
Mit 71 Opern zählt der Italiener Gaetano Donizetti (1797 – 1848) zu den produktivsten Komponisten aller Zeiten. Viele seiner Werke sind noch heute fest in den Spielplänen verankert (wie „Der Liebestrank“, „Lucia di Lammermoor“ oder „Don Pasquale“). Er ist neben Vincenzo Bellini und Gioachino Rossini einer der bedeutendsten Komponisten der Gattung Belcanto-Oper.
Das Staatstheater Wiesbaden zeigt jetzt eine nicht ganz so populäre Oper von Donezetti: „La Mamma!“. Diese ist eher unter dem Titel „Viva la Mamma!“ bekannt und heißt im Original „Le convenienze ed inconvenienze teatrali“ (Sitten und Unsitten der Leute vom Theater). Sie ist eine Fortentwicklung des von Donizetti wenige Jahre zuvor komponierten Operneinakters „Le convenienze teatrali“. Darin nimmt er das Genre selbst auf den Arm. Gezeigt werden Szenen auf einer Opernbühne, während eine neue Oper („Romolo ed Ersilia“) einstudiert wird. Dabei treten bei allen Beteiligten Allüren auf, mit Parallelen zum realen Leben. Sowohl im Opernbetrieb, als auch in anderen Bereichen.
Um weitere Musik erweitert
Regisseur Wolfgang Nägele und der musikalische Leiter Paul Taubitz haben den kurzweiligen Einakter um weitere Musik erweitert und so einen großen Opernabend geschaffen. Die Erweiterung der Oper im zweiten Teil mit Musik von Gaetano Donizetti, Leonard Bernstein, Igor Strawinsky, Peter Tschaikowski und Giuseppe Verdi bietet die Möglichkeit, den Figuren mehr Tiefe zu geben. So können sie mehr von sich zeigen als nur Affekte.

Staatstheater Wiesbaden
v.l.n.r. Primadonna (Inna Fedorii), Ehemann der Primadonna (Jack Lee), Mamma (Hovhannes Karapetyan), Aida (Sarah Yang)
Foto: Max Borchardt
Taubitz ist seit dieser Spielzeit 1. Kapellmeister und Stellvertretender Generalmusikdirektor am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Nägele inszenierte zuletzt für die Oper Frankfurt in der Spielstätte Bockenheimer Depot Harrison Birtwistles groteskes Märchenspektakel „Punch and Judy“. Bereits 2019 inszenierte er am nahen Staatstheater Mainz „Boris Godunov“.
Gespielt wird überwiegend auf der Vorderbühne
„La Mamma!“ ist eine Komödie, die in Wiesbaden überwiegend auf der Vorderbühne spielt und damit eher den Charakter einer konzertanten bzw. halbszenischen Aufführung hat. Dabei wird ein Proberaum angedeutet. Ein großer Bühnenprospekt zeigt die Bühnenrückansicht, davor lediglich ein Klavier, lange Leitern und das auf ein kleines Kammerorchester reduzierte Staatsorchester Wiesbaden an der vorderen rechten Bühnenseite (15 Musiker:innen).
An den Proszeniumslogen prangen Schriftzüge mit „Bitte Ruhe“. Der hochgefahrene Orchestergraben dient als zusätzliche Spielfläche, wodurch die Sänger:innen näher zum Publikum kommen als üblich. Auf ihm befindet sich ein langer (Regie-)Tisch. Erst im kurzen zweiten Teil öffnet sich für das Spiel im Spiel die Bühne. Grelle Kostüme und Objekte auf der Bühne vermitteln ein buntes Bild (Bühne & Kostüme: Lisa Däßler).
Mamma hat renitente Züge
Bereits vor dem eigentlichen Beginn bemüht sich der unbeirrt an die Kunst glaubende Komponist (Bass Petro-Pavlo Tkalenko) um Ordnung, mit wenig Erfolg. Eine Reinigungsfachkraft (Bariton Hovhannes Karapetyan als sich vehement für die Tochter einsetzende Mamma in der Titelpartie) wuselt ebenso herum und versucht sich zum Leidwesen des Komponisten am Klavier. Selbst das mehrfache Zuschlagen der Tastaturabdeckung kann Mamma nicht abschrecken, es ist klar, sie hat renitente Züge. Auf eine mögliche tiefere Bedeutung dieser umgekehrten Hosenrolle wird nicht weiter eingegangen. Sie wird einfach als gegeben umgesetzt.

Staatstheater Wiesbaden
v.l.n.r. Ehemann der Primadonna (Jack Lee), Aida (Sarah Yang), Tenor (Joshua Sanders), Sängerin in der Hosenrolle (Annike Debus), Primadonna (Inna Fedorii), Komponist (Petro-Pavlo Tkalenko), Mamma (Hovhannes Karapetyan), Dichter (Fabian-Jakob Balkhausen)
Foto: Max Borchardt
Spätestens mit dem Auftreten der ihrem Namen alle Ehre machenden Primadonna (Sopranistin Inna Fedorii; mit virtuosen Koloraturen) nimmt das Chaos an Fahrt auf. Auf ein Duett mit einer Berufsanfängerin wie Aida (Sopranistin Sarah Yang; einnehmend mit einem Wiegenlied von Tschaikowski), der Tochter von Mamma, kann und will sie sich nicht herablassen. Sehr harmonisch hingegen ihr Duett mit ihrem Ehemann (Bariton Jack Lee) mit einem Ausschnitt aus Verdis Oper „Ernani“.
Im ersten Teil folgt eine Allüre auf die nächste. Ob je eine Aufführung der geplanten Oper stattfinden kann, wird immer fraglicher. Die Sängerin in der Hosenrolle (Mezzosopranistin Annike Debus) gibt als Erste auf und zieht ab, ihr folgt der Tenor (Joshua Sanders; später noch erheiternd mit Bernsteins „I hate music, but I like to sing“).
Pragmatisch denkt der Dichter (Bariton Fabian-Jakob Balkhausen) und versucht beherzt, zu retten, was zu retten ist. Dagegen scheinen der Regisseur (Bassbariton Thando Zwane) und der Intendant (Bass Jonathan Macker) etwas überfordert von der Truppe.
Stehen im ersten Teil die komischen Momente im Mittelpunkt, ist der zweite Teil besonnener. Nach den musikalischen Erweiterungen geht es zurück zu Donizetti und dem von ihm vorgesehenen Schluss: Die geplante Aufführung wird abgesagt, die ganze Truppe verlässt das Haus. Mit der Bedrohung durch die Kulturkürzungen mangels zur Verfügung stehenden Geldes ist man damit in der bitteren Realität angekommen.
Viel Beifall für alle Beteiligte.
Markus Gründig, Februar 26
La Mamma
(Le convenienze ed inconvenienze teatrali ~ „Sitten und Unsitten der Leute vom Theater“)
Opera buffa
Von: Gaetano Donizetti (1797 – 18483)
Libretto: Gaetano Donizetti nach den Einaktern Le convenienze teatrali und Le inconvenienze teatrali von Antonio Simone Sografi
Uraufführung als Einakter mit dem Titel Le convenienze teatrali: 21. November 1827 (Neapel, Teatro Nuovo)
Uraufführung: 20. April 1831 (Mailand, Teatro della Canobbiana)
Premiere am Staatstheater Wiesbaden: Samstag, 7. Februar 26 (Großes Haus)
Mit zusätzlicher Musik von Gaetano Donizetti, Leonard Bernstein, Igor Strawinsky, Peter Tschaikowski und Giuseppe Verdi
Arrangement von: Tony Burke, Pocket Publications
Musikalische Leitung: Paul Taubitz
Inszenierung: Wolfgang Nägele
Bühne & Kostüme: Lisa Däßler
Licht: Marcel Hahn
Chor: Aymeric Catalano
Dramaturgie: Katja Leclerc
Vermittlung: Oliver Riedmüller
Abendspielleitung: Myriam Lifka
Musikalische Assistenz: Tamara Lorenzo Gabeiras
Kostümassistenz: Dea Bejleri
Besetzung:
Primadonna: Inna Fedorii
Ehemann der Primadonna: Jack Lee
Mamma: Hovhannes Karapetyan
Ihre Tochter: Sarah Yang
Sängerin der Hosenrolle: Annike Debus
Tenor: Joshua Sanders
Komponist: Petro-Pavlo Tkalenko
Dichter: Fabian-Jakob Balkhausen
Regisseur: Thando Zwane
Intendant: Jonathan Macker
Statisterie: Natalie Peine, Jun Peine, Jens Hegar, Felix Scheuer, Simone Stoss
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden
