Von der Macht des Schicksals: »Amor vien dal destino« an der Oper Frankfurt

© Sylvia Griepu auf Pixabay

Nach der Frankfurter Erstaufführung der zeitgenössischen Oper „Punch und Judy“ in der Spielstätte Bockenheimer Depot, gibt es jetzt an der Oper Frankfurt mit Agostino Steffanis „Amor vien dal destino“ (Die Liebe kommt zum Schicksal) eine weitere Frankfurter Erstaufführung zu erleben. Die beiden Opern sind ziemlich konträr, wurde doch letztere bereits im Jahr 1709 uraufgeführt.

Der Venezianer Agostino Steffani war viel mehr als ein Komponist von Opern und Kammerduetten. Er war ein Universalgeist und arbeitete u. a. auch als Diplomat und Bischof. Auf seiner Reise von Deutschland nach Italien 1728 machte er in Frankfurt/M Halt, um persönliche Gegenstände zu verkaufen. Wie bei vielen Künstlern stand es auch bei ihm finanziell nicht zum Besten. In Frankfurt/M erlitt er dann einen Schlaganfall und verstarb. Beigesetzt im Kaiserdom, erinnert in der dortigen Magdalenenkapelle noch heute ein Epitaph (Gedenktafel) an ihn.

Musikalisch zwischen Monteverdi und Händel liegend, bietet Steffanis virtuoses Liebesdrama „Amor vien dal destino“ eine große Vielzahl an farbenreichen und kontrastreichen Arien, Rezitativen und Duetten. Der Inhalt nimmt Bezug auf Motiven aus Vergils Epos „Aeneis“. Konkret geht es um die Aeneis-Episode um die Prinzessin Lavinia. Diese schwankt zwischen Staatsräson (Eheversprechen an Turnus, dem König der Rutuler) und Liebesverlangen (durch Amor entfachte Liebe zu dem trojanischen Helden Aeneas). Dabei geht es um die Frage, ob Liebes- und Lebenswege vorgezeichnet sind oder gestaltet werden können (Bestimmung versus Gestaltungsfreiheit).

Regisseur R.B. Schlather zeigt die Oper als Vorläufer des Dramma giocoso, also einen Mix aus Opera seria und Opera buffa (ernster und heiterer Oper). In Frankfurt/M ist Schlather kein Unbekannter. Hier inszenierte er bereits „Tamerlano“, „L’Italiana in Londra“, „Macbeth“ (Wiederaufnahme am 18. April) und „Madama Butterfly“ (Wiederaufnahme am 6. Februar).

Ausgeprägt nüchternes Bühnenbild

Die in Latium (Region in Mittelitalien, später mit Rom als Zentrum) spielende Handlung, verlegte er in einen abstrakten und zeitlosen Rahmen. Anna-Sofia Kirschs Bühne zeigt einen großen Raum, der von einer leicht abfallenden Rasenfläche bedeckt ist. Dies nimmt Bezug auf barocke Parkanlagen und wurde inspiriert von der Bildgattung „Fête galante“. Der Rasen steht für die Ordnung, die freilich nicht endlos aufrechterhalten werden kann: Unter der Erde brodelt es. Feuerstellen tun sich im zweiten Teil der Oper auf. Sie stehen für die unkontrollierbare Leidenschaft. „Gezähmte Natur trifft auf unwägbare Gefühle“ (Dramaturgin Mareike Wink). Pointiert gesetzte Lichtkegel und Schatten heben einzelne Szenen besonders stark hervor (Licht: Jan Hartmann).

Dem ausgeprägt nüchternen Bühnenbild stehen die ausgefallenen aristokratischen Kostüme von Katrin Lea Tag konträr gegenüber. Sie spielen mit barocker Pracht (Reifkleider für die Damen), fröhlichen Farben und weisen teilweise in die Gegenwart.

Trotz der nicht unerheblichen Länge, fast vier Stunden inklusive einer Pause, ist die Oper kurzweilig. Regisseur R.B. Schlather sorgt mit vielen Einfällen für eine intensive szenische Abwechslung. Dabei helfen ihm nicht zuletzt die heiteren Anteile. Lavinias Amme Nicea wird von Tenor Theo Lebow gegeben. Bei dieser Travestie spielt er sein humoristisches Talent gewitzt aus und singt dazu ergreifend. Das kokettierende Annäherungsspiel zwischen Nicea und Aeneas’ Diener (leidenschaftlich aufbrausend: Bassbariton Constantin Zimmermann) ist gar köstlich anzuschauen.

Es gibt viel zu „erhören“

Auf musikalischer Seite gibt es viel zu „erhören“. Das verkleinert aufwartende Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielt unter dem aus Prag stammenden Gastdirigenten und Spezialisten für Alte Musik Václav Luks (auch Cembalo). Er ist erstmals zu Gast an der Oper Frankfurt.
Das Orchester sitzt erhöht und ist den ganzen Abend über gut einsehbar. Eine ganze Reihe von bei Opern selten zu hörenden Instrumenten, wie Laute, Psalterium (ein Zupfinstrument) und vier Chalumeaux (Schalmei; Holzblasinstrument mit einfachem Rohrblatt), kommen hier zum Einsatz. Für die damalige Zeit ungewöhnlich: Einzelne Instrumente sind expliziert einer Figur zugeordnet (wie die Laute Lavinia). Ganz außergewöhnlich sind die Klanggeräusche, die ein einzelner Musiker erzeugt (wie Donner, Vogelgezwitscher u. v. m.).

Ihr Frankfurt-Debüt gibt bei dieser Aufführungsserie die italienische Altistin Margherita Maria Sala. Die Partie der Lavinia gestaltet sie leidenschaftlich und intensiv. Eine große Partie hat Tenor Michael Porter inne, als Lavinias von Amor bestimmter Liebhaber Aeneas. Hier zeigt er erneut seine körperliche Agilität und seine wohltönende und stets subtil vorgetragene Stimme.

Die Hosenrolle des Turno gibt erstklassig die Mezzosopranistin Karolina Makuła, die für ihre berührenden Gesangsdarbietungen bei der besuchten zweiten Vorstellung immer wieder Zwischenapplaus erhielt. Bass Thomas Faulkner überzeugt als sich sorgender Vater Latino mit profunder Stimme. Die Figur von Lavinias Schwester Giuturna ist eher heiter angelegt. Schon mit ihren etwas wilden Haaren und dem bunten Kleid fällt sie optisch auf. Sopranistin Daniela Zib, seit dieser Spielzeit Stipendiatin des Frankfurter Opernstudios, hat hier ihre erste große Partie, die sie glänzend verkörpert (dazu gibt sie anfangs und am Ende Aeneas Mutter Venus). Mit der Erhabenheit eines Farinelli präsentiert sich der Schweizer Countertenor Pete Thanapat als Corebo (und Faunus, Vater von Latinus).

Typisch für eine Barockoper gibt es auch hier am Ende ein Deus ex Machina Moment und ein glückliches Ende. Intensiver Beifall, auch für den Regisseur R.B. Schlather, der bei der besuchten zweiten Vorstellung anwesend war.

Markus Gründig, Februar 26


Bis zum 28. Februar 26 gibt es weitere sechs Vorstellungen von „Amor vien dal destino“ an ausgewählten Tagen.
Die Stadt Hannover, in welcher Agostino Steffani zu Lebzeiten als Hofkapellmeister wirkte, lädt unter dem Motto »Sterne« vom 20. Februar bis 1. März 26 zum 9. Mal zu einer STEFFANI-Festwoche ein. Die Konzertreihe findet an verschiedenen Orten in der Stadt statt.


Amor vien dal destino

(Die Liebe kommt zum Schicksal)
Dramma giocoso
Oper in drei Akten

Von: Agostino Steffani (1654-1728)
Text von: Ortensio Mauro nach Vergil („Aeneis“)
Uraufführung: 1709 (Düsseldorf, Hofoper)

Premiere / Frankfurter Erstaufführung: 25. Januar 26 (Opernhaus)
Besuchte Vorstellung: 30. Januar 26

Musikalische Leitung: Václav Luks
Inszenierung: R.B. Schlather
Bühnenbild: Anna-Sofia Kirsch
Kostüme: Katrin Lea Tag
Licht: Jan Hartmann
Dramaturgie: Mareike Wink

Besetzung:

Lavinia: Margherita Maria Sala
Aeneas: Michael Porter
Turno: Karolina Makuła
Latino: Thomas Faulkner
Giuturna / Venere: Daniela Zib°
Nicea: Theo Lebow
Coralto / Giove: Constantin Zimmermann
Corebo / Fauno: Pete Thanapat

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