
Vor neun Jahren war „Wie im Himmel“ schon im großen Abendprogramm der Burgfestspiele Bad Vilbel zu erleben. Damals in einer Theaterfassung mit Musik (Besprechung). Die Musicalfassung von Fredrik Kempe feierte erst ein Jahr später Uraufführung in Stockholm. Nach der deutschsprachigen Erstaufführung am Landestheater Linz ist das Musical nun dabei, auch in Deutschland Fuß zu fassen. Nach zunächst auf eher kleineren Bühnen ist es diesen Sommer groß inszeniert bei den Burgfestspielen Bad Vilbel zu erleben, im kommenden Jahr beim Domplatz-OpenAir Magdeburg.
Ernste Themen hochemotional verpackt
Es handelt von einer schwedischen Dorfgemeinschaft, unter deren Decke zahlreiche Probleme schlummern: Ausgrenzung, Bodyshaming, Vorurteile, Bigotterie und häusliche Gewalt. Viele ernste Themen werden angesprochen. Gleichzeitig geht es aber auch um die positiven Aspekte von Gemeinschaft: körperliche Nähe, Vertrauen, füreinander da sein, Probleme benennen und nicht unter den Teppich kehren. Aus der Stimme einzelner kann sich eine kraftvolle Stärke entwickeln, die dem Üblen Paroli bietet. Das alles ist in ein hochemotionales und vielschichtiges Musical verpackt, bei dem sich die intensiven Gefühle der Bühnenfiguren schnell ins Publikum übertragen.

Burgfestspiele Bad Vilbel
Ensemble
© Eugen Sommer
Formal erzählt es die Geschichte des Erfolgsdirigenten Daniel Daréus, der aus gesundheitlichen Gründen seine beruflichen Verpflichtungen unterbricht und nach Ljusåker, das Dorf seiner Kindheit, zurückkehrt. In Liebessachen nicht gerade ein Profi, findet er schließlich die Liebe in Form der aufgeschlossenen Lena. Schon zuvor hat er die Leitung des Kirchenchores übernommen, der dann schon bald einen großen Auftritt beim Chorwettbewerb „Sing your Song“ in Wien hat. Während der Chor einen glanzvollen Auftritt ablegt, stirbt er einsam.
Energiereiche Umsetzung und besinnliche Momente
Regisseur Christian H. Voss setzt das Musical mit viel Schwung energiereich um. Dabei dienen die choreografischen Einlagen der Ensembleszenen (wie „Frag Arne“, „So vieles ist schön“ oder „Die Töne“) als eine wertvolle Untermauerung (Choreographie: Kerstin Ried). Doch auch die besinnlichen, ruhigen Momente kommen nicht zu kurz.
Für die unterschiedlichen Räume, wie altes Schulhaus und Gemeindesaal, dienen graue Rückwände, die auf den schwedischen Architekturstil anspielen. Sie werden mitunter optisch durch LED-Linien hervorgehoben (Bühnenbild: Oliver Kostecka).
Trägt der Stardirigent zu Beginn noch einen eleganten Mantel und Anzug, wird er auch vom Kleidungsstil her zunehmend lockerer (mit Polo-Shirt und Chino). Die Dorfgemeinde zeigt sich in einem farbenfrohen Mix unterschiedlicher Freizeitkleidung. Für das erste Konzert in der Stadthalle trägt der Chor weiße Festtagskleidung und die Herren teilweise grüne Filzsakkos. Als Ausdruck des gewonnenen Selbstvertrauens ziehen alle während des Schlussauftritts in Wien ein gelbes T-Shirt mit dem plakativen Aufdruck „Dare Us Chor ~ Jede Stimme zählt“ über (Dare Us = Fordert uns heraus; Kostümbild: Monika Seidl).
13-köpfiges Ensemble und großer Chor
„Wie im Himmel“ ist kein Kammerspiel mit nur wenigen Figuren. Bei den Burgfestspielen Bad Vilbel besteht das Ensemble aus 13 Darsteller:innen. Hinzu kommt ein Chor, wie es ihn nur selten zu erleben gibt. Für diesen „Projektchor“ wurden aus rund 400 Bewerber:innen annähernd 90 Sängerinnen und Sänger ausgewählt. In wechselnden Besetzungen stehen bei jeder Vorstellung circa die Hälfte davon zusammen mit den Musical-Darsteller:innen auf der Bühne (Chorleitung: Malte Bechtold).
Zentrale Figur ist der Stardirigent Daniel Daréus. Gerd Achilles gibt ihn klangschön, intensiv und ausdrucksstark. Die tragische Figur des um sein Ansehen kämpfenden Pfarrers Stig Berggren verkörpert Emanuel Jessel intensiv. Quasi aus der zweiten Reihe hervortreten kann Stigs Frau Inger (kämpferisch: Sonja Herrmann), die ihm ordentlich die Leviten liest.
Als aufgeschlossene und empathiestarke Lena fällt Lena Poppe auf. Mit schier unendlicher Energie gibt Stefan Kiefer den umtriebigen Organisator und aufgekratzten Kaufmann Arne. Eine ganz besondere Darstellerin ist in der Rolle der gut gelaunten Olga zu erleben: Andrea Spatzek. Vielen ist sie noch als Gaby Zenker aus der ARD-Serie Lindenstraße in Erinnerung. Liegt diese auch schon etwas zurück, hat sie sich kaum verändert und ist sofort wiederzuerkennen. Olga und ihre Freundin Amanda (ebenso fröhlich: Anne Hoth) besingen zu Beginn „Man weiß nie, wann es passiert“.

Burgfestspiele Bad Vilbel
Ensemble
© Eugen Sommer
Jahrelange Gängelung und Beleidigungen hat Holmfrid stoisch erduldet, bis auch ihm der Kragen platzt und er sich davon befreien kann (intensiv: Björn Geske). Siv, die die Chorleitung temporär übernommen hatte, wahrt stets die Contenance (gefestigt: Annika Müller). Rentner Erik brauchte sechs Jahrzehnte, um sein Herz seiner Kindergartenliebe zu öffnen (vornehm: Armin Dillenberger).
Mit stylischer Haarpracht zeigt sich der unter Alkohol zum Rowdy werdende Conny (markant: Markus Düllmann). Seine Frau Gabriella braucht Zeit und schmerzhafte Erfahrung, bis sie sich von ihm lösen kann (aufgeweckt: Hanna Mall). Ihr Solo „Gabriellas Song“ steht für das Musical schlechthin: für die Kraft der Musik, Freiheit, Selbstbestimmung und den Mut, das eigene Leben zu leben.
Wie eine scheinbar kleine Rolle groß wirken kann, zeigt eindrucksvoll Lukas Schwedeck als geistig behinderter Tore. Oftmals nur scheu mit spastischen Fingerhaltungen und dumpf dreinblickend im Hintergrund stehend, kommt er, nicht zuletzt dank tiefer Baritonstimme, groß rüber.
Von der Kraft, die Musik ausüben kann, zeugt auch die Live-Band, die einfühlsam unter der musikalischen Leitung von Philipp Polzin spielt.
Intensive Beifallsbekundungen und teilweise stehende Ovationen auch bei der besuchten Folgevorstellung.
Weitere Möglichkeiten das Musical „Wie im Himmel“ in Bad Vilbel zu sehen: Fr. 21. bis So. 23. August und Mi. 2. bis So. 6. September 26.
Markus Gründig, August 26
Wie im Himmel
(Så Som I Himmelen)
Musical nach dem gleichnamigen Film von Kay Pollak
Musik: Fredrik Kempe
Gesangstexte: Carin Pollak und Fredrik Kempe
Buch: Kay Pollak und Carin Pollak
Deutsche Übersetzung: Gabriele Haefs und Roman Hinze
Uraufführung: 13. September 2018 (Stockholm, Oscarsteatern)
Deutschsprachige Erstaufführung: 11. September 2021 (Linz, Landestheater Linz)
Deutsche Erstaufführung: 8. Oktober 2021 (Rödermark, Kulturhalle Rödermark)
Premiere bei den Burgfestspielen Bad Vilbel: 3. Juli 26
Besuchte Vorstellung: 15. August 26
Regie: Christian H. Voss
Musikalische Leitung: Philipp Polzin
Choreographie: Kerstin Ried
Bühnenbild: Oliver Kostecka
Kostümbild: Monika Seidl
Dramaturgie: Angelika Zwack
Chorleitung: Malte Bechtold
Regieassistenz: Lena Schuler
Besetzung:
Daniel Daréus: Gerd Achilles
Stig Berggren: Emanuel Jessel
Conny: Markus Düllmann
Lena: Lena Poppe
Olga: Andrea Spatzek
Arne: Stefan Kiefer
Holmfrid: Björn Geske
Erik: Armin Dillenberger
Amanda: Anne Hoth
Inger: Sonja Herrmann
Siv: Annika Müller
Gabriella: Hanna Mall
Tore: Lukas Schwedeck
Live-Band
Projektchor der Burgfestspiele
kultur-bad-vilbel.de
