Wer wäre nicht gerne einmal Gast beim rauschenden Ball von Prinz Orlofsky? So ganz nah bei Marquis Renard (alias Gabriel von Eisenstein), Chevalier Chagrin (alias Gefängnisdirektor Frank) und einer ungarischen Gräfin (alias Rosalinde Eisenstein). Für einen Teil des Publikums ist dies jetzt am Staatstheater Kassel möglich!
13 Jahre nach der letzten „Fledermaus“-Aufführung und zehn Jahre seit der letzten Aufführung einer Operette am Staatstheater Kassel, wurde Johann Strauss´ Meisterwerk jetzt von Philipp Moschitz für das Kasseler INTERIM neu inszeniert. Dabei gibt es inmitten der Bühne wieder „Adventureplätze“, die im INTERIM erstmals mit der Oper „Aida“ im Oktober vergangenen Jahres eingeführt wurden. Zuschauer:innen werden dadurch Teil der Inszenierung – ein außergewöhnliches und in Erinnerung bleibendes Erlebnis!
Tanz, kleine Köstlichkeiten und Getränke
Die Anzahl an derartigen Plätzen wurde für die „Fledermaus“ nicht nur erhöht, sie wurden auch differenziert und mit Optionen („Opernball Erlebnis“, „Orlofskys Ball“ und „Orlofskys Ball Deluxe“) versehen. Knapp ein Dutzend Bedienstete kümmern sich während der Vorstellung um die Gäste auf der Bühne (Statisterie des Staatstheaters Kassel).
Die „Adventureplätze“ bieten die Besonderheiten, beim Ball tanzen zu können und kleine Köstlichkeiten und Getränke am Tisch. Gastgeber Orlofsky getreu heißt es dazu: „Wer sich nicht amüsiert, bekommt vom Prinz eine Flasche an den Kopf geworfen“. Tatsächlich gibt es für das Publikum auf der Bühne im Laufe der Aufführung dreimal die Möglichkeit, kurz das Tanzbein zu schwingen. Hiervon wurde bei der Premiere rege Gebrauch gemacht.

Staatstheater Kassel
Ida (Salomé Ortiz) und Adele (Annabelle Kern)
© Isabel Machado Rios
Schon vor dem eigentlichen Beginn gibt es für das Publikum auf der Bühne die Möglichkeit, an einem Schnellkurs Walzer-Tanz teilzunehmen. Zwischen Laufstegen und Podesten stehen zahlreiche eingedeckte Tische für jeweils sechs Gäste. Neu ist auch, dass eine Brückentreppe von der Bühne über den Orchestergraben zum eigentlichen Publikumsbereich führt. Auffallend ist Eisensteins Taschenuhr, die hier ein riesiger Wecker an einer Kette ist. Auf Kulissen und Requisiten wurde weitestgehend verzichtet. Schließlich wirkt der große Raum mit seiner umlaufenden Galerie, Bühnenbrücke und Videoflächen schon für sich. Allein für die Gefängnisszene senkt sich eine Kunstinstallation herab, an der dann kleine Ketten eine Zelle andeuten (Bühne und Video: Ayşe Gülsüm Özel).
Bezüge zur Stadt
Regisseur Philipp Moschitz zeigt das Stück als ein großes Fest für die Kasseler Bürger. Es gibt eine Handvoll Bezüge zur Stadt. So landet der Notar Dr. Falke (besonnen: Bariton Filippo Bettoschi) im Fledermauskostüm nicht in einem Park, sondern wird im Kasseler Hauptbahnhof der Lächerlichkeit preisgegeben und gedemütigt. Dies wird während der Ouvertüre als Videoprojekt gezeigt, wie es später auch eine Videoeinspielung des exzessiven Feierns gibt.
Ein großer Gewinn dieser Inszenierung ist die intensive Einbindung eines kleinen Tanzensembles, der sogenannten „Ratten“ (Sophie Glora, Viktor Kohut, Simon Lausberg, Angelika Ratej, Giulia Vazzoler). Sie werden Teil des Geschehens und spiegeln in vielfältigen Bewegungen, Posen und Sprüngen die schier unbändige Energie der Protagonisten wider (Choreografie: Sven Niemeyer).

Staatstheater Kassel
Frosch (Tina Pfurr)
© Isabel Machado Rios
Der von Marco Zeiser Celesti einstudierte Chor des Staatstheaters Kassel singt weit verteilt auf der großen Bühnenfläche intensiv und ist szenisch stark eingebunden. Die Sänger:innen des Chors sind durchgehend schwarz gekleidet, meist mit frivoler Note, manche zusätzlich mit ausgefallenen Kopfbedeckungen oder eng anliegenden Kappen.
Die Kostüme der Hauptdarsteller, insbesondere die der Damen, sind auffallend und bunt. Rosalinde trägt ganz ihrem Namen gemäß zunächst einen rosa Schal, als ungarische Gräfin später ein rosafarbenes Fransenkleid. (Kostüme: Claudio Pohle). Schrill und plakativ sind die Kleider von Ida und Adele.
Ein fröhlich stimmender Walzertakt dominiert die Stimmung
Bei all dem umtriebigen Geschehen dominiert ein fröhlich stimmender Walzertakt die Stimmung im Saal. Kiril Stankow, erster koordinierter Kapellmeister am Staatstheater Kassel, sorgt mit dem Staatsorchester Kassel für eine passende Atmosphäre, die den Sänger:innen die Möglichkeit gibt, sich klangstark zu präsentieren. Alle Chormitglieder bringen sich zudem darstellerisch stark ein.

Staatstheater Kassel
Ensemble
© Isabel Machado Rios
Sopranistin Margrethe Fredheim gefällt als Rosalinde und ungarische Gräfin gleichermaßen. Tenor James Edgar Knight gibt dem Gabriel von Eisenstein auch stimmlich ein markantes Profil.
Selbstbewusst ist die Adele der Sopranistin Annabelle Kern, die nicht nur mit ihren hohen Tönen für sich einnimmt. Überzeugend gibt sich auch die Ida der Sopranistin Salomé Ortiz. Zusammen bilden die beiden ein gut zusammenpassendes Duo. Als charmanter Gastgeber gibt sich die Mezzosopranistin Ilseyar Khayrullova in der Hosenrolle des Prinz Orlofsky.
Vom Glanz seiner strahlenden Tenorstimme zieht Johannes Strauß als Gesangslehrer Alfred nicht nur Rosalinde in seinen Bann, sondern das ganze Haus. Dazu überzeugen Bassbariton Ian Sidden als Gefängnisdirektor Frank und Tenor Björn Edelmann als Advokat Dr. Blind. Stark aufgewertet wurde die Partie des Gerichtsdieners Frosch, die von der Schauspielerin Tina Pfurr gegeben wird. Sie ist hier auch so etwas wie ein Conférencier.
Diese musikalisch wie szenisch so lebhaft umgesetzte „Fledermaus“ hinterlässt einen famosen Gesamteindruck. Am Ende intensive Beifallsbekundungen für alle Beteiligten.
Markus Gründig, Februar 26
Die Fledermaus
Operette
Von: Johann Strauss (1825 – 1899)
Libretto: Karl Haffner, Richard Genée
Uraufführung: 5. April 1874 (Wien, Theater an der Wien)
Premiere am Staatstheater Kassel: 31. Januar 26 (INTERIM)
Musikalische Leitung: Kiril Stankow
Regie: Philipp Moschitz
Bühne und Video: Ayşe Gülsüm Özel
Kostüme: Claudio Pohle
Choreografie: Sven Niemeyer
Dramaturgie: Felix Linsmeier
Licht: Holger Tschersich
Chorleitung: Marco Zeiser Celesti
Besetzung:
Rosalinde: Margrethe Fredheim / Marta Kristín Friðriksdóttir
Gabriel von Eisenstein: James Edgar Knight
Adele: Annabelle Kern
Dr. Falke: Filippo Bettoschi
Prinz Orlofsky: Ilseyar Khayrullova
Alfred: Johannes Strauß
Frank: Ian Sidden
Frosch: Tina Pfurr
Dr. Blind: Björn Edelmann
Ida: Salomé Ortiz
Ensemble: Sophie Glora, Viktor Kohut, Simon Lausberg, Angelika Ratej, Giulia Vazzoler (auch Dance Captain)
Staatsorchester Kassel
Opernchor des Staatstheaters Kassel
Statisterie des Staatstheaters Kassel
staatstheater-kassel.de
