
Mit ihren blonden Locken und ihrem freundlichen Lächeln hat Iris Limbarth einen hohen Wiedererkennungswert. Zum Staatstheater Wiesbaden hat die ehemalige Tänzerin und Musicaldarstellerin eine besonders enge Verbindung. Im Alter von 14 Jahren war sie hier bereits Ballettelevin. Seit 1999 arbeitet sie bundesweit als Regisseurin im Musiktheater. Zur Spielzeit 2000/2001 übernahm sie die Leitung des dortigen Jungen Staatsmusicals (damals noch unter der Bezeichnung Jugendclubtheater), ein in dieser Form deutschlandweit einzigartiges Musicalensemble.
In ihrer 25. Spielzeit kann die Regisseurin und Choreografin jetzt ein weiteres Jubiläum feiern. Die hessische Erstaufführung des Musicals „Alice by Heart“ ist ihre 50. Produktion (!) mit dem Jungen Staatsmusical.

Junges Staatsmusical am Staatstheater Wiesbaden
Alice (Viktoria Reese) und Ensemble
Foto: Peter Emig
Hierfür hätte sie sich für ein großes und bekanntes Musical entscheiden können, wie zuletzt für „Jekyll & Hyde“ oder „Fack ju Göhte“. Doch ihre Wahl fiel auf das hierzulande noch weitgehend unbekannte „Alice by Heart“ von Duncan Sheik (Musik), Steven Sater (Buch und Songtexte; bekannt von „Frühlings Erwachen“) und Jessie Nelson (Buch). 2012 in London uraufgeführt, hatte es vor eineinhalb Jahren seine deutschsprachige Erstaufführung in Osnabrück.
„Alice im Wunderland“ zur Krisenbewältigung
Es spielt während der mehrmonatigen Bombenangriffe der deutschen Luftwaffe auf London (September 1940 bis Mai 1941), bei der rund 43.000 Zivilisten getötet und über eine Million Häuser beschädigt oder zerstört wurden. Die junge Alice hat währenddessen Zuflucht in einer U-Bahn-Station gefunden. Dort sorgt sie sich um ihren todkranken Freund Alfred und flieht in Lewis Carrolls Märchen „Alice im Wunderland“. Die Realität und das Märchen vermischen sich zu einer wundersamen Reise. Die Figuren der Erzählung, wie Spielkarten, Schildkröte, Hutmacher, Raupe und Grinsekatze, begleiten Alice auf ihrem Trip. Am Ende stirbt zwar Alfred an Tuberkulose, doch Alice trägt Hoffnung und Zuversicht in ihrem Herzen.

Junges Staatsmusical am Staatstheater Wiesbaden
Herzogin (Dwayne Besier; li.), Alice (Viktoria Reese)
Foto: Peter Emig
Das Musical hebt die Bedeutung vom Lesen hervor, das selbst in schweren Zeiten die Fantasie positiv und kraftvoll anregen kann. Dabei ist es für ein Verständnis durchaus hilfreich, Carrolls Märchen genau zu kennen.
Klein besetztes Musical
Mit nur zehn Darsteller:innen ist „Alice by Heart“ für das Junge Staatsmusical Wiesbaden eine eher kleine Produktion, sind sonst doch meist mindestens doppelt so viele auf der Bühne beteiligt (wobei es für viele Partien eine zweite Besetzung gibt). An Aufwand wurde aber nicht gespart. Die Bühne in der Spielstätte Wartburg zeigt einen Ausschnitt der Londoner „Baker Street“-Underground-Station mit Backsteinwänden. Mitsamt einer Rückansicht eines Underground-Wagens, dem Bahnsteighinweis „Mind the gap“ und einigen Feldbetten (Bühnenbild: Britta Lammers). Farbenfroh sind die zahlreichen Figuren in Alices Traumwelt gestaltet (Kostüme: Heike Korn). Eine weitere Besonderheit dieser Produktion ist, dass das Stück in kompakten 90 Minuten ohne Pause gespielt wird.

Junges Staatsmusical am Staatstheater Wiesbaden
Herzkönigin (Leonie Willms)
Foto: Peter Emig
Wirkt der Anfang des Musicals auch etwas zäh, nimmt es schnell an Fahrt auf. Wobei viele Songs eher ruhig, nahezu poetisch und psychedelisch wirken. Zum Ende hin sorgen Songs wie „Ist es nicht ein Versuch“ (mit klasse Soulstimme: Leonie Willms als Herzkönigin) und das dynamische „Ich bin genug geschrumpft“ (Ensemblestück mit Alice) auch für stärkere Rhythmen und Stimmung. Die Band ist während der Vorstellung teilweise im Hintergrund zu sehen. Sie wird von Frank Bangert geleitet.
Viktoria Reese in der Titelpartie
Fast die ganze Aufführung über ist die im realen Leben in der Rechts- und Kriminalpsychologie arbeitende Viktoria Reese in der Titelpartie zu erleben. Die anspruchsvolle Figur der Alice, die unerschütterlich hofft, träumt, aber auch verzweifelt, gibt sie charmant, eindringlich und singt dazu formidabel. Auch alle anderen sind mit viel Elan und Hingabe dabei und spielen mehrere Rollen. So gibt Jan Volpert subtil den erkrankten Adolf, das Weiße Kaninchen und den Märzhasen. Schön romantisch geben sie das Duett „Ein anderer Raum in deinem Kopf“.

Junges Staatsmusical am Staatstheater Wiesbaden
Ensemble (beide Besetzungen)
Foto: Peter Emig
Tim Speckhardt, dem Jungen Staatsmusical auch schon viele Jahre verbunden, bringt sich gewohnt szenisch und stimmlich äußerst souverän ein (u. a. als Dr. Blutridge, Herzkönig und Jabberwocky). Dwayne Besier macht sich vor allem als überzogen auftretende Herzogin beim Publikum beliebt. Als emotionale Stütze für Alice dient die weise Grinsekatze (empathisch: Katharina Hoffmann).
Iris Limbarths Doppeltalent für Regie und Choreografie macht sich auch hier bezahlt. Die Ensemblenummern bestechen durch ihren professionellen Charakter.
Am Ende ist das Premierenpublikum wieder einmal nicht mehr auf den Plätzen zu halten, bei der Premiere gab es für alle Beteiligten lang anhaltenden und kräftigen Beifall.
Markus Gründig, Februar 26
Alice by Heart
Musik: Duncan Sheik
Songtexte: Steven Sater
Buch: Steven Sater und Jessie Nelson
Uraufführung: 2012 (London, Royal National Theatre)
Deutsche Erstaufführung: 4. Oktober 2024 (Osnabrück, Institut für Musik der Hochschule Osnabrück)
Deutsch von: Frederike Haas
Premiere am Staatstheater Wiesbaden: Samstag, 14. Februar 26 (Wartburg)
Inszenierung & Choreografie: Iris Limbarth
Musikalische Leitung: Frank Bangert
Bühnenbild: Britta Lammers
Kostüme: Heike Korn
Besetzung:
Alice Spencer | Alice: Viktoria Reese / Anastasia Bechtold (Anna Priester)
Alfred Hallam | Weißes Kaninchen | Märzhase: Jan Volpert / Jan Rieß
Krankenschwester vom roten Kreuz | Herzkönigin | Raupe | Hummer: Leonie Willms / Luna Lange
Dr. Blutridge | Herzkönig | Raupe | Jabberwocky | Schildkröte 1 | Hummer: Tim Speckhardt
Tabatha | Grinsekatze | Flamingo Tanz | Jabberwocky Tanz: Katharina Hoffmann / Meike Roth
Harold Pudding | Hutmacher | Raupe | Schildkröte 2 | Hummer | Flamingo Tanz | Jabberwocky Tanz: Achim Ströde
Dodgy | Herzogin | Raupe | Hummer | Schildkröte 4 | Jabberwocky Tanz: Dwayne Besier
Clarissa | Karo Königin | Raupe 2 | Schildkröte 3 | Hummer | Flamingo Tanz | Jabberwocky Tanz: Sarah Zimmermann / Linda Sandretto
Nigel | Maus | Raupe | Kreuzbube | Schildkröte | Hummer | Flamingo Tanz | Jabberwocky Tanz: Lars Hofmann
Angus | Raupe 1 | Herzbube | Schildkröte | Hummer | Flamingo Tanz | Jabberwocky Tanz: Timur Hökelekli
Band:
Musikalische Leitung und Klavier: Frank Bangert
Keyboards: Ulrich Bareiss
Cello: Cristian Spohn
Gitarre: Patrick Hass
Bass: Eduardo Sabella
Schlagzeug: Holger Dietz
staatstheater-wiesbaden.de
