Kompakte und heutige Fassung von Gerhart Hauptmanns »Die Ratten« zur Spielzeiteröffnung am Schauspiel Frankfurt

Die Ratten ~ Schauspiel Frankfurt ~ Pauline Piperkarcka (Sarah Grunert), Frau John (Patrycia Ziolkowska) ~ Foto: Birgit Hupfeld
kulturfreak Bewertung: 4 von 5

Zur Spielzeiteröffnung 2019/20 zeigt das Schauspiel Frankfurt eine kompakte Fassung von Gerhart Hauptmanns, 1910 uraufgeführten, Tragikomödie Die Ratten. Ursprünglich war an dieser Stelle Witold Gombrowiczs Yvonne, die Burgunderprinzessin geplant, doch wegen Erkrankung der Regisseurin Mateja Koležnik wurde dieses Stück auf die nächste Spielzeit verschoben. So gibt es am Schauspiel Frankfurt jetzt erstmals die Gelegenheit, eine Arbeit von Regisseurin Felicitas Brucker im Schauspielhaus zu sehen.

In Ihrem Porträt der Frau John, die an sich und der Gesellschaft scheitert, setzt sich Felicitas Brucker mit dem Kern des Stücks auseinander. Ihr geht es nicht um eine Milieustudie, sondern um die Mechanismen einer haltlosen Gesellschaft, bei der jeder vom Abstieg bedroht ist und in der ein Mangel an Empathie und gegenseitiges Misstrauen den Alltag bestimmen. Unwesentlich bzw. nebensächlich erscheinende Aspekte und Rollen wurden gestrichen. Innerhalb von zwei pausenlosen Stunden zeigt sie eine spannende und kompakte Fassung des fünfaktigen Stücks.

Großen Anteil an der gelungenen Umsetzung hat die von Dirk Thiele Galizia entworfene Bühne. Das durch gleißendes Licht weiß ausgeleuchtete runde Gebilde aus Stahlstreben und Glaswänden wirkt kalt und septisch (und wohl nicht zufällig wie ein Hamsterrad). Im Schneckentempo dreht sich das Gebilde vor- und rückwärts, bis es im finalen Akt demontiert wird. Eine Leiter und eine Empore weisen auf eine weitere Ebene hin, doch bleiben alle mehr oder weniger im System gefangen. Die Darsteller sind fast die ganze Zeit über anwesend und belauern und beobachten aus dem Hintergrund die anderen oder grooven zu den dezenten Klängen von Livemusiker Philipp Weber.


Die Ratten
Schauspiel Frankfurt
Ensemble
Foto: Birgit Hupfeld

Kein Bereich davon vermittelt Wohlfühlatmosphäre, selbst der „Dachboden“ unter der Rampe ist nicht mehr als ein leeres Lager. Eine Ballettstange deutet das Fundusmagazin von Hassenreuter an. Dort stehen auch vier Puppen, die Figuren des Stücks (Frau John, Harro Hassenreuter, Erich Spitta und Pauline Piperkarcka) nachempfunden sind (mit gleicher Kleidung). Einen größeren Bezug oder Beitrag lassen sie nicht erkennen.
Klassenunterschiede werden, entsprechend dem Regiekonzept, auch nicht durch die Kleidung hervorgehoben. Die Kostüme von Irene Ip verorten das Geschehen im Heute. Ein, durch den hell ausgeleuchteten Boden, ohnehin vorhandener künstlicher Laboreindruck wird durch die durchweg blond oder grau gefärbten Haare verstärkt.
Sprachlich bleibt die Inszenierung nah an Hauptmanns Kunstsprache. Das polnische Dienstmädchen Pauline Piperkarcka (selbst mit Babybauch anmutig wirkend: Sarah Grunert) spricht ein sehr gebrochenes Deutsch, die Eheleute John Berlinerisch und der Rest Hochdeutsch.

Oftmals duckmäuserisch bewegt sich die Frau John der Patrycia Ziolkowska, die eindringlich viele Facetten zeigt, sei es im Streit mit der Piperkarcka, in der ambivalenten Beziehung zu ihrem Bruder oder wenn sie sich gegenüber den anderen verteidigt. Andreas Vöglers Maurerpolier Herr John verkündet mit der Aufschrift auf seinem Sweatshirt eine gewisse Kampfbereitschaft, hat sich aber auch in schwierigen Situationen ganz gut unter Kontrolle. Davon kann beim agilen Bruno Mechelke des Fridolin Sandmeyer kaum die Rede sein. Er ist ein Außenseiter, der ganz in seiner eigenen Welt gefangen ist und unter der Verachtung leidet, die ihm die anderen zukommen lassen. Dabei ist er der einzige der hilft, wo andere schon längst nicht mehr helfen wollen (wenn auch mit fatalem Ende).
Den überheblichen und eitlen ehemaligen Theaterdirektor Harro Hassenreuter gibt Sebastian Kuschmann in farbigen und schrägen Klamotten, die seinem Fundus entsprungen sein müssen. Sehr gefasst gibt Katharina Linder seine Frau, während Altine Emini als ihre Tochter Walburga herumtänzelt und sich mit Erich den Frust von der Seele redet, warum sie ihre Väter hassen. Samuel Simons verkörpert als Möchtegern Nachwuchsschauspieler Erich Spitta das Tragikomische des Stücks. Nur kurz ist der Auftritt des selbstgerechten Landpastors Spitta (besorgt: Peter Schröder). Auf High Heels versucht die drogensüchtige Alkoholikerin Alice Knobbe der Friederike Ott vergeblich die Contenance zu wahren, während Kristin Alia Hunold als ihre Tochter Selma sich mit Vehemenz für Gerechtigkeit einsetzt. Christoph Pütthoff gibt als geschwätziger Hausmeister Quaquaro wichtige Informationen weiter.

Am Ende der klassisch gehaltenen und ohne Videoprojektionen auskommenden Inszenierung gab es bei der Premiere viel Applaus, allen voran für Patrycia Ziolkowska.

Markus Gründig, September 19


Die Ratten
Schauspiel Frankfurt
Ensemble
Foto: Birgit Hupfeld

Die Ratten
Berliner Tragikomödie in fünf Akten
Von: Gerhart Hauptmann

Premiere am Schauspiel Frankfurt: 6. September 19 (Schauspielhaus)

Regie: Felicitas Brucker
Bühne: Dirk Thiele Galizia
Kostüme: Irene Ip
Musik: Philipp Weber
Dramaturgie: Alexander Leiffheidt

Besetzung:

Harro Hassenreuter: Sebastian Kuschmann
Frau Hassenreuter: Katharina Linder
Walburga: Altine Emini
Pastor Spitta: Peter Schröder
Erich Spitta: Samuel Simon
Herr John: Andreas Vögler
Frau John: Patrycia Ziolkowska
Bruno Mechelke: Fridolin Sandmeyer
Pauline Piperkarcka: Sarah Grunert
Alice Knobbe: Friederike Ott
Selma: Kristin Alia Hunold
Quaquaro: Christoph Pütthoff

Live-Musik: Philipp Weber

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