kulturfreak.de Besprechungsarchiv Oper, Teil 5

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L´Orfeo

Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot
Besuchte Vorstellung:
28. Dezember 07 (Wiederaufnahmepremiere)

Rock Me Orfeo

Gut ist was gefällt und was gut ist, kommt wieder. So zumindest im Programm der Oper Frankfurt. Wobei sich dies in der Regel auf Produktionen im Opernhaus bezieht. Wiederaufnahmen in der Spielstätte Bockenheimer Depot sind seltener. Dies hat nichts mit der Qualität der dortigen Produktionen zu tun, vielmehr ist eine Bespielung des Bockenheimer Depot nur durch die großzügige Unterstützung von Sponsoren möglich. Wenn dort eine Produktion wiederaufgenommen wird ist klar, dass es sich um eine ganz besondere Inszenierung handeln muss. So wie bei der von „L´Orfeo“, mit der die Oper Frankfurt im März 05 ihren Monteverdi-Zyklus eröffnete (der mit Combattimenti und Il ritorno d´Ulisse in patria vervollständigt wurde). Auf ein lebhaftes Interesse stieß dabei die Übertragung der barocken Vorlage in das Rockzeitalter (Regie: David Hermann) und die überragende Rolleninterpretation (darstellerisch wie sängerisch) von Christian Gerhaher in der Rolle des Orfeo. Gerhaher stellte sich im Juni 06 dem Frankfurter Publikum zudem mit einem Liederabend vor und war in der vergangenen Saison auch als Wolfram (Tannhäuser) zu erleben. Bei der Wiederaufnahmeserie gibt er nun erneut den Orfeo. Die Chance ihn in seiner Glanzrolle zu sehen, sollte man sich nicht entgehen lassen! Gerhaher ist zweifelsohne der Trumpf dieser Inszenierung: mit nuancenreichen Schattierungen und vokaler Expressivität. Dazu gibt er ein intensives Spiel als trauernder Liebhaber, als ein Strauchelnder am Rand des Lebens.
Ebenfalls wieder mit dabei sind Arlene Rolph (Messagiera (Botin)/Speranza(Hoffnung)), Magnus Baldvinsson (Caronte, hier als Heino-Mutant), Katharina Magiera (Proserpina) und Britta Stallmeister (La Musica).
Für diese Wiederaufnahme wurde die Neuinszenierung von 2005 revidiert. Entfallen ist der Einbezug des Konzertchor Darmstadt (stattdessen singen Solisten die Madrigale) , erhalten geblieben ist das kahle, sich drehende Arenenrund mit dem in der Mitte platzierten Orchester und die szenischen Anspielungen zum Rockzeitalter (E-Gitarre für Orfeo, Masken verstorbener Rockgiganten für die Hirten).
Rockklänge braucht kein Opernfreund befürchten. Unter der Leitung von Studienleiter Felice Venanzoni spielt das Orchester (bestehend aus Mitglieder des Frankfurter Museumsorchesters und Gästen) auf historischen Instrumenten, wie Chitarrone und Barockharfe. Weitere Möglichkeiten sich den barocken und rockenden Orfeo anzusehen, gibt es noch am 3., 6. und 9. Januar 08.

Markus Gründig, Dezember 07


Billy Budd

Oper Frankfurt
Besuchte Vorstellung:
18. November 07 (Premiere)

Trotz eines immer größer werdenden Zuspruchs und der Bereitschaft, auch neueren Klängen gegenüber aufgeschlossen zu sein, sind die Opern von Benjamin Britten (1913-1973) noch nicht beim breiten Publikum angekommen. Mit der Erstinszenierung seines „Billy Budd“ an der Oper Frankfurt, kann sich dies nun ändern, zumindest im Rhein-Main Gebiet. Sorgten in Frankfurt auch schon in der Vergangenheit Britten-Inszenierungen für Furore, kann die neueste Britten-Inszenierung auch bisher Fernstehende von der überragenden Qualität Brittens überzeugen. Die Oper basiert auf einer unvollendeten Novelle von Herman Melville („Moby Dick“), die aus einer 32 Zeilen bestehende Ballade mit einer kurzen Prosaeinleitung entstanden ist. Neben dem tragischen Schicksal von Billy Budd geht es hier auch um das Wechselspiel zwischen Autorität und Freiheitsstreben, dient der Handlungsort als Mikrokosmos zur Hinterfragung bestehender Ordnungssysteme. Gleichzeitig lassen Melville und die Librettisten Forster und Crozier einen Blick auf homoerotische Beziehungen innerhalb der Schiffscrew zu (für heutige Verhältnisse äußerst zurückhaltend). Durch die quasi Opferung Billys, der lediglich im Affekt den Waffenmeister getötet hat, ansonsten aber als rein und unschuldig gilt, bekommt die Oper zudem einen religiösen Bezug.
England liegt im Krieg mit Frankreich, als sich die „Indomitable“ (die Unbeugsame) auf hohe See begibt, wir schreiben das Jahr 1771. Von einem Schiff ist bei dieser Inszenierung jedoch nichts zu sehen (vielleicht liegt Frankfurt einfach zu weit vom Meer entfernt). Die bestechende Bühne von Antony McDonald (auch Kostüme) hat aber durchaus einen maritimen Bezug: die Handlung spielt zur Entstehungszeit der Oper in einer englischen Marine-Kadettenschule. Zunächst in einem großen Turnraum mit Kletterwänden und zwei großen Turnböcken. Eine Treppe führt zu einer Galerie, die in den angrenzenden Räumen weitergeführt wird. Durch die Deckenstreben, die Gerüste und Turnseile tritt diese Halle schnell in den Hintergrund und ein imaginäres Großdeck in den Vordergrund.
Das mag auch an der großen „Besatzung“ liegen: neben Chor, Extrachor und Kinderchor gibt es zudem zwanzig Statisten, jedoch nicht eine Frau (letzteres ergibt sich aus den Gegebenheiten eines Kriegsschiff). Ausstaffiert in militärischen Uniformen macht die Crew einen ansehnlichen Eindruck. Für die Szenen in Veres Kapitänskajüte (Büro mit Bibliothek) und auf dem Zwischendeck (Mannschaftsräume mit Stockbetten und Spinde) kommt die Drehbühne zum Einsatz. Als Bonbon für MännerliebhaberInnen gibt es auch kurz zehn gut gebaute nackte Matrosen beim Duschen zu sehen. Regisseur Richard Jones vermied aber ein plakatives Herausstellen des homoerotischen Zwischentons. Waffenmeister Claggart schnappt sich Billys niedliches Halstuch und behält es fest umschlossen bei sich, das ist alles. Der Rest ergibt sich aus dem Text und der Musik und dem, was daraus im Kopf entsteht. Die bei diesen Menschenmassen nicht einfache Personenführung, hat Richard Jones in Zusammenarbeit mit Lucy Burge (choreografische Mitarbeit), mustergütig umgesetzt. Der militärischer Drill auf der Bühne sorgt selbst im Zuschauerraum für ehrfurchtsvolles Stillsitzen, die ausgefeilten Charakterisierungen überzeugen auf voller Linie.
Das starke Sängerensemble hat sich in diese maritime Welt wunderbar eingefügt. Dabei ist John Claggart (Clive Bayley), hier kein mächtiger, finsterer Bursche sondern mehr ein sensibler, hinterhältiger Buchhalter. Als einziger in der Kadettenschule mit einem grün-erdtönigen Jackett versehen, hebt er sich schon vom Äußeren her ab. Mit seinem profunden Bass gefällt er gleichwohl. Mit Peter Mattei wurde ein prächtiger Billy Budd Sonnyboy, ein großartig kindlich tumber Tor, mit kräftigem wie warm timbriertem baritonalen Klang gefunden. Eindrucksvoll singt er eingepfercht in einen Spind sein Lebensabschiedslied „Look!“
John Mark Ainsley (begeisterte bereits wiederholt als „Mad Women“ in Brittens Curlew River) gibt mit tenoralem Glanz den standfesten aber innerlich zerbrochenen Kapitän Vere. Dirigent Paul Daniel brachte die schmerzdurchwirkte, formenreiche Musik Brittens mit viel Expressivität zum Glänzen und auch die von Alessandro Zuppardo und Apostolos Kallos einstudierten Chöre und das restliche Sängerensemble, standen dem bravourösen Gesamteindruck in nichts nach.

Brittens raue Männerwelt ist hier zu einem großartigen Ereignis zusammengefügt worden: nichts wie hin!

Markus Gründig, November 07


Into the Little Hill

Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot
Besuchte Vorstellung:
11. November 07

Hinter dem vertrauensseligen Titel „Into the Little Hill“ verbirgt sich nichts anderes als die Fabel vom Rattenfänger von Hameln. In dieser wird nach erfolgreicher Vertreibung der Ratten aus der Stadt der Rattenfänger um seinen Lohn geprellt und entführt zur Strafe die Kinder der Stadt hin zum kleinen Hügel, woher dieses Werk seinen Titel bezieht.
Lange Zeit hat der britische Komponist George Benjamin nach einem Thema für ein musikalisches Drama gesucht und ist ausgerechnet bei diesem alten Märchenstoff fündig geworden. Der modernen großen Oper misstrauend, schrieb er mit „Into the Little Hill“ eine lyrische Erzählung für zwei Stimmen und Ensemble. Das Auftragswerk für das Festival d´Autonomne à Paris wurde dort vor einem Jahr uraufgeführt. Martin Crimp schrieb das Libretto, nach intensiven Gesprächen mit George Benjamin. Letzterer hatte schon beim Komponieren die Besetzung seiner beiden Sängerinnen im Kopf. Diese touren nun zusammen mit Mitgliedern des Ensemble Modern unter der Leitung von Franck Ollu zu ausgewählten Orten, schließlich war die Uraufführungsproduktion von vornherein als Tournee konzipiert. Im New Yorker Lincoln Center wusste das Team genauso wie jetzt in Frankfurt die Freunde moderner Musik zu begeistern.
Der szenische Rahmen wird an allen Orten beibehalten: die 15 Musiker sitzen in einem mit Rindenmulch ausgefüllten Halbrund. Zwei von unten beleuchtete Laufstege sind die einzigen Bühnenbauten. Sie bestehen aus mehreren, nicht nahtlos aneinander stehenden Elementen, wodurch der gebrochene Eindruck, der auch das Stück durchzieht, verstärkt wird. Eine effektvolle Lichtregie erhöht die ohnehin dichte Stimmung.
In rotem Anzug besticht Hilary Summers mit ihrer dunkel gefärbtem Altstimme. Im weißen Kleid und barfüßig, die Unschuld der Kinder widerspiegelnd, zeigt die finnische Sopranistin Anu Komsi eine beeindruckende Intensität. Ihre koloraturhaften Spitzentöne, die nahezu gehaucht werden, gehen ins Mark. Den beiden Sängerinnen obliegen mehrfache Rollen. Sie sind nicht nur Minister und Rattenfänger, sondern auch Stimme des Volkes und Erzähler. Trotz meist sehr guter Textverständlichkeit (gesungen wird in Englisch) sind die jeweiligen Rollen nicht immer ohne weiteres herauszuhören. Das ist aber vielleicht auch gar nicht bezweckt. Benjamin strebte bei „Into the Little Hill eine Synthese von Musik und Text an, was ihm bestens gelungen ist. Durch die Beschränkung auf 15 Musiker und zum Teil selten eingesetzte Instrumente (wie Cymbalum und Banjo) kommen einzigartige Klanggebilde zu Gehör, die mit dem Gesang ungemein verwoben ertönen: ein audiophiler Hochgenuss.
Zur Einstimmung auf das Werk erklangen zwei Präludien von George Benjamin: „Viola, Viola“ (Blattfrei gespielt von Geneviève Strosser und Garth Knox) und „Three Miniatures“ ((Blattfrei gespielt von Jagdish Mistry).

Markus Gründig, November 07


Eine florentinische Tragödie / Der Zwerg

Oper Frankfurt
Besuchte Vorstellung:
27. Oktober 07 (Wiederaufnahme-Premiere)

Im April feierten die Einakter Eine florentinische Tragödie und Der Zwerg von Alexander Zemlinsky in der Sicht des renommierten Schauspielers Udo Samel Premiere an der Oper Frankfurt. Jetzt, ein halbes Jahr später, wurden sie zum ersten Mal wiederaufgenommen. Für diese aktuelle Aufführungsserie gab es einige Neubesetzungen, die für die vier neu beteiligten Sänger zugleich Rollendebüts sind. In Eine florentinische Tragödie wurde die beiden männlichen Rollen neu besetzt. Yves Saelens erwies sich dabei als solider Guido Bardi (der Liebhaber). Wesentlich stärker konnte sich jedoch Tom Fox in der Rolle des Kaufmanns Simone profilieren. Seinen kräftigen Baß führte er unbeschwert durch die wahrlich nicht einfache und umfangreiche Partie und verlieh der Figur des Simone zugleich Format und Würde. Souverän wie zuvor meisterte Claudia Mahnke ihre Bianca.
Überraschung des Abends war aber zweifellos Peter Marsh als Zwerg im zweiten Stück. Der Tenor Peter Bronder hatte diese Rolle im April inne und die Messlatte sehr hoch gesetzt. Die Oper Frankfurt wurde, wie hier schon berichtet, dieses Jahr als Opernhaus des Jahres („Die Deutsche Bühne“) ausgezeichnet. Dies auch wegen ihrer klugen Ensemblepolitik, die dem Nachwuchs eine Chance gibt. Und Peter Marsh wusste die Chance zu nutzen. Der Schmelz seines Timbres begeisterte genauso wie seine Kraft zu leuchtenden Bögen. Allein in der Darstellung konnte Marsh bei seinem Rollendebüt Bronder, der diese Rolle fest im Repertoire hat, noch nicht überbieten. Barbara Zechmeister ließ sich anfangs als erkältet ansagen, meisterte die Rolle der Donna Clara aber problemlos, wie auch erneut Florian Plock als Don Estoban gfiel.
Mit Friedemann Layer stand ein ganz außerordentlicher Musikalischer Leiter dem Frankfurter Museumsorchester vor. Der gebürtige Wiener ist seit dieser Spielzeit erneut Generalmusikdirektor des Nationaltheater Mannheim (nach 1987-1990). In der über 200-jährigen Geschichte des Nationaltheaterorchesters ist er damit der erste Dirigent, der diese Aufgabe ein zweites Mal übernimmt. Als Dirigent der Zemlinsky Einakter erwies er sich als ausgesprochener Kenner der Materie (schließlich wurde ja auch Zemlinsky in Wien geboren), so dass Zemlinskys Klangwelt als überaus plastisch herausgearbeitet beeindruckte.
Im Gegensatz zur April-Serie erfolgen die aktuellen Aufführungen publikumsfreundlich mit Übertiteln.

Markus Gründig, Oktober 07


Don Carlo

Oper Frankfurt
Besuchte Vorstellung:
3. Oktober 07

Don Carlo: ein großer Name, ein großes Werk, und dennoch nimmt diese Verdi-Oper eine Randstellung im Opernbetrieb ein. Über zwanzig Jahre hat Verdi an ihr gearbeitet, zudem gibt es mehrere Versionen von ihr. In Frankfurt ist die letzte Inszenierung fast vierzig Jahre her. Für die aktuelle Neuproduktion wurde die revidierte, fünfaktige italienische Fassung ausgewählt.
Der britische Regisseur David McVicar (Jahrgang 1967) hat dafür nicht neu zwischen den Zeilen gelesen und nach gegenwärtigen Themen gesucht, um sie mit drastischen Bildern umzusetzen. Vielmehr hält er sich bei dieser Inszenierung an die zeitlosen Themen Liebe, Eifersucht, Macht und Verderben. In einem ruhigen Fluss erzählt er behutsam die Geschichte über das Dreiecksverhältnis Vater, Sohn und Geliebte im mittelalterlichen Spanien zur Zeit der Inquisition: die Liebe im Spannungsfeld zwischen persönlichen Nöten und politischen Zwängen. McVicar wurde in der Vergangenheit schon öfter als „Enfant terrible“ bezeichnet, er selbst bezeichnet seinen Inszenierungsstil als „intensiv klassisch“ und diese Inszenierung belegt letzteres zweifellos.

Der sakral anmutende Einheitsbühnenraum (bei einer Aufführungsdauer von knapp vier Stunden und einer Pause) von Robert Jones zeigt einen zeitlich unbestimmten, großen und von sechzehn hohen Säulen umgebenen Saal, der komplett aus hellen Ziegelsteinen besteht und dadurch den Eindruck von „eingemauert zu sein“ vermittelt. Geringe Variationen im Bühnenbild gibt es durch absenkbare Podeste und Quader und durch den nach oben fahrenden Hintergrundprospekt.

Wesentlich ausgefallener und ein Trumpf dieser Inszenierung sind die prächtigen, originalgetreuen Renaissance-Kostüme der gebürtigen Münchnerin Brigitte Reiffenstuel. Hier wird eine alte Tradition wiederbelebt, die in dieser Form schon lange nicht mehr in Frankfurt zu sehen war. Die Damen tragen weit ausladende, aufwendig hergestellte Kleider, die Herren überwiegend schwarze Roben. Beide Geschlechter in großen Teilen auch weiße Halskrausen, der Ausgehmode der damaligen Zeit entsprechend.
Ob man sich nun der historischen Kostüme wegen freut und/oder aktuelle Bezüge vermisst: in vokaler Hinsicht steht diese Produktion ganz oben. Mit dem koreanischen Tenor Yonghoon Lee hat sich die Oper Frankfurt einen künftigen Star an Land gezogen, gibt er doch hier mit der Rolle des Don Carlo sein Europadebüt, dem zweifellos Einladungen an andere große Häuser folgen werden. Er glänzt mit einer überaus flexiblen Stimme, einem herrlichen Timbre, enormer Strahlkraft und großer darstellerischer Präsenz.
Die Italienerin Annalisa Raspagliosi war in Frankfurt bereits als Amelia Grimaldi in Simon Boccanegra zu erleben (und wird es demnächst wieder sein).Hier gibt sie eine zart fühlende und ihre Pflichten erfüllende Elisabeth.
Ein besondere Bereicherung ist Michaela Schuster in der Rolle der Prinzessin Eboli (mit klischeehaft rötlichem Haar): farbenreich, stimmstark und nuanciert zeigt sie sich in Bestform.
Der koreanische Bass Kwangchul Youn vermittelt einen intensiv fühlenden König Philipp II. und weckt so schon großes Interesse auf seinen hier anstehenden Liederabend (23. November 07).
Die Herzen der Zuschauer erobert auch George Petean als Rodrigo, Marquis von Posa.
Kaum wieder zu erkennen war Simon Bailey in der Rolle des Großinquisitors, gleicht er doch in seinem weißen Gewand und langen weissen Haaren optisch einer Mischung aus Gandalf und Saruman (Filmtrilogie „Herr der Ringe“).
Dem ausgesprochenem Wohlklang der Solisten stand der von Alessandro Zuppardo bestens einstudierte Chor in nichts nach. Carlo Franci, seit mehr als 30 Jahren Gast am Dirigentenpult der Oper Frankfurt, ließ sich keine Chance zu großen Effekten nehmen und sorgt so für zusätzlich brillante Momente.

Im Gegensatz zu den Verdi Publikumslieblingen „Aida“, „La Traviata“ oder „Rigoletto“ bietet diese Oper trotz ihrer ausgesprochen ausgefeilten musikalischen Sprache wenig Arien mit Wunschkonzertcharakter. Dafür bietet sie mit ihrem leicht melancholischen Charakter jedoch eine Vielzahl an wunderbar schmachtenden Erinnerungsmotiven.
Ungewöhnlich viel Zwischenapplaus begleitete diese Aufführung, mit der sich das Haus besonders bei vielen Traditionalisten wieder aufs Beste in Erinnerung gebracht hat.

Markus Gründig, Oktober 07


Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg

Oper Frankfurt
Besuchte Vorstellung:
9. September 07 (Wiederaufnahme-Premiere)


Die vom Deutschen Bühnenverein herausgegebene Zeitschrift „Die Deutsche Bühne“ erklärte jüngst aufgrund einer Kritikerumfrage die Oper Frankfurt zum besten Opernhaus in Deutschland: „Das Haus habe unter der Intendanz von Bernd Loebe vor allem mit der Mischung aus großer Repertoirebreite, interessanten Entdeckungen und kluger Ensemblepolitik überzeugt“. Neben dieser schönen Bestätigung für die Arbeit des gesamten Hauses, vielen in diesem Sommer auch einzelne Mitglieder der Oper Frankfurt besonders auf. In ungewohnt hohe Zahl waren vierzehn von ihnen auch bei den diesjährigen Wagnerfestspielen in Bayreuth engagiert. Sebastian Weigle, designierter Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt, dirigierte beispielsweise die Meistersinger (das viel beachtete Regiedebüt von Katharina Wagner), Hartmut Keil wirkte als Studienleiter für diese Inszenierung. Neben Mitgliedern des Orchesters, des Chors, der Technik und der Dramaturgie waren auch drei Sänger in Bayreuth dabei. Einer von ihnen: Frank van Aken in der Rolle des Tannhäuser, die er kurz zuvor bereits in Frankfurt bei der Aufführungsserie im Juni von Ian Storey übernommen hatte.
Aken singt jetzt auch bei den Wiederaufnahmeaufführungen den Tannhäuser und so haben all diejenigen die nicht das seltene Glück hatten eine Karte für Bayreuth erhalten zu haben, nun die Gelegenheit, etwas Bayreuther Glanz in Frankfurt zu erleben. Van Aken gibt einen mächtigen Tannhäuser, mit einem enormen stimmlichen Volumen und großer Durchsetzungsfähigkeit. Auch die weiteren Rollen wurden mit Mitgliedern des Ensembles besetzt. Hierbei hatte es Johannes Martin Kränzle in der Rolle des Wolfram von Eschenbach am schwersten, muss er sich doch mit Christian Gerhaher vergleichen lassen, der in der ersten Aufführungsserie den Wolfram gab und hierfür Bestnoten erhalten hatte. Kränzle brillierte zuletzt als Paolo Albiani in Simon Boccanegra. Auch als Wolfram gibt er sich mit seinem warmen und voll klingenden Bariton äußerst gut disponiert (mit Seitenscheitellöcken kommt er zudem optisch dem Wolfram des Gerhaher nah), darstellerisch wirkte er jedoch ungewohnterweise etwas zurückhaltend.
Ausgewogen zeigten sich die beiden Gegenpole in Tannhäusers Leben: Sonja Mühleck als gefühlsstarke Elisabeth (mit klarer Diktion und großer Bühnenpräsenz), mit lasziven Zügen die Venus der Louise Winter. Als zuverlässige Konstante im Ensemble verleiht der Bass Magnus Baldvinsson dem Landgraf von Thüringen erneut die passenden noblen Züge.
Das diese gut vier Stunden wie im Rausch vergehen ist gleichberechtigt auch ein Verdienst des hervorragend einstudierten Chors (Alessandro Zuppardo) und des unter der Leitung von Johannes Debus spielenden, gut aufgelegten, Frankfurter Museumsorchester.
Gelegenheit zum „Schnuppern von Bayreuther Atmosphäre“ besteht noch am 20., 23., 29. September sowie am 5. Oktober 07 (Beginn jeweils 18.00 Uhr!).

Markus Gründig, September 07


Il  ritorno d’Ulisse in patria

Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot
Besuchte Vorstellung:
23. Juni 07 (Premiere)


Theater, sei es nun Schauspiel oder Musiktheater, ist ein Spiel. Ein Spiel über und für die Gesellschaft, die es reflektiert und/oder konterkariert. Ernstes und Heiteres liegen hier oft eng beieinander. Schon Claudio Monteverdi (1567-1643) hat bei seinem an Vielfalt und künstlerischer Individualität umfangreichen Werk den ganzen Menschen im Focus gehabt. Entsprechend vielschichtig gibt sich auch die jüngste Monteverdiproduktion der Oper Frankfurt, die im Bockenheimer Depot gespielt wird.
Das Publikum sitzt sich auf zwei Tribünen gegenüber und fast scheint es, als würde es in einen Spiegel schauen. Zwischen den beiden Publikumstribünen befindet sich die Bühne: eine erhöhte schwarz glänzende Spielfläche, mit rundem, eingezäunten Ausschnitt für das Orchester (das speziell für diese Barockoper zusammengestellt wurde). Über der Spielfläche schweben zwei große, wild anmutende Holzbretterkonstruktionen, auf- und ineinander getürmt wie die Planken eines gestrandeten Schiffes. Ein ähnliches Konstrukt steht gegenüber dem Orchester am seitlichen Rand. In einem dieser Teile ist eine schwarze Tafel eingelassen, die als Reflektionsfläche für die Übertitel dient. Anders als sonst üblich wird eine Schrift mit ausgefransten Buchstaben verwendet, optisch ein wenig an Piraten oder an die Texttafeln alter Stummfilme erinnernd. Die Sätze erscheinen jeweils aus Wolken, die mit raschem Tempo auf die Tafel ziehen oder sind es Schaumwellen des Meeres? Zusätzlich werden, den Handlungsverlauf ergänzend, dezent comicartig kleine Symbole wie Sonne, Mond, Personen oder Vögel eingeblendet. Plakativ erscheinen mitunter Textpassagen die wie moderne Werbeslogans wirken (Animationen: Matthias Daenschel). Eine kleine mit Wasser ausgefüllte Auslassung im Boden steht für einen See, ein schnell zerberstender Tonkrug für die menschliche Vergänglich- und Zerbrechlichkeit, Knochen und angekohlte weiße Bierkästen für vergangene, ausgelassene Festlichkeiten und goldener Schmuck für die weltlichen Reize.

Penelope leidet („Ich unglückselige Königin! Meine unnennbaren Leiden kennen kein Ende!“) und ist in ihrem Schmerz fast der Welt entrückt. Über ihrem hellen, schlichten Kleid trägt sie einen imposanten weißen Kampfmantel. Speere ragen aus ihm heraus und geben ihm gleichzeitig Stabilität. Ihr bietet der Mantel einen äußeren wie inneren Schutzraum (Bühnenbild und Kostüme: Christof Hetzer). Bodenständig mit Hemd und Hose ist Ulisse gekleidet (wenn er nicht grad mal mit freiem Oberkörper ist).
Aus dem Rahmen fallen die Freier und Melanto. Sie zeigen sich als menschliche Urahnen: mit reichlich Körperbehaarung und unverkrampft der Sexualität gegenüber (von Ihnen ragt Magnus Baldvinsson sängerisch am stärksten hervor). Spaßiger Kulminationspunkt ist der tölpelhafte und fettleibige Iro (Danilo Tepša), der sich lieber umbringt (indem er sich die Eingeweiden ausreißt), als hungern zu müssen. Der Hirte Eumete (Jussi Myllys) ist naturverbunden mit Efeu eingehüllt, Minerva (Anja Fidelia Ulrich) und die Götter treten im schwarzen Fantasy-Rock auf. Ulisses Sohn Telemaco hält sich mehr wie eng an ein weißes Schäflein…
Bei den Sängern ist neben dem sich harmonisch einfügenden Ensemble das Paar Penelope (Christine Rice) und Ulisse (Kresimir Spicer) eine wahre Freude (auch wenn sie erst ganz zum Schuss zueinander finden und das auch noch recht gedämpft). Christine Rice singt hier zum ersten Mal die Penelope und verleiht ihr vom Anfang an eine verklärte, fast mystische Ausstrahlung. Kresimir Spicer ist seit seinem Ulisse-Debüt bei den Festspielen von Aix-en-Provence vor sieben Jahren (mit weiteren Auftritten u.a. in Lausanne, Wien, London und New York) eng mit der Rolle verbunden, was ihm zu einem intensiven Spiel verhalf. Zudem ist er in Frankfurt kein Unbekannter mehr, sang er hier zuletzt doch Mozarts Titus.
Das Stück wurde auf zweieinhalb Stunden gekürzt, und das Orchester speziell für dieses Werk zusammengestellt (das Besondere an Monteverdis Ulisse ist, dass es von ihm keine Instrumentierung dieser Oper gibt). Neben Streicher des Frankfurter Museumsorchestes, Blechbläser von „ecco la musica“ und Flötisten des „ViviFeliceBarockmusikprojekte“-Ensemble spielten weitere Barockspezialisten, darunter Felice Venanzoni an der Orgel und Regal (tragbare Kleinorgel). Unter der Leitung von Frankfurts Generalmusikdirektor Paolo Carignani sorgten sie für ausgesprochen vielschichtige Klangfarben und rundeten damit diese Inszenierung delikat ab.

Markus Gründig, Juni 07


Lucia di Lammermoor

Staatstheater Mainz
Besuchte Vorstellung: 16. Juni 07 (Premiere)

Sympathie mit einer Mörderin

Eine italienische Oper, die im kühlen Schottland spielt, dazu mit vermittelnden deutschen Übertiteln: Europa ist in der Kultur schon länger Realität als in der politischen Gegenwart. Wobei die Thematik dieser Oper keineswegs länderspezifisch ist. Vierzehn Tage nach der Uraufführung von „Madame Bovary“ im Kleinen Haus des Staatstheater Mainz steht nun im Großen Haus erneut ein Frau, die ihrem Leben entflieht, im Mittelpunkt. Ein Liebespaar hat sich gefunden. Doch die Beziehung wird durch Intrigen beendet, schließlich gilt es den familiären Ruin zu bewahren: finanzielle Angelegenheiten sind wichtiger als wertlose Gefühle, seien sie auch noch so groß und aufrichtig. Derartigen Machenschaften ihres Bruders ausgesetzt, fügt sich die Titelheldin Lucia der Ordnung. Mit Ihrer Unterschrift unter den Ehevertrag besiegelt sie aber zugleich auch den Liebesschwurbruch zu ihrem Edgardo und den Verzicht auf ihre große Liebe, ihre innigsten Gefühle und damit letztlich den Verzicht auf ihr Leben. Drama pur ist angesagt! Der fleißige Vertreter des Belcanto, Gaetano Donizetti (er komponierte über 70 Opern), hat diese Geschichte brillant musikalisch umgesetzt. Lucias Wahnsinnsarie gilt als Bravournummer aller Bravournummern, sie ist ein Wunschkonzertfavorit der eng mit den großen Operndiven wie der Callas oder der Gruberová verbunden ist.
Das Staatstheater Mainz konnte für die Rolle der Lucia die aus Mazedonien stammende Sängerin Ana Durlovski gewinnen, die vor sieben Jahren im Opernhaus Skopje ein triumphales Debüt mit dieser Rolle hatte (und im vergangenen Jahr an der Wiener Staatsoper mit der Königin der Nacht debütierte).
Im Gegensatz zu den meisten ihrer männlichen Kollegen macht sie hier allein schon mit ihrer schlanken Figur und ihrem sommerlichen Kurzhaarschnitt optisch einen guten Eindruck. Mit ihrem messerscharfen, kräftigen Sopran, ihrer anrührenden und natürlichen Emotionalität, ist sie der Trumpf dieser aufwühlenden Inszenierung. Vom ersten Augenblick an leidet und fühlt man mit ihr. Bei der Premiere erhielt sie schon mehrfach Zwischenapplaus, zum Höhepunkt geriet aber ihre große Arie im dritten Akt („Il dolce suono“). Das lag zum einen an ihrer beweglichen Stimme, die sie in allen Lagen perfekt beherrschte, als auch an der beteiligten Glasharmonika (gespielt von Sascha Reckert), die Donizetti für diesen solistischen Teil vorgesehen hat. Das Wechselspiel der Töne, wie ein Ruf und ein erwiderndes Echo, führte bei geschlossenen Augen ins musikalische Nirvana.

Lucia di Lammermoor
Staatstheater Mainz
Lucia (Ana Durlovski)
Foto: Martina Pipprich ~ martina-pipprich.de

Bei solch einer Frauenpower haben es die Männer schwer, auch wenn sie in der Mehrzahl sind. Durchaus solide und hörenswert sind die Stimmen der männlichen Hauptrollen, allen voran Sergio Blazquez als Edgardo, der bei seiner Schlussarie noch einmal seinen schön timbrierten Tenor einfühlsam vorführte.
Sein Widerpart, Richard Morrison als Enrico, vermittelte anfangs noch einen etwas zurückhaltenden Eindruck, war aber ab den zweiten Akt dann gesanglich auf der Höhe. Mit schöner Klangfülle auch Hans-Otto Weiß als Geistlicher Raimondo. In kleinerer Rolle aber spielerisch und sängerisch bestens positioniert: Kammersänger Jürgen Rust als Normanno. Der Chor des Staatstheater Mainz, verstärkt um den Extrachor, war von Sebastian Hernandez-Laverny bestens einstudiert worden. Thomas Dorsch leitete das Philharmonische Staatsorchester Mainz und führte Donizettis bildhafte Momente musikalisch bestens vor.

Regisseurin Tatjana Gürbaca stellt die Sänger in den Mittelpunkt der Inszenierung, was hier meist der vordere Bühnenteil ist. Anfangs spielen zunächst zwei Buben und ein Mädchen fröhlich Verstecken bis der Vater des Mädchens erscheint. Es kommt zum Streit und schwups erdolcht ihn einer der Buben, womit die Vorgeschichte des tiefen Streits zwischen den Häusern eine Erklärung findet. Die Kinder haben ähnliche Kleider an, wie später ihre erwachsenen Rollen; auch das Steckenpferd aus Kindheitstagen wird nachher wieder hervorgeholt. Um die Feindseligkeit zwischen den Häusern zu verdeutlichen lässt Gürbaca einen jungen Mann von der Jagdgesellschaft bis auf die Unterhose ausziehen und stigmatisiert ihn mit einem großen Schild („Ich bin ein Ravenswood“). Die Hochzeitsgesellschaft zieht per Polonaise durch den Festsaal (wir sind nun einmal im feierwütigen Mainz), während mit einer Digitalkamera eifrig Fotos geschossen und Chips aus der Tüte genascht werden. Es regnet auch Geldscheine, doch in Anbetracht der schrecklichen Ereignisse kann sich über diese niemand freuen. Am Ende sind nicht nur Arturo und Edgardo tot (letzterer reißt noch einen Jüngling mit in den Tod), auch Enrico ist es: er hat sich an einem Strick erhängt.

Die Bühne von Marc Weeger ist karg und zeitlos gehalten (Sessel und zwei Wandlampen im 60er Jahre Stil). Hohe Wände, mit großen Fenster- und Türrahmen trennen Außen- und Innenbereiche mit großzügigen Übergängen, verdeutlichen aber auch Lucias extreme Eingeengtheit. Es ist eine elegante, aber kühle Atmosphäre, entsprechend der Härte einer berechnenden Welt. Die nackten Wände spiegeln zudem die finanzielle Schieflage der Familie Asthon wieder.
Zunächst im Hintergrund, mit Öffnen und Verschieben der Wände von Bild zu Bild schließlich vollständig einsehbar: der Wald. Ein trostloses Gerippe aus kahlen Baumstümpfen, ein Golgata für Lucia und Edgardo, eingehüllt in eine dunkle Nachtstimmung.
Aktuell sind die Kostüme von Dorothee Scheiffarth. In verbindenden Blautönen das Paar Lucia/Edgardo (wobei er ein Netzhemd trägt und dadurch seine Sonderstellung und Einmaligkeit für Lucia unterstreicht), der Rest ist in schwarzen und grauen Anzügen und Kostümen gekleidet. Zum lokalen Bezug werden aber auch Schottenröcke vorgeführt (auch gibt es bei der Vermählung statt Sekt erst einmal Whisky). Beim Erscheinen Edgardos auf der Hochzeit verwandelt sich die Szenerie in eine gelb-grünlich eingefärbte Zwischenwelt mit zeitlupenhaften Bewegungen.
Alles in allem ansprechende Bilder, die die Geschichte dezent unterstreichen. Doch schon allein wegen Ana Durlovski wird diese Lucia zu einem herausragenden Erlebnis.

Markus Gründig, Juni 07


Death in Venice 

(Tod in Venedig)
Oper Frankfurt
Besuchte Vorstellung:
2. Juni 07 (Wiederaufnahme-Premiere)

Vom Leben müde, von der Arbeit ausgebrannt, von geliebten Menschen verlassen: da tut eine Reise in den sonnigen Süden gut. Gilt es doch die Lebensgeister zu wecken und auf positive Gedanken zu kommen. So ging es nicht nur Thomas Mann oder Benjamin Britten, sondern auch deren beider Hauptfigur in „Death in Venice / Der Tod in Venedig“: dem Schriftsteller Gustav von Aschenbach. Die Frau verstorben, die Tochter erwachsen und das Unvorhersehbare geschieht: beim Anblick eines Jünglings trifft Amor sein Herz und seine Welt ist nicht mehr die, die sie vorher war. Doch so sehr der Traum vom Liebesglück ihn bewegt und trägt, umso zerrissener und gefangener ist er in seiner Gefühlswelt und leidet unter den gesellschaftlichen Verhältnissen.

Keith Warners Inszenierung von Benjamin Brittens „Death in Venice“ feierte im Februar 06 Premiere an der Oper Frankfurt. Jetzt wurde sie das erste Mal wiederaufgenommen. Auch beim zweiten Besuch hat Warners Inszenierung nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren. Zusammen mit Boris Kudličkas Bildern wird die tiefe, dunkle Gefühlswelt Aschenbachs zum Thema. All sein Sehnen, sein Hoffen und sein Leid wird berührend und poetisch dargestellt: Wahrscheinlich würde man selbst bei einem dritten Besuch noch Neues entdecken, so viele Details sind hier, bei aller äußeren Nüchternheit, mit eingearbeitet worden. Gleichzeitig ist die Personenregie äußerst behutsam umgesetzt worden und so wird auch erst beim Schlussapplaus richtig deutlich, dass die Oper hier mit einem großen Ensemble gegeben wird und dass sich für die Figur des Aschenbach stark zurücknimmt.

In der gewaltigen Rolle des Gustav Aschenbach debütierte der britische Tenor Nigel Robson. Im Unterschied zu  Kim Begley, dem Aschenbach von 2006, kann Robson der Figur des an Selbstzweifeln leidenden Dichters eine intensivere Prägung geben. Mit Nathaniel Webster wurde auch die Mehrfachrolle „Traveler, Hotelmanager, Friseur“ (etc,) neu besetzt. Wie sein Vorgänger Johannes Martin Kränzle (der in Frankfurt aktuell als „Paolo“ in der sehenswerten Simon Boccanegra Inszenierung zu erleben ist), schafft auch Webster bei seinem Debüt diese Rollen mit kultivierter Gesangskunst und belebendem Spiel. Als weiterer Debütant im Kreis der drei singenden Hauptrollen fügt sich der Countertenor Steve Wächter als Apollo behutsam ein. Schauspieler Laurenz Johannis Leky gibt erneut den verführerischen Jüngling Tadzio, dandyhaft und verlockend.
Im Ganzen wurde mit sehr guter Textverständlichkeit gesungen (wobei es zusätzlich Übertitel gibt). Am Pult des Frankfurter Museumsorchesters sorgte Mark Shanahan dafür, dass Brittens leuchtende Tonwelten fein und sanft umgesetzt wurden.

Markus Gründig, Juni 07