Mozarts »Idomeneo« und »La clemenza di Tito« zum Doppelauftakt der Internationalen Maifestspielen Wiesbaden 2019

Mozart-Doppel: Idomeneo ~ Staatstheater Wiesbaden ~ Idamante (Kangmin Justin Kim), Idomeneo (Mirko Roschkowski), Ilia (Slávka Zámečníková), Oberpriester (Rouwen Huther) ~ Foto: Karl und Monika Forster

Wenn in Wiesbaden wieder weltbekannte Sängerinnen und Sänger, renommierte Schauspielensembles und hochkarätige Tanzkompanien zu Gast sind, kann dies nur eins bedeuten: Die Internationalen Maifestspiele haben begonnen. Eröffnet wurden sie am Abend des 30. April von Intendant Uwe Eric Laufenberg, gemeinsam mit dem Wiesbadener Oberbürgermeister Sven Gerich und dem hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier. Der Förderkreis Internationale Maifestspiele e.V. nutzte diese Gelegenheit, einen Spendenscheck über 75.000 Euro zu überreichen, der sogleich vom geschäftsführenden Direktor Bernd Fülle übernommen wurde. Der Zeremonie folgte der erste Teil der Eröffnungspremieren, denn dieses Jahr eröffnete ein Doppelprojekt die Festspiele.

Intendant und Regisseur Uwe Eric Laufenberg hätte es sich dabei einfacher machen können, als Mozarts frühe Oper Idomeneo und seine quasi vorletzte Oper La clemenza di Tito (Titus) auf das Programm zu setzen, gibt es doch weit populärere Opern des Salzburger Musikgenies. Doch mit dem diesjährigen Festspielmotto „Die Zeit dazwischen“ wird Wolfgang Amadeus Mozart in den Mittelpunkt gestellt (ab 4. Mai, 18.30 Uhr wird er gar 24 Stunden rund um die Uhr gefeiert) und dazu passen diese zwei Opern hervorragend. Zusätzlich plant Laufenberg, wie er im Pressegespräch vor der Idomeneo-Premiere verriet, zusammen mit dem Dirigenten Konrad Junghänel bei einer der nächsten Maifestspiele alle sieben großen Opern Mozarts zu zeigen, natürlich an hintereinander folgenden Tagen, also eine Woche große Mozart-Opern nonstop. Bis dies formal möglich ist, fehlt nur noch Die Entführung aus dem Serail im Repertoire. Da diese Oper nicht für die kommende Spielzeit geplant ist, wird der Mozart-Marathon also frühestens im Mai 2021 stattfinden können.

Die Opern Idomeneo und La clemenza di Tito verbindet weit mehr, als nur die Geschichte zweier Herrscher. Sie haben ähnliche Konstellationen, beispielsweise bei den Stimmen. Für das Doppelprojekt am Staatstheater Wiesbaden zeichnet das gleiche Team verantwortlich (mit Katja Leclere und Anika Bárdos gibt es lediglich bei der jeweiligen Dramaturgie Unterschiede). Da die Orchesterbesetzung bei den frühen Opern noch relativ klein ist, bot es sich an, die Mitglieder des Hessischen Staatsorchesters aufzuteilen. So spielt eine Hälfte bei Idomeneo, die andere bei La clemenza di Tito. Als absolute Besonderheit werden beide Titelpartien von einem Sänger, dem Tenor (und studierten Sonderpädagogen) Mirko Roschkowski, gegeben, der hier u. a. bereits als Boris in Janáčeks Kátja Kabanová von sich überzeugte (alternierender Titus: Thomas Blondelle).


Mozart-Doppel: Idomeneo
Staatstheater Wiesbaden
Idomeneo (Mirko Roschkowski), Chor
Foto: Karl und Monika Forster

Rolf Glittenbergs Bühne zeigt zwei Seiten einer Medaille. Einerseits einen vor- oder nachzivilisatorischen Raum mit von einer Bombe zerschossenen Rückwänden und Blick auf das sich langsam, wie auch stürmisch, bewegende weite Meer (Idomeneo), sowie einen abstrakten Machtraum mit dominierender Treppenanlage (La clemenza di Tito).
Letztere ist per Videoprojektion bereits während der Ouvertüre von Idomeneo zu sehen. Hier wird die Figur eines Machthabers gezeigt, der mit großem Respekt gegenüber der ihm zugeteilten Machtfülle steht. Er ist zwar kein Machtinhaber wider Willen, aber wirklich wohl scheint er sich in seiner Haut auch nicht zu fühlen. Damit steht er im diametralen Gegensatz zum Machtgehabe aktueller Präsidenten (wie beispielsweise Erdogan, Jong-un, Putin und Trump).

Idomeneo ist eine typische opera seria des 18. Jahrhundert. Mit der Einbindung der die Handlung beeinflussende „Stimme der Vernunft“ (Stimme des Orakels: der Bass Young Doo Park), weist sie allerdings auch aufklärerische Elemente auf. Durch ihre Handlungsarmut, was geschieht wird überwiegend in den solistischen Arien und Rezitativen vermittelt, ist Idomeneo für jeden Regisseur erst einmal eine Herausforderung. Uwe Eric Laufenberg vertraute bei seiner Umsetzung sehr stark auf die Musik. So ist seine Inszenierung gewissermaßen aus der Musik entstanden. Und diese ist nicht nur stringenter als die mitunter kuriose Handlung, sie wartet mit zahlreichen Highlights und Perlen auf. Dennoch hat Laufenberg zahlreiche Ideen dezent umgesetzt, dabei eine poetische Grundstimmung konsequent durchgezogen. Den Toten wird mit einer Bildergalerie gedacht, ein auf Sandboden aufgespannter Sonnenschutz vermittelt eine überraschende Leichtigkeit, eine handvoll blühender Pflanzen verkündet beim drohenden Unheil vage Hoffnung. Und Laufenberg verzichtete nahezu komplett auf plakative Momente. Einzig Elettras Brustentblößen, wohl als Ausdruck ihrer stark empfundenen Weiblichkeit gemeint, wäre diesbezüglich zu nennen. Auch auf weitere Videoprojektionen als die während der Ouvertüre wurde verzichtet. Entstanden ist eine ansprechende und zeitlos gehaltene Umsetzung der Geschichte vom erfolgreichen Herrscher, der Neptun seinen einzigen Sohn opfern muss.

Den in sich zerrissenen König Idomeneo vermittelt Tenor Mirko Roschkowski ausgezeichnet. Die Rolle des Königssohn Idamante wurde für die Münchner Uraufführung für einen Kastraten geschrieben. Für die Wiener Erstaufführung schrieb sie Mozart für einen Tenor um. Heutzutage wird sie meistens als Hosenrolle gegeben. Bei dieser Inszenierung wurde sie mit dem koreanisch-amerikanischen Countertenor Kangmin Justin Kim besetzt, was sich als Glücksfall erweist, er ist stark im Ausdruck und im Klang. Feenhaft und zart verzaubert die Ilia der Sopranistin Slávka Zámečníková. Kämpferisch und funkelnd ist die Elettra der Sopranistin Netta Or. Eine allein schon wegen seiner physischen Körpermaße machtvolle Erscheinung ist der Oberpriester des Tenors Rouwen Huther.


Mozart-Doppel: Idomeneo
Staatstheater Wiesbaden
IIdamante (Kangmin Justin Kim), Ilia (Slávka Zámečníková)
Foto: Karl & Monika Forster

Das Idomeneo DIE Choroper Mozarts ist, macht auch der von Albert Horne hervorragend einstudierte Chor deutlich (seine vokale Pracht überwiegt sein szenisches Spiel). Die Chorauftritte werden in schönen Optiken vermittelt, allerdings bewegt sich der Chor als Volk von Kreta, heimkehrende Krieger und als Kriegsgefangene, dabei eher statisch. Ergreifend ist die Szene, wenn sich das Volk vom opferbereiten Idamante verabschiedet und ihm schwarze Blüten an die Seite legt. Bemerkenswert ist die dynamisch abgestufte Begleitung Am Ende ist es Ilia, die auf dem Königsthron Platz nimmt, Idamante steht etwas abseits an der Seite. Scheinbar wird dem weiblichen Geschlecht mehr Machtbesessenheit und Politikfähigkeit zugetraut.


Mozart-Doppel: La clemenza di Tito
Staatstheater Wiesbaden
Titus (Mirko Roschkowski), Chor
Foto: Karl & Monika Forster

Als zweite Eröffnungspremiere der Internationalen Maifestspiele Wiesbaden 2019 folgte am 1. Mai Mozarts La clemenza di Tito. Sie zählt auch zur opera seria und ist dennoch über sie hinausgewachsen. Mozarts zwischenzeitliche Entwicklung seit seiner Idomeneo-Oper ist unüberhörbar. Die Arien sind weit melodischer, wie auch das dramatische Geschehen um einiges intensiver ist.
Auch zu Beginn dieser Produktion wird während der Ouvertüre ein Video projiziert, allerdings deutlich kürzer als bei Idomeneo. Man sieht einen Ausschnitt der Vorgeschichte: Vitellia ergreift ein blutverschmiertes weißes Hemd als Anspielung auf die Vertreibung ihres Vaters Vitellio vom Kaiserthron durch Titus und zieht einen Revolver, ihr Rachegedanke ist somit präsent. Sodann wird der Blick frei auf die Bühne, die vom Idomeneo-Vorspann bekannt ist. Ein abstrakter, kahler und zeitloser Machtraum mit einer großen Treppenanlage, in dem zunächst emsig Angestellte in Businesskleidung (Kostüme: Marianne Glittenberg) herumlaufen. 2011 hatte Uwe Eric Laufenberg diese Oper bereits für die Oper Köln inszeniert, im feudal anmutenden Treppenhaus des Oberlandesgerichts Köln am Reichenspergerplatz (Ausweichspielstätte wegen der Sanierungsarbeiten in der Oper Köln). Von diesem ließ sich nun auch Bühnenbildner Rolf Glittenberg inspirieren.


Mozart-Doppel: La clemenza di Tito
Staatstheater Wiesbaden
Vitelia (Olesya Golovneva),Sesto (Silvia Hauer; Hintergrund)
Foto: Karl & Monika Forster

Ein Herrscher voller Milde, diese Utopie gibt es nur auf der Bühne. Die Figur des Kaiser Tito, der es für besser hält, Unrecht zu ertragen als Unrecht zu begehen, wirkt in der Kühle des Raums wie ein Anachronismus. Mirko Roschkowski, der am Abend zuvor erst den Idomeneo gegeben hat, ist diese Doppelbelastung nicht anzumerken. Seine warme Tenorstimme untermauert den emphatischen Charakter des Titus sehr schön. Den Abend dominieren jedoch zwei Frauen. Sopranistin Olesya Golovneva als famose, von ihren verletzten Gefühlen angetriebene und auf den Thron schielende Vitellia (die am Ende zusammenbricht) und grandios die lyrische Sopranistin Silvia Hauer in der Hosenrolle des verzweifelten Freundes Sestos. Das große Recitativo accompagnato „Oh Dei, che smania è questa“ singt Hauer eindringlich von der Königsloge im 1. Rang (zu der per Videoprojektion eine Bombe in einem Palazzo explodiert). In dieses starke Sängertrio fügen sich harmonisch ein: Shira Patchornik als Sestos Schwester Servilia, Lena Haselmann als Servilias Geliebter Annio, Young Doo Park als Hauptmann Publio und Johannes Kastl in der stummen Rolle des Lentulo.
Begleitend zu Sestos Arie „Parto ma tu ben mio“ tritt Soloklarinettist Adrian Krämer auf der Bühne hinzu. Im zweiten Akt spielt er zu Vitellias Arie „Non più di fiori“ von einer der Proszeniumloge (mit einem Bassetthorn). Der Mozart erfahrene Dirigent Konrad Junghänel leitet bei beiden Opern das Hessische Staatsorchester Wiesbaden mit eleganter Note.
Für diesen beachtenswerten Auftakt der Internationalen Maifestspiele 2019 gab es an beiden Abenden starken und lang anhaltenden Beifall.

Markus Gründig, Mai 19


Mozart-Doppel: La clemenza di Tito
Staatstheater Wiesbaden
Annio (Lena Haselmann), Sesto (Silvia Hauer), Vitellia (Olesya Golovneva), Titus (Mirko Roschkowski), Servilla (Shira Patchornik), Publio (Young Doo Park), Chor
Foto: Karl & Monika Forster

Idomeneo / La clemenza di Tito:

Premieren bei den Internationalen Maifestspielen am Staatstheater Wiesbaden: 30. April und 1. Mai 19

Musikalische Leitung: Konrad Junghänel
Inszenierung: Uwe Eric Laufenberg
Bühne: Rolf Glittenberg
Kostüme: Marianne Glittenberg
Licht: Andreas Frank
Chor: Albert Horne
Dramaturgie: Katja Leclerc / Anika Bárdos

Besetzung Idomeneo:

Idomeneo: Mirko Roschkowski
Idamante: Kangmin Justin Kim
Ilia: Slávka Zámečníková
Elettra: Netta Or
Oberpriester: Rouwen Huther
Stimme des Orakels: Young Doo Park
Zwei Kreter: Izumi Shibata / Anke Stoschka / Monika Baumgartner, Jana Schmidt / Lena Naumann / Elisabeth Bert
Zwei Trojaner: Kyung-Jin Jang / Keun Suk Lee, John Holyoke / Christian Balzer
Solo Quartett: Eka Kuridze / Hyerim Park, Barbara Schramm / Daniela Rücker, Koan-Sup Kim / Vladimir Emelin, Slawomir Wielgus / Oliver Steinmetz
Zwei Damen: Michaela Wielgus / Eunshil Jung, Isolde Ehinger / Yeonjin Choi

Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Besetzung La clemenza di Tito:

Titus: Mirko Roschkowski, Thomas Blondelle
Vitellia: Olesya Golovneva
Servilia: Shira Patchornik
Sesto: Silvia Hauer
Annio: Lena Haselmann
Publio: Young Doo Park
Lentulo: Johannes Kastl

Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

www.staatstheater-wiebaden-de

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