
1937 war kein Jahr, das besonders hervorsticht. In Spanien und in Asien herrschten Kriege, in Deutschland hatte die nationalsozialistische Diktatur inzwischen alle Lebensbereiche durchdrungen. In Frankfurt/M fand die erfolgreiche Uraufführung von Carl Orffs Kantate „Carmina Burana“ statt. Dies, obwohl der lateinische Text und die rhythmisch ungewöhnliche Musik nicht den herrschenden Idealen entsprachen. Schnell entwickelte sich das Werk zu einem der beliebtesten Chor-/Orchesterwerke des 20. Jahrhunderts (nicht zuletzt wegen dem euphorischen Intro „O Fortuna“).
Die Kantate ist ein Extrakt eines lateinischen Lieder-Kodex von Vagabunden (gelehrte Bohème) aus der Zeit um 1300, der im Kloster Benediktbeuren im 19. Jahrhundert ans Licht gebracht wurde. Orff wählte aus diesen Liedern, Chören und Tänzen über die Freuden und Unsicherheiten des Lebens zwei Dutzend aus (ohne die originalen Melodien zu kennen). Die lateinische Sprache war für ihn dabei keine tote Sprache, sondern ein entschiedenes Element, sich auszudrücken.
„Wem gehört die Stadt“
Am Staatstheater Wiesbaden eröffnete „Carmina Burana“ jetzt die neue Spielzeit. Die beiden Intendantinnen Dorothea Hartmann und Beate Heine setzen ihren Fokus der Öffnung des Theaters zur Stadt auch 2026/27 fort. Mit einem breit gefächerten Programm unter dem Spielzeitmotto „Wem gehört die Stadt?“ wird Wiesbaden zum Thema und zur Bühne.
Die ausgebuchte Aufführung mit über 200 Beteiligten bildete zugleich den Abschluss eines großen Theaterfestes zur Spielzeiteröffnung. Neben dem Hessischen Staatsorchester Wiesbaden und dem Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden sind bei „Carmina Burana“ auch der Chor der Stadt Wiesbaden und der Knabenchor Wiesbaden beteiligt.
Neben „O fortuna“ gilt es viel zu entdecken
Ob der vielen Beteiligten wirkt die Bühne des Großen Hauses fast schon klein. Dezente unterschiedliche Änderungen beim Licht untermauern die verschiedenen Stimmungen der rund 70-minütigen Kantate (Licht: Oliver Porst). Ob chorisch, solistisch oder instrumental: „Carmina Burana“ ist ein facettenreiches Musikstück, in dem es neben „O fortuna“ viel zu entdecken gibt. Es steht paradigmatisch für Carl Orffs einzigartige Instrumentationstechnik. Unter der musikalischen Leitung vom 1. Kapellmeister und stellvertretenden Generalmusikdirekt Paul Taubitz spielt das groß besetzte Hessische Staatsorchester Wiesbaden die zahlreichen Besonderheiten, die Dynamikwechsel, die archaischen Anklänge, die Kontraste und die prägnanten Rhythmen äußerst markant. Die intensiv einstudierten und hinter dem Orchester platzierten Chöre fügen sich klangstark ein (Chor: Aymeric Catalano, Stadtchor: Jud Perry).
Wie die Solisten steht auch der Wiesbadener Knabenchor pointiert vor dem Orchester. Mit seinen hohen, kindlich reinen und „unschuldigen“ Stimmen bildet er einen starken Kontrast (wie zu Beginn des dritten Teils mit „Amor volat undique“ (Die Liebe fliegt überall hin; Einstudierung Roman Twardy). Mit nobler Stimme akzentuiert Bariton Christian Noel Bauer voll Pathos „Estuans interius“ (Glühend in mir) und „Dies, nox et omnia“ (Tag, Nacht und alles). Die Sopranistin Alyona Rostovskaya betört mit hohen Spitzentönen als schönes und begehrenswertes Mädchen bei „Stetit puella“ (Stand da ein Mägdlein). Der Tenor Sascha Zarrabi gibt mit bewusst grellen Tönen das sarkastische „Omnia sol temperat“ (Alles macht die Sonne mild), das Lied eines Schwans, der als Braten serviert wird, vom ersten Balkon des linken Proszeniums.
Am Ende der imposant und klangstark dargebotenen Kantate gab es lang anhaltenden Applaus und Blumen von den Intendantinnen für die Solist:in, den Chorleiter und den Dirigenten. Eine weitere Vorstellung findet am 29. August 26 statt, auch diese ist jedoch schon ausgebucht.
Markus Gründig, August 26
Carmina Burana
(Beurer Gesänge)
Cantiones profanae Cantoribus et choris cantandae comitantibus instrumentis atque imaginibus magicis
(Weltliche Lieder, vorgetragen von Sängern und Chören, begleitet von magischen Instrumenten und Bildern)
Von: Carl Orff (1895 – 1982)
Geschrieben: 1935/36
Uraufführung: 8. Juni 1937 (Frankfurt/M, Städtische Bühnen/Oper Frankfurt)
Premiere am Staatstheater Wiesbaden: 22. August 26 (Großes Haus)
Musikalische Leitung: Paul Taubitz
Chor: Aymeric Catalano
Einstudierung Stadtchor: Jud Perry
Einstudierung Knabenchor: Roman Twardy
Musikalische Einstudierung: Adam Rogala
Dramaturgie: Friederike Pank
Licht: Oliver Porst
Abendspielleitung: Sergei Morozov
Inspizienz: Marc Bockius
Sopran: Alyona Rostovskaya
Tenor: Sascha Zarrabi
Bariton: Christian Noel Bauer
Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Chor der Stadt Wiesbaden
Knabenchor Wiesbaden
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden




