Preisvergabe zum Abschluss der Woche junger Schauspielerinnen und Schauspieler

Theater Aalen: „ich sehe was / was du nicht siehst“ (© Sofia Schamko)

Theater Aalen triumphiert bei der 31. Woche junger Schauspielerinnen und Schauspieler im Parktheater Bensheim

Manchmal dauert es einen Moment, bis der Applaus einsetzt. Ein kurzes Innehalten, ein kollektiver Atemzug, bevor die Hände zusammenfinden. So ein Moment entstand am Ende der Aufführung von „ich sehe was / was du nicht siehst“ des Theaters der Stadt Aalen bei der diesjährigen Woche junger Schauspielerinnen und Schauspieler im Parktheater Bensheim. Und vielleicht war gerade dieses Zögern schon Teil der Antwort darauf, warum der Abend schließlich mit allen drei Preisen des Festivals ausgezeichnet wurde.

Mit dem Günther-Rühle-Preis, dem Publikumspreis und dem Preis der Schüler*innen-Jury wurde die Inszenierung von Sergej Gößners Stück zur großen Gewinnerin der 31. Ausgabe des traditionsreichen Nachwuchsfestivals in Bensheim. Drei unterschiedliche Perspektiven – Jury, Publikum und junge Kritikerinnen und Kritiker – fanden damit einmütig zu einem Urteil: Dieser Theaterabend hat irritiert, berührt und damit Gespräche ausgelöst.

Seit 1996 versammelt die Woche junger Schauspielerinnen und Schauspieler im Parktheater Bensheim herausragende Arbeiten der jüngeren Theatergeneration. Auch in diesem Jahr standen fünf Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum auf dem Programm – Arbeiten, die sich mit Identität, Erinnerung, Macht und gesellschaftlichen Bruchlinien auseinandersetzten. Den Abschluss bildete am Freitag, 27. März, die poetische Inszenierung „Voyager Golden Record“ von Nikolai Gemel, Margarete Albinger und Rahel Künzi. Dem Wesen dieses Stücks entsprechend spielte sich eine Fortsetzung der Dramaturgie des Abends im Anschluss ab: bei der Vergabe der Preise im Gertrud-Eysoldt-Foyer.

Der Günther-Rühle-Preis: Wenn Schauspiel Intimität und Resonanz erzeugt

Der mit 3.000 Euro dotierte Günther-Rühle-Preis für herausragende schauspielerische Leistungen ging an Trigal Sandberger Cañas und Marius Petrenz für ihr intensives Zusammenspiel in „ich sehe was / was du nicht siehst“.

Die Jury, Sibylle Broll-Pape, Florian Krumb und Sven Rausch, würdigte insbesondere die außergewöhnliche Präzision und Sensibilität des Spiels. Theater, so die Juror*innen, lebe von den Spielenden – von ihrem Bewusstsein für theatrale Mittel, von der Fähigkeit, zwischen Figuren- und Erzählebene zu wechseln, vom Vertrauen auf die Intimität des Moments.

All das sei in der Arbeit der beiden Schauspieler*innen eindrucksvoll sichtbar geworden. Das Stück verhandle die Erinnerung an einen sexuellen Übergriff – jedoch nicht als abgeschlossene Geschichte, sondern als inneren Dialog, der von zwei Darstellenden getragen wird: „Hier rasen Gedanken durch den Kopf, Zweifel machen sich breit und die Erinnerungen beginnen zu verschwimmen“, so die Jury.

Sandberger Cañas und Petrenz gelinge es dabei, „jede Geste, jede Bewegung und jeden Satz mit Intention zu füllen“. Besonders eindringlich werde dies in der Zuspitzung des inneren Konflikts: Wenn eine Hälfte der Figur um Anerkennung des Erlebten ringt, während die andere verzweifelt versucht, Verantwortung bei sich selbst zu suchen.

Ein Moment radikaler Durchlässigkeit entstehe und mit ihm jene Resonanz, die Theater über den Abend hinaus wirksam macht. „Die Begegnung hallt nach“, heißt es in der Begründung der Jury. Nicht nur im Zuschauerraum, sondern auch in den Gesprächen danach.

Junge Stimmen im Feuilleton: Die Schüler*innen-Jury

Einen ganz eigenen Blick auf die Inszenierungen wirft jedes Jahr das Schulprojekt „Theaterkritik“. Unter der Leitung von Raphael Kassner diskutierten Bensheimer Schülerinnen und Schüler intensiv über die fünf eingeladenen Produktionen – in diesem Jahr länger als sonst.

Ihre Entscheidung, erklärten sie bei der Preisverleihung, sei denkbar knapp gewesen. Zwei Stücke standen bis zuletzt zur Debatte. Am Ende aber überzeugte sie vor allem die schauspielerische Kraft und die klare Botschaft des Aalener Abends.

Gelobt wurde insbesondere das Zusammenspiel zweier sehr unterschiedlicher Darsteller in einer emotional komplexen Rolle. Der innere Konflikt der Figur werde dabei so nachvollziehbar erzählt, dass er dem Publikum unmittelbar nahekomme.

Großen Eindruck hinterließ auch die thematische Perspektive des Stücks: Neben der häufig thematisierten sexualisierten Gewalt gegen Frauen rücke es auch Gewalt gegen Männer ins Blickfeld. Für die jungen Kritikerinnen und Kritiker war dies ein wichtiger Impuls: hinsehen, zuhören – und anerkennen, dass Betroffene nicht allein sind.

Trotz Zeitsprüngen und fragmentarischer Erinnerungen bewahrte die Inszenierung nach Ansicht der Schüler*innen einen klaren dramaturgischen roten Faden. Pausen im Spiel gaben Raum, das Geschehen emotional zu verarbeiten, während humorvolle Momente verhinderten, dass der Abend von seinem schweren Thema erdrückt wurde. Am Ende überreichten die Schülerinnen und Schüler – inzwischen Tradition – ihren „Schokoladenpokal“ an das Ensemble des Theaters Aalen.

Auch das Publikum folgte diesem Eindruck. Nach jeder Vorstellung konnten die Zuschauerinnen und Zuschauer abstimmen. Das Ergebnis wurde am Abschlussabend im Gertrud-Eysoldt-Foyer verkündet: Auch der Publikumspreis ging an „ich sehe was / was du nicht siehst“. Trigal Sandberger Cañas und Marius Petrenz nahmen am Freitagabend die von den Veranstaltungsmeistern des Parktheaters gestaltete Trophäe begeistert entgegen.

Bürgermeisterin Christine Klein würdigte in ihren Dankesworten die Bedeutung des Festivals für Bensheim und für den Theaternachwuchs: „Die Woche junger Schauspielerinnen und Schauspieler zeigt jedes Jahr aufs Neue, wie lebendig und mutig das junge Theater im deutschsprachigen Raum ist. Mein Dank gilt allen Künstlerinnen und Künstlern, den Jurys, der beteiligten Bensheimer Schülerinnen und Schülern sowie den zahlreichen Unterstützern, ohne deren Engagement dieses Festival nicht möglich wäre.“

Klein dankte insbesondere der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, der Sparkasse Bensheim, der Bürgerstiftung Bensheim, dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur sowie dem Medienpartner Bergsträßer Anzeiger. Ebenso würdigte sie die Zusammenarbeit mit der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste sowie das Team des Parktheaters und der Stadtkultur Bensheim.

So endete die 31. „Woche“ mit einem Theaterabend, der Fragen stellte, ohne Antworten darauf geben zu müssen – und der vielleicht gerade deshalb so viele Menschen erreichte. Oder, um es mit dem Moment vor dem Applaus zu sagen: mit einem kurzen Schweigen, in dem noch einmal alles nachklingt.

Weitere Informationen unter wojuschau.de.