ideen für die Demokratie, Sonderausstellung im Museum für Gießen

Dienstag, 16. bis Samstag, 20. Juni 2026:
Das Gießener Künstler:innenkollektiv gärtnerpflichten lädt auf dem Kirchenplatz in Gießen zum „Auszug nach Staufenberg“ ein. Ihr Motto: „Ob studiert oder nicht, ob arm oder reich, ob alt oder jung, ob Hund oder Katz – unser Treffpunkt: Kirchenplatz!“

Freitag, 23. Oktober 2026: Samstag, 24. Oktober 2026, Kongresshalle und weitere Orte in Gießen:
Festigress Ars Democratica
Die Veranstaltung des Festigress sind kostenpflichtig, mehr dazu demnächst auf liebknecht200.de.

Donnerstag, 5. November 2026 und Freitag, 6. November 2026, Justus-Liebig-Universität, Universitätshauptgebäude, Ludwigstraße 23:
Die Friedrich-Ebert-Stiftung organisiert in Zusammenarbeit mit der Justus-Liebig-Universität unter dem Titel „Demokratie made in Gießen“ eine Konferenz zum 200. Geburtstag Wilhelm Liebknechts, die sich an ein akademisches Publikum richtet. In Kürze mehr zum Programm der Konferenz.

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