Sachlicher Blick auf »Der Meister und Margarita« am Schauspiel Frankfurt

Der Meister und Margarita ~ Schauspiel Frankfurt ~ Ensemble ~ Foto: Arno Declair
kulturfreak Bewertung: 4 von 5

Michail Bulgakows großer Roman „Der Meister und Margarita“ besticht ob der Komplexität der behandelten Themen und seiner absurd anmutenden fantastischen Anteile. Nicht ohne Grund gab es schon früh erste Verfilmungen und Bühnenfassungen.

Im Rhein-Main-Gebiet zeigten Bulgakows Meisterwerk zuletzt 2017 Jan-Christoph Gockel am Staatstheater Mainz (Besprechung) und Markus Bothe 2012 am Schauspiel Frankfurt (Besprechung).

Am Letzteren erfolgte jetzt eine Neuinszenierung in der Regie des russischen Exilregisseurs Timofej Kuljabin (* 1984). Seine Umsetzung erinnert an den Stil des neuen Frankfurter Tatort-Ermittlerteams mit seinem „Cold-Case“-Ansatz: Auch Kuljabin beginnt vom Ende her.

26 Verhöre

Drei Ermittler des russischen Geheimdienstes befragen in 26 kurzen Verhören einzelne Figuren der Geschichte zu den kuriosen und unerklärbaren Vorfällen in Moskau. So entsteht ein kompaktes Destillat der umfangreichen Geschichte. Von der Form her ist das großartig umgesetzt, dennoch hinterlässt der Abend einen zwiespältigen Eindruck. Durch die ausschließliche Verhörsituation gibt es, trotz der vielen Wechsel, die optisch schön in Szene gesetzt sind, eine gewisse Eintönigkeit. Und viele Themen werden nur sehr kurz angeschnitten (wie zeitsatirisches, philosophische Dispute zu Gut und Böse, die Ohnmacht der Kunst).

Der Meister und Margarita
Schauspiel Frankfurt
Ermittlerin 1(Manja Kuhl), Ermittler 3 (Stefan Graf), Finanzdirektor vom Varieté-Theater Grigorij Rimskij (Matthias Redlhammer)
Foto: Arno Declair

Dennoch: Timofej Kuljabin gibt dem Zuschauer die Möglichkeit, selbst wie ein Ermittler immer tiefer in den Fall einzusteigen. Auch wenn dieser sich nicht lösen lässt und von Verhör zu Verhör immer absurdere und sonderbare Ausmaße annimmt.

Moskau als Handlungsort

Die Verhöre finden an den im Roman beschriebenen Orten in Moskau statt. Sie liegen in der Nähe des Patriarchenteichs, der Ringstraße Sadovaja und deren Nebenstraßen (ein Plan mit näheren Angaben ist im Programmheft abgedruckt). Für jedes Verhör wird aus einem oder zwei von fünf Toren eine Plattform in den Vordergrund geschoben. Möbel und Kleidung weisen auf die Entstehungszeit hin. Zur Verdeutlichung wird oberhalb des Geschehens kurz der jeweilige Ort (wie die Wohnung Nr. 50 in der Sadovajastraße 302b, das Varieté-Theater oder das Haus und Restaurant des Literaturverbands) bildlich projiziert (für eine historische Anmutung im Sepia-Ton). Sodann übertragen zwei Livekameras Nahaufnahmen der Verhörten und der Verhörenden (Bühne: Oleg Golovko, Kostüme: Vlada Pomirkovanaya).

14 Darsteller:innen und ein Junge

Ob der über 150 Personen im Roman, sind auf der Bühne immerhin 14 Darsteller:innen (plus ein Junge) zu erleben. Dabei haben die drei Ermittler kaum eine Chance, Profil zu zeigen. Manja Kuhl ist eine kühl protokollierende Ermittlerin, die an E. T. A. Hoffmanns Olimpia erinnert. Wolfgang Vogler echauffiert sich als Chefermittler. Sympathie erweckt der ob der skurrilen Geschichten immer verzweifelter zusammensackende Ermittler des Stefan Graf.

Der Meister und Margarita
Schauspiel Frankfurt
Iwan Bezdomnij (Christoph Bornmüller), Ermittler 2 (Wolfgang Vogler)
Foto: Arno Declair

Die Chance sich groß zu präsentieren, nutzt Christoph Bornmüller als den in einer Irrenanstalt einsitzenden Dichter Iwan Bezdomnij. Dessen innere Zerrissenheit gibt er mit großer Authentizität wieder.

Alle weiteren Darsteller:innen sind in Mehrfachrollen zu erleben: Isaak Dentler, Heidi Ecks, Christina Geiße, André Meyer, Rokhi Müller, Eva Maria Nikolaus, Matthias Redlhammer, Sebastian Reiß, Wolfgang Vogler und Uwe Zerwer). Sie geben ihren jeweiligen Figuren alle ein prägnantes Profil. Nicht zu vergessen ist Michael Schütz. Optisch kaum zu erkennen, sorgt er mit seiner trockenen Darstellung des zu einem fliegenden Schwein verwandelten Nachbarn Margaritas für Emotionen auf Seiten des Publikums.

Der Meister und Margarita
Schauspiel Frankfurt
Ermittlerin 1 (Manja Kuhl), Ermittler 2 (Wolfgang Vogler), Ermittler 3 (Stefan Graf), Nachbar von Margarita (Michael Schütz)
Foto: Arno Declair

Die Titelfiguren, der Meister und seine Freundin Margarita, werden auf der Bühne nur in Erzählform zum Leben erweckt, ebenso der ausländische Magier Prof. Woland (der Teufel) und der ihn begleitende riesige Kater (Behemoth).

Das Ende kommt nach drei Stunden (inklusive einer Pause nach 80 Minuten) überraschend. Bei der Premiere gab es viel freundlichen Applaus.

Markus Gründig, Februar 26


Der Meister und Margarita

Roman
Von: Michail Bulgakow (1891 – 1940)
Fassung von: Olga Fedyanina und Timofej Kuljabin

Premiere am Schauspiel Frankfurt: 21. Februar 26 (Schauspielhaus)

Regie: Timofej Kuljabin
Bühne: Oleg Golovko
Kostüme: Vlada Pomirkovanaya
Musik: Timofey Pastukhov
Dramaturgie: Alexander Leiffheidt, Olga Fedyanina
Koordinator/Dolmetscher: Rustam Akhmedshin
Licht: Marcel Heyde

Besetzung:

Ermittlerin 1: Manja Kuhl
Ermittler 2: Wolfgang Vogler
Ermittler 3: Stefan Graf
Iwan Bezdomnij: Christoph Bornmüller
Generaldirektor vom Varieté-Theater Stepan Likhodejew, Bühnentechniker im Varieté-Theater, Zivilfahnder: André Meyer
Nachbarin von Annuschka, Zuschauerin im Varieté-Theater, Haushälterin der Nachbarn des Literaturkritikers Latunskij: Christina Geiße
Besitzerin eines Katers, Zuschauerin im Varieté-Theater, Annuschka: Eva Maria Nikolaus
Krankenpflegerin Praskowia Födorowna, Zuschauerin im Varieté-Theater: Heidi Ecks
Poet, Chefadministrator vom Varieté-Theater Iwan Warenukha, Spitzel, Zivilfahnder: Isaak Dentler
Finanzdirektor vom Varieté-Theater Grigorij Rimskij, Wachmeister in der Finanzverwaltung, Ehemann von Margarita, Oberkomissar des NKWD: Matthias Redlhammer
Betrunkener Zeuge, Chefbuchhalter vom Varieté-Theater, Büffetbetreiber vom Varieté-Theater, Nachbar von Margarita: Michael Schütz
Kioskverkäuferin am Patriarchenteich, Zuschauerin im Varieté-Theater, Nachbarin von Aloisij Mogarytsch: Rokhi Müller
Direktor des Restaurants im Haus der Literaten, Hausvorstand im Haus Sadowaja 302b, Zuschauer im Varieté-Theater, Schriftsteller Aloisij Mogarytsch: Sebastian Reiß
Professor Strawinskij, Milizionär aus Jalta, Zuschauer im Varieté-Theater, Zivilfahnder: Uwe Zerwer

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