»Publikumsbeschimpfung« beschwingt am Schauspiel Frankfurt

Publikumsbeschimpfung ~ Schauspiel Frankfurt ~ Anna Kubin, Torsten Flassig, Andreas Vögler, Sebastian Kuschmann, Lotte Schubert,Katharina Linder ~ Foto: Arno Declair

Schon der Stücktitel „Publikumsbeschimpfung“ macht aufmerksam. 1966 sorgte Peter Handkes am ehemaligen Theater am Turm in Frankfurt/M uraufgeführtes „Sprechstück“ für einen Skandal (Regie: Claus Peymann). Nicht nur, dass es keine Handlung, keine Rollen und kein Bühnenbild gab, am Ende wurde auch noch das Publikum beschimpft.

Vor sechs Jahrzehnten gab es viele Theaterformen, die heute selbstverständlich sind, noch nicht. Kein Wunder also, dass Handkes Versuch, die Grundprinzipien des Theaters offenzulegen und zu hinterfragen, für Irritationen sorgte. Ernüchternd ist, dass sich die damals angeklagte hierarchische Struktur in den Theatern bis heute kaum geändert hat.

Im Jahr 2026 ist die Welt zwar immer noch die gleiche, doch Theaterbesucher sind inzwischen deutlich diverser und an neue Formen gewöhnt. Wenn sich Regisseurin Claudia Bauer nun das Stück für eine Inszenierung am Schauspiel Frankfurt vorgenommen hat, ist klar, dass dies nicht als simple Reproduktion der Uraufführungsinszenierung erfolgen kann. Claudia Bauer hat einen ausgeprägten energetischen Regiestil. Am Schauspiel Frankfurt erarbeitete sie bereits „Mephisto“, „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ und „Der Würgeengel“.

Es wird nicht gekleckert, sondern geklotzt

Handkes „Publikumsbeschimpfung“ zeigt Claudia Bauer mit einem großartig aufspielenden Ensemble als liebevolle Hommage an das Theater und an das Publikum (denn ohne Publikum kein Theater). Ein klassischer Stoffvorhang ist heutzutage im Theater schon eine Rarität. Hier ist es gar ein goldener französischer Vorhangzug (Raffung an die äußeren Enden), der die Bühne vom Publikum trennt. Ein plakatives Bild, das von Anfang an klar macht: Hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Auf den Vorhang werden bereits während das Publikum im Saal Platz nimmt Bilder vom Bühnenaufbau projiziert (wie auch zum Ende hin). Dazu läuft ein Textband mit Peter Handkes Ausführungen zum Stück.

Publikumsbeschimpfung
Schauspiel Frankfurt
Torsten Flassig, Katharina Linder, Andreas Vögler, Sebastian Kuschmann, Anna Kubin, Lotte Schubert
Foto: Arno Declair

Hebt sich dann der Vorhang, wird der Blick frei auf die große Bühne, die eine rückwärtige Ansicht einer Bühne darstellt (mit sich perspektivisch verkleinernden Bühnenprospekten und an ein Barocktheater erinnernd). Eine Gruppe Darsteller*innen diskutiert und probt im hinteren Bereich verschiedene Formen von „Rotzlecker“ (so etwas wie ein unangenehmer, schleimiger Mensch). In welcher Tonart soll es gesungen werden, in welchem Stil? Langsam kommen sie näher an den Bühnenrand. Doch zum Publikum dürfen sie nicht blicken. Noch ist es ihr Raum, das Publikum ist nicht da.

Im rhythmischen Fluss

Die Gruppe besteht aus Torsten Flassig, Anna Kubin, Sebastian Kuschmann, Katharina Linder, Lotte Schubert und Andreas Vögler. Bei späteren Vorstellungen wird noch Arash Nayebbandi beteiligt sein (er war kurz vor der Premiere erkrankt). Der wie ein Manifest geschriebene Text wird bei Ihnen zu einem rhythmischen Fluss, der das in den Reihen sitzende Publikum mitnimmt. Zum Teil wird das Publikum auch aufgefordert, sich zu melden. Ein paar wenige tun es bei der besuchten zweiten Vorstellung. Die Darsteller reagieren darauf unmittelbar.

Publikumsbeschimpfung
Schauspiel Frankfurt
Torsten Flassig, Lotte Schubert, Andreas Vögler, Anna Kubin, Sebastian Kuschmann
Foto: Arno Declair

Sie tragen unspektakuläre Gegenwartskleidung und bilden eine diverse Gruppe. Doch das ändert sich im Laufe des Geschehens, das es natürlich trotz aller Verneinung gibt. Ob Kutte, Röckchen im Shakespearestil, als Handke-Verschnitt oder in extravaganter Abendkleidung, es wird viel aufgeboten (Kostüme: Patricia Talacko).

Durch ständiges Schaffen einer Illusion und deren umgehender Abschaffung zeigt Bauer extrem viele Facetten eines Theaterabends, wie man sie in dieser gebündelten Form sonst kaum erleben kann.

Changieren zwischen Form und Freiheit

Und auch das Geschehen ändert sich ständig. Dabei zeigen die sechs Darsteller:innen nicht nur unterschiedliche Spielstile, sie sind auch fast durchweg musikalisch unterwegs (womit nicht zuletzt die Lust am Aufbruch widergespiegelt wird).

Die in den 1960er Jahren angesagte Beatmusik wird zwar nicht zugespielt, doch der Musiker und Komponist Peer Baierlein schuf für diese Inszenierung einen daran angelehnten Klangkosmos. Es wird solistisch und chorisch gesungen. Dies sehr akkurat und stets betont rhythmisch. Dabei wird zwischen Form und Freiheit changiert.

Die Musiker Christopher Herrmann, Špela Mastnak und Ralf Merten sitzen abgetrennt in einem kleinen Raum auf der linken Bühnenseite. Darin ist nicht nur deutlich eine Uhr mit der aktuellen Zeit zu sehen, unter ihr hängt plakativ ein Bild des jungen Peter Handke (das später auch als Maske verwendet wird). Salome Niedecken sorgt als Dirigentin aus der ersten Zuschauerreihe dafür, dass alle Einsätze von Musikern und Darstellern passgenau erfolgen. Livevideoprojektionen fehlen ebenso wenig wie Theater im Theater und dass die Darsteller:innen selbst zum Publikum werden.

Höhepunkt der 100-minütigen pausenlosen Aufführung ist dann die eigentliche Publikumsbeschimpfung zum Ende. Dabei werden erst wohlwollende Worte an das Publikum gerichtet und dann ein nicht so schönes Wort rausgehauen (wie „Miesmacher“, „Leisetreter“ oder „ewig gestrig“). Dies wird sodann gesanglich aufgenommen und gewissermaßen verallgemeinert. Bei einigen Strophen entsteht durch den Sound einer Orgel eine sakrale Stimmung.

Theaterhäuser können abgerissen oder zerstört werden. Das Schauspiel Frankfurt zeigt hier äußerst unterhaltsam, dass Theater als ein gemeinsames Erlebnis unkaputtbar ist, über alle Autoren und Zeiten hinweg.

Intensiver Beifall bei der besuchten zweiten Vorstellung.

Markus Gründig, Januar 26


Publikumsbeschimpfung

Sprechstück
Von: Peter Handke (* 1942)
Uraufführung: 8. Juni 1966 (Frankfurt/M, Theater am Turm)

Premiere am Schauspiel Frankfurt: 24. Januar 26 (Schauspielhaus)
Besuchte Vorstellung: 26. Januar 26

Regie: Claudia Bauer
Bühne: Andreas Auerbach
Kostüme: Patricia Talacko
Musik: Peer Baierlein
Dramaturgie: Katja Herlemann

Mit: Torsten Flassig, Anna Kubin, Sebastian Kuschmann, Katharina Linder, Arash Nayebbandi, Lotte Schubert, Andreas Vögler

Cello, FX: Christopher Herrmann
Schlagwerk: Špela Mastnak
Tasten, Electronics: Ralf Merten
Musikalische Einstudierung, Dirigat: Salome Niedecken
Dirigat: Mirja Betzer

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