Gute Laune bei »Die Affäre auf der Straße nach Monaco« am Schauspiel Frankfurt

Die Affäre auf der Straße nach Monaco / L’affare di via Monaco ~ Schauspiel Frankfurt ~ Yves van de Schnittchen (Christoph Pütthoff), Regina Vacui (Nina Wolf), Jenny M. Künkel (Melanie Straub), Gans Klevrig (Miguel Klein Medina), Justin Time (Mark Tumba) ~ Foto: Jessica Schäfer

Die Stücktitel des Regieduos Jan Koslowski und Nele Stuhler sind schon immer ungewöhnlich. In den Kammerspielen des Schauspiel Frankfurts brachten die beiden bereits eine „Essens-Trilogie“ auf die Bühne (2018: „Der alte Schinken“, 2019: „1994. Futuro Al Dente“ und 2022: „Der kleine Snack“). Ob ihre neuste Stückentwicklung „Die Affäre auf der Straße nach Monaco“ Teil einer weiteren Trilogie ist, wurde bisher nicht kommuniziert. Auf jeden Fall reiht sie sich wunderbar in die vorherigen Stücke ein: Mit viel Spaß, Musik und einer Textflut, die oberflächlich unterhält, aber dennoch Tiefgang hat. Das Premierenpublikum war am Ende der rund 100-minütigen pausenlosen Aufführung begeistert. Es gab lang anhaltenden Jubelapplaus.

Beschwingter Beginn

Der Abend fängt schon beschwingt an, bevor es losgeht. Im Zuschauerraum ertönt vorab in Dauerschleife eine fröhliche Melodie. Sie sorgt sofort für gute Laune und lässt den Alltag schnell vergessen und in den Abend eintauchen. Sie erinnert an Filmmusik aus den 1970er Jahren (wie die aus den Filmen mit Bud Spencer und Terence Hill). Das ist natürlich kein Zufall, denn das Stück spielt im Jahr 1977 (als Deutschland noch geteilt war). Handlungsort ist die fiktive Straße nach Monaco. Die aber auch Monacostraße oder Straße von Monaco heißen könnte. Sie steht als Metapher für die Straße an sich. Ein Ort, der durch die umliegende Bebauung statisch ist, durch die Menschen aber auch zu einem lebendigen Durchgangsort wird.

Die Affäre auf der Straße nach Monaco / L’affare di via Monaco
Schauspiel Frankfurt
Justin Time (Mark Tumba), Gans Klevrig (Miguel Klein Medina), Jenny M. Künkel (Melanie Straub), Yves van de Schnittchen (Christoph Pütthoff), Regina Vacui (Nina Wolf)
Foto: Jessica Schäfer

Bei allem professionell dargebotenen Klamauk thematisiert „Die Affäre auf der Straße nach Monaco“ ernste Themen. Zur Sprache kommen u. a. die Stadtbild-Debatte und die sich ausbreitenden Nilgänse. Letztlich geht es aber um den Diskurs, wie die Straße, also die Welt, künftig gestaltet sein soll, welche Akteur:innen dies entscheiden werden und in welche Richtung? Ost, Süd, West oder Nord? Das in der „Straße nach Monaco“ per Leuchtband behauptete „EST OU EST“ („Osten ist Osten“) steht für einen Status quo, der nach einer Veränderung schreit.

Vom Hauptbahnhof zum Theater

Vor der Bühne steht seitlich eine verkleinerte Nachbildung von Gustav Herolds (1839-1927) Atlas-Skulptur, deren Original auf dem Dach der Empfangshalle des Frankfurter Hauptbahnhofs thront („Atlas, die Erdkugel tragend, unterstützt von Dampf und Elektrizität“). Die Straße nach Monaco ist hier die Frankfurter Münchener Straße, die vom Hauptbahnhof zur Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz führt. Und da beginnt gewissermaßen die Unterhaltung. Denn vordergründig erzählen Jan Koslowski und Nele Stuhler von einer Theatertruppe, genauer gesagt von einem Inszenierungsteam, das gerade gemeinsam Urlaub in Rom gemacht hat. Nun soll für eine Neuinszenierung geprobt werden. Doch die Probe muss mangels Schauspieler:innen abgesagt werden (sie befinden sich alle in einem Generalstreik).

Theaterleute nehmen sich selbst auf die Schippe

Hier nimmt sich das Theater mit vielen überzogenen Darstellungen und spitzen Aussagen selbst auf die Schippe, wie auch schon die Namen der Figuren Bände sprechen. Und schließlich: Was lief da zwischen der ohne Konzept und „Hauptsache in Bewegung bleiben“ als Dauerthema verkündenden Regisseurin Jenny M. Künkel (glänzend: Melanie Straub) und dem Dramaturgen Gans Klevrig (vielseitig: Miguel Klein Medina) für eine Affäre zwischen Hauptbahnhof und Theater?

Die Affäre auf der Straße nach Monaco / L’affare di via Monaco
Schauspiel Frankfurt
Yves van de Schnittchen (Christoph Pütthoff), Justin Time (Mark Tumba), Jenny M. Künkel (Melanie Straub), Regina Vacui (Nina Wolf)
Foto: Jessica Schäfer

Ohne ihn wäre alles nichts: Kostümdesigner Yves van de Schnittchen (mit Energie geladen: Christoph Pütthoff) ist felsenfest überzeugt, dass die zurückliegende Inszenierung in Darmstadt nur dank seines Kostümdesigns nicht gescheitert ist. Alles ins rechte Licht setzend und reflektierend gibt sich Lichtdesigner Justin Time (charmant: Mark Tumba). Die aus der DDR angereiste Autorin Regina Vacui passt sich im Laufe des Abends dem Westen immer mehr an (einnehmend: Nina Wolf). Dazu referiert ein altkluges Mädchen als „Migraine petit L´Enfant“ über Facetten des „Chillens“. Es ist zugleich die Autorin des zu spielenden Stücks, von dem es bisher aber nur eine Textseite gibt (abwechselnd Antonia Kloss und Lia Saalmüller).

Auf einem Bühnenvorhang ist eine der ersten Fotografien (Daguerreotype) abgebildet: der Boulevard du Temple in Paris (von 1838). Er gilt als Geburtsort des Boulevardtheaters (was damals weiter gefasst war, als es heute verstanden wird).
Es gibt viele lokale Bezüge zur Stadt und den Nachbarstädten. Insbesondere spielt ein Straßenzug mit mehreren variablen Häuserfronten auf bekannte Frankfurter Lokalitäten an. Umgedreht und zusammengestellt entsteht durch die Häuserfronten ein Hinterhof, in dem ein kleines Fest gefeiert wird (Bühne: Chasper Bertschinger). Szenen mit auf- und zugeschlagenen Türen spielen direkt auf das Komödiengenre an. Typgerecht fallen die pointiert gesetzten Kostüme von Svenja Gassen aus.

Dazu wird wieder viel gesungen und wie in einem Musical getanzt (Musikalische Einrichtung und Komposition: Xzavier Stone). Es werden bekannte Melodien verwendet, die mit neuen Texten versehen wurden (und auf Bildschirmen in einer deutschen Übersetzung ablesbar sind).
Mit einer Hommage an das „Tuesday Night Skating Frankfurt“, der frischer Wind und Blumen in die Straße bringt und einem an den Beginn anknüpfenden Epilog des Mädchens endet der collageartig gestaltete Abend.

Markus Gründig, Februar 26


Die Affäre auf der Straße nach Monaco / L’affare di via Monaco

Von: Nele Stuhler und Jan Koslowski

Premiere / Uraufführung am Schauspiel Frankfurt: 27. Februar 26 (Kammerspiele)

Regie: Jan Koslowski, Nele Stuhler
Bühne: Chasper Bertschinger
Kostüme: Svenja Gassen
Musikalische Einrichtung, Komposition: Xzavier Stone
Dramaturgie: Lukas Schmelmer
Licht: Ellen Jaeger
Übersetzer und Sprachcoach: Fabio Mazzocchi

Besetzung:

Gans Klevrig: Miguel Klein Medina
Yves van de Schnittchen: Christoph Pütthoff
Jenny M. Künkel: Melanie Straub
Justin Time: Mark Tumba
Regina Vacui: Nina Wolf
Migraine petit L´Enfant: Antonia Kloss / Lia Saalmüller

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