Kafkas »Prozess« absurd und vergnügt am Staatstheater Wiesbaden

Der Prozess ~ Staatstheater Wiesbaden ~ v. l. n. r. Wächter Franz (Lasse Boje Haye Weber), Die Gefängniskaplanin (Evelyn M. Faber), Josef K. (Jonas Grundner-Culemann), Block (Laura Talenti), Wächter Willem (Abdul Aziz Al Khayat) ~ Foto: Max Borchardt

Franz Kafkas unvollendeter Roman „Der Prozess“ bietet eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten. Neben einem unzweifelhaft biografischen Anteil kann er als Vorbote über die Praktiken eines Überwachungsstaates oder den Wunsch nach religiöser Erlösung aus existenzieller Schuld gelesen werden. Der georgische Regisseur Mikheil Charkviani hat aus dem Roman jetzt eine ausgeklügelte und aufwendige Bühnenfassung für das Staatstheater Wiesbaden erarbeitet. Dabei hat er seine eigenen Erfahrungen als politischer Aktivist in einem repressiven Regime einfließen lassen.

Wahn und Wahrheit treffen hierbei auf ein Feuerwerk an absurden und skurrilen Szenen, bis hin zu Slapstick. Dabei wird in pausenlosen 120 Minuten szenisch, optisch und musikalisch viel aufgefahren. Das aus lediglich fünf Darsteller:innen bestehende Ensemble spielt dabei groß auf.

Effektvoller Beginn

Im Mittelpunkt steht der Bankangestellte Josef K., der an seinem 30. Geburtstag verhaftet und am Vorabend seines 31. Geburtstages hingerichtet wird. Er hält alles für ein großes Missverständnis und fühlt sich bis zum Schluss unschuldig. Typisch für Kafka ist, dass der Grund für die Verhaftung und seinen Prozess vollkommen unklar bleibt. Mikheil Charkviani sieht darin eindeutige Parallelen zu politisch Gefangenen der Gegenwart.

Der Prozess
Staatstheater Wiesbaden
v. l. n. r. Leni (Abdul Aziz Al Khayat), Der Advokat (Lasse Boje Haye Weber), Block (Laura Talenti), Josef K. (Jonas Grundner-Culemann)
Foto: Max Borchardt

Vielversprechend ist schon der effektvolle Beginn, wenn das Zuhause von Josef K. kurzerhand demontiert und abtransportiert wird. An von Tapeten befreiten Wänden hängen dann einzig vier Überwachungskameras. Livebilder der Protagonist:innen verstärken die visuellen Eindrücke. Ein verbliebener Badezimmerschrank dient multifunktional auch als Fenster und Heiligenschrein. Die weiteren Handlungsorte, wie Gerichtssaal, Kanzlei, Bank, Atelier, Kirche, ergeben sich im Einheitsbühnenbild lediglich aus der jeweiligen Situation heraus. Lediglich wenige Requisiten kommen zum Einsatz (wie Aktenordner, Sand als Bild für den Farben mischenden Maler oder eine Heiligenfigur; Ausstattung: Till Kuhnert). Neben unterschiedlichen musikalischen Einspielungen (Komposition und Bühnenmusik: Erekle Getsadze) sorgt eine pointierte Ausleuchtung für vielfältige visuelle Eindrücke (Licht: Steffen Hilbricht).

In der Gegenwart

Charkviani lässt das Stück in der Gegenwart spielen. Josef K. chattet fleißig an seinem Handy mit seiner Bekannten Elsa. Der Text wurde mitunter um Gegenwartsbezüge erweitert. Die Kleidung ist modern. Etwas veraltet wirkt lediglich ein Röhrenfernseher, auf dem als Dauerbild ein Käfer zu sehen ist (Hommage an Kafkas „Die Verwandlung“). Den sich keiner Schuld bewussten Josef K., der zunehmend immer mehr vom Geschehen irritiert ist, verkörpert Jonas Grundner-Culemann ausdrucksstark und mit vielen Facetten.

Der Prozess
Staatstheater Wiesbaden
v. l. n. r. Josef K. (Jonas Grundner-Culemann), Leni (Abdul Aziz Al Khayat), Der Advokat (Lasse Boje Haye Weber), Die italienische Geshcäftsfreundin (Laura Talenti), Die Geistliche (Evelyn M. Faber)
Foto: Max Borchardt

Josef K.s eingeschränkter Blick auf die Frauen als Objekt seiner sexuellen Begierde wird hier ebenso ausgeblendet wie die Figur der Waschfrau, die sexuelle Kontakte zu mehreren Männern hat. Dafür werden männliche Figuren von Frauen gespielt. So ist Evelyn M. Faber nicht nur die Vermieterin Frau Grubach, sondern auch die Gefängniskaplanin und die Geistliche. Laura Talentis Fräulein Bürstner scheint ohne zweifelhaften Lebenswandel zu sein. Talenti gibt auch die Prüglerin, die gebrochene Kaufmannsfrau Block und eine sportaffine italienische Geschäftsfreundin. Schergen des Systems sind Abdul Aziz Al Khayat und Lasse Boje Haye Weber, wobei Al Khayat auch die Gehilfin/Pflegerin Leni und der Gerichtsmaler Titorelli ist, Weber zudem der kranke Advokat Held und der Bankdirektor.

Am Ende der abwechslungsreichen und vergnüglichen Umsetzung gab es bei der Premiere viel freundlichen Applaus.

Markus Gründig, September 26


Der Prozess

Nach dem Roman von: Franz Kafka
In einer Fassung von: Mikheil Charkviani

Premiere am Staatstheater Wiesbaden: 5. September 26 (Kleines Haus)

Inszenierung: Mikheil Charkviani
Ausstattung: Till Kuhnert
Komposition und Bühnenmusik: Erekle Getsadze
Dramaturgie: Sophie Steinbeck
Licht: Steffen Hilbricht


Besetzung:

Josef K.: Jonas Grundner-Culemann
Leni / Wächter Willem / Gerichtsmaler Titorelli: Abdul Aziz Al Khayat
Fräulein Bürstner / Fräulein Montag / Die Prüglerin / Block / Die italienische Geschäftsfreundin: Laura Talenti
Wächter Franz / Der Advokat / Der Direktor: Lasse Boje Haye Weber
Frau Grubach / Die Gefängniskaplanin / Geistliche: Evelyn M. Faber

staatstheater-wiesbaden.de