Dreifacher Soldat Schwejk am Schauspiel Frankfurt

Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk ~ Schauspiel Frankfurt ~ Schwejk (Wolfram Koch) ~ Foto: Arno Declair

Bereits 1921 wurde Jaroslav Hašeks Roman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ erstmals veröffentlicht. Bekannt wurde die Geschichte insbesondere durch die als wenig originalgetreu geltende Filmversion aus dem Jahr 1960, mit Heinz Rühmann in der Titelrolle. Jetzt haben der Regisseur Jan-Christoph Gockel und die Dramaturgin Katrin Spira für das Schauspiel Frankfurt die Geschichte von Schwejk neu erarbeitet. Für Gockel ist es die fünfte Arbeit in Frankfurt, nach Faust 1 und 2, Öl, sklaven leben und Orestie). In knapp 200 Minuten (inklusive einer Pause) präsentieren sie die Geschichte des gewitzten Hundehändlers Schwejk, der sich als Soldat geschickt durch Kriegswirren schlägt, gleich dreifach: von der Entstehungszeit des Romans über den Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Dabei überzeugt die Arbeit mit ausgefallenen Ideen und einem hohen Unterhaltungswert. Und das, obwohl das Thema Krieg darin allgegenwärtig ist. Am Ende der Premiere gab es für den fulminanten Abend lang anhaltende und intensive Beifallsbekundungen.

Im Schnelldurchgang mit Jaroslav Hašek

Der erste, recht kurze Teil des Abends besteht aus einem Extrakt aus dem Roman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“. Er wird in Form eines klassischen Stummfilms mit zugespielten Sounds und eingeblendeten Texttafeln dargeboten. Schwejk wird dabei von einer Livekamera (passend im Stil eines Kinematographen) gefilmt (Video/Live-Kamera: Eike Zuleeg). Es sieht possierlich aus, wenn Wolfram Koch als Schwejk hier mimisch groß auffährt und schneller Teil der Kriegsmaschinerie wird, als es ihm lieb ist.

Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
Schauspiel Frankfurt
Ensemble
Foto: Arno Declair

Dann schaltet die Theatermaschinerie auf Vollgas und aus der Hinterbühne fährt eine riesige „Dicke Bertha“ vor. Dabei handelt es sich um einen imposanten Nachbau eines Geschützrohrs, das sich auf einem Fahrgestell (Lafette) befindet. Sie bleibt als Hauptakteur den ganzen Abend über auf der Bühne (am Ende zerlegt; Bühne: Julia Kurzweg). Putzig wie kleine Zinnsoldaten wirkt die aus wenigen Soldaten bestehende Truppe mit ihren Pickelhauben (Kostüme: Janina Brinkmann). Schnell wird deutlich, dass letztlich die Menschen das Kanonenfutter sind und jeder nur ein kleiner Teil einer riesigen Kriegsmaschinerie ist. Ein resoluter Schuss in Richtung Publikum beendet den ersten Teil.

Viel Zeit für Bertolt Brechts Adaption

Beim ausführlichen zweiten Teil steht das wenig bekannte Theaterstück „Schweyk im zweiten Weltkrieg“ von Bertolt Brecht im Mittelpunkt (mit Liedern von Hanns Eisler; Musik und Hörspiel: Matthias Grübel). Hier ist Schweyk (bei Brecht mit „y“) ein übereifriger Mitläufer, der im Nachspiel gar Hitler in Stalingrad trifft. Realität und Surrealität verschmelzen. Auch hier gibt Wolfram Koch den Schweyk und mischt der Figur dezent Zitate von Karl Valentin unter.

Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
Schauspiel Frankfurt
Bullinger (Christoph Pütthoff), Schweyk (Wolfram Koch), Brettschneider (Lotte Schubert)
Foto: Arno Declair

Die anderen Figuren um ihn herum stehen mit ihren Masken und getragenen Puppenkörpern für die breite Masse, auch wenn sie individuelle Namen tragen (Puppenbau: Michael Pietsch). Wie Schwyks Freund Baloun (Sebastian Reiß), die Wirtin Anna Kopecka der Wirtschaft „Zum Kelch“ (Melanie Straub), ihr Verehrer Prohaska (Torsten Flassig), Gestapospitzel Brettschneider (Lotte Schubert) oder der sich einen Hund wünschende Scharführer Billinger (Christoph Pütthoff).

Da zusätzlich die Stimmen stark verfremdet werden, sind die Darsteller:innen erst wirklich dann zu erkennen, wenn sie ihre Maske abnehmen. Der zweite Teil endet mit einer Verheißung auf ein neues Land (dem Wirtschaftswunderland von 1959, in dem dann allerdings die bisherigen Leute weitermachen und so tun, als sei nichts geschehen).

Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
Schauspiel Frankfurt
Schweyk (Wolfram Koch), Anna Kopecka (Melanie Straub)
Foto: Arno Declair

Seine Erstaufführung im Westen hatte Brechts Stück 1959 im Schauspiel Frankfurt. Der damalige Intendant Harry Buckwitz (seine Büste steht rechts vor der Panoramabar im Foyer) inszenierte es. Regieassistent war damals Karlheinz Braun. Ausschnitte aus einem aktuellen Interview mit dem 1932 Geborenen stehen zu Beginn und Ende des zweiten sowie im dritten Teil. Zudem ist von Anfang an Annie Nowak als fabelhaft aufspielender weiser Conférencièr und Stimme Hitlers beteiligt.

Ernüchterung in Bachmut

Nach der Pause geht es mit einer Recherche aus der Gegenwart weiter. Nach aktuellen Aggressoren auf der Welt muss nicht lange gesucht werden. Schweik sind jetzt alle, repräsentiert von einem russischen Soldaten, der an der Front um Bachmut gekämpft hat. Die Stadt liegt gut 2.500 Kilometer von Frankfurt/M entfernt im Osten der Ukraine. Schätzungen zufolge sollen dort zwischen August 2022 und Mai 2023 auf beiden Seiten mehrere zehntausende Soldaten gestorben und verwundet worden sein. Zur damaligen Kriegsphase gab es noch keine Drohnendominanz, auch wenn auf der Bühne eine kleine Drohne ihr Unwesen treibt.

Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
Schauspiel Frankfurt
Wolfram Koch, Melanie Straub, Michael Pietsch, Torsten Flassig, Annie Nowak, Anabel Möbius, Lotte Scubert, Christoph Pütthoff, Sebastian Reiß
Foto: Arno Declair

Jan-Christoph Göckel hat in den vergangenen Jahren mehrfach in der Ukraine inszeniert und hat einen besonderen Bezug zum Land. Hier kommen Originalstimmen zu Gehör, die vom Anwerben, der kurzen Grundausbildung, Einsätzen nah an der Front, Plünderungen und Auszeichnungen erzählen.

Am Ende eine Rarität: Die Bühne ist kein chaotisches Trümmerfeld, sondern einfach leer. Schwejk, das sind auch wir Zuschauer:innen, die sich durch die Probleme der Welt mogeln. Im Gedächtnis bleibt ein hoffnungsvoller Songtext aus der Zeit des Nationalsozialismus: „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine“ (aus „Das Lied von der Moldau“).

Markus Gründig, Septeber 26


Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk

Roman von Jaroslav Hašek (1883 – 1923) in Verbindung mit Bertolt Brechts Adaption „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“ (Uraufgeführt am 17. Januar 1957 in Warschau) und einer Recherche zur Schlacht um Bachmut (August 2022 bis Mai 2023).

Premiere am Schauspiel Frankfurt: 11. September 26 (Schauspielhaus)

Regie: Jan-Christoph Gockel
Bühne: Julia Kurzweg
Kostüme: Janina Brinkmann
Puppenbau: Michael Pietsch
Musik und Hörspiel: Matthias Grübel
Video: Eike Zuleeg
Dramaturgie: Katrin Spira
Licht: Marcel Heyde

Besetzung:

Teil 1 und 3 mit:
Torsten Flassig
Wolfram Koch
Anabel Möbius
Annie Nowak
Michael Pietsch
Christoph Pütthoff
Sebastian Reiß
Lotte Schubert
Melanie Straub

Live-Kamera: Eike Zuleeg

Teil 2:

Conférencière / Hitler: Annie Nowak
Schweyk, Hundehänder in Prag: Wolfram Koch
Baloun, sein Freund: Sebastian Reiß
Anna Kopecka, Wirtin: Melanie Straub
Der junge Prohaska, ihr Verehrer: Torsten Flassig
Brettschneider, Gestapoagent / Soldat: Lotte Schubert
Bullinger, Scharführer der SSS: Christoph Pütthoff
SS-Mann / Kati, ein Dienstmädchen: Anabel Möbius
Der Hund: Michael Pietsch

Live-Kamera: Eike Zuleeg

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