Beachtenswerte »Passagierin« erneut an der Oper Frankfurt

Die Passagierin ~ Oper Frankfurt ~ v.l.n.r. Lisa (Katharina Magiera) und Marta (Amanda Majeski) sowie Ensemble ~ © Barbara Aumüller ~ szenenfoto.de

Vor gut 80 Jahren endete der 2. Weltkrieg und mit ihm die Diktatur der Nationalsozialisten. Das Leiden der in den Konzentrationslagern noch lebenden Gefangenen fand damit ein Ende. Ein Prozess wurde damals vor allem führenden Politiker, Militärs und NS-Funktionären gemacht. Für viele lediglich ihren Dienst erfüllenden Aufseher:innen ging das Leben danach hingegen weiter, als wäre nichts passiert.

In ihrer Novelle „Die Passagierin aus Kabine 45“ erzählt die polnische Widerstandskämpferin und Auschwitz-Überlebende Zofia Posmysz (1923 – 2022) von der fiktiven Begegnung einer ehemaligen Insassin eines KZs mit einer ehemaligen Aufseherin viele Jahre später auf einem Passagierschiff, das sich auf den Weg nach Brasilien befindet. Die Novelle diente Mieczysław Weinberg als Vorlage für seine Oper „Die Passagierin“.

Die Passagierin
Oper Frankfurt
oben Walter (AJ Glueckert) und Lisa (Katharina Magiera) sowie unten Marta (Amanda Majeski)
© Barbara Aumüller ~ szenenfoto.de

Seit der szenischen Uraufführung im Festspielhaus der Bregenzer Festspielen 2010 ist sie vielerorts inszeniert worden. So auch 2015 von Anselm Weber an der Oper Frankfurt (Besprechung). Nun wurde sie zum zweiten Mal wiederaufgenommen (szenische Leitung der Wiederaufnahme: Alan Barnes). Das Opernhaus war sehr gut besucht.

Angesichts der vielen Konfliktherde weltweit und dem Leid, dem viele Menschen tagtäglich ausgeliefert sind, wirkt „Die Passagierin“ unverändert. In Rückblenden erzählt eine ehemalige Insassin Begebenheiten aus dem Konzentrationslager, die berühren. In Anselms Webers feinfühliger und bildstarken Inszenierung vermischen sich dabei die Zeit- und Ortsebenen. Ein Schiffsrumpf dient als Handlungsort für das Passagierschiff wie für das Konzentrationslager gleichermaßen (Bühnenbild: Katja Haß).

Die Passagierin
Oper Frankfurt
vorne v.l.n.r. Marta (Amanda Majeski; in Schwarz), Lisa (Katharina Magiera) und Walter (AJ Glueckert) sowie Ensemble
© Barbara Aumüller ~ szenenfoto.de

Viele der bei der 2. Wiederaufnahme beteiligten Sänger:innen geben hierbei ihr Rollendebüt, manche gar ein Hausdebüt. In der Partie der mysteriös erscheinenden Titelfigur und als Insassin Marta nimmt die amerikanische Sopranistin Amanda Majeski mit ihrer intensiven, stets sehr natürlich wirkenden Darstellung und ihrer lyrischen Stimme, sehr für sich ein.
Seine markante Baritonstimme verbindet Mikołaj Trąbka mit einer starken Präsenz als Martas Verlobter Tadeusz, der zum Ende hin dem Lagerkommandanten als Ausdruck seines persönlichen Widerstands statt einen Walzer Bachs „Chaconne“ auf der Geige spielt.

Die Passagierin
Oper Frankfurt
Tadeusz (Mikołaj Trąbka; mit Geige) und Ensemble
© Barbara Aumüller ~ szenenfoto.de

Die sich nur ungern ihrer Vergangenheit stellende und sich keiner Schuld bewussten Lisa verkörpert die Altistin Katharina Magiera mit viel Charme. Als Aufseherin gibt sie zwar eine kühle Figur, diese hat aber dennoch auch menschliche Züge.
Ist die Figur von Lisas Mann Walter auch nicht so umfangreich wie beispielsweise eine Wagner-Partie, Bariton AJ Glueckert gefällt auch hier mit seiner kräftigen und gleichsam wohldosierten Stimme.
Julia Stuart, Stipendiatin des Frankfurter Opernstudios berührt als Insassin Katja mit einem innig vorgetragenen Lied über Russland. Bei der Wiederaufnahmepremiere sang Cecilia Hall die Partie der Vlasta von der Seite, die erkrankte Zanda Švēde agierte szenisch.

Das die Oper so stark wirkt, liegt auch an Weinbergs Musik. Klingt sie auch mitunter herb, fast brutal und dramatisch, drückt sie doch den Schmerz und das Leid der Menschen im Lager aus. Daneben gibt es aber auch konträre, ruhige, nahezu sanfte Töne, insbesondere bei den intimen Rückblicken der Gefangenen. Leo Hussein und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester bieten ein facettenreichen Klangerlebnis. Der von Álvaro Corral Matute einstudierte Chor der Oper Frankfurt nimmt als Gefangenenschar für sich ein.

Am Ende riesige Beifallsbekundungen und Standing Ovations.

Markus Gründig, Februar 26

Es gibt lediglich drei weitere Vorstellungen bei diese Aufführungsserie (8., 13.und 21. Februar 26).


Die Passagierin

Пассажирка (Passaschirka)
Oper in zwei Akten

Von: Mieczysław Weinberg (1968/2010)
Libretto: Alexander Medwedew
Uraufführung konzertant: 2006 (Moskau)
Uraufführung szenisch: 21. Juli 2010 (Bregenz, Bregenzer Festspiele ~ Festspielhaus)

Premiere an der Oper Frankfurt: 1. März 15 (Opernhaus)
1. Wiederaufnahme: 3. März 18
2. Wiederaufnahme: 1. Februar 26

Musikalische Leitung: Leo Hussain
Inszenierung: Anselm Weber
Szenische Leitung der Wiederaufnahme: Alan Barnes
Bühnenbild: Katja Haß
Kostüme: Bettina Walter
Choreografie: Alan Barnes
Video: Bibi Abel
Licht: Olaf Winter
Chor: Álvaro Corral Matute
Dramaturgie: Norbert Abels

Besetzung:

Lisa: Katharina Magiera
Walter: AJ Glueckert
Marta: Amanda Majeski
Tadeusz: Mikołaj Trąbka
Katja: Julia Stuart°
Krystina: Corinna Scheurle
Vlasta: Zanda Švēde / Cecilia Hall
Hannah: Kelsey Lauritano
Yvette: Younji Yi°
Bronka: Judita Nagyová
Alte: Juanita Lascarro
Erster SS-Mann: Aleksander Myrling
Zweiter SS-Mann: Alfred Reiter
Dritter SS-Mann: Abraham Bretón
Steward: Jarrett Porter
Passagier: Morgan-Andrew King°
Oberaufseherin: Barbara Zechmeister
Kapo: Annabelle Krukow

Bühnenmusik:
Klavier: Markus Müller
Akkordeon: Marc Fischer
Gitarre: Steffen Ahrens
Kontrabass: Kutay Elmali
Schlagzeug: Philipp Strüber

Chor der Oper Frankfurt
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Statisterie der Oper Frankfurt


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