
Die jüngste Einstudierung des Hessischen Staatsballetts und zugleich die letzte große der laufenden Spielzeit ist „Become Ocean“. Nach der Uraufführung im Februar dieses Jahres am Staatstheater Darmstadt erfolgte jetzt die Premiere am Staatstheater Wiesbaden. Sie wurde beim Schlussapplaus vom Publikum euphorisch gefeiert. „Become Ocean“ ist eine gemeinsame Auftragsarbeit mit dem National Theater and Concert Hall in Taipeh (Taiwan).
Choreografisch verantwortlich zeichnet dafür das in Brüssel ansässige Paar LEE\VAKULYA. Das ist die gebürtige taiwanesische Tänzerin und Choreografin Chen-Wei Lee und der gebürtige ungarische Tänzer und Choreograf Zoltán Vakulya. Die Choreografie entstand in Zusammenarbeit mit den Tänzer:innen.
„Alles im Fluss!? – Wasser in der Krise“
Getanzt wird zu Musik von John Luther Adams. Er lebte viele Jahre in Alaska, für ihn gehören Musik und Natur zusammen. In seinem Orchesterwerk „Become Ocean“ lädt er ein, sich auf die Welt der Ozeane einzulassen. Dieser Einladung folgte nun das Hessische Staatsballett.
Als Einstimmung für Orchester, Tänzer:innen und nicht zuletzt für das Publikum, gibt es vorab einen knapp zehnminütigen Prolog der Sounddesignerin Fanny Thollot zu sehen. Hierbei nähern sich die Tänzer:innen zaghaft, kommen und gehen mit schnellen und weiten Schritten und Sprüngen. Dabei nutzen sie die Weite der Bühne dynamisch aus.

Hessisches Staatsballett
Ramon John, Sayaka Kado
Foto: Andreas Etter
Nahtlos beginnt dann das eigentliche Stück. „Become Ocean“ ist für Adams ein Verweis auf die Entstehung und das Ende des Lebens im Meer. Das ist heute durch die Erderwärmung, Umweltverschmutzung etc. stark bedroht, mehr als je zuvor.
Für diejenigen, die sich mehr mit dem Thema Klima- und Wasserkrise auseinandersetzen möchten, gibt es am Staatstheater Wiesbaden noch bis zum 30. April 26 die Ausstellung „Alles im Fluss!? – Wasser in der Krise“ des Heinrich-Böll-Stiftungsverbunds (im Foyer Kleines Haus und im Weißen Salon/Foyer 1. Rang). Darin werden Themen wie „Wieviel Wasser steckt in Deinem Kleiderschrank“ und „Wie kommt eine Plastikflasche aus Dresden in die Arktis“ knapp und anschaulich dargestellt.
Ein stetiger Fluss von an- und abschwellenden Klängen
„Become Ocean“ ist wegen der zugrunde liegenden Musik eine ganz außerordentliche Produktion. Denn John Luther Adams’ (* 1953) gleichnamiges Orchesterwerk fällt ob seiner speziellen Klangästhetik und Form aus dem Rahmen. Trotz eines groß besetzten Orchesters gibt es keine sinfonischen Klänge mit Dynamik und Rhythmik. Die Musik ist mehr ein sphärisches Dahinschweben, ein Grollen, ein stetiger Fluss von an- und abschwellenden Klängen. Die 2012/2013 entstandene Komposition wurde u. a. mit einem Pulitzer-Preis und einem Grammy Award ausgezeichnet.
Symbiose aus Tanz, Bühnenbild und Orchesterklängen
Tanz, Bühnenbild und Orchesterklänge bilden bei „Become Ocean“ eine beeindruckende Symbiose mit einer sogartigen Wirkung. Im Mittelpunkt schwebt ein großer Kunstkörper. Mit seiner Wabenstruktur spielt es vage auf ein Meereswesen, wie eine Qualle, an. Oder ist es ein von Menschen geschaffener Fremdkörper? Anfangs noch auf dem (Meeres-)Grund stehend, erhebt er sich und wird in verschiedenen Positionen und Ausleuchtungen gezeigt. Dabei wirkt er stets sehr erhaben, wirft Schatten und spiegelt Lichtstrahlen (Bühnenbild: Yoko Seyama; Lichtdesign: Joanne Shyue). Zum Schluss sinkt er in sich zusammen und wird eins mit dem Meer, das die Herrschaft über die Welt zurückerobert hat.

Hessisches Staatsballett
Masayoshi Katori
Foto: Andreas Etter
Unter diesem Objekt sorgen im ansonsten weiten und leeren Raum die sechs Tänzerinnen (Eden Beckerman, Mathilde Belin, Sayaka Kado, Bridget Lee, Milica Mučibabić und Vanessa Shield) und die sechs Tänzer (Peng Chen, Ramon John, Masayoshi Katori, Anthony Michael Pucci, Luke Watson und Benjamin Wilson) für viel Bewegung und anmutige Optiken. Die ruhig und mehr oder weniger sanft dahinfließenden Klänge werden von Ihnen gewissermaßen konterkariert. Mit hohem Tempo treten sie in eine Interaktion und zeigen dabei ihre intensive Körperbeherrschung. Bei den wenigen expressiven musikalischen Momenten hingegen verharren sie (mit großer Präsenz).
Obwohl jede(r) Tänzer:in unterschiedlich gekleidet ist, wirken sie in ihren am Meeresblau orientierten Kostümen (mit einigen violetten und schwarzen Ergänzungen) dennoch einheitlich gekleidet, egal ob nun kurze, mittellange oder lange Hosen/Röcke und Netzshirts/Pullunder tragen (Kostümbild: Damur Huang).
Eine weitere Besonderheit des Orchesterwerkes ist, dass die Musiker:innen auf der Bühne sitzen. Bei einem rein musikalischen Vortrag sind diese in drei Gruppen (hohe Instrumente, mittlere und tiefe) unterteilt und werden farbig ausgeleuchtet. Bei dieser Tanzproduktion sitzen die zahlreichen Musiker:innen hinter einem Gazevorhang. Zwischendurch kommen sie dezent zum Vorschein, wenn auch nur meist als Schattenspiel. Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden wird hierbei vom 2. Kapellmeister Alejandro Jassán geleitet. Adams‘ Musik mit hypnotischem Potential breitet er großflächig aus. Für die Tänzer:innen bietet dieser Klangteppich kaum Orientierungspunkte. Hierbei jeweils die richtigen Zeitpunkte für ihre Einsätze zu treffen, ist eine Herausforderung. Unterstützung erhalten Sie in Form einer dezent platzierten Anzeige über die abgelaufenen Sekunden.
Die intensive tänzerische Darbietung in Verbindung mit der eher meditativen Musik im ruhigen und sich dennoch wandelnden Bühnenbild beeindruckt. Bei der Wiesbadener Premiere bedankte sich das begeisterte Publikum für dieses sinnliche Eintauchen mit stehenden Ovationen und kräftigen Beifallsbekundungen.
Markus Gründig, März 26
Become Ocean
Choreografie von: LEE\VAKULYA
„Become Ocean“ ist eine gemeinsame Auftragsarbeit mit dem National Theater and Concert Hall in Taipeh, Taiwan.
Premiere am Staatstheater Darmstadt: 21. Februar 26 (Großes Haus)
Premiere am Staatstheater Wiesbaden: 2. April 26 (Großes Haus)
Choreografie: LEE\VAKULYA
Musik: John Luther Adams
Sounddesign Prolog: Fanny Thollot
Musikalische Leitung: Alejandro Jassán
Bühnenbild: Yoko Seyama
Lichtdesign: Joanne Shyue
Kostümbild: Damur Huang
Probenleitung: Luc Jacobs
Dramaturgie: Lucas Herrmann
Tanz:
Eden Beckerman
Mathilde Belin
Peng Chen
Ramon John
Sayaka Kado
Masayoshi Katori
Bridget Lee
Milica Mučibabić
Anthony Michael Pucci
Vanessa Shield
Luke Watson
Benjamin Wilson
Orchester: Hessisches Staatsorchester Wiesbaden / Staatsorchester Darmstadt
hessisches-staatsballett.de / staatstheater-wiesbaden.de / staatstheater-darmstadt.de
