
In der Titelrolle von „Wickie und die starken Männer“ stellte sich Annie Nowak im November 2021 erstmals dem Frankfurter Publikum vor. Seitdem konnte sie in vielen weiteren Inszenierungen von sich überzeugen. Aktuell ist sie in „Antigone“ und „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ im Schauspielhaus zu erleben. Und zusätzlich in der Spielstätte Box. Dort feierte jetzt ihr erstes Solo Premiere: „Morgen ist (vorläufig) immer da“ der serbischen Theaterautorin Iva Brdar. Die Premiere stellte zugleich die deutschsprachige Erstaufführung dar.
Anhand einer jungen Frau, hier Annie Nowack, werden grundlegende Alltagsfragen thematisiert, die in den medialen Reizüberflutungen unserer Zeit gerne verdrängt und/oder auf morgen verschoben werden. Wie der Titel schon andeutet, ist es verlockend, Problemlösungen nicht heute, sondern morgen anzugehen. Doch ist das richtig? Im Stück gibt es eine ganze Reihe von Fragen, die mit Hilfe des Webs angesprochen werden: „Wie lerne ich zu warten? Wie mich zu verlieben? Wie erkläre ich dem Gegenüber, dass ich Fußfetischistin bin?“.

Schauspiel Frankfurt
Annie Nowak
Foto: Jessica Schäfer
Die Bühne von Swenja Trebeljahr zeigt hierfür ein unaufgeräumtes Zimmer, in dem die junge Frau lebt. Es ist mit nostalgisch anmutenden Gegenständen eingerichtet, die konträr zum Alter der Protagonistin wirken. Sie selbst trägt kurze Loungeware (Kostüme: Henrike Reller). Ein weißer Boden und weiße Vorhänge im Hintergrund vermitteln eine gewisse Künstlichkeit, so als würde man als Zuschauer in ein Versuchslabor blicken. Die Antworten der KI /des Webs werden zugespielt, wie auch die sich steigernden Sounds (Musik: Lucas Lejeune).
Neben einem Laptop für das Interagieren mit dem Weg und einem großen Plüschwal für das Lernen einer Umarmung, hat ein antikes Bild eine zentrale Bedeutung: „Sappho und Erinna in einem Garten in Mytilene“ des britischen Malers Simeon Solomon zeigt zwei Liebende. Der Wunsch nach Liebe, Nähe, Geborgenheit und Zuwendung wird darin beispielhaft ausgedrückt. Bei alledem glänzt Annie Nowak mit ihrer Natürlichkeit und starken Präsenz (das derzeit noch notwendige Tragen einer Beinorthese wegen einer zurückliegenden Fußverletzung stört sie dabei scheinbar überhaupt nicht).
Dieses Solo ist zugleich die erste eigenständige Regiearbeit von Vincent Schlarbaum. Der junge Regisseur arbeitet seit knapp zwei Jahren als Regieassistent am Schauspiel Frankfurt. Mit der kurzweilig umgesetzten Geschichte zeigt er eine wohldurchdachte Regiearbeit.
Trotz aller Bemühungen ist die junge Frau am Ende weiterhin Single. Aber sie ist nicht hoffnungslos. Mittels Videoprojektion tritt sie vor das Haus, hin zur Untermainbrücke. Den Blick in den Westen gerichtet, scheint sie nun für das Morgen gerüstet zu sein.
Markus Gründig, Januar 26
Morgen ist (vorläufig) immer da (DSE)
(Sutra je [za sada] uvek tu)
Von: Iva Brdar (* 1983)
Aus dem Serbokroatischen von: Alida Bremer
Digitale Uraufführung; in englischer Sprache (Tomorrow is (for now) always here.): September 2021 (Köln; Schauspiel Köln
Premiere / Deutschsprachige Erstaufführung: 18. Januar 26 (Frankfurt/M, Schauspiel Frankfurt, Box)
Regie: Vincent Schlarbaum
Bühne: Swenja Trebeljahr
Kostüme: Henrike Reller
Musik: Lucas Lejeune
Dramaturgie: Katrin Spira
Mit: Annie Nowak
schauspielfrankfurt.de
